ef: Herr Fleming, …, Sie … geben … eine Zeitschrift heraus, die von den Ideen Max Stirners getragen wird. Wodurch sind Sie persönlich auf Stirner aufmerksam geworden?

Fleming: Zu Max Stirner kam ich auf Umwegen. Den Anfang zu ihm bildete Ernesto Che Guevara. Mein Interesse für seine Person brachte mich dazu, mich mit der Geschichte Lateinamerikas zu beschäftigen. Als Lehrling in Jena stieß ich zufällig auf die Bücher von B. Traven. Einige Zeit später − es war der 3.11.1971 − stieß ich auf die von Rolf Recknagel geschriebene Traven-Biographie. Darin las ich zum ersten Mal von Max Stirner. Ich konnte damals noch nicht erfassen, ob das, was Recknagel über Stirner schrieb, richtig war oder nicht − es war natürlich eine Verkennung Max Stirners. Was mich aber faszinierte, waren unter anderem die folgenden Worte: “Die Anonymität versucht Marut/Traven durch das Ideengut des individualistischen Anarchisten Max Stirner (eigentlich: Johann Caspar Schmidt) zu rechtfertigen. Max Stirner (1806-1856) führte ein ‘Doppelleben’: einerseits war er als Person ‘in der Öffentlichkeit tot’, weil er ‘für die Verschwiegenheit sorgte’; andererseits lebte er durch sein Wort: ‘ICH’, das ist der ursprüngliche Titel seines Bekenntnisbuches ‘Der Einzige und sein Eigentum’.”1 Es war dieser Satz, der mich für die Person Max Stirner einnahm. Es war eine ähnliche revolutionär-romantisch verklärte Sicht auf die Dinge des Lebens. In den späteren Jahren merkte ich, dass ich, ohne es vorher gewusst zu haben, schon Stirnersches Ideengut vertrat. So weigerte ich mich in frühen Jahren, tradierte Verhaltensweisen fortzuleben. Auch hatte ich Schwierigkeiten, so genannten Autoritäten meinen Respekt zu erweisen. Das brachte mich zwar in eine gewisse Isolierung, respektive Einsamkeit, aber eigentlich störte es mich nicht sonderlich. “Der Weg zu dem wahren Wert aller Werke geht durch die Einsamkeit.”2 Gleichgesinnte fand ich damals in meiner näheren Umgebung nicht; dies funktionierte auch nicht, angesichts des kleinbürgerlichen Milieus, in dem ich aufwuchs. Mein eigentliches aktives Interesse begann aber erst im Frühjahr 1995.

ef: Haben Sie … eigentlich Stirners Einzigen beim ersten Kontakt zu Ende gelesen − oder haben auch Sie − wie viele andere, mit denen ich darüber gesprochen habe, und wie ich selbst, erst einmal das Buch als “absurd” beiseite gelegt, um es einige Jahre später dann um so heftiger zu entdecken?

Fleming: Stirner habe ich nicht beim ersten Mal gleich zu Ende gelesen. Ich warf sein Buch aber nicht als “absurd” beiseite. Im Gegenteil. Mit den eingelegten Pausen wollte ich das Gelesene etwas setzen lassen. Stirners Gedanken waren für mich nicht verrückt, sondern ver−rückt. Stirner ist nicht “absurd”, sondern anders als alles bisher Gedachte und Geschriebene. Gerade in der Zeit nach 1989 wurde er mir zu einem intellektuellen Erlebnis. In vielen seiner Aussagen fühlte ich mich bestätigt, fand ich mich wieder. Es trifft auf Stirner das zu, was Bismarck einst seinem Sohn geschrieben haben soll: “Ehe du den Stirner nicht in Grund und Boden gelesen hast, darfst du auf deinen Kopf nicht zählen.”

ef: Seit wann besteht Ihre Zeitschrift − und wie ist sie entstanden?

Fleming: Mir kam der Gedanke, eine eigene Zeitschrift zu gründen, irgendwann im Jahre 1997, als ich einige meiner Artikel nicht in einer Zeitschrift unterbringen konnte, wobei die Gründe der Ablehnung sehr seltsam waren. Da ich keine Lust hatte, zu betteln und zu bitten, entschloss ich mich für die Gründung meiner Zeitschrift, nach dem Motto: Was ist der Raub einer Bank gegen die Gründung einer Bank. Ich fand hierbei einen treuen Mitarbeiter in Gestalt von Bernhard J. Piegsa.

ef: Gibt es für Sie … einen Autor, dessen Interpretation Stirners Sie besonders schätzen? Und gibt es auf der anderen Seite Autoren, deren Interpretationen Sie als besonders schlecht beurteilen?

Fleming: Ganz besonders schätze ich die Interpretation Stirners, respektive die Arbeiten zu Stirner, die Bernd A. Laska bisher geleistet hat. Sie haben den Vorteil, Stirner nicht aus der Sicht einer Ideologie − wie z. B. bei Marxisten und Anarchisten − zu betrachten, sondern Stirner aus sich selbst zu erklären. Besonders schlechte Interpretationen, von einigen zutreffenden Bemerkungen abgesehen, kommen von allen Trägern einer Ideologie und − von allen Stirnerianern!

ef: Sehen auch Sie Stirner als Anarchisten, Herr Fleming?

Fleming: Nein! Anarchist sein, heißt − auch − Ideologe sein, was viele Anarchisten natürlich vehement zurückweisen werden. Stirner ist eher ein Anarch, als dass er sich eingedenk seines Buches einer Ideologie unterworfen hätte. Ein -ist zu sein, einem -ismus anzuhängen, widerspricht all dem, was Stirner so umfassend entwickelt hatte. Interessant ist ja die Tatsache, dass sich Stirner nie in einem wie auch immer gearteten Sinne positiv zum Anarchismus geäußert hat, deren Begründer, wie z.B. Godwin und Proudhon, er ja von ihren Werken her kannte beziehungsweise gekannt haben müsste. Bezüglich Proudhon wissen wir, dass er von ihm nichts hielt. Im Großen und Ganzen könnte ich zu dieser Frage auch das sagen, was z.B. Ibrahim Türkdogan in seinem Artikel “Max Stirner und die Anarchisten”3 ausgeführt hat. Er spricht mir quasi aus dem Herzen. Aber auch Ernst Jünger trifft ins Schwarze: “Ein Anarchist ist abhängig − einmal von seinem unklaren Wollen, zweitens von der Macht. Er folgt dem Mächtigen als sein Schatten”. Ich habe Jüngers Buch bisher leider nicht gelesen, was ich einmal nachholen muss. Ich kenne es bisher nur in Gestalt von Zitaten aus Laskas Buch “‘Katechon’ und ‘Anarch’. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner”4 , welches ich sehr empfehlen kann.

ef: Stirner ist mit Sicherheit ein großer Zerstörer von spukenden Ideen beziehungsweise von Ideologien. Aber ist er ausschließlich ein Zerstörer? Was baut er konkret auf, in Ihren Worten, nachdem er die spukende Menschheit lachend hinter sich gelassen hat…

Fleming: Aus meiner Sicht baut Stirner nichts auf! Denn letztlich war es ja das Dilemma aller Ideologien, einen Gesellschaftsentwurf gemacht zu haben, der ein ideologisiertes Menschenbild zur Voraussetzung hatte. Dabei haben sich die Menschen nach diesen Entwürfen zu richten und können sich gerade nicht selbst nach ihrem eigenen Gutdünken “einrichten”. Wenn schon Entwürfe bei Stirner existieren, dann seine Vorstellungen vom “Verein der Egoisten”. Aber letztlich überließ es Stirner allen Leuten selbst, was sie damit machen könnten. Stirner war es egal, was Menschen mit seinen Ideen anfangen. Ich verstehe Stirner so, dass alle ihm gerecht werden, wenn alle sich selbst gerecht werden, also keinen fixen Ideen, also Niemandem folgen − egal, ob sie “gut” oder “schlecht” sind, ob “edel”, humanistisch” usw. − außer sich selbst.

ef: Herr Fleming, ich sehe es ähnlich, dass Stirner uns keine positiven Lebensentwürfe, erst recht keine Gesellschaftsentwürfe hinterlassen hat. Aber er selbst wird sicherlich einiges als gut bewertet haben und anderes als böse, oder? Und Sie selbst, Sie werden auch einige persönliche − durchaus veränderbare − Wertmaßstäbe haben, oder irre ich da?

Fleming: “Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für Mich keinen Sinn.”5 Wertmaßstäbe − schwierig für mich zu beantworten. Sehen wir es mal so: “Ich … bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn Ich Mir’s selbst nicht verbiete, wenn Ich selbst Mich nicht vorm Morde als vor einem ‘Unrecht’ fürchte.”6 Ich richte mich nach Regeln, die ich mir selbst gebe. Ich bin bereit, Regeln zu akzeptieren, wenn ich (ein)sehe, dass sie niemandem schaden, also weder mir noch anderen.

ef: Hart gesagt, könnte der letzte Satz dann aber auch von einem Gesellschaftsklempner stammen! Das passiert vielen, auch Mackay. Nur bei Stirner finde ich diese Prämisse zur Regelannahme nicht. Nach dieser persönlichen Offenbarung gehe ich davon aus, dass Sie sich vor dem Morde als einem Unrecht fürchten, auch wenn Sie es mit Anführungszeichen schreiben und auch wenn Sie das Wort “böse” meiden, oder?

Fleming: Ich weiß zwar jetzt nicht, was ein Gesellschaftsklempner ist, aber egal. Wenn ich Regeln nach meinem Dünken annehme − muss das unbedingt Stirner entsprechen? Nur weil Sie bei Stirner diese “Regelannahme” nicht finden, soll ich wiederum keine Regeln annehmen? Ich bestimme nicht mein Leben danach, was Stirner in jedem Detail geschrieben hat. Er sagte ohnehin, dass es ihm egal sei, was wir mit seinem Werke anstellen. Ich bin kein Narr, der sich an andere ausrichtet, weil er es angeblich muss. Ich will mein Leben so leben, wie ich es kann und wie ich es möchte. Andere sollen dies auch tun können. Jeder nach seiner Facon. Leben und leben lassen. Das schließt freilich nicht aus, dass ich mich dennoch über andere aufrege: wegen ihrer Dummheit, wegen ihrer Besessenheit. Aber habe ich das Recht, anderen ihre Dummheit und Besessenheit vorzuwerfen, weil ich mich vielleicht als der Überlegenere betrachten sollte, könnte, müßte? Das ist anmaßend. Aus meiner DDR-Zeit habe ich gelernt − besonders in den Jahren 1980 bis 89, als die Wende noch gar nicht in Sicht war −, dass es zwecklos ist, andere zu agitieren, ihnen meine Auffassung vom Leben als die einzig richtige “aufzuzwingen”, also nach dem Motto: Wären alle Menschen so nett wie ich, gäbe es keine Probleme in der Welt. Es wäre schlimm, wenn dem mal so wäre. Vielleicht legen gerade Sie etwas in Stirner hinein, was bei ihm gar nicht zu finden ist. Aber das ist wiederum Ihre Interpretation, also Ihr Problem, nicht das meine. Dazu sagt Corinna Holzheimer in einem Gedicht:

“Schere Dich nicht!
Die Menschen,
die Dich nicht verstehen,
denen brauchst Du auch
nichts recht zu machen.

Die Menschen,
die Dich verstehen,
denen brauchst Du auch
nichts zu erklären.”7

Und hat Stirner wirklich keine Prämisse der Regelannahme “propagiert”? Allein dies ist eine Prämisse der Regelannahme, wenn er schreibt: “Und wie man stürmisch sich selbst, dem nie erreichten, nachsetzt, so verachtet man auch die Regel der Klugen, die Menschen zu nehmen wie sie sind, und nimmt sie lieber wie sie sein sollen, hetzt deshalb Jeden hinter seinem seinsollenden Ich her und strebt Alle zu gleich berechtigten, gleich achtbaren, gleich sittlichen oder vernünftigen Menschen zu machen’.”8 (EE 368) Ich denke, es gibt noch andere Stellen, die eine “Prämisse der Regelannahme” darstellen. Stirner hat ja “nur” darauf hingewiesen, sich solchen Regeln nicht blind und/oder besessen zu unterwerfen, also nicht “halbe Egoisten” zu sein.

ef: Wenn Sie eigene Wertmaßstäbe haben, Herr Fleming, so wie Sie Libertäre oder Individual-Anarchisten als freiwillige Gruppen hin und wieder ausformulieren, dann widerspricht dies in meinen Augen zunächst einmal nicht Stirner, jedenfalls solange die ausformulierten Grundsätze nicht quasi naturrechtlich oder sonstwie in den Himmel gehangen werden, oder?

Fleming: Wenn Libertäre oder Individual-Anarchisten ihre Wertmaßstäbe formulieren, so dürfte/sollte es für sie egal sein, ob sie mit Stirnerschen “Gedanken” kompatibel sind oder nicht. Letztlich geht es doch darum, ob ich sie nach mir oder ob ich mich nach ihnen ausrichte. Das Festlegen von Maßstäben, nach denen ich mich richte, richten könnte, orientiert sich nicht ausdrücklich an Stirner. Wenn meine Maßstäbe identisch sind mit solchen von Stirner, dann nicht, weil Stirner mein Idol oder mein Ideal ist, sondern weil sie zufällig übereinstimmen. Wie ich schon sagte, hatte ich schon früher Ansichten, die ich später auch im “Einzigen” zu lesen bekam, und ich fand mich in vielem, was Stirner schrieb, wieder.

ef: Das ist sehr interessant, aber nicht mein Punkt. Ich versuche es noch einmal ganz direkt: Kann man sich in Ihren Augen gleichzeitig an Stirner orientieren, bzw. sich in ihm wieder finden, und gleichzeitig Anarchist oder Libertärer sein?

Fleming: Freilich kann man, aber warum soll das so wichtig sein? Ich kann keinem Anarchisten und/oder Libertären verbieten − und will es auch nicht, sich auch an Stirner orientieren zu wollen. Einige orientieren sich an ihm und leben damit ganz gut. Ob in einem logischen Sinne beide zusammen passen, ist etwas ganz anderes. Ich denke, dass es zwischen beiden Seiten keine durchgängig logische Kompatibilität gibt. Weswegen ich auch Stirner nicht als Anarchisten sehen kann. Aber wenn sich Anarchisten/Libertäre auf Stirner berufen, dann spielt freilich die Tatsache eine Rolle, dass es Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und Stirner gibt, aber keine 100-prozentige Übereinstimmung. Ein anderes Beispiel: Wolfgang Eßbach hat einmal in einer beachtlichen Doktorarbeit den Nachweis erbracht, dass es sowohl im analytischen Herangehen als auch in der logischen Schlussfolgerung Gemeinsamkeiten gab/gibt zwischen Marx und Stirner. Sollte man sich wirklich den Kopf darüber zerbrechen, ob man sich gleichzeitig an Stirner orientieren bzw. sich in ihm wieder finden, und gleichzeitig Marxist sein kann? Auch dies kann man, und dennoch gibt es zwischen beiden Männern/Denkrichtungen logische Brüche, also Verschiedenheiten, die sich beißen. Max Adler war Marxist − und ein Bewunderer Max Stirners − und Kants. Anarchisten/Libertäre sind für mich “Besessene”, wie so manche Marxisten auch, besonders dann, wenn sie sich zugute halten, die “historische Wahrheit” zu vertreten, meinethalben Recht behalten zu wollen mit ihren Ansichten, was die Bewertung der Geschichte, der Gesellschaft anbelangt. Aber das ist deren Problem, was wiederum von diesen gar nicht als Problem angesehen wird, weil sie sich selbstredend nicht als Besessene sehen. Mir darüber Gedanken zu machen hieße, mir über diese Leute Gedanken zu machen. Aber ich möchte nicht für andere denken, wenn sie nicht selbst für sich denken können.

ef: Herr Fleming, Sie sagen also, dass es zwischen Libertären und einem Orientieren an Stirner keine “durchgängig logische Kompatibilität” gäbe. Sie begründen das, einzig und alleine, wenn ich Sie richtig verstehe, mit der “Besessenheit” vieler Libertärer. Ich schließe daraus, dass jene − z.B. vom Naturrecht nicht besessene − Libertäre, deren selbstgewählte Facon im libertären Wahlspruch der Non-Agression besteht, und deren Interesse z.B. für Ökonomie sie bestimmte Positionen einnehmen lässt, dass Sie diese von Ihrem Vorwurf der “logischen Inkompatibilität” ausnehmen. Allen anderen Libertären wird Ihr Vorwurf ohnehin so gleichgültig sein, wie deren Glauben Ihnen einerlei ist. Schließlich muss ich darauf bestehen, dass die mir bekannten Libertären jeder Richtung sehr wohl in der Lage sind, für sich selbst zu denken.

Fleming: Auf Letzteres dürfen Sie freilich bestehen, zumal ich das Selbstdenken den Libertären nicht absprechen möchte. Ich wollte nur sagen, dass ich für mich denke, nicht für andere. Jeder und jede denke für sich selbst! Ich möchte darüber hinaus nichts ausschließlich mit Besessenheit erklären wollen. Was ich aber nicht mag, und der Begriff der Besessenheit drückt dies für mich recht deutlich aus − der Spuk, die fixen Ideen, von denen Stirner spricht −, ist auch das, was gemeinhin Fundamentalismus genannt wird. Die eine oder andere politische, ideologische Gruppe will Recht behalten gegenüber der anderen, sie möchte ihre eigenen Ideen anderen Menschen aufdrängen. Extrem sehen wir das z.B. an fundamentalistischen Islamisten, Katholiken, usw. Deren Gebaren ist das, was mir Angst macht. Ich sehe ähnliches Verhalten auch an anderen ideologisch motivierten Gruppen und Grüppchen, egal, ob zu ihnen auch Libertäre mit oder ohne “vom Naturrrecht nicht besessene” gehören. Aus meiner Sicht folgten z.B. Marxisten wie z.B. auch Anarchisten einer bestimmten Vorstellung, wie die Welt, die Menschheit zu verbessern sei. Man strebte Gesellschaften an, bei denen sich herausstellte, dass es so nicht laufen konnte, wie man einst dachte. Um mit Stirners Worten zu sprechen: überall da, wo fixe Ideen vorherrschen, die Besessenheit, sie zu leben, ist das Ergebnis, das folgt, Menschen, die von anderen Menschen beherrscht werden. Es ist das avantgardistische Prinzip solcher ideologisierten Gruppen, die eben anderen Menschen das Selbstdenken abnehmen. Ob diese Gruppen religiös sind oder vordergründig politisch, das ist unwichtig. Wichtig ist, sie wollen anderen sagen, wo es lang geht. Diese Art der Aufklärung, so subjektiv ehrlich sie gemeint sein mag, ist totalitär, gegen die Selbstbestimmung gerichtet − und das widerspricht meinem heutigen Verständnis vom Selbstsein. Jeder Mensch hat für sich selbst recht, und dabei sollten wir es belassen. Dass Sie aber mit Ihren letzten beiden Fragen so “stur” nachfragen und nachhaken, erweckt in mir den Verdacht, dass Sie unbedingt darauf aus sind, Stirner für sich zu retten. Möglich, dass Sie Stirner näher sind, als Ihnen lieb ist. Oder Sie spüren die Nähe zu Stirner und fürchten sich zugleich vor der letzten Konsequenz, nämlich nahezu alles über Bord werfen zu müssen, was Sie je bisher gedacht haben. Es mag die Angst sein, dass es schlimm sei, innerlich leer zu sein, so als brauche man einen geistigen Halt, also für mich das, was Stirner “fixe Ideen” nannte. Glauben Sie mir, es ist befreiend, Gedanken loszuwerden, von denen man allmählich, aber sicher erkennt, dass sie einen beherrschen, anstatt dass wir sie beherrschen. In den letzten Jahren habe ich für mich das erfahren, was man ein “intellektuelles Erlebnis” nennen mag: Max Stirner und “Der Einzige und sein Eigentum”. Ich habe an mir das erlebt, was Stirner so beschrieb: “Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet Mich wirklich vor den Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine Gedankenlosigkeit oder Ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie mich aus der Besessenheit. Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden.”9 Das habe ich an mir erfahren und ich weiß, was ich an Stirner habe. Ich weiß aber auch, dass ich Stirner nicht bedarf, um überhaupt zu sein. Ich bin nicht sein Herr, auch nicht sein Sklave. Ich bin Ich und er ist Ich. Oder: Ich bin Ich und das ist Alles.

ef: Ich kann Ihnen nur zur Deutung meiner Probleme gratulieren. … Ich meine tatsächlich, dass … ich [mich] fürchte[n], mit Stirner eigentlich allen Glauben verlieren zu müssen. Und einen Glauben zu verlieren ist tatsächlich schmerzhaft. Andererseits wollen gerade Libertäre/Anarchisten anderen nicht sagen, wo es lang geht! Hier scheinen Sie möglicherweise einfach den Libertarianism zu wenig zu kennen. Das einzige wirkliche Ziel der Libertären ist konkret die Exit-Option, das Austrittsrecht, immer und überall. Dazu kommt, dass libertäre Gedanken eben nicht nur auf Glauben basieren, sondern auch auf − vor allem ökonomische − empirische Analyse. Deshalb bleibe ich davon überzeugt, dass Stirner sich sehr wohl mit libertären Gedanken verbinden lässt. Vielleicht stehen wir alle uns viel näher, als dieses Gespräch vermuten lässt: Sie haben lobend auf die Stirner-Interpretation von Bernd. A. Laska verwiesen. Laska hat verschiedentlich angedeutet, dass Stirner eine “neue Art von Anarchismus” vertrete, die es noch auszuformulieren gelte. Ich vermute, dass Laska − wenn er sich irgendwann traut − nichts anderes anbieten wird als das, was ich hier bereits verschiedentlich angedeutet habe: einen Libertarianism ohne Naturrecht. Konkret glaube ich, dass David Friedman diesen “neuen Anarchismus” in seinem Buch “The Machinery of Freedom” bereits weitgehend ausformuliert hat. Sie werden darin einfach keinen einzigen Satz finden, in dem Friedman anderen sagt, “wo es lang zu gehen hat”.

Fleming: Sie kennen diese Anarchisten und Libertären und ich kenne jene Anarchisten und Libertären. Was ich an denen kritisiere, die ich kenne, kritisiere ich nicht an allen anderen Anarchisten und Libertären, weil ich nicht alle kenne. Wenn nun die, die Sie kennen, anderen nichts vorschreiben wollen, dann ist das ja ausgezeichnet und ich könnte mit solchen Leuten ganz gut ein Bier trinken und mit ihnen herzhaft streiten über das, was uns trennt. Ich gebe gern zu, dass ich nicht alles kenne, was den Libertarianism anbelangt. Und den Friedman kenne ich auch nicht. Was Laska anbelangt, so sprach er vom “(Neo)Anarchismus” in Ermangelung eines anderen, besseren Begriffes. Stirner hatte übrigens − wie Sie vielleicht wissen − auch das Problem, sein Denken adäquat in Begriffe zu fassen.

ef: … [Ich] möchte mich … ganz herzlich für dieses Gespräch bedanken.

1 Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1971, S. 165.
2
Rilke, Rainer Maria: Tagebücher aus der Frühzeit, Leipzig 1942, S. 9.
3
DER EINZIGE, Nr. 4/1998, S. 28-30.
4
Laska, Bernd A.: “‘Katechon’ und ‘Anarch’. Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner, Nürnberg 1997.
5
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1971, S. 5.
6
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1971, S. 208.
7
Holzheimer, Corinna: Lust auf Gefühl. Gedichte, Hamburg 1999.
8
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1971, S. 368.
9
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig 1971, S. 164.

Quelle: Macht Stirner Angst, oder einsam, oder frei? Ein Interview mit “eigentümlich frei”, Nr. 9 (1/2000), S. 318-324

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