Mit dem „Kaufmann von Venedig“ wurde die neue Spielzeit eingeläutet; diese wiederum unter dem Generalthema „Innere Sicherheit“. Innere Sicherheit, wie sie allgemeinhin verstanden wird – die Absicherung gegenwärtiger Gesellschaftsverhältnisse, die immer brutaler wirkende Ausbeutungsverhältnisse (Hartz-IV, 1-Euro- und andere Minijobs) einschließen – korrespondiert mit dem Problem, inwieweit auch in uns selbst innere Sicherheit zu gewährleisten wäre. Letztere wohl nur dann, wenn man mit der à la Schäuble-Sicherheit in Übereinstimmung sich befindet.

Mit dem „Kaufmann von Venedig“ wurde ein Stück gewählt, das die Ausgrenzung zum Thema hat, denn Ausgrenzung bedeutet immer explosives Potential, das, zum Ausbruch gekommen, gesellschaftliche Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Wer sich das von Engels inszenierte Shakespeare-Drama (eigentlich als Komödie angelegt, wobei es sich dann eher um eine Komödie des typisch englischen schwarzen Humors handeln könnte) ansieht, dem bleibt doch bei einigen Szenen das Lachen im Hals stecken, besonders deutlich sichtbar an dem Prozeß, den Shylock gegen Antonio anstrengte, um sein Recht einzufordern, freilich ein Recht mit makabren Hintergrund, will er doch SEIN (?) Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios herausgeschnitten in seiner Hand halten (so wie auch auf Seite 1 der Theaterzeitung Nr. 1 abgebildet).
Shylock scheint sich schon dessen bewußt zu sein, daß seine Forderung abstrus ist, und dennoch besteht er darauf. Es ist seine Art der Rache, weil er nicht in die Welt der Christen aufgenommen wird, von ihnen keinen Deut an Mitleid, an Nächstenliebe erfährt.

Und genau umgekehrt verlangen dies nun die verheuchelten Christen um Antonio, Antonio selbst, um ihm seine Haut zu retten, auch bereit, alles Recht mit Füßen zu treten und bereit, Shylock zu lynchen.

So manche ZuschauerInnen – dank der starken Schauspielleistung von Matthias Hummitzsch – bekamen Mitleid mit Shylock, wie er am Ende, auch nach dem Prozeß, als der große Verlierer da stand, verlacht, verhöhnt, in den Ruin getrieben.

So sehr nahe auch das Schicksal des Shylock ging, so kann Shylock nicht als das Opfer betrachtet werden, als das er erscheint. Seine Rache an Antonio, dieser Frust, der sich in ihm gesammelt hatte ob des ständigen, gegen ihn gewandten Hasses, weil er – Jude ist, nicht mehr, nicht weniger.

Statt aber mit List und Verstand sich zu wehren, begibt er sich auf die Ebene seiner Peiniger und versucht, dem Alten Testament folgend seine Rache: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Daß dies eher die Spirale der Gewalt antreibt, begreift er wohl erst am Ende, an dem Punkt, wo er unwiderruflich verloren ist.

Die angedachte Außenseiterrolle des Antonio ob seiner Homosexualität kam in diesem Stück gar nicht so an. Man kann sie durchaus als nicht-relevant für die Aussagekraft des Stückes hernehmen.

Das eigentliche, was das Stück generell ausmacht, ist der Umgang der Mehrheit mit der Minderheit, daß es in der Geschichte immer so üblich war, gesellschaftliche Verwerfungen, deren Ursache von den meisten nicht begriffen wurde und wenn doch, zwecks Ablenkung alles Elend auf eine Minderheit abzuschieben. Seien es so genannte Hexen, Homosexuelle, Juden, Katholiken als Minderheit, wo Protestanten herrschten, oder Protestanten als Minderheit, wo Katholiken herrschten usw. usf.

So betrachtet ist der Mensch – besonders in Krisensituationen, welcher Art sie auch sein mögen – geneigt, seine Probleme so zu lösen, indem er die Ursachen nicht zuerst bei sich selbst sucht, sondern feige, wie er dann auftritt, andere für sein – manchmal auch selbstverschuldetes – Elend zu suchen bzw. verantwortlich zu machen.

Im gewissen Sinne ist die Engelsche Inszenierung ein Politikum, eben typisch „wolfgang-lastig“, wie ein Zuschauer zu einem anderen sagte, was letzterer mit seinem Kopfnicken bestätigte. Nun, was sollte dieses Stück auch anderes sein, als „belastet“ durch die Lesart, wie sie Engel nun einmal vorgenommen hatte.

Allen SchauspielerInnen kann sehr gute Leistung attestiert werden. Das Bühnenbild war perfekt, auch wenn es nicht von jeder Position als so bedeutend gesehen werden konnte: so das dreidimensional wirkende Schachbrettmuster, oder die hintereinander angebrachten Türrahmen, die, aus der richtigen Perspektive betrachtet, wie ein Fluchtweg aussahen. Durch diese Türrahmen erfolgte auch immer ein schon rennender Auf- und Abtritt, so als wollten die SchauspielerInnen die Zeit zwischen dem Ende und Beginn der jeweiligen Szenen keine allzu lange Zeit verstreichen lassen.
Die Musik paßte nicht immer gut zu den einzelnen Szenen, dennoch konnte sie aber in so manch anderen Szenen die Dramatik erheblich verschärfen.

Ein Neuzugang in diesem Stück, in diesem Theater ist der vom Zittauer Theater hierher gewechselte Gilbert Miroph, der – auch einen Außenseiter darstellend – mit der Figur des Lancelot Gobbo sein Debüt gab. Er stellte den Diener des Shylock recht gut dar. Man merkte schon fast körperlich dessen Zerrissenheit. Er fühlte sich schon irgendwie immer noch verbunden mit dem Juden Shylock, mehr aber noch dessen Tochter Jessica, gespielt von der wunderbaren Carolin Conrad (bei der man aber ab und zu merkte, daß sich alles recht lustig nahm und manchmal an Stellen lachte, wo es irgendwie nicht angebracht schien). Andererseits aber zeigte Gobbo seine Zerrissenheit darin, daß er seinen Herrn verließ und ausgerechnet zu den Gegners Shylocks überlief, indem er Bassanios neuer Diener wurde. Dieses an Opportunismus erinnernde Verhalten verrät, daß es nichts bringt, sich zwischen die Stühle zu setzen, dass man immer Verlierer sein wird, wenn man sich zu entscheiden vermag, wer man ist und wohin man gehört, und sei zu sich selbst.

Dieses ganze Stück, dieses „wolfgang-lastige“, fand Beifall bei dem Publikum, auch wenn es an „Vorhängen“ gemessen keine Sensation war.

Unabhängig dieser Feststellung ist es ein einnehmendes Spiel, das hier geboten wurde.

Kurt W. Fleming
Schauspiel Leipzig, 22. September 2007

Fotos: Schauspielhaus Leipzig

Die neue Spielzeit des Schauspiel Leipzig beginnt – ausgerechnet? – mit dem „Kaufmann von Venedig“, für das Wolfgang Engel Regie führt.

Um das Publikum darauf einzustellen, wurde kurz darüber in einer Matinee (16.9.) ein kleiner Einblick gewährt.

Bevor es aber losging, sah man erst einmal nur das übliche Podest, daß in der Garderobenhalle aufgestellt wurde, darauf 7 Stühle, und an 6 Stühlen hängend je eine Maske. Davor auf einem Teller ein Stück Fleisch, genau auf ein Pfund abgewogen, wie die Chefdramaturgin Heike Müller-Merten (HMM) erwähnte.

Als die SchauspielerInnen sowie die Chefdramaturgin und ihrer aller Chef Wolfgang Engel das Podest betraten, setzten alle – bis auf HMM – die Maske auf und los ging es mit – Klischees, Witzen von und über Juden. Nachdem die Kaskade beendet wurde – nicht alle Klischees und Witzen kamen gut an, nicht weil sie vielleicht als deplatziert betrachtet wurden, sondern weil der Funke nicht herübersprang –, kam es zur stückweisen Verlesung resp. zum stückweisen Vortragen ausgewählter Texte aus der Shakespearschen Komödie. Nur die Chefdramaturgin fiel kurz aus ihrer Rolle, weil sie wohl kurzzeitig gedankenabwesend war und nicht darauf achtete, an welcher Stelle sie hat einsetzen müssen. Dies wurde auf jeden Fall mit beifälligem Gelächter quittiert.

Die anwesenden SchauspielerInnen sind jene, die in diesem Stück die wohl tragendsten Rollen inne haben:

Matthias Hummitzsch, der den Shylock spielen wird, Thomas Huber den Antonio, Heidi Ecks die Porzia, Till Wonka Antonios Freund Bassanio, und das neue Ensemblemitglied Gilbert Mieroph den bei Shylock angestellten Narren Lancelot Gobbo.

Schon bei diesen Detailvorstellungen gaben die SchauspielerInnen ihr Bestes, und selbst Engel schien sich als Schauspieler produzieren zu wollen.

Der Anlage nach, so wie die Matinee eingeführt wurde – mit besagten Klischees, Witzen von und über Juden, ebenso gleich wurde diese Matinee beendet. Da danach keine Diskussion aufkam, auch nicht durch die vorbereiteten Fragen der Chefdramaturgin, die sie an die Anwesenden auf dem Podest richtete, wurde diese Veranstaltung nicht unnötig in die Länge gezogen und die BesucherInnen durch Thomas Huber mit einem „Ihnen einen schönen Sonntag“ verabschiedet.

Einige dieser Fragen, die HMM an die podestierten Anwesenden richtete, sind auch in der Theaterzeitung Nr. 1 des Schauspiel Leipzig nachlesbar.

Wenn man diesen Fragen und Antworten folgt, scheint die hiesige Interpretation des Stückes auf das Außenseitertum z.B. des Shylock und des Antonio gerichtet zu sein. Beide werden von HMM als Stigmatisierte angesehen: Shylock, weil er Jude ist, Antonio, weil er homosexuell sein soll und dieses sein Fühlen nicht ausleben kann.

Betreffs des Shylock gehe es also um Fragen der Integration Andersdenkender und Anderslebender, so dass anzunehmen ist, dass diese Art der Interpretation des Shakespeare-Stückes Zeitgeschichte zu hinterfragen versucht. Denn heute ist das Problem von Außenseitern immer noch aktuell, wobei die Fokusierung auf das Religiöse problematisch scheint (siehe Beginn und Ausklang der Matinee mit besagten Klischees sowie Witzen von und über Juden). Auch und gerade in Bezug auf Shylock wurde während der Matinee der fast 25jährige Wonka gefragt, ob er für sich jene Schuld annehme, die den Deutschen durch den Massenmord an den Juden auferlegt zu sein scheint. Wobei Engel – so der Eindruck – sich insoweit dagegen aussprach, weil Schuld ja ein christlicher Begriff sei, aber er für sich sagen kann, kein Christ zu sein, obwohl er viele christliche Werte teile.

Natürlich kann Wonka eine Schuld wegen der Ermordung von Millionen von Juden nicht für sich annehmen, nicht nur, weil er für sich die „Gnade der späten Geburt“ in Anspruch nehmen könnte. Vielmehr geht es ihm darum, unabhängig davon, wer stigmatisiert und/oder deswegen in den Tod getrieben wird, dass wir begreifen lernen, von vornherein Anzeichen von Stigmatisierung entgegenzutreten, die – im schlimmsten Falle – zur millionenfachen Ermordung eben dieser Stigmatisierten führen könnte. Gerade weil der Neofaschismus immer noch – auch und gerade von so genannten konservativen PolitikerInnen – klein geredet wird (letztes Beispiel ist Ministerpräsident Milbradt sekbst, der da meinte, in Mügeln habe es keine Hetzjagd auf Ausländer gegeben, sondern eher eine Hetzjagd auf Mügeln, organisiert von den Linken und von der Presse).

Aber unabhängig von der möglichen Ausrichtung, die diese Shakespeare-Interpretation in sich birgt, könnte es passieren, dass dieses Stück mit der möglichen „Einschränkung“ auf die Stigmatisierung zu kurz greift. Es wäre eine Unterschätzung des gesamten Potenzials, das in diesem Stücke vorhanden ist:

Denn in den vier Hauptfiguren Antonio, Shylock, Porzia und Jesicca (Shylocks Tochter) kritisiert Shakespeare die Pervertierung des Lebens durch die von den kapitalistischen Verhältnissen hervorgebrachte Macht des Geldes. Mehr noch: nicht Shylock dürfte (als Jude) der eigentliche Drehpunkt des Stückes sein, sondern Antonio, nach dem ja das Stück benannt wurde: denn Antonio ist ja der „Kaufmann von Venedig“, es ist Antonio, der – obwohl Kapitalist – sich gegen damalige wie immer noch aktuelle Formen der Profitmaximierung stellt: indem er auf sein Geld, das er verleiht, keine Zinsen gibt bzw. diesen auch nicht verlangt. Und als Antonio verhaftet und in den Kerker geworfen wurde, geschieht dies mit den Worten des Gefängnisaufsehers:

Dies ist der Narr, der Geld umsonst auslieh,
Acht auf ihn, Schließer! (3. Szene, 3. Akt)

Und seine Melancholie scheint weniger, wie HMM annimmt, der Homosexualität geschuldet zu sein, sondern vielmehr der Tatsache, dass zum einen Antonio sehr wohl die Mechanismen des frühen Kapitalismus durchschaut, andererseits aber auch zugleich weiß, dass er gegen diese machtlos ist, ja selbst in die Fänge dieser Krake gerät, als er bei Shylock zum Schuldner wird, und dieser das weidlich ausnutzt. Antonios Dilemma ist eher das, dass er im Großen und Ganzen sehr wohl weiß, was hier abgeht, aber andererseits als Alleiniger, als Einzelner dagegen nichts zu tun vermag, ähnlich der Aussage in einem Shakespearschen Sonnett:

Einzeln wirkst du als keiner!

Das Stück Shakespeares ist wohl eher über die Person des Antonio zu verstehen, als über die Stigmatisierungproblematik des Shylock. Es sei denn, dass Letzteres absichtlich so von Engel und Co. gewollt wird, weil sie eben auf Fragen der Stigmatisierung sowie Fragen und Problemen der Integration Andersdenkender und Anderslebender insistieren wollen.

Auf die eigentliche Umsetzung des Stückes à la Engel und Co. können wir auf jeden Fall gespannt sein.

Information: Die Premiere des Stückes ist 22.9., 19:30 Uhr, Schauspielhaus Leipzig

Kurt W. Fleming
Schauspiel Leipzig, 16. September 2007

Ein Interview mit dem Regisseur

Du hast deinen Film “Gysi und ich” im Haus Steinstraße erstmalig vorgestellt. Bevor wir uns näher über diesen Film unterhalten – wie kam es zu deiner Entscheidung, in die Filmbranche resp. an die Filmakademie zu gehen, an der du noch studierst?

Dahinter steckt doch die Grundfrage – warum mache ich überhaupt so etwas Merkwürdiges wie Filme, warum die ganze Mühe und Leidenschaft, für eine Stunde Erzählung aus dem Leben anderer Menschen? Ich würde dies wohl vor allem politisch begründen. Filme sind für mich Möglichkeiten, mit anderen Menschen über meine Sicht der Welt zu diskutieren. Ob dies nachhaltiger funktioniert, als sich in Parteien oder gesellschaftspolitischen Gruppen zu engagieren, weiß ich nicht – es macht aber meistens mehr Spaß und befriedigt die eigene Neugier besser. Natürlich kommt eine Leidenschaft für Bilder und der Wille, die Menschen besser zu verstehen, hinzu, aber der Kern ist für mich die Politik und dabei insbesondere die Frage: Was gibt Menschen Hoffung und Kraft und was hält sie auf, das Leben zu führen, von dem sie eigentlich träumen. Die Entscheidung an die Filmakademie zu gehen, hatte vor allem pragmatische Gründe. Die Dozenten und die Ausstattung sind hier sehr gut und man bekommt die Möglichkeit, in Ruhe seine eigene Filmsprache zu entwickeln. Natürlich braucht man nicht unbedingt auf eine Filmhochschule zu gehen, wenn man Filme machen will – ein Qualitätssiegel ist es jedenfalls nicht – aber es macht manche Entwicklung einfacher und bietet durch die zahlreichen Kontakte eher die Möglichkeit vom Filmemachen später leben zu können.

Meine Frage reflektierte eigentlich nicht auf die von dir vermutete Grundfrage. Denn merkwürdig ist es nicht, Filme zu machen, eher eine sehr kreative Herausforderung. Ich dachte da eher an ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu brachte, genau in diese Richtung zu gehen. Beschäftigen wir uns aber jetzt mit deinem Gysi-Film. War es Zufall, daß du Gysi auswähltest oder weil er – wie am Anfang deines Films geäußert – dein Held ist bzw. war? Oder gab es andere Beweggründe? Es gibt ja auch andere Politiker als ihn.

Nun, ob es merkwürdig ist, Filme zu machen oder nicht, will ich gar nicht abschließend beurteilen. Ein Schlüsselerlebnis dafür gab es jedenfalls bei mir nicht – genauso wie die Entscheidung für einen konkretes Filmprojekt wie bei dem Gysifilm eher eine Summe aus Eindrücken ist, die sich irgendwann in ganz bestimmte Richtung entwickelten. Bei Gysi war es sicherlich in erster Linie meine persönliche Neugier, die vielleicht ein bißchen ausgeprägter ist als bei anderen Menschen. Dabei hat mich von vorn herein aber nie interessiert, wie lebt denn der eigentlich – sondern vielmehr wie Gysi seine Art der Politik handwerklich herstellt und warum er sich den ganzen Streß immer noch bzw. wieder antut. Diese Schlagwörter von wegen „Politikjunkie“ waren mir da zu simpel. Natürlich hätte ich einen anderen Politiker wählen können, aber zu der Zeit hat mich Gysi schlicht am meisten interessiert und man muß ja immer überlegen, mit wem man eine so lange Zeit verbringen will.

Am Anfang des Filmes ist Gysi dein Held. Danach – so deine Bemerkungen im Film – bröckelt dieses Heldennimbus. Lag das eher daran, daß du dieses Konstrukt (ich nenne es mal so) „Held“ als eine Art „Popanz“ aufbautest (denn ein Held ist ja eher eine Projektion idealer Vorstellungen auf einen Menschen, der in der Realität eh nicht bestehen kann), oder weil Gysi nicht zum Helden taugt (zum einen, weil er vielleicht selbst kein Held sein möchte; zum andern – frei nach Brecht – daß es schlimm steht um ein Land, das Helden benötigt)?

Ach der gute Brecht kann das gerne so sehen und natürlich sind Zweifel und Skepsis gegenüber der etablierten Politik völlig richtig und dahin entwickelt sich der Film inhaltlich auch. Was mich aber ehrlich gesagt ziemlich nervt, ist die scheinbar völlige Undenkbarkeit, heutzutage tatsächlich an irgendetwas oder irgendjemand wirklich zu glauben, mal abgesehen von religiösen Dingen. Dafür gibt es ja auch viele Gründe. Ich stamme aus einer Generation, die von diesem Mißtrauen und den ganzen geplatzten (linken) Ideen ihrer Eltern derartig geprägt ist, daß es schwierig ist, so einen Begriff wie „Held“ überhaupt nur in den Mund zu nehmen. Doch dieses Bedürfnis bleibt meiner Meinung nach untergründig bestehen. Natürlich spiele ich in dem Film mit dem Helden-Begriff, auch um ein wenig zu provozieren, aber vor allem weil ich angesichts der vielen Berufsbürokraten mir das Recht nehme, mal von ein bißchen mehr zu träumen. Das müssen im Grunde genommen keine Helden sein, aber diese durchgestylten Berufspolitiker müssen es doch auch nicht sein, oder? Und ob Gysi sich selber als Held sieht, ist mir ehrlich gesagt, filmisch gesehen, ziemlich egal. Ganz sicher aber leidet er nicht an einem geringen Selbstvertrauen, die Projektionen auf seine Person bedient er ganz gerne – auch wenn er gleichzeitig damit hadert. Diese Widersprüche habe ich einfach versucht zu erzählen und das am Ende keine klare Antwort steht, ist leider nicht zu ändern, ohnehin geht es mehr darum, den Blick des Zuschauers für die Realität zu schärfen, die jenseits der Inszenierungen und Projektionen liegt.

Unabhängig davon, daß der Heldennimbus bröckelte und du Gysi nüchterner betrachtetest: gibt es dennoch für dich ein positives Resümee in Bezug auf Gysis Person? Ist das dann mehr auf seine Person bezogen, unabhängig jeglicher Politik, oder weil es eher so sein könnte, daß seine politische Überzeugung diese seine Persönlichkeit charakterisiert?

Mein positives Resümee ist doch an dieser Stelle eigentlich völlig unwichtig. Denn es geht doch einzig und allein um die Entdeckungen, die der Zuschauer auf seiner Reise durch Gysis Alltag macht. Meine ambivalente Haltung zu manchen Dingen und Verhaltensweisen habe ich ja im Film schon angeboten, aber es geht ja nicht um mich, sondern mehr um die eigenen Projektionen der Zuschauer auf Gysi, die in dem Film auf den Prüfstand gestellt werden. Das Ich ist also quasi von jedem Zuschauer selbst zu füllen. Diese Haltung kann positiv sein, weil er findet, daß Gysi vielleicht ernsthafter und härter arbeitet als er vorher meinte, vielleicht ist er auch enttäuscht, weil Gysi sich wie jeder andere auch mühsam und häufig sehr erfolglos an der Welt abarbeiten muß oder das er vielleicht sogar eine tragische Figur ist, die in seiner Rolle und den vielen Ansprüchen gefangen ist – aber das sollte doch jeder für sich selbst entscheiden.

Wie groß war der zeitliche und der technische Aufwand, um diesen Film zu drehen?

Ingesamt hat es etwa anderthalb Jahre gedauert, diesen Film fertig zu stellen. Nicht weil der technische Aufwand so groß war – wir haben ja nur mit einer kleinen Handkamera gedreht – aber die Vorbereitung, der Dreh und vor allem der Schnitt-Prozeß haben doch lange gedauert. In knapp 50 Drehtagen produziert man eine Menge Material, auch wenn wir uns zurückgehalten haben, und dieses ganze Material mußten wir später mühsam durcharbeiten, auf der Suche nach den kleinen Perlen. Denn eines darf man natürlich nicht übersehen: Wenn man in dem Berliner Politikbetrieb dreht, sammelt man unglaublich viel völlig langweiliges Material, das man filmisch gesehen überhaupt nicht gebrauchen kann.

Dein Film wurde auch im Fernsehen ausgestrahlt: ging das dort problemlos oder wurden – von welchen Sendern? – Bedingungen gestellt, den Film anders zu machen und/oder Stellen rauszulassen? Wenn ja – wie weit bist du bereit zu gehen (auch in der Zukunft), dich durch solche Forderungen der sog. „öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten“ nicht beeinflussen resp. dich nicht verbiegen zu lassen?

Hier muß ich wirklich den SWR loben. Denn obwohl es natürlich bis heute schwierig ist, einen langen Film über einen linken (DDR-)Politiker zu drehen, in dem er nicht per se in die Pfanne gehauen wird, haben mich die Redakteure vom Jungen Dokumentarfilm sehr unterstützt. Aber vielleicht geht so etwas nur auf einem Nachwuchs-Sendeplatz zu später Stunde. Natürlich ist man, wenn man Filme macht, immer mit Einflüssen von außen konfrontiert. Ich habe noch so gut wie keinen Dreh erlebt, wo es den Leuten völlig egal ist, was Du machst. Die Sender haben natürlich Interessen, wie die Quote oder den Abteilungschef und als Druckmittel haben sie das Geld. Und da muß man sicherlich auch den Film gegenüber diesen Einflüssen immer wieder verteidigen, aber ich will da insgesamt nicht so einen heroischen Kampf drausmachen. Wer anfängt Dokumentarfilme zu machen oder überhaupt beginnt als Journalist zu arbeiten, ist mit diesem Problem tagtäglich konfrontiert. Und im Fall vom Gysifilm hatte ich ja den Vorteil, daß der Film ohne Sendergeld produziert werden konnte, weil es ein Hochschulprojekt ist, und erst danach, als quasi alles fertig war und mein Held schon auf seinem Sockel saß, kamen die Sender dazu. Einige, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht näher ausführen, hatten natürlich ihre Probleme mit meinem Ansatz, aber den SWR muß davon wirklich ausnehmen.

Wenn du dir den Aufwand, die Arbeit, die du für diesen Film brauchtest, Revue passieren läßt, was war dabei für dich der größte Gewinn und der größte Verlust (hier z.B. was Fragen der Machbarkeit betrifft usw.)? Schlichter gefragt: welche positiven wie negativen Erfahrungen hast du mit diesem Film gemacht?

Vielleicht ist es die schlichte Erkenntnis, daß es nichts nützt, einen Gysi oder vielleicht auch zwei zu haben, eine politische Veränderung – wenn man sie denn überhaupt möchte, muß man schon selbst herstellen – und in diesem merkwürdigen realitätsfernen Raumschiff Berlin wird sie garantiert nicht gemacht. Was ich aber insbesondere an der Person Gysi interessant finde, ist diese wahnsinnige Bannbreite der Meinung über ihn und die Diskussion, die sich an ihm immer noch entzünden. Das ist doch wunderbar, wenn ein Mensch einen noch wirklich wütend macht oder einem einen romantischen Glanz in den Augen schenkt. Das all dies von Gysi mühsam und absolut unglamourös hergestellt werden muß – und zwar in fast jedem Moment auch bei Auftritten vor Tausenden von Zuschauern, das ist schon frappierend. Denn auch wenn ich schon vorher wußte, daß das Leben von prominenten Menschen häufig sehr banal ist – ein bißchen aufregender hätte ich mir die Welt des letzten politischen Popstars der Bundesrepublik schon vorgestellt. Ein Verlust ist das natürlich nicht, vielleicht eher ein persönlicher Gewinn, denn es relativiert doch vieles, was man sonst so tagtäglich im Fernsehen sieht oder in Zeitungen liest. Vielleicht habe ich ein bißchen den Zauber verloren, die eine hervorragende Rede bei Menschen auslösen kann, denn ich achte mehr auf die kleinen Tricks, wie das Ganze hergestellt wird, die Körpersprache und den dramaturgischen Aufbau.

Was sind deine neuen Projekte? Welche Themen sind für dich besonders wichtig?

Aus der Bundespolitik habe ich mich dem Leben bzw. Überleben von Menschen in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt zugewendet, in dem ein Arbeitsmarkt-Projekt getestet wird. Es ist übrigens ein Ort, durch den ich schon mal bei dem Dreh mit Gysi gefahren bin, beim Wahlkampf. Aber wie es danach thematisch weiter geht, kann ich noch nicht sagen. Jetzt will ich erst mal der Bedeutung von Arbeit im Leben von Menschen nach gehen. Das war mir nach dem Gysifilm ein tiefes Bedürfnis, vielleicht auch, weil ich der Bundestagswelt erst mal wieder normale Menschen um mich haben wollte, deren tagtägliches Leben in der Politik kaum wahrgenommen wird.

Hast du schon eine konkrete Vorstellung, wie deine Zukunft als Filmemacher aussehen soll? Z.B. sog. freier Filmemacher oder zum Film oder zum Fernsehen?

Auch darüber mache ich mir nur wenige Gedanken. Für mich ist wichtig, eine Möglichkeit zu finden, meine Art von Filme zu machen. Größtmögliche Unabhängigkeit ist dabei sicherlich wichtig, aber es widerstrebt mir, eine konkrete Karriereplanung zu machen. Das machen schon genug andere Menschen, das brauche ich für mich nicht. Vielleicht klappt‘s mit dem Filmemachen, vielleicht aber auch nicht. Und so lange das Fernsehen, wie in Deutschland, der Hauptauftraggeber von Dokumentarfilmen ist, führt daran nur wenig vorbei, zumindest wenn man keinen dezidiert künstlerischen Weg geht. Denn von den großen Kinoeinnahmen kann man leider in diesem Genre nicht leben, auch wenn es im Leipziger Dach-Kino voll war und die Leute offenbar gerne ein paar Euro für den Gysifilm bezahlt haben.

Ich bedanke mich für das Gespräch!

Kurt W. Fleming
13. Dezember 2007

Foto: Maik Bialk

Das Cover zeigt im Vordergrund Willy Brandt, eingerahmt von Günter Guillaume [GG] auf der linken und von Markus Wolf auf der rechten Seite. Warum gerade ein solches Motiv gewählt wurde, bleibt wohl ein Geheimnis des Verlages − wenn man bedenkt, daß GG so erfolgreich nicht war, auch wenn der Autor das anders sieht und dabei den KGB-Mann Kondraschow zitiert: “Günter Guillaume, dessen Berichterstattung von solcher Bedeutung war, daß der KGB die Authentizität und Vollständigkeit der Informationen mit Hilfe seiner Quelle in der HV A nachprüfte” (102). Aber wenn man bedenkt, daß seine Aufdeckung den Sturz von Willy Brandt bedeutete, eine Tatsache, die der damaligen DDR-Führung nicht gefallen haben dürfte, wurde doch dessen Nachfolger der gehirntote Antikommunist Helmut Schmidt-Schnauze, dann wäre ein anderes Cover bestimmt besser gewesen.

Der Untertitel verrät die seltsame Handhabung von Begrifflichkeiten. Seit den Zeiten der Tscheka sind alle kommunistischen Spione keine Spione, sondern Aufklärer resp. Kundschafter. Nur die westlichen Spione sind − Spione. Dabei ist deren Tätigkeit mehr oder weniger die gleiche: das Sammeln von Informationen über den jeweiligen Gegner und “Freund”.

Sicherlich unterscheiden sich westliche Gemeindienste von denen des Ostens darin, daß letztere nicht aktiv daran wirkten, westliche Demokratien zu stürzen, so wie dies westliche Geheimdienste versuchten und oftmals auch ihr Ziel erreichten (Guatemala 1954, Chile 1973 usw.). Auf der Seite 100 spricht der Autor von “Spionage” als einem furchterregenden Wort, “das im Duden schlicht mit ‘auskundschaften’ beschrieben ist.” Aber warum dennoch dieser sprachliche Unterschied immer noch gebraucht wird, kann man sich nur damit erklären, daß zwischen beiden Geheimdiensten ein qualitativer Unterschied gedacht wurde.

In dem Prolog, um wohl auch die Notwendigkeit der Existenz einer DDR-Abwehr zu begründen, weist der Autor darauf hin, daß nirgendwo “in Europa … die Sicherheit des Staates einem solchen Druck im kalten Krieg ausgesetzt [war] wie in der DDR. Das zwang sie zu Abwehrmaßnahmen, die auch die Bürger spürten.” (9) In diesem Zusammenhang spricht der Autor − leider unreflektiert − von dem stärksten sozialistischen Staat Sowjetunion (und so auch im folgenden von der DDR), denn was an diesen “sozialistischen” Staaten sozialistisch gewesen sein soll, das beantwortet uns der Autor nicht. Das mag wohl daran liegen, daß er sogar nach mehr als 40 Jahren immer noch nicht begriffen hat, daß die in der DDR existierenden Verhältnisse (die anderen “Bruderstaaten” eingeschlossen) keine sozialistischen waren, denn was nützt alle soziale Sicherheit, wenn grundlegende demokratische Rechte nicht gewährt wurden (so wie heute in der BRD es den meisten Menschen nichts nützt, wenn sie grundlegende Rechte besitzen, aber dennoch sich in zunehmend prekären Lebensverhältnissen befinden).

Erschwerend, sprich manchmal ermüdend, ist der Schreibstil des Autors, der einem oft an den ermüdenden Sprachstil der SED-Führung und mancher Medien (Nachrichtensendung “Aktuelle Kamera”) erinnert.

Und in Bezug auf den Sozialismus spricht er auf der S. 10 tatsächlich von einer “Ausdehnung” desselben und beschließt seinen Prolog mit dem Satz: “Auf dem sozialistischen Weg waren wir.” − Das muß bezweifelt werden.

Der 1929 im jetzigen Polen Geborene durchlebt eine durchschnittliche Jugend, zu der auch seine Mitgliedschaft im Deutschen Jungvolk und in der Hitlerjugend gehörte. Er zählte sich samt seinen Eltern zu den Menschen, die “von Verhaftungen, Hinrichtungen und dem Massenmord in den Konzentrationslagern” (13) nichts erfuhren.

Dann seine erste Begegnung mit Soldaten der Roten Armee. Zwar schreibt er, um sein Kommunistwerden zu begründen davon, daß er und seine Mutter nichts von den Russen zu befürchten hatten, “deshalb flüchteten wir auch nicht nach Westen” (20), aber noch auf der Seite 12 wird die Nichtflucht damit begründet, daß er und seine Mutter aus “Platzgründen” von niemand mitgenommen wurde. Denn hätte es zwei Plätze gegeben, wären auch er und seine Mutter geflohen. Also hier ist schon so was wie eine Legendenbildung zu erahnen.

Daß der Autor heute noch Marxist ist, sei ihm unbenommen, zumal er davon überzeugt ist, “daß Marx’ Ideen über Gesellschaft, deren Funktionieren und deren Entwicklung richtig sind” (21). Dieser Ansicht stimmen wir zu, jedoch ist der Autor nicht in der Lage, diese marxistische Sichtweise auf die Existenz und den Untergang des DDR-”Sozialismus” anzuwenden. Es ist daher mit Recht anzunehmen, daß der Autor nur in einem “religiösen” Sinne ein Marxist ist. Er glaubt an die Richtigkeit des Marxismus, er ist aber unfähig, diesen Glauben in Wissen umzusetzen, sprich: marxistisch zu analysieren. Über die seltsame Art, wie er auf den Untergang der DDR eingeht, wird noch zu sprechen sein.

Mit Recht kritisiert er eine Seite weiter das Verhalten führender SPD-Politiker gegenüber der DDR, also deren Versuch, die DDR in den Westen einzuverleiben. Schon hier wäre es angebracht gewesen, etwas differenzierter auf dieses konkrete Ost-West-Verhältnis einzugehen. Jedoch ist der Duktus seiner Argumentation, wenn man dieses Wort hier überhaupt in Anwendung bringen kann, eindeutig: wir waren die Guten, die anderen waren die Bösen. Kein Wort über die Rolle Stalins, kein Wort über Ulbricht und Co.

Daß in diesem Buch der Autor immer noch einem gewissen starren Denken à la SED verhaftet ist, zeigt auch die unreflektierte Bemerkung: “Die Partei erwartete” (24) usw. Wenn man z.B. einen Parteiauftrag erhielt, hieß es nicht, die und die Genossen erteilten einen Auftrag, sondern es hieß: “Die Partei beauftragt dich”, so als sei die Partei ein eigenständiges Wesen, das nichts mit den einzelnen Mitgliedern etwas zu tun hatte. Aus seiner späteren Einsicht hätte der Autor auch hier kritisch anmerken sollen, daß die Partei im eigentlichsten Sinne Honecker und Mielke waren, sowie deren treuen Adepten in den unteren Rängen. Aber nichts davon: alle weitere Entwicklung in seiner Karriere war im Auftrag “der” Partei: “die Partei hatte so entschieden” (28). Also auch mal “Nein” sagen, das war wohl nicht drin.

Wenn der Autor auf diverse Genossen zu sprechen kam, z.B. aus seiner Dienststelle in Görlitz oder später in Leipzig, dann waren das ausnahmslos Antifaschisten und Kommunisten. Von ehemaligen Sozialdemokraten, die später Mitglied der SED waren, kein Wort: “Unsere Vorgesetzten auf höherer Leitungsebene waren ausnahmslos Antifaschisten − Kommunisten” (30). Ist ihm das selbst nicht irgendwie aufgestoßen?

Ein wichtiges Ereignis in seinem Leben als Stasi-Offizier beschreibt der Autor: es ist der 17. Juni 1953. Hier erwischte es ihn eiskalt, wurde er doch nolens volens vorzeitig zum Stellvertreter der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig ernannt und beauftragt, seinen kränkelnden Chef sofort zu vertreten.

In wenigen Worten gesteht der Autor unumwunden ein, daß die Ursachen der Ereignisse des 17. Juni “im Lande selbst entstanden” waren, “aber durch vielfältige Einflüsse aus dem Westen angeheizt” (32) wurden. Die örtlichen Stasi-Mitarbeiter kannten sehr wohl die schlechte Stimmung in der Bevölkerung, jedoch wurden entsprechende Berichte an die Zentrale von dieser ignoriert.

In diesem Zusammenhang klingt es kurios, wenn der Autor meint (34): “Die Partei versuchten nun, den Schaden zu reparieren”, um eine Seite weiter aber festzustellen, daß zwar einerseits der 17. Juni 1953 “eine wichtige Lehre für die Staats- und die Parteiführung” darstellte, andererseits die daraus resultierenden Schlußfolgerungen “nicht konsequent durchgesetzt” wurden. “Da eine weitergehende tiefgründige Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung fehlte, gingen folglich die politischen und wirtschaftlichen Korrekturen nicht weit genug. … Das Fehlen einer gründlichen Analyse sollte sich 1989 bitter rächen” (35).

Mindestens hier hätte der Autor gerade Kraft seiner Kenntnisse als Abwehroffizier mehr schreiben und darlegen können, besonders in seiner Eigenschaft als überzeugter Marxist. Das Ausbleiben einer näheren Beschreibung könnten wir damit erklären, daß der Autor selbst kein theoretischer Marxist war, sondern nur ein mehr “praktischer”, der gewisse Grundeinsichten des Marxismus besitzt, aber sie nicht analytisch anzuwenden weiß. So gesehen vergibt er sehr viel in seinem Buch.

Das sieht man auch an seiner Einschätzung der Ereignisse in Ungarn. Da wird nur mehr lapidar von “Fehlern der Führung der Partei der Werktätigen” gesprochen, aber mehr von den Aktivitäten der Gegner der neuen Regierung. Auch hier fehlt jede kritische Reflexion: welches Sozialismus-Bild existierte in diesen Ländern und in deren kommunistischen Parteien? Daß hier mehr oder weniger das “sowjetische Modell” übertragen wurde (siehe auch die Stalinisierung der kommunistischen Parteien), das scheint dem Autor entgangen zu sein. Auch der unreflektierte Umgang mit dem Begriff “Sozialdemokratismus” verrät dessen mehr oberflächliches Umgehen mit der konkreten DDR-Geschichte. Und das von einem Insider!

Besonders bemerkbar ist dies mit seiner Ansicht bezüglich des Umgangs mit dem “sozialistischen Recht”. Denn im Mittelpunkt z.B. diverser Schulungen stand seiner Meinung nach “die Einhaltung der demokratischen Gesetzlichkeit” (38). So habe er nie, obwohl auch er Festnahmen anordnete, das Strafgesetzbuch “gegen Andersdenkende, [sondern] nur gegen Gesetzesverletzer” angewendet. Daß dies in der Praxis der Stasi so nicht stimmt, müßte er wissen, es sei denn, daß sein Verständnis, was ein Gesetzesverletzer sei, ein anderes war als wir uns vorstellen. Daß gerade Andersdenkende (wobei ich hier in erster Linie an solche denke, die einen demokratischen, keinen bürokratischen, stalinistischen Sozialismus wollten) zu Gesetzesverletzern gemacht wurden, dürfte ihm als Insider bekannt gewesen sein: ich verweise hier auf Robert Havemann und auf Rudolf Bahro. Bei beiden wurde das Recht eindeutig gebogen, um aus ihrem Andersdenken − eine Gesetzesverletzung zu machen.

Der Autor dieser Zeilen selbst wurde zwar nie von der Stasi als “Andersdenkender” verhaftet, jedoch als “Konterrevolutionär” geziehen und deshalb von der Stasi am 11. Dezember 1979 acht Stunden lang verhört. Der Autor dieser Zeilen verstand sich damals als Marxist, wurde jedoch von den ihn verhörenden Stasi-Offizieren wie ein Klassenfeind behandelt mit der Androhung, ihn ein paar Tage hierzubehalten (hier, das war das Gebäude Dimitroff-Straße 5 in Leipzig). Selbst sein späteres Bemühen, beim Bezirksstaatsanwalt Recht zu bekommen, schlug fehl. Letzterer behauptete gar, der Schreiber dieser Zeilen würde ihm eine Räuberpistole auftischen, obwohl dieser Staatsanwalt wußte, daß dies nicht der Fall war, denn ihm war bekannt, wer in der Dimitroff-Straße 5 seinen Sitz hatte.

Daß der Autor die am 13. August 1961 gebaute Mauer rechtfertigt, ist nicht überraschend. Aber es verleitet ihn zu der aus unserer Sicht falschen Annahme, durch sie den Rücken für den “Aufbau des Sozialismus” freizuhalten, denn die Lage im Lande begann sich zu stabilisieren. Aber um welchen Preis?!

Diesen Preis genau zu benennen, gelingt dem Autor nicht. Er scheint es tatsächlich ernst gemeint zu haben, als er von der Existenz eines sozialistischen Bewußtseins in den Arbeitskollektiven sprach und sich zugleich wundert, daß dies nicht standhaft genug war angesichts der “alltäglichen Unzulänglichkeiten in der DDR” (46).

Sehr ausführlich sowie leb- und bildhaft beschreibt der Autor seinen ersten Auslandseinsatz auf der Insel Sansibar (49-67). Der Autor wurde dorthin mit dem Auftrag geschickt, in der 1964 ausgerufenen Volksrepublik Sicherheitsorgane aufzubauen, welche die junge Republik vor innere und äußere Feinde schützen sollte. Sansibar, so erfährt man hier nebenbei, war das erste Land, in dem die DDR ihre erste Auslandsvertretung außerhalb der damals existierenden “sozialistischen” Länder hatte. Jedoch war der Druck der BRD so stark, daß der Status der Botschaft auf den eines Konsulates zurückgeschraubt wurde. Auch berichtet er von den dortigen Eigenheiten der Lebensweise, der Glaube an Geistern und Medizinmännern, das Wirken anderer Großmächte wie die UdSSR und die Volksrepublik China. Gerade hier machte der Autor auf die schon damals existierenden Spannungen aufmerksam, auch darauf, daß die Sansibaris, also hier die revolutionäre Regierung, zu den Chinesen einen direkteren und innigeren Kontakt hatten als zu den Sowjets, zu denen wiederum − natürlich − unser Autor ein “besonders freundschaftliches Verhältnis” (63) hatte. Interessant, wenn auch leider sehr kurz, beschreibt er seine erste und einzige Begegnung mit Che, der sich damals in Afrika aufhielt, um dort seinen rebellischen Intentionen nachzukommen. Worin sich der Autor hier aber positiv von anderen SED-Genossen unterscheidet, ist, daß er Che nicht in ein Klischee à la “Trotzkist”, “Maoist” und/oder “revolutionärer Kleinbürger” steckt, sondern ihn als eine starke Persönlichkeit wahrnimmt, der sich in Afrika aufhielt, “um den Befreiungsbewegungen in einigen Ländern solidarische Unterstützung zu geben”, ein aber mißlungener Einsatz, der Che dazu trieb, bald wieder Afrika zu verlassen.

Nach seinem Weggang von Sansibar stieg der Autor auf eine − wenn man so will − höhere Ebene ein: er wechselte von der Abwehr in die − Aufklärung [auf gut Deutsch: in die Spionage]!

Interessant ist dabei, wie der Autor dies umschreibt: angesichts der Tatsache, daß die DDR auf den Status zusteuerte, Mitglied der UNO zu werden, stieg die Notwendigkeit einer verstärkten Aufklärungs- resp. Spionagearbeit in Richtung USA, war dies Land doch, wie der Autor richtig vermerkt, “der stärkste Gegner des Sozialismus” (67), auch wenn es nur ein bürokratischer resp. undemokratischer Sozialismus war.

Bei diesem Kapitel, was auch von ehemaligen Mitarbeitern westlicher Geheimdienste anerkannt wird, ist es die gegenüber der UdSSR anders gewählte Methode der Spionagetätigkeit, von der der Autor berichtet, nämlich die Präferierung der “illegalen Methode”, zumal die den Vorteil hatte, “daß die jeweiligen Kundschafter [der Autor meidet hier wie der Teufel das Weihwasser den Begriff "Spion"!] in ihrem Operationsgebiet der gegnerischen Abwehr unbekannt waren.” (68) Des Autors Meinung nach erwies sich dieser Weg “schließlich als eine der Ursachen ihrer [der HV A] Erfolge, vor allem in Westeuropa”. Erst der Abschluß der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR von über 100 Staaten waren seiner Meinung nach der Beginn, auch den “legalen Weg” zu nutzen.

Hauptaugenmerk der ausländischen Stasi-Aktivitäten war nicht nur der Aufbau einer gewissen “Aufklärungskapazität” (68), sondern mehr noch der meist erfolgreiche Versuch, “dort [in den USA] in nützliche berufliche Positionen einzudringen, die uns zunehmend wertvolle Informationen lieferten”. (68) Anders formuliert: neben Residenten sollten auch IM’s angeworben werden, die hier einer ganz besonderen Definition unterworfen wurden: “… die aufgrund ihrer persönlichen Eigenschaften, Fähigkeiten und Verbindungen die Perspektive besitzen, in für die Aufklärung interessante Objekte zu gelangen” (70) − wie man sieht, eine andere Definition von IM wie solche in der DDR. Denn letztere waren eher stümperhafterer Natur, wenn man bedenkt, was sie alles von ihren Mitbürgern und engsten Freunden ausspionierten!!!

Daß nicht alles Sonnenschein war, zeigt er an diversen Beispielen. So wurde zwar z.B. Eberhard Lüttich erfolgreich im Westen eingesetzt, jedoch nicht lange, denn er wurde bald verhaftet. Andererseits konnte aus den dadurch eingetretenen Schaden schnell gelernt werden, gelang es doch wiederum einem anderen Agenten, “die Akte von Lüttich mit dessen Aussagen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz” (70) zu beschaffen.

Mit einer gewissen inneren Freude schreibt der Autor von seinen Aktivitäten auf diesem Gebiet und auch davon, daß es sich ihm verbietet, “konkreter zu werden, um nicht noch Spuren zu legen angesichts der amerikanischen Justizwillkür” (73), eine Haltung, die Respekt abverlangt.

Wie wir schon oben in bezug auf die Situationen am 17. Juni 1953 verwiesen wie auch generell in bezug auf das, was damals wie heute unter “Sozialismus” verstanden wurde und wird, gelingt es dem Autor nicht, eine wirklich überzeugende Analyse vorzulegen. Das kehrt auch wieder in seiner Einschätzung der Ereignisse in der CSSR 1968. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch sehr gut, wie − meist schlechte − FDJ-Funktionäre versuchten, uns die Situation in der CSSR als eine konterrevolutionäre darzustellen, ohne auf Details einzugehen, also den berechtigten Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu verwirklichen.

Auch Geyer kommt aus dieser selbst gestellten Falle nicht heraus. Er definiert den “dritten Weg” zwischen Kapitalismus und “realem Sozialismus” als eine “Annäherung unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme” (78). Der Autor erwägt mit keinem Wort, daß dieser dritte Weg auch das hätte bedeuten können, was einst Gorbatschow, wenn auch vergeblich, versuchte, nämlich eine Entstalinisierung sowie Demokratisierung der damaligen sowjetischen Verhältnisse und das, was heute die Partei Die Linke unter Sozialismus versteht.

Um das “Konterrevolutionäre” an den tschechischen Ereignissen zu belegen, wird Ota Sik zitiert; andere Belege für eine gegenseitige Entwicklungsmöglichkeit werden erst gar nicht genannt, eher spricht er von seinen trotzigen Verhaltensweisen wie die geballte Faust, die er gegenüber Sowjetsoldaten als Ausdruck seiner Solidarität erhob. Mit Recht erwähnt er manch ungerechtes Verhalten tschechischer Bürger gegenüber den Soldaten, waren sie doch nur eine Modalitätsmasse in den Händen der Herrschenden.

Als kurios sei hier noch erwähnt, was weder dem Autor noch dem Lektor noch dem Herausgeber aufgefallen ist: Geyer läßt Josef Degen in der CSSR (!!!) geboren sein, der “bis 1946 leitende Funktionen in der KPC” (80) bekleidete. Das dieser Mann eher in der CSR statt in der CSSR geboren wurde, scheint allen in ihrem “sozialistischen” Überschwang entgangen zu sein. Echt peinlich!

In seine Zeit als Leiter der Abteilung IX (Bearbeitung westlicher Geheimdienste) fällt auch die Agentin Gabriele Gast, die jedoch durch Verrat seitens Karl Großmanns verhaftet wurde, die Großes leistete, also jene Ergebnisse zeitigte, für die das MfS besonders bekannt und von anderen Geheimdiensten beneidet wurde. Er machte aufgrund dieses Verrates aus seinem Herzen keine Mördergrube, für ihn was das “eine große Enttäuschung” (85). Bei der Bewertung dieses Verhaltens von Großmann macht er dann auch eine typische “Entdeckung”: Kriminalität ist eine dem Kapitalismus immanente Eigenschaft; unter sozialistischen Verhältnissen eher “ein menschliches Problem”. Wie also Kriminalität tatsächlich in einer angeblich sozialistisch strukturierten Gesellschaft entsteht, mußte einem “sozialistisch” geschulten Diplom-Juristen unklar bleiben. Was da in seiner An- und Einsichtnahme “marxistisch” sein soll, das bleibt sein Geheimnis.

Was auch negativ auffällt, sind seine Formulierungen gegenüber den Bürgerrechtlern, die er davor mit dem Adjektiv “sogenannte” tituliert, so wie heute Kurt Beck von der sogenannten “Linken” spricht, womit allgemein bekannt die Partei Die Linke gemeint ist.

Geyers Problem ist, wie schon oben mehrfach erwähnt, seine Unfähigkeit einer wirklich marxistisch fundierten Analyse der realen Verhältnisse in der DDR. Daß der Westen selbstredend daran interessiert war, den “Ostblock” zu zerstören, ihn mindestens zu “sozialdemokratisieren”, ist klar. Aber immer und immer wieder zu behaupten, daß der Westen etwas zerstören wolle, was faktisch nicht existierte, nämlich den Sozialismus, grenzt bei Geyer schon an kindlicher Naivität, die bei Kindern nachvollziehbar ist, nicht aber bei einem mittlerweile 79jährigen Mann mit all seinen Erfahrungen, aber leider mangelnden Einsichten. So wundert es nicht, daß er wiederum sich wundert, “warum sich die Völker der europäischen sozialistischen Ländern derart [der Autor meint hier Gorbatschow und Co.] verraten ließen.” (95) Fünf Zeilen weiter oben nennt er sich wieder einen “Marxisten”. Natürlich kommt er nicht umhin darauf aufmerksam zu machen, daß das Mißtrauen der Führung gegenüber dem “eigenen” Volk falsch war, aber immer und immer wieder fehlt eine tatsächliche marxistische Analyse. Aber halten wir auch hier fest: Geyer ist ein Macher, kein Theoretiker. Sein ganzes Buch leidet an dieser seiner Unfähigkeit, tatsächlich den Untergang der DDR marxistisch zu analysieren.

Wenn denn von inneren Fehlern gesprochen wurde, dann war diese Nennung eher marginal; Oppositionsgruppen wurden eher als eine “oft vom Westen inspirierten Entwicklung” (126) angesehen statt als ein Reflex eben der inneren Verhältnisse. Das müßte auch einem selbsternannten Marxisten klar sein. Warum z.B. Günter Mittag, Wirtschaftssekretär des ZK der SED, “interessante Vorschläge zur Entwicklung einer effektiven Volkswirtschaft” (108) nicht aufgriff, das beleuchtet der Autor nicht. Vielleicht wäre er darauf gestoßen, daß die Fehlentwicklungen nicht nur ein menschliches Problem war (gemachte Fehler), sondern auch ein strukturelles, sprich: das die in der DDR grassierende Sozialismusvorstellung im krassen Gegensatz zu grundsätzlichen marxistischen Prinzipien stand. Zwar hieß es, daß z.B. auch in der DDR eine Diktatur des Proletariats herrschte, jedoch: das Proletariat herrschte nicht, eher waren es nicht gerade von Geist durchdrungene ehemalige Proleten, die sich an der Führung befanden und schon recht weit weg von der “real-sozialistischen” Wirklichkeit lebten. Der Autor selbst spricht ja von dem “Mißtrauen der politischen Führung der DDR” (127) gegenüber dem “eigenen” Volk und daß statt Vertrauen eher staatliche Machtmittel zum Einsatz kamen (was der Schreiber dieser Zeilen aus eigenem Erleben bestätigen kann).

Tatsächlich schreibt der Autor: “Der Zusammenbruch des sozialistischen Lagers resultierte nicht allein aus inneren Widersprüchen, sondern war − wie heut zweifelsfrei belegbar − Ziel und Ergebnis westlicher Politik.” (133) Aber westliche Politik hat nur in dem Maße Einfluß auf eine (auch negative) innere Entwicklung, wenn eben diese inneren widersprüchlichen Verhältnisse eine äußere negative Beeinflussung befördern. Gerade das vom Autor so positiv erwähnte revolutionäre Kuba war und ist doch in der Lage, trotz der immanenten inneren Widersprüche, sich erfolgreich gegen die heftigen westlichen Einflüsse zu behaupten; vielleicht auch deshalb, weil das, was in Kuba Sozialismus genannt wurde, tatsächlich vom Volk erkämpft wurde im Gegensatz zu den meisten osteuropäischen “sozialistischen” Ländern, die auf Grund der Präsenz sowjetischer Truppen als Ergebnis des 2. Weltkrieges einen Sozialismus sowjetischer Prägung aufgedrückt bekamen. So wundert es nicht, daß kurz am Ende seines Buches der Autor resigniert sich fragt (und darauf auch keine Antwort zu geben vermag): “Es ist noch immer unverständlich, wie die sozialistische Staatengemeinschaft, … sang- und klanglos untergehen konnte. Diese territorial und sozial begünstigenden Bedingungen sollten nicht ausgereicht haben, auch mit Entwicklungsproblemen fertig zu werden?” (138) Und was des Autors “Marxismus” Hohn spricht, ist doch tatsächlich seine Annahme, daß weniger die größere wirtschaftliche Effektivität der kapitalistischen Wirtschaft das jetzige Ergebnis (den Untergang des “Weltsozialismus”) verursacht habe, sondern eher der längerfristig vorbereitete Gesinnungsumschwung “einiger weniger verantwortlicher Politiker der damaligen UdSSR” (138). Auch wenn Gorbatschow und Schewardnadse dies auch so später bestätigten, ist doch deren Verhalten eher vergleichbar mit der Person, die als Letzte das Licht ausmacht. Der Autor erwägt mit keinem Gedanken die Möglichkeit, daß der Untergang dieser Form von Sozialismus in erster Linie strukturelle Ursachen hatte, also tatsächlich systemimmanent war, wenn man sich vor Augen hält, wie tatsächlich mit Demokratie umgegangen wurde, mit Meinungsfreiheit, mit dem schöpferischem Potential des Volkes dieser Länder. − Und daß der Autor Mao Tse Tung für einen − Kommunisten hält (143), spricht schon für sich, war es doch auch dieser “Kommunisten”führer, der ein großes Land in den politischen und wirtschaftlichen Ruin führte und mit verantwortlich dafür ist, daß China nur noch formal ein sozialistisches Land ist, real jedoch ein staatskapitalistisches Konglomerat mit imposanter Wirtschaft und zwergenhafter Demokratie.

Bei all dem bisher hier Geschriebenen verwundert es nicht, daß der Autor nicht Mitglied der PDS ist, resp. jetzt Mitglied der Partei Die Linke. Ausgerechnet Geyer macht der Linkspartei den Vorwurf, daß ihm im Programm dieser Partei “eindeutige Positionen zur Vergangenheit und Zukunft auf marxistischer und leninistischer Grundlage” (144) fehlen.

Es ist der Autor, der komplett unfähig ist, auf der Grundlage marxistischer und leninistischer Positionen 40 Jahre DDR zu erklären und die Gründe ihres Untergangs herauszuarbeiten.

Und ausgerechnet solche Parteien wie die DKP und die neu gegründete KPD, deren Mitglieder sicherlich um einen Tisch Platz finden, genießen bei ihm mehr Ansehen als die Partei Die Linke. Dabei sind gerade letztere Parteien noch heute nicht in der Lage, den Untergang des “Weltsozialismus” tatsächlich herauszuarbeiten und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen.

Halten wir abschließend fest: das Buch zu lesen empfiehlt sich wegen vieler Details, von denen der Autor aus seiner 40jährigen Tätigkeit berichten kann. Man kann schon ohne Vorbehalt sagen, daß er sich bemühte, wahrheitsgemäß zu schreiben. Was das Lesen dieses Buches aber zugleich erschwert, ist das Fehlen einer tatsächlich auf marxistischen und leninistischen Grundsätzen beruhende Analyse. Das reduziert die in diesem Buch vom Autor angenommene Glaubwürdigkeit.

Heinz Geyer: Zeitzeichen. 40 Jahre in Spionageabwehr und Aufklärung. Edition Zeitgeschichte Band 8, Kai Homilius Verlag Berlin 2007, 160 Seiten, Euro 12,80

Kurt W. Fleming

1. Einleitung

Die Gesamtausgabe Heideggers ist wieder um einen Band reicher. Als Band 81 ist das Buch “Gedachtes” 2007 erschienen. Wird damit auch der Leser reicher? – Ich denke: ja. Das meiste, was in diesem Band versammelt ist, ist seinem Inhalt nach allerdings auch in anderen, vor allem in den späten Texten Heideggers verständlicher ausgeführt zu finden. Wer mit Heideggers Schriften vertraut ist, wird also kaum inhaltlich Neues finden. Ja selbst der gesamte Band ist eine sich permanent wiederholende Inhaltsgleichheit in sprachlicher Variation. Das aber sollte nicht verwundern, denn so wie nach Heidegger jeder Dichter nur aus einem einzigen Gedicht dichtet, so denkt auch der Denker nur einen Gedanken. Warum ist dieser Band trotzdem nicht nur für Heidegger-Exegeten und auf Vollständigkeit versessene Philosophiehistoriker interessant? Etwa, weil sich die Darstellungsform geändert hat? Dieser Frage will ich im Folgenden nachgehen.

Der Band wurde von der Herausgeberin Paola-Ludovika Coriando in vier Teile untergliedert. Im ersten Teil befinden sich Frühe Gedichte, Briefe und “Gedachtes”. Es sind Texte, die Heidegger seiner Braut und späteren Ehefrau Elfriede Petri schickte oder schenkte. Der zweite Teil berichtet “Aus der Erfahrung des Denkens”, d. h. hier schildert Heidegger in 16 unter verschiedenen überschriften versammelte Textstücke seine so genannten “Denkerfahrungen”. Diese sind entweder selbst als “Gedachtes” deklariert oder Kommentare zu dieser Textsorte. Hinzu kommen 18 Texte, die unter dem Titel Winke bereits im 13. Band der Gesamtausgabe unter dem gleichnamigen Titel erschienen sind. Die meisten der Texte aus dem zweiten Teil stammen aus den 30er und 40er Jahren. Der dritte Teil ist eine Sammlung von Texten, die unter die überschrift “Gedachtes für das Vermächtnis eines Denkens” gestellt wurden. Sie stammen vorwiegend vom ganz späten Heidegger. Der letzte, vierte Teil schließlich ist ein Sammelsurium von Texten und Textsplittern, die folgerichtig unter die überschrift “Verschiedenes” gestellt wurden. Ihre zeitliche Datierung erstreckt sich über beinahe die gesamte Schaffenszeit Heideggers.

Die Textform des “Gedachten”, so unterstreicht die Herausgeberin gestützt auf die Selbstauskünfte des Autors, stellt eine eigene Gestalt des Denkens dar. Sie unterscheidet sich vom philosophischen Werk im strengen Sinne – wie auch, und vor allem, vom Gedicht. Dem äußeren Anschein nach sehen die Texte wie Verse und Reime, also wie Gedichte, aus. Sie sind es aber nicht, betont Heidegger. Vielmehr sind sie das denkerische Pendant zu Gedichten. Bei der Benennung dieser Textsorte “spielt” Heidegger mit der deutschen Sprache, indem er dichten und denken in eine (lexikalische) Analogie zwingt, denn so wie das (gelungene) “Produkt” oder Ergebnis des Dichtens “das Gedicht” bzw. “Gedichtetes” ist, so soll das “Produkt” oder “Ergebnis” des Denkens nicht etwa “der Gedanke”, sondern – in Abgrenzung zu diesem für Heidegger metaphysischen Begriff des Denkens – vielmehr “das Gedachte” bzw. ohne Artikel und damit noch präziser: “Gedachtes” sein. – Wie ist diese “differenzierende Abgrenzung” zu verstehen?

Heidegger selbst begründet seine Textsorten-”Erfindung” vor allem damit, dass die nun “Gedachtes” genannte Darstellungsform es erlaube, erstens Sätze, vor allem Aussagesätze, zu vermeiden und zweitens “alle Füllwörter zu übergehen”. Zum Dritten aber nimmt sich diese Form die alte Sprache der ersten Denker zum Vorbild, von denen meist nur spruchartige Fragmente überliefert sind. An ihre Art des Denkens will sich Heidegger sozusagen herandenken. – Doch wozu dies alles? Ist die in der Philosophie üblicherweise genutzte aussagenlogische Form des Sprechens und Schreibens nicht ausreichend, um Phänomene adäquat zu beschreiben und zu benennen? Für Heidegger offenbar nicht. Warum?

Um diese Frage nur annähernd beantworten zu können, muss weiter ausgeholt werden. Es muss das denkerische Projekt Heideggers zum Thema gemacht werden. Ganz entscheidend für dieses Projekt ist Heideggers phänomenologische Methode einerseits, seine sich durch sein gesamtes Denken kontinuierlich durchziehende Frage nach dem Sinn von Sein andererseits. Beide Aspekte, also phänomenologische Methode und Fragestellung, gestalten sich bei Heidegger zu einer immer engeren Beziehung. Im Verlauf des Fragens bohren sich sowohl Methode als auch Seinsfrage sich wechselseitig hinterfragend immer weiter durch die Geschichte der Philosophie und ihre Paradigmen. Dabei bildet die propositionale Form der begriffslogischen Arbeit nur den modernen Ausgangspunkt, den Heidegger im Laufe seines Denkweges aufgrund der prädikativen Struktur und der an Geltung orientierten Objektivierungstendenz usw., kurz in ihrem apophantischen, also behauptenden Charakter hinter sich lassen will. Dagegen setzt er die Einbeziehung der Vielfalt der sprachlichen Möglichkeiten. Diese reizt er immer weiter aus. Für viele Leser sind deshalb vor allem die späten Texte – und dazu gehören auch die meisten Texte, die im Band Gedachtes zusammengefasst sind – eine “Zumutung”. Dass diese “Zumutung” nicht zynische Scharlatanerie, Ironie oder bloßer Spieltrieb, sondern bewusste Intention und folgerichtige Konsequenz des Heideggerschen Sprachdenkens ist, möchte ich im Folgenden erläutern.

2. Heideggers Sprachdenken

Die Auseinandersetzung mit Heideggers Denken und Sprache setzt auch einige Barrieren. Heideggers Sprachdenken gehört nämlich zu jener Art der Philosophie, die Menschen nichts geben kann, die sich auf ihre Grundgedanken und dessen Nachvollzug nicht reichlich weit einzulassen bereit sind. Das halten viele bei den frühen Arbeiten noch für tolerabel. Sein und Zeit und die frühen Qualifizierungsarbeiten strotzen von logischer Systematik und begrifflicher Analytizität und reizen die philosophisch-begriffsanalytische Leidenschaft, obwohl auch hier schon dem Leser sprachlich einiges zugemutet wird. Aufgrund dieser in der Wissenschaft allgemein hoch geschätzten analytischen Qualität hält Sein und Zeit und sein Autor auch unter vielen analytischen Philosophen dem Vergleich mit Hegels Phänomenologie des Geistes, mit Platons Politeia oder Kants Kritik der reinen Vernunft stand. Für seine sprachlichen Zumutungen entschuldigt sich Heidegger mit einer Analogie. Das “Unerhörte der Formulierungen”, das den Griechen von ihren Philosophen zugemutet worden sei, das sei noch gar nichts im Vergleich zu der “Umständlichkeit der Begriffsbildung” und der “Härte des Ausdrucks”, die Heidegger als jemand einsetze, der die ontologische Fragestellung auf die Spitze treiben möchte. Er fasst also Platon und Aristoteles als Spracherneuerer und seine Vorbilder auf, die z.B. gegenüber dem historischen Abschildern des Gewesenen eine neue analytische Tiefe der Phänomenerfassung erreichen.

Doch weiß Heidegger auch, dass er die Grenzen der Verständlichkeit akzeptieren muss, um von seinen Hörern und Lesern verstanden zu werden. Sprachliche und inhaltliche Freiheitsgrade sind also nur bedingt und – das ist wichtig! – bestenfalls nach und nach in sich steigernder Abkehr zur traditionellen Terminologie und zum bisher eingewöhnten Denken zu erwerben. Schon daher ist ein Nachvollzug seines Denkens von den frühen, dem philosophischen “Normaldiskurs” entspringendem Denken bis in die späten Schriften beinahe unabdingbar, will man seine späte Philosophie nicht im Kern missverstehen. Diese überzeugung von der Notwendigkeit des Nachvollzugs des Denkweges versucht Heidegger auch selbst denkend vorzuexerzieren. Der Sprache misst er dabei scheinbar ein größeres Potential zu als dem Sprechenden, was ihm den Vorwurf der Hypostasierung der Sprache eingebracht hat. Konsequent nutzt er beinahe alle Möglichkeiten, die das Deutsche – hierin dem Griechischen ähnlich – gewährt: eine Kombination und Mischung aus unüblichen Substantivierungen und Verbalisierungen, etymologischen übertragungen in Verbindung mit Analogiebildungen, Metaphorik, andere Tropen, Bindestrichworte, Wortfeldausweitungen, ungewöhnliche Konnotationen, Homophonie, Kreierung von Synonymen und Antonymen, freie Verfügung über Prä- und Suffixe, Polysemie, lyrische Metrik, Reim- und Versformen usw. Der Charakter seiner späten Texte wechselt dabei zunehmend vom Prosaischen ins Poetisch-Pathetische. Statt der Sprache zur Beschreibung und Erörterung seiner Phänomene die nötige Ausdruckskraft begriffsanalytisch abzuringen, geht Heidegger zunehmend über zu einer andachtsvollen, besinnlich-meditativen, ja zuweilen auch gebetsartigen Haltung des Bittens und Dankens für die “Gabe der Sprache”.

Vor allem drei Eigenarten machen Heideggers Sprachdenken einem vollständigen positiven Urteil entgegen jedoch von Anfang an für die wissenschaftlich-analytische Tradition verdächtig: 1. dass Heideggers Entwurf wesentlich eine Philosophie der Praxis des Denkens ist, d. h. sie versteht sich selbst als ein “Unterwegs- oder Auf dem Wege sein”. So auch z.B. der Titel eines seiner späten Texte. Damit aber bietet sie keine festen begrifflichen Definitionen, an die man sich halten könnte. 2. Heideggers Philosophie hat keinen genuinen Gegenstand. Sie will nichts anderes außer sich selbst, will nur „Denken“ sein. Das Phänomen, das sie zu fassen sucht, unterscheidet sich von allen dinglichen, psychischen, abstrakten Phänomenen und lässt sich deswegen auch nicht mit begrifflichen Mitteln aufspüren, denn es geschieht vor aller Aufspaltung in Unterschiede, in Merkmalsklassen, Eigenschaften und Zwecke. Damit aber muss Denken mehr umfassen als begrifflich-analytisches Denken, wie Philosophie und Wissenschaften es (immer wieder auch erfolgreich) vorführen. 3. Heideggers Philosophie ist einweisendes, zeigendes und im Wesen „undialogisches“ Denken, wenn nicht gar nur ein “Zuhören”. Das heißt, dass die Hauptinterpretationslast der Rezipient zu tragen hat. Diese Last wird im Laufe seines Denkens immer größer. Auch deshalb sind Heideggers Schriften eine Zumutung. Dies aber ist offenbar, wie gezeigt werden soll, von Heidegger vor ihrer Verfassung wohl bedacht worden. Eine Annäherung an diese Texte muss daher damit beginnen, die definitorisch-apodiktischen Zuordnungen – gläubig oder in einem Sich-Einlassen nach Art eines Als-ob – als solche – sozusagen so wie Axiome – erst einmal hinzunehmen und eine Weile lang deren Leistungsvermögen im Nachvollzug des Vorgeführten ermessen lernen. – Was Heidegger von seinen Lesern verlangt, ist also eine Form des Einübens in eine “neue” bzw. uralte, zumindest aber andere Form, ja – in Anbetracht der axiomatischen Vorgaben – vielleicht sogar eine andere “Logik” des Denkens. Vieles darin erinnert dann auch an die ostasiatische Lehre des Zen (Buddhismus), ohne diese allerdings zu kopieren.

Heideggers Sprachreflexionen fangen aber nicht erst im Spätwerk an, sondern sind bis zu seinen ersten akademischen Schritten, d. h. seiner Dissertation, zu verfolgen. Es sind dort vor allem sprachlogische überlegungen. Da, wie auch später, sind die überlegungen an zwei Hauptfragen geknüpft: Das sind zum einen die Frage nach der Idee und Aufgabe der Philosophie und zum anderen die Frage nach der richtigen, d.h. einer phänomenadäquaten Methode. In der Habilitationsschrift radikalisiert er seine überlegungen: “Die Dinge sind so, dass sie den idealen Bedeutungsgehalt unserer Begriffe nur in analoger Weise erfüllen”, schreibt er z.B. Das heißt, sie sind im Grunde noch viel mehr und anderes, als was sie im homogenen Medium der strengen Begriffe darstellen. Jedes “Seiende” ist für Heidegger in sich etwas Unausschöpfliches, das in diesem Reichtum nicht erfasst wird, wenn man es heterogenisiert und in homogene Reihen stellt. Denn auf diese Weise werde jegliches “Seiende” immer gegenständlich gedacht. Sein Bedeutungsgehalt gehe aber darüber hinaus. Die Phänomene sind reicher. Sie müssen in diesem ihrem Reichtum gerettet werden.

Bereits in seinen frühen Schriften schrecken Heideggers Phänomenrettungsversuchen vor sprachlichen Neuschöpfungen nicht zurück. Zu seinen sprachlichen Zumutungen gehören z.B. ungewöhnliche Substantivierungen und Verbalisierungen wie z.B. “die Vorhabe” und “es weltet”. Bindestrickkonstruktionen wie “In-der-Welt-sein” tauchen dahingegen verstärkt erst Mitte der 20er Jahre, vor allem dann in Sein und Zeit auf. Wenn man sich mit dem Gesamtwerk Heideggers vertraut gemacht hat, wird erkennbar, dass also schon beim jungen Heidegger nicht die univoke, Bedeutung identifizierende und fixierende Logik, sondern die gesprochene Sprache und die lebendige Rede in ihrer Geschichtlichkeit, Bedeutungsvielfalt und in ihrer verdichteten Gestalt als gut memorierbarer Spruch, Sentenz, Gnom oder Aphorismus als die “angemessenere Darstellungsform” der Philosophie aufgefasst, aber noch nicht eigens umgesetzt wird.

Die Beharrlichkeit und Treue, mit der Heidegger z.B. auch nach der so genannten „Kehre“ die von ihm verwendeten Schlüsselwörter in den neu-alten Bedeutungskonglomeraten belässt und an ihnen festhält, zuweilen lediglich ein “i” zu einem “y” werden lässt, ansonsten aber seinen Denkweg inhaltlich einfach weiter abschreitet, zeigen für mich den Grad der inneren Bindung an den eigenen philosophischen Anspruch, mit der Heidegger seinem Projekt nachgeht, an. Ziel ist es sozusagen: hinter die (metaphysische) Tradition zurückzudenken und nicht, sich an deren Spitze zu bringen. Das heißt, statt wie die sprachanalytischen Denker immer weitere Unterkategorien, Sequenzen und zersplitternde Fragestellungen nachzugehen, zieht es Heidegger in die diametral entgegen gesetzte Richtung. Diese entgegengesetzte Richtung ist zugleich die der Vereindeutigung und damit Vereinseitigung der Begrifflichkeit vorausliegende, weniger aufgegliederte Richtung. Er will “das Sein” nicht aus einem oder der Summe mikroskopischer Details begreifen wie die moderne Wissenschaft und Technik, sondern umgekehrt aus einer Ganzheitlichkeit verstehen lernen. Dieser Ganzheit, so Heideggers überzeugung, muss “das Sein” entsprechen. Das Sein muss sozusagen eine Einheitlichkeit bzw. “Eines” sein, aus dem die Vielfalt des “Seienden” entspringt und das selbst nur durch ein bzw. “die Ereignis” sozusagen “zur Welt” kommt. Der weibliche Artikel ist dabei kein grammatischer Lapsus, sondern Programm.

Festzuhalten ist also für unseren Zusammenhang, dass Heidegger aus inhaltlichen Gründen auf der Suche nach einer sprachlichen Darstellungsform ist, die eine solche Einheitlichkeit auszudrücken vermag. Einem begrifflich-philosophischen Denken, das für ihn sezierend oder metonymisch-zerteilend, logisch- analytisch, konventionell, grammatisch begrenzt, unterscheidend, kritisch, prosaisch, vereindeutigend, situationsinvariant und daher a-zeitlich usw. ist, setzt er ein Sprachdenken entgegen, das sozusagen den entgegen gesetzten “Kriterien” gehorcht, gleichzeitig aber die Leistungsfähigkeit der analytischen Begrifflichkeit in sich aufbewahrt. Statt “sezierend-zerteilend” soll sein Denken “verdichtend” und “ganzheitlich”, statt “logisch-analytisch” soll es “analogisch” und “metaphorisch” sein, statt “situationsinvariant” soll es “handlungssituiert” und “geschichtlich” und damit sich durch Zeitlichkeit ausdrücken, statt “vereindeutigend”, “konventionell”" (be)rechnend” und “technisch” soll es “lebendig”, “mehrdeutig”, “etymologisch tiefschürfend” und eventuell auch “kreativ” sein. Es soll ins Ganze integrierend, d. h. holistisch und synekdochisch sein. Vor allem aber soll es verdichtend und verdichtet, quasi-poetisch sein, so wie die Sprüche des Heraklit, des Anaximander oder des Parmenides. In deren Sprüchen ist etwas bewahrt, dass die subjekthypostasierende abendländische Philosophie späterhin verloren bzw. “vergessen” hat. Das Vergessene oder Verlorene ist das, was Heidegger die “Nähe zum Sein” oder zu den “Göttern” nennt.

Das An-den-Anfang-der-Tradition-zurückwollen ist also nicht nur eine schicke formale und methodische Umkehrung bzw. Blickwendung Heideggers, die sich überdies auch in der Darstellungsform ausdrücken lässt, sondern ist selbst inhaltlich begründet. Diese inhaltliche Fundiertheit von Heideggers Sprachdenken lässt sich auch an seinen vorwiegend späten Texten unter dem Titel “Gedachtes” – in Analogie zum “Gedicht”, skizzenhaft interpretieren.

Das, was Heidegger in „Gedachtes“ versucht, ist keine Dichtung im Sinne der heute verstandenen Lyrik, vielmehr ist es Denken, das versucht, an die ultimativen menschlichen und damit zugleich weltlichen Ursprünge, auf sprachlichem, aber nicht sprachempirischem Wege – und damit der Ausgangsfrage nach dem “Sinn von Sein” – zurückzudenken. Dieser Weg beginnt von einem Jetztpunkt aus, an dem einerseits schon viele Erfahrungen vergessen und verschüttet sind, andererseits geschichtlich aber erst die Möglichkeit besteht, den Rückschritt zum Ursprung überhaupt erst soweit zu wagen. Das Aufsammeln der geschichtlichen Bedeutungssplitter in der “späten ringen Lese” ist dabei einerseits nur noch “gering”, andererseits oder besser außerdem bringt es vor allem Tautologisches, kreisartiges zum Vorschein, was auch heißen kann, dass der Mensch, wenn auch nur zum Teil, potentiell zumindest immer schon eingeweiht ist in das Geheimnis des “Seins” qua eine Sprache sprechen. Das apriorische Perfekt “immer schon” deutet an, dass es nicht um Empirie oder die Entwicklung der Sprache als System geht, sondern um ein “Sagen”, d.h. ein Folgen von Spuren, in denen sich sozusagen das “Sein” in seiner “Nähe” zeigt, wo sozusagen “Götter anwesen”, um mit Heraklit und Hölderlin zugleich zu sprechen. Diese Dimension der “Seinsnähe” ist das Ziel Heideggers. In diese offene und damit freie Dimension des Sichzusprechens bzw. Angesprochenwerdens durch “das Sein” gilt es zu gelangen, denn nur aus der Offenheit lässt sich ein neuer Anfang denken, der heimischer ist als das technisch-industrielle Zeitalter, indem alles vereinseitigt, verrechnend und vernutzend zugeht. Die “Europäisierung der Welt” mit ihrer Hypostasierung des Subjektes, wie Heidegger an vielen Stellen betont, ist deshalb eine Fehlentwicklung der Menschheit, deren Weichen im Anfang der Philosophie und Wissenschaft zu suchen sind, nämlich dort, wo der Mensch zum “Maß aller Dinge” geworden ist und davor noch, wo alles in “Anwesenheit” und der Mensch als “Erkennender” instantiiert wurden. Der Aufruf zum “Wesen”, also zum weiterhin Wohnenkönnen auf diesem Planeten ist in Anbetracht der weiter umsichgreifenden “Seinsvergessenheit” der Menschen und der sich zum Gott stilisierenden Wissenschaftsideologie ein Bitten, Flehen, Andenken, Klagen, Feiern und Danken zugleich.

Heidegger legt die Last der Interpretation auf die Schultern des Rezipienten und Interpretatoren, die nun gezwungen sind, die einzelnen Denk-Etappen Heideggers Schritt für Schritt selbst nachzuvollziehen und so quasi im Durchholen des Gedachten in ein Denken eingeführt werden, das von Anfang an auch eine Praxis ist und sukuzessive zu einer affirmativen Haltung verführt.

3. Probleme und Zusammenfassung

Ohne Frage haben viele Philosophen und Denker einige Bauchschmerzen mit dieser Art des Denkens. Woher diese rühren, mag unterschiedlich sein. Ohne diese Schwierigkeiten an dieser Stelle auflösen zu können, möchte ich doch einige davon wenigstens benennen. Da ist zum einen der Bedeutungsholismus, der Heidegger vorgeworfen wird, dann wird ihm Hypostasierung der Sprache unterstellt, es wird sein angeblicher Begriffsrealismus kritisiert und seine Tendenz zur Entgegenständlichung als überzogenheit charakterisiert. Die meisten dieser Vorwürfe greifen aber zu kurz, da sie entweder bestimmte Aussagen als feststehende Begriffs-Definitionen auffassen und damit Heideggers phänomenologische Methode zu wenig ernst nehmen, oder aus einem Verhaftetsein mit dem metaphysischen, und das heißt bei Heidegger immer: vergegenständlichendem und vorstellendem Denken selbst dem Projekt Heideggers in ihrer Kritik gar nicht gerecht werden können.

Trotzdem bleiben natürlich viele Fragen offen, wie z.B.: Ist das Projekt sinnvoll? Wohin führt es letztlich? Kann es erreicht werden? Ist Heidegger vielleicht doch auf dem Holzweg? Was bleibt nach Abschluss des Projektes für die anderen Philosophen dann noch zu denken übrig? Kann man nicht einiges vielleicht doch in eine propositional gehaltvolle Form übersetzen und so einer größeren Anzahl von Menschen zugänglich machen?

Am Anfang meiner überlegungen hatte ich gefragt, ob die Leserschaft mit diesem Band 81 der Heidegger-Gesamtausgabe reicher wird und hatte diese Frage auch sofort bejaht. Nun möchte ich diese vorschnelle Affirmation etwas präzisieren, indem ich einschränkend sage: Die Leserschaft wird nur “reicher”, indem sie “ärmer” wird und statt zu “nehmen”, zu “geben” bereit ist. – Das soll heißen, der Leser von Heideggers Gedachtem muss das eigene differenzierte begriffliche Wissen reduzieren lernen und sich mit der reichhaltigen “ärmlichkeit” des Sentenzhaften zufrieden geben und gleichzeitig im geschichtlichen Rückgang neu-alte Bedeutungsvielfalt zulassen bzw. zurückgeben. So wird der Leser – metaphorisch gesprochen – durch die “Armut”, also die Schlichtheit und Kürze des verdichteten Textes, letztlich “reicher”, weil nämlich in der Verdichtung der Bedeutungsreichtum und die Phänomene der Sprache und des Seins besser bewahrt werden als in jeder langatmigen interpretatorischen Auslegung.

Bettna Kremberg
www.kremberg.de

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