Bevor wir uns über deine Schauspielerei unterhalten, erzähle doch erst einmal etwas über dein bisheriges Leben.

Ich bin am 22.11.1989 geboren und zwar im Elisabeth-Krankenhaus. Dann kamen Kindergarten und die Grundschule. Jetzt bin ich am Schiller-Gymnasium in Gohlis. Ich hoffe, daß ich im nächsten Jahr das Abitur schaffe.

Das erste Mal habe ich dich gesehen im Schillerhaus in Gohlis, als du mit anderen Mitschülerinnen und einem Mitschüler ein Stück über den jungen Schiller und seinem Freund Körner gespielt hast, „Ich habe mich rasieren lassen oder Körners Vormittag“.

Eine Freundin und ich waren immer darauf aus, im Gymnasium eine Theatergruppe zu gründen. Es gibt dort nämlich schon ein Englisches Theater und ein Kabarett. Aber ganz normales, deutsches Theaterspielen gibt es dort nicht. Und wir waren immer diejenigen, die sagten, wir brauchen einen Lehrer, der das ganze leitet, und Schülerinnen und Schüler, die da auch mitmachen wollen. Und meist war es dann so, nachdem sich Interessierte fanden, daß wir es schafften, ein Stück auf die Beine zu bringen. Zuerst wollten wir „Bitterschokolade“ spielen, aber dafür waren wir zu wenig. Dann hatten wir Erfolg mit „Ein Fall für drei“, das ist so eine Geschichte à la Sherlock Holmes. Danach spielten wir das Stück über Schiller und seinem Freund Körner im Schillerhaus. Zwischendurch spielten wir kleine komödiantische Stücke für Feiern in der Schule. Und dann ist es noch so, daß hin wieder einige die Gruppe verlassen, andere hinzu kommen.

Jetzt kommt die typische Frage: wie kamst du zur Schauspielerei? Und hast du noch andere Hobbys als die Schauspielerei?

Ja, die gibt es. Aber der Reihe nach: Ich kam schon sehr früh mit dem Theater in Berührung, und zwar in erster Linie durch meine Mutter, sie ist Lehrerin für Deutsch und Musik, aber auch durch meine Familie überhaupt. Zu Familienfeiern gab es garantiert irgendjemanden, der meine jüngere Cousine und mich bat, doch was Kleines vorzuspielen.

Meine Mutter hat mich bevorzugt in die MuKo mitgenommen. Und daher finde ich auch so viele Vorstellungen in der MuKo sehr schön. In das Schauspiel Leipzig bin ich eigentlich lange Zeit nicht gegangen, es sei denn zu den Vorstellungen zur Weihnachtszeit, um die schönen Märchenstücke zu sehen.
Obwohl mir vorherige Stücke wie „Der kleine Muck“ oder „Kalif Storch“ sehr gut gefielen, war das im letzten Jahr mit dem Märchen „Die Schneekönigin“ ganz anders. Das hatte mir nicht gefallen. Übrigens – „Der kleine Muck“ war das erste, was ich gesehen hatte.

Andere Hobbys sind z.B. Singen und Tanzen. Ich nehme derzeit Gesangsunterricht, also Stimmbildung. Und dann mache ich im Leipziger Tanz-Theater mit. Ich war jetzt auch bei der Premiere des Tanzstückes „Jedem Anfang wohnt der Zauber inne“ dabei. Ich finde, daß das ein sehr schönes Stück ist, auch wenn manche damit Probleme haben, es zu verstehen, auch weil ich mir vorstellen kann, daß es für das Publikum schwer zu verstehen sein könnte, wenn es sich nicht vorher intensiv mit dem Thema beschäftigt hat.

Im letzten Jahr war ich auch bei dem Tanzstück „Der Sturm“ dabei. Meine Mutter hat dieses Tanzstück dreimal besucht. Und erst beim dritten Mal hat sie dieses Stück ganz verstanden. Ich habe ihr einige Sequenzen erklärt, dann hat sie das Anliegen des Stückes verstehen können.

Gab es ein Stück, an das du dich erinnerst, wo dieser Funke gesprungen ist, der dich dazu veranlaßte, Theater spielen zu wollen?

Ich glaube, das war der „Zauberer von Oz“. Da war ich neun oder zehn Jahre jung. Ich bin zwar auch vorher gern ins Theater gegangen, aber mit diesem Stück wußte ich, daß mich das Theater nicht mehr losläßt und ich auch gern spielen möchte.
Und es war dann in der siebten Klasse, als ich mir – und einige andere auch – überlegte: warum gibt es hier in der Schule nicht auch eine Theatergruppe. Tja, und dann haben wir es eben versucht.

Das erste Mal habe ich dich bewußt wahrgenommen in dem Stück „Krabat“, wo du auch den Krabat gespielt hast. Von dieser Rolle mal abgesehen: Gibt es eine Rolle, die du gern spielst?

Im Schauspielhaus bin ich erst seit dem letzten Herbst dabei1. Also von einer Lieblingsrolle kann da noch keine Rede sein. Aber ich denke, diese Rolle als Krabat war schon was sehr gutes. Außerdem: das war ja auch meine erste richtige Rolle. Und was meine früheren kleinen Rollen im Schultheater betrafen: ich habe auch sehr gern die Sekretärin in den „Sherlock-Holmes-Geschichten“ gespielt. Aber das war Schultheater. Und das Theater im Schauspielhaus ist ja was ganz anderes.

Welche Rollen wären deiner Meinung die besten: die komischen oder die tragischen Rollen, die Gute oder die Böse spielen?

Ich halte mich für sehr flexibel. Auch wenn man wegen meines Äußeren mich für die liebe Kleine, Brave ansehen würde, wäre eine dramatische Rolle für mich sehr interessant. Besonders eine Rolle aus einem Shakespeare-Stück. Ich liebe Shakespeare. Ich könnte mir vorstellen, die Julia zu spielen, aber auch die Maria Stuart. Oder fast alle Rollen aus dem „Sommernachtstraum“, denn die sind alle ganz toll.

Ein besonders schwieriges Unterfangen von Schauspielerinnen und Schauspielern erscheint mir das Lernen von Texten. Wie lernst du deinen Text?

Als wir mit Stella Konstantinou das Stück „Krabat“ probten, haben wir die ganzen Szenen mehrmals durchgespielt, und da habe ich mir schon eine Menge eingeprägt. Und den einen Monolog, den ich im „Krabat“ geschrieen oder gerufen, wie auch immer, habe, den mußte ich richtig lernen. Schwierig am Erlernen dieses Textes war, daß ich zu diesem sehr distanziert war, denn er entsprach überhaupt nicht meinem Befinden. Denn ich habe alle Freiheit der Welt.

Aber in dieses Befinden muß man sich aber hineinbegeben, um es überzeugend spielen zu können.

Ja, auf alle Fälle. Ich habe mir hierbei vorzustellen versucht, was wäre, hätte ich keine Freiheit. Es gibt in dem „Krabat“ diese Szene, wo wir gegen die Wände rennen, und da steigert man sich auch so richtig in diese Rolle hinein. Und da kam schon der Gedanke: „Um Himmels willen, ich habe ja keine Freiheit!“

Im Normalzustand hätte ich diesen Monolog aber nicht sprechen können, weil er nicht meinem Denken entspricht.

Aber nochmals kurz zurück zum Lernen von Texten. Ich mußte mir Gedichte richtig einpauken.

Wenn ich Gedichte lerne, dann benutze ich mein Diktiergerät. Ich spreche das einmal drauf und höre es mir immer wieder an, bis ich den Text beherrsche.

Aber wenn ich Texte für das Theater lerne, stelle ich mich meistens vor einen Spiegel. Ich stehe gern vor dem Spiegel, einfach weil ich mir dabei Tagträume ausdenke, und dann sehe ich mein Spiegelbild oder das dahinter, mein Gegenüber oder was auch immer das ist. Und das hilft mir sehr.

Und vergißt du Texte sehr schnell oder sind diese sehr lange Zeit präsent?

Also die bleiben sehr lange präsent, einige Monate auf jeden Fall.

Als wir damals dieses Körnerstück probten bzw. spielten, haben wir immer, wenn wir uns trafen, in solchen Sätzen wie in dem Stück „Ich habe mich rasieren lassen oder Körners Vormittag“ miteinander gesprochen, zumal das ja auch eine sehr schöne Aussprache war und ist. Wir haben uns dann immer Textfetzen zugeworfen und der jeweils andere ging darauf ein. Das hat großen Spaß gemacht.

Hast du irgendwelche schauspielerische Vorbilder? Oder anders gefragt: brauchst du überhaupt Vorbilder?

Ja, die brauche ich. – Hier in Leipzig finde ich Torben Kessler sehr gut. Als ich mir sein Stück „FUP the DUCK“ anschaute, war ich so begeistert, daß ich am liebsten gleich wieder kehrt gemacht und mir das Stück noch mal angeschaut hätte.

Dann mag ich die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková aus dem Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“. Besonders ihre Mimik hat mich immer wieder beeindruckt. Und dann ganz besonders – Audrey Hepburn. Ich liebe sie. Egal welche Rolle sie spielt, sie ist immer total glücklich und süß, und sehr präsent.

Nochmals zurück zu meiner Frage, ob du Vorbilder brauchst, da sagtest du sofort: Ja, die brauche ich. Warum denn?

Ich brauch’ die. Na ja, um mir einiges von ihnen abzuschauen, (also wie sie spielen und so.) Das besonders diese drei meine Vorbilder sind, hängt damit zusammen, daß ich deren Stücke bzw. deren Filme so toll finde, und wenn ich mich an diese drei so klammere, dann deshalb, um zu sehen, wie sie ihre Rollen spielten, um davon zu lernen.

Kann es aber passieren, daß, wenn du ins Kino gehst und dir Filme anschaust, dieses dann nur noch aus der Sicht geschieht: wie spielen sie ihre Rolle? Kannst du da überhaupt noch den Film genießen oder analysierst du ihn gleich?

Natürlich genieße ich diese Filme. Das kritische Beäugen kommt meist erst, wenn ich mir ein Stück oder einen Film ein drittes Mal angesehen habe. – Ich lasse mich sehr auf Geschichten und auf Filme ein. Ich kann auch während eines Stückes keine Distanz aufbauen, außer es ist sehr schlecht, was ich bisher aber noch nicht erlebt habe. Es gab nur einige niveaulose Filme, die ich mir mit Freunden angesehen habe. Bei „ Motortown“ zum Beispiel hatte ich unter dieser besagten Distanzlosigkeit sehr zu leiden.

Was macht aus deiner Sicht einen guten Schauspieler, eine gute Schauspielerin aus? Wann ist man eigentlich gut?

Also wenn es den SchauspielerInnen gelingt, die ZuschauerInnen so intensiv in eine Geschichte hineinziehen, als wären sie mittendrin, dann – so denke ich – ist man gut. Anders gesagt: wenn man nicht mehr merkt, daß es ein ist, also das hier was gespielt wird, dann sind die SchauspielerInnen sehr gut.

Ich habe in dem Stück „Ich bin meine eigene Frau“ den Schauspieler Michael Schrodt – für mich selbst unerwartet – weinen sehen, nachdem er gerade dabei war, aus seinem resp. dem Leben der Charlotte von Mahlsdorf zu erzählen. Sozusagen von eben auf jetzt flossen Tränen: Könntest du z.B. auch auf Anhieb weinen? Jetzt zum Beispiel?

Ja! Ich glaube schon.

OK. Aber das heben wir uns zum Schluß auf.2

Wenn das von mir verlangt würde, dann würde ich es tun, dann könnte ich es auch tun. Ich weiß freilich nicht, ob man das üben muß. Um es zu können, würde ich an was Trauriges aus meinem bisherigen Leben denken, damit dann die Tränen fließen können.

Du sagtest, daß du im nächsten Jahr dein Abitur machst. Was kommt danach?

Ich beschäftige mich seit zwei, drei Jahren damit, was ich mal werden würde. Aber ich möchte mich jetzt auf das Schauspielern konzentrieren. Vorab muß ich aber erst einmal wissen, was mich bei der Eignungsprüfung für das Schauspielstudium erwartet, von guten Zeugnissen mal abgesehen. Auf jeden Fall möchte ich es probieren, ein Schauspielstudium aufzunehmen. Und sollte es passieren, daß ich bei meinem ersten Gespräch abgelehnt werde, so trete ich im nächsten Jahr erneut an.

Aber nehmen wir mal den unmöglichsten Fall an, daß es mit dem Schauspielstudium nicht klappt, bleibst du dann dem Theater trotzdem treu?

Auf jeden Fall. Als Alternative schwebt mir die Theaterpädagogik vor. Ich habe schon die Arbeit einiger Theaterpädagoginnen kennengelernt und das, was ich da sah, hat mich stark beeindruckt. Ich denke, daß ich in diese Sparte des Theaters auch sehr gut reinpassen würde.

Bei einem solchen Beruf müßte man meiner Meinung nach sehr belesen sein, aber auch als Schauspielerin bzw. Schauspieler. Daher meine Frage: liest du gern, z.B. auch wissenschaftliche, über Ästhetik usw.? Welche Literaten magst du besonders?

Also in wissenschaftliche Bücher habe ich mich noch nicht so rein gefunden. Da ist das Buch von Rolf Engert über „Dramatik und Dichtkunst“ das erste dieser Art. Und es hat mich aber auch gleich auf den Geschmack gebracht, mich mit solchen, auch theoretischen Fragen zu beschäftigen.

Belletristik lese ich zum Abschalten, besonders von den Anforderungen der Schule. Da ist es selten, daß ich in der Freizeit auch solche Schriftsteller lese, die wir in der Schule durchnehmen, auch wenn diese noch so gut sind, wie z.B. Hermann Hesse.

Besonders lese ich gern Bücher, wo ich mich in Traumwelten begeben kann. Damit meine ich jetzt nicht solche Fantasy-Bücher, sondern eher Kinder- und Jugendbücher, die ein echtes Träumen in eigenen Welten erst ermöglichen, die nichts mit dem Alltag zu tun haben, die mich ganz weit wegführen. Es gibt leider zu wenig Erwachsenenliteratur, bei der man träumen kann.

Deswegen mag ich z.B., wenn es um Gedichte geht, die Romantiker wie Eichendorff oder Brentano. Und ich kann mich mit solchen Dichtern und ihren Gedichten sehr gut identifizieren, weil ich selbst eine Träumerin bin.

Gedichte des Expressionismus, die mir zu depressiv sind, lese ich wiederum nicht gern. Ich scheue mich wirklich davor, solche depressiven Sachen zu lesen. Nicht aber, wenn es darum geht, depressive Stimmungen schauspielerisch herüberzubringen.

Neben der Belesenheit, die ich von einem Schauspieler, von einer Schauspielerin erwarte, müßten diese auch politisch interessiert sein, sich außerdem mit Fragen der Philosophie, der Ästhetik usw. beschäftigen. Würdest du dich auch in diese Richtung bewegen wollen?

Ja, unbedingt. Also das Buch von Rolf Engert ist ja ein Anfang. Aber ich gebe zu, daß ich gerade bei diesem Buch von Engert erst einmal Probleme hatte, das Gelesene zu verstehen. Am liebsten wäre mir, solche Texte wären in Geschichten verpackt. Dann würde ich sie noch viel lieber lesen.
Ja, und für die Philosophie interessiere ich mich sowieso. Ich lese wahnsinnig gern Bücher von Jostein Gaarder, auch wenn ich mit seinem „Sophie-Buch“ Probleme hatte. Das hat mir nicht so gut gefallen. Also Interesse für Philosophie ist auf jeden Fall vorhanden. Erst letztens habe ich mit jemandem am Cospudener See in den Sternenhimmel gesehen und mit ihm darüber philosophiert, ob es da draußen wohl weiteres Leben gibt. Jostein Gaarder hat in mir ein großes Interesse an der Philosophie geweckt.

Nochmals zu deiner Zukunft…?

… erst einmal das Abitur – aber auch meine Vorbereitungen auf die Aufnahmeprüfung für das Schauspielstudium.

Ich bedanke mich für das Gespräch!

Kurt W. Fleming, 17.07.2007

1 … als Mitglied des Jugendclub vom Schauspielhaus
2
Das kam nicht mehr zustande, weil wir es – vergessen hatten.
Fotos: Erstes und letztes Foto entstanden am Tag des Interviews; Foto 2 zeigt Paula Linke während des Stückes „Ich habe mich rasieren lassen oder Körners Vormittag“ im Schillerhaus am 2.11.06; Foto 3 zeigt Paula Linke beim workshop zu “Motortown” am 26.06.07

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