Nordbayerischer Kurier im Gespräch mit Kurt W. Fleming,
Leiter des Max-Stirner-Archivs Leipzig
Wer ist Max Stirner?
Die einfachste Antwort darauf wäre: man lese nach in der einzigen Stirner-Biographie, verfaßt von John Henry Mackay. Aber trotz seiner über 20 Jahre währenden Recherche konnte er auch nicht sehr viel über Stirner zusammentragen. Was bleibt, ist sein Hauptwerk (erschienen Ende Oktober 1844, jedoch versehen mit dem Erscheinungsjahr 1845), aber auch seine kleineren Schriften, hier besonders seine Artikelserie über das „unwahre Prinzip unserer Erziehung“ (1842), Stirners pädagogische Konzeption. Schon hier forderte er – neben der nötigen Wissensvermittlung – die Erziehung junger Menschen zu willensstarken Persönlichkeiten, die sich keiner fixen Idee unterwerfen sollen, zumal wenn diese nur eingepaukt, also unkritisch übernommen wird. Da braucht man ja nur an aktuelle Beispiele ideologischer Indoktrination zu denken: ein von „Gott heimgesuchter“ George Bush, oder sein Gegenspieler Bin Laden.
Zu Stirners Lebensdaten nur soviel: geboren am 25. Oktober 1806 in Bayreuth, eine Stadt, die kaum was mit ihm zu tun haben möchte. Er ging dort ins Gymnasium „Christian-Ernestinum“, von da aus 1828 nach Berlin, um an der dortigen Universität zu studieren. Seine wichtigsten Lehrer waren Hegel und Schleiermacher. Sein Versuch, nach dem Studium eine feste Anstellung als Lehrer zu bekommen, scheiterte. Er kam aber dann an einer privaten höheren Töchterschule unter, wo er bis kurz vor Erscheinen seines Hauptwerkes „Der Einzige und sein Eigentum“ verblieb.
Da sein Buch zwar einerseits damals für großes Aufsehen und große Aufregung sorgte, es wurde sofort verboten, aber andererseits nicht den erwarteten kommerziellen Erfolg brachte, bemühte sich Stirners anderweitig, Geld zu verdienen: mit Übersetzungen und mit einem gescheiterten Milchhandel. Er kam zweimal in Schuldhaft und schlug sich als Kommissionär durch. Kurz vor seinem Tod erhielt er eine kleine Erbschaft, die ihm bei seinem bescheidenen Lebensstil ein langes Auskommen beschert hätte. Aber durch einen Insektenstich, der zu einem Karbunkel auswuchs und eine Blutvergiftung zur Folge hatte, setzte sein Leben kurz vor seinem 50. Lebensjahr ein jähes Ende.
Welche Bedeutung besitzt Ihrer Meinung nach Stirners Erziehungskonzeption in den heutigen Erziehungswissenschaften?
Wie jede andere pädagogische Konzeption hat auch die von Max Stirner Befürworter und Ablehner, Freunde und Feinde. Aber worum geht es in der Stirnerschen Konzeption? Sehr verkürzt gesagt, will Stirner, daß z.B. der Lehrer dem Schüler ein Kamerad ist, genauer gesagt: ein Mitarbeiter. Stirner möchte nicht, daß die Schule sich darauf beschränkt, aus den Schülern „brauchbare Bürger“ zu machen, also brave Staatsbürger, sondern Menschen mit einem kritischen wie auch selbstkritischen Willen. Das folgende Zitat spricht den wichtigsten Aspekt der Stirnerschen Pädagogik aus: „Die Einsicht muß aber allgemeiner werden, daß nicht die Bildung, die Civilisation, die höchste Aufgabe des Menschen ausmacht, sondern die Selbstbethätigung. Wird darum die Bildung vernachlässigt werden? Gerade so wenig, als wir die Denkfreiheit einzubüßen gesonnen sind, indem wir sie in die Willensfreiheit eingehen und sich verklären lassen. Wenn der Mensch erst seine Ehre darein setzt, sich selbst zu fühlen, zu kennen und zu bethätigen, also in Selbstgefühl, Selbstbewußtsein und Freiheit, so strebt er von selbst, die Unwissenheit, die ihm ja den fremden, undurchdrungenen Gegenstand zu einer Schranke und Hemmung seiner Selbsterkenntniß macht, zu verbannen. Weckt man in den Menschen die Idee der Freiheit, so werden die Freien sich auch unablässig immer wieder selbst befreien; macht man sie hingegen nur gebildet, so werden sie sich auf höchst gebildete und feine Weise allezeit den Umständen anpassen und zu unterwürfigen Bedientenseelen ausarten. Was sind unsere geistreichen und gebildeten Subjekte größtentheils? Hohnlächelnde Sklavenbesitzer und selber – Sklaven.“ (Das unwahre Prinzip unserer Erziehung…, S. 1. In: Rheinische Zeitung, 1842).
Wer da meint, dies sei eine nicht zu akzeptierende Konzeption, der verrät selbst, daß er nur an brauchbaren Bürgern interessiert ist, die man umso leichter manipulieren kann, wie dies ja jeden Tag massenhaft à la BILD-Zeitung geschieht.
Der gegenwärtige Zustand dieser Welt aber verrät uns, daß dies das Dilemma eben dieser Welt nur noch vergrößert.
Warum glauben Sie will Bayreuth, wie sie in Antwort 1 schrieben, offenbar nichts mit seinem Sohn Stirner zu tun haben?
Wenn es bei der ersten Antwort so herüberkam, daß DIE Bayreuther mit Stirner nichts zu tun haben wollen, relativiere ich diese Antwort gern, denn es gibt schon einige wenige, aber eben nur wenige, die nicht nur wissen, wer Stirner war und was er in der Philosophiegeschichte bewirkte, sondern die ihn auch deswegen wertschätzen. Hier nenne ich herausragend die Sparkasse Bayreuth, die schon zweimal Stirner-Projekte finanziell unterstützte.
Würde man Stirner DEN Rummel zugestehen, den er als in Bayreuth Geborener haben müßte im Vergleich zu dem eines Zugereisten, wäre Stirner ebenso in aller Munde wie der einstige Hausherr vom grünen Hügel.
Interessant ist, daß manche Gegner Stirners in Bayreuth, wie z.B. Stephan Müller, der kürzlich wegen eines Antrags der SPD-Stadträtin Christa Mueller-Feuerstein im „Bayreuther Anzeiger“ einen Verriß verfaßte, Stirners Ideen mehr kritisieren und mit ihnen Probleme zu haben scheinen, als z.B. mit Richard Wagners Sympathien für germanentümelnde und antijüdisch-rassistische Ideen. Darüber wird – wohl des Geldes wegen, den dieser Mann alljährlich für die Stadt einfährt – geflissentlich geschwiegen. Das spricht doch Bände.
Paul Jordens schrieb kürzlich in einem Artikel, in dem die Blödsinnigkeiten des Stephan Müller entschieden zurückgewiesen wurden: „bestimmte Bayreuther Medien und kulturelle Institutionen bemühen sich ja sichtlich, Interesse gar nicht erst zu wecken oder, wenn es gleichwohl erwacht, durch Diffamierungen im Keim zu ersticken“.
Hinzu kommt, daß so mancher Kritiker Stirners dessen Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ wie auch die anderen kleineren Schriften, somit Stirners Ideen, nur vom Hörensagen zu kennen scheint (siehe den Artikel des Herrn Müller).
Kurzum: Stirner ist nicht erträglich, weil nicht einträglich genug.
Unter welchen Umständen wäre Stirner erträglicher/einträglicher? Liegt’s am Inhalt seiner Philosophie? Läßt sich ein Philosoph überhaupt ähnlich vermarkten wie etwa ein Komponist? Gäbe es Mittel und Wege, das Andenken an Stirner wiederzuerwecken?
Erträglich ist Stirners Philosophie allemal, weil sie schon damals auf Aspekte des zwischenmenschlichen Lebens hinwies, die noch heute aktuell sind: die Herrschaft fixer Idee in Gestalt von Besessenen, besonders der politischen und ideologischen Fraktion. Zwei Hauptvertreter fixer und damit besessener Ideen habe ich ja schon in meiner ersten Antwort genannt. Natürlich geht es nicht ausschließlich um Ideen, die ja mehr oder weniger Reflex politischer und ökonomischer Interessen sind, aber über den Weg der Ideologie werden nun mal Menschen beeinflußt, meist negativ, wenn man den harten Kern des Islamismus sieht, oder den der Kirchen dieser Welt.
Einträglich wie Wagner ist Stirner nicht. Wie sollte er das auch. Während man sich bei Wagner von seiner Musik berieseln läßt, ohne groß nachdenken zu müssen, erfordert Stirner schon eine gehörige Portion von eigenem Denkvermögen. Selbst ein in Bayreuth eingerichtetes Stirner-Museum (so sehr ich mir ein solches wünsche – einen wissenschaftlichen Betreuer dafür hätte ich schon) würde ihm freilich nicht jene Massen zutreiben, wie jene musikfanatischen Massen mit ihrem germanentümelnden und antijüdisch-rassistisch denkenden Komponisten.
Warum Stirner also in Bayreuth so gut wie keine Resonanz findet, müßte man die in Bayreuth Verantwortlichen fragen. Es kann sein, daß sie mit Stirners Philosophie Probleme haben; es kann auch sein, daß sie über Stirner nur Negatives hörten und daher Bammel haben, auch ihm in seiner Geburtsstadt etwas mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Aber letztendlich kann ich jenen nicht in den Kopf schauen, um festzustellen, was tatsächlich ihre Beweggründe sind, mit Stirner nichts am Hut haben zu wollen. Es kann ja auch sein, das will ich einigen von diesen Leuten gern zugestehen, daß sie sich bis heute keinerlei Gedanken darüber machten, wer Stirner tatsächlich war, wie hochaktuell seine Philosophie nach wie vor ist.
Ich verweise auf das vom 25.-28. Oktober in Berlin stattfindende internationale wissenschaftliche Symposium, das von der Fritz Thyssen Stiftung gesponsert wird. Glauben Sie, daß diese Stiftung Geld für einen Wirrkopf ausgeben würde?
Fakt ist, daß Stirner als der wohl wichtigste Philosoph der Neuzeit, eben weil er massiven Einfluß auf solche Philosophen, Literaten und andere Künstler hatte wie Marx, Engels, Nietzsche, Heidegger, Jaspers, Sarte, Duchamp, Max Ernst, Frank Wedekind, B. Traven, Arthur Schnitzler, Hermann Hesse – diese Reihe ließe sich noch beliebig fortsetzen, im Vergleich zu anderen Philosophen von der akademischen Wissenschaft weniger wahrgenommen wird. Aber ich habe den Eindruck, daß sich das ändert und ändern wird.
Das Andenken an Stirner muß nicht wiedererweckt werden, höchstens hier in Bayreuth, aber er bedarf wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht gibt das genannte Symposium, das vom 25.-28. Oktober in Berlin stattfinden wird, diesem wissenschaftlichen und öffentlichen Andenken den nötigen Schwung. Mich würde es sehr freuen.
Ich gestatte mir einen kurzen Rückgriff: Sie sagen, einige wenige Bayreuther wüßten, wer Stirner war und was er in der Philosophiegeschichte bewirkte. Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Wer war Stirner – als Philosoph? Und was bewirkte er in der Philosophiegeschichte?
Das ausführlich auszuführen würde den Rahmen dieses Interviews total sprengen. Ich mache es daher kurz: Stirner brachte mit seinem Buch die Philosophenwelt in Aufruhr und verunsicherte sie völlig. Allein schon die ersten Reaktionen auf das Buch zeigen dies. Friedrich Engels, der Freund von Marx, war derart beeindruckt, daß er Marx antrug, daß man unbedingt einiges aus Stirners Buch für die eigene theoretische Grundlegung ihrer Ansichten übernehmen sollte. Marx aber begriff Stirner sofort als seinen philosophischen Gegner und pfiff Engels zurück. Obwohl Marx Stirner für den „hohlste[n] und dürftigste[n] Schädel unter den Philosophen“ (Die deutsche Ideologie) nannte, war Marx’ Kritik an Stirner mindestens so umfangreich wie das Stirnersche Buch. Seit Henri Arvon ist man sich im Großen und Ganzen einig, daß Marx’ Entwicklung zum dialektischen und historischen Materialismus durch Stirner beschleunigt wurde. So gesehen war Stirner ungewollt der Geburtshelfer des Marxismus, manche nannten ihn gar die „böse Fee“ an der Wiege des Marxismus.
Oder nehmen wir Feuerbach, der neben Bruno Bauer in Stirners Hauptwerk am meisten attackiert wurde. Feuerbachs Replik auf Stirner war das dürftigste, was dieser sonst sehr streitbare Philosoph schrieb. Während er öffentlich Stirner ablehnte, schrieb er seinem Bruder: „Ich gebe ihm [Stirner] Recht, bis auf Eines: im Wesen trifft er mich nicht. Er ist gleichwohl der genialste und freieste Schriftsteller, den ich kennen gelernt.“
Marx wie auch Feuerbach verzichteten nach der Lektüre von Stirners Buch auf jegliche „moralische“ Begründung ihrer Anschauungen, wie diese bei beiden bis dato zu finden war.
Nehmen wir Nietzsche: hier hat Bernd A. Laska den Nachweis geliefert, daß auch Stirner Einfluß auf Nietzsche hatte; doch Nietzsche schien letztendlich Stirner nicht gewachsen zu sein und flüchtete stattdessen in die Philosophie Schopenhauers. Nicht von ungefähr nannte man Stirner den „Nietzsche vor Nietzsche“ (Paul Lucchesi, 1906).
Daß Stirner aber schon kurz vor seinem Tod in Vergessenheit geriet, so ging es ihm wie viele andere seiner Zeitgenossen, wenn sie nicht gerade eine Menge Adepten hatten, die ihre Lehre weiterführten, ist einfach der Zeit geschuldet. Mit der zunehmenden Nietzsche-Rezeption Ende des 19. Jahrhunderts kam es ja zu einer Art Wiederentdeckung Max Stirners.
Und Bernd Kast, der Vorsitzende der Max-Stirner-Gesellschaft hat mit Recht darauf hingewiesen, daß Stirner „mit zunehmender Intensität von den unterschiedlichsten Bezugswissenschaften und gesellschaftlichen Gruppierungen weltweit rezipiert wird: Von der Philosophie, der Theologie, der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Pädagogik, der Sprach- und Literaturwissenschaft, der Politologie, der Geschichtswissenschaft usw. Indizien für die zunehmende Popularität Stirners“.
Interview vom 3.5.2006
Das Interview führte Florian Zinnecker vom Nordbayerischen Kurier. Dieses Interview hier ist nicht ganz identisch mit dem, das im “Nordbayerischen Kurier” abgedruckt wurde, denn Letzteres wurde stark gekürzt, so daß einige dieser verkürzten Antworten nicht zu den Fragen passen, die in der verkürzten Version auftauchen, da sie nicht gestellt wurden.


