Mit dem „Kaufmann von Venedig“ wurde die neue Spielzeit eingeläutet; diese wiederum unter dem Generalthema „Innere Sicherheit“. Innere Sicherheit, wie sie allgemeinhin verstanden wird – die Absicherung gegenwärtiger Gesellschaftsverhältnisse, die immer brutaler wirkende Ausbeutungsverhältnisse (Hartz-IV, 1-Euro- und andere Minijobs) einschließen – korrespondiert mit dem Problem, inwieweit auch in uns selbst innere Sicherheit zu gewährleisten wäre. Letztere wohl nur dann, wenn man mit der à la Schäuble-Sicherheit in Übereinstimmung sich befindet.

Mit dem „Kaufmann von Venedig“ wurde ein Stück gewählt, das die Ausgrenzung zum Thema hat, denn Ausgrenzung bedeutet immer explosives Potential, das, zum Ausbruch gekommen, gesellschaftliche Verhältnisse zum Tanzen bringt.

Wer sich das von Engels inszenierte Shakespeare-Drama (eigentlich als Komödie angelegt, wobei es sich dann eher um eine Komödie des typisch englischen schwarzen Humors handeln könnte) ansieht, dem bleibt doch bei einigen Szenen das Lachen im Hals stecken, besonders deutlich sichtbar an dem Prozeß, den Shylock gegen Antonio anstrengte, um sein Recht einzufordern, freilich ein Recht mit makabren Hintergrund, will er doch SEIN (?) Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios herausgeschnitten in seiner Hand halten (so wie auch auf Seite 1 der Theaterzeitung Nr. 1 abgebildet).
Shylock scheint sich schon dessen bewußt zu sein, daß seine Forderung abstrus ist, und dennoch besteht er darauf. Es ist seine Art der Rache, weil er nicht in die Welt der Christen aufgenommen wird, von ihnen keinen Deut an Mitleid, an Nächstenliebe erfährt.

Und genau umgekehrt verlangen dies nun die verheuchelten Christen um Antonio, Antonio selbst, um ihm seine Haut zu retten, auch bereit, alles Recht mit Füßen zu treten und bereit, Shylock zu lynchen.

So manche ZuschauerInnen – dank der starken Schauspielleistung von Matthias Hummitzsch – bekamen Mitleid mit Shylock, wie er am Ende, auch nach dem Prozeß, als der große Verlierer da stand, verlacht, verhöhnt, in den Ruin getrieben.

So sehr nahe auch das Schicksal des Shylock ging, so kann Shylock nicht als das Opfer betrachtet werden, als das er erscheint. Seine Rache an Antonio, dieser Frust, der sich in ihm gesammelt hatte ob des ständigen, gegen ihn gewandten Hasses, weil er – Jude ist, nicht mehr, nicht weniger.

Statt aber mit List und Verstand sich zu wehren, begibt er sich auf die Ebene seiner Peiniger und versucht, dem Alten Testament folgend seine Rache: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Daß dies eher die Spirale der Gewalt antreibt, begreift er wohl erst am Ende, an dem Punkt, wo er unwiderruflich verloren ist.

Die angedachte Außenseiterrolle des Antonio ob seiner Homosexualität kam in diesem Stück gar nicht so an. Man kann sie durchaus als nicht-relevant für die Aussagekraft des Stückes hernehmen.

Das eigentliche, was das Stück generell ausmacht, ist der Umgang der Mehrheit mit der Minderheit, daß es in der Geschichte immer so üblich war, gesellschaftliche Verwerfungen, deren Ursache von den meisten nicht begriffen wurde und wenn doch, zwecks Ablenkung alles Elend auf eine Minderheit abzuschieben. Seien es so genannte Hexen, Homosexuelle, Juden, Katholiken als Minderheit, wo Protestanten herrschten, oder Protestanten als Minderheit, wo Katholiken herrschten usw. usf.

So betrachtet ist der Mensch – besonders in Krisensituationen, welcher Art sie auch sein mögen – geneigt, seine Probleme so zu lösen, indem er die Ursachen nicht zuerst bei sich selbst sucht, sondern feige, wie er dann auftritt, andere für sein – manchmal auch selbstverschuldetes – Elend zu suchen bzw. verantwortlich zu machen.

Im gewissen Sinne ist die Engelsche Inszenierung ein Politikum, eben typisch „wolfgang-lastig“, wie ein Zuschauer zu einem anderen sagte, was letzterer mit seinem Kopfnicken bestätigte. Nun, was sollte dieses Stück auch anderes sein, als „belastet“ durch die Lesart, wie sie Engel nun einmal vorgenommen hatte.

Allen SchauspielerInnen kann sehr gute Leistung attestiert werden. Das Bühnenbild war perfekt, auch wenn es nicht von jeder Position als so bedeutend gesehen werden konnte: so das dreidimensional wirkende Schachbrettmuster, oder die hintereinander angebrachten Türrahmen, die, aus der richtigen Perspektive betrachtet, wie ein Fluchtweg aussahen. Durch diese Türrahmen erfolgte auch immer ein schon rennender Auf- und Abtritt, so als wollten die SchauspielerInnen die Zeit zwischen dem Ende und Beginn der jeweiligen Szenen keine allzu lange Zeit verstreichen lassen.
Die Musik paßte nicht immer gut zu den einzelnen Szenen, dennoch konnte sie aber in so manch anderen Szenen die Dramatik erheblich verschärfen.

Ein Neuzugang in diesem Stück, in diesem Theater ist der vom Zittauer Theater hierher gewechselte Gilbert Miroph, der – auch einen Außenseiter darstellend – mit der Figur des Lancelot Gobbo sein Debüt gab. Er stellte den Diener des Shylock recht gut dar. Man merkte schon fast körperlich dessen Zerrissenheit. Er fühlte sich schon irgendwie immer noch verbunden mit dem Juden Shylock, mehr aber noch dessen Tochter Jessica, gespielt von der wunderbaren Carolin Conrad (bei der man aber ab und zu merkte, daß sich alles recht lustig nahm und manchmal an Stellen lachte, wo es irgendwie nicht angebracht schien). Andererseits aber zeigte Gobbo seine Zerrissenheit darin, daß er seinen Herrn verließ und ausgerechnet zu den Gegners Shylocks überlief, indem er Bassanios neuer Diener wurde. Dieses an Opportunismus erinnernde Verhalten verrät, daß es nichts bringt, sich zwischen die Stühle zu setzen, dass man immer Verlierer sein wird, wenn man sich zu entscheiden vermag, wer man ist und wohin man gehört, und sei zu sich selbst.

Dieses ganze Stück, dieses „wolfgang-lastige“, fand Beifall bei dem Publikum, auch wenn es an „Vorhängen“ gemessen keine Sensation war.

Unabhängig dieser Feststellung ist es ein einnehmendes Spiel, das hier geboten wurde.

Kurt W. Fleming
Schauspiel Leipzig, 22. September 2007

Fotos: Schauspielhaus Leipzig

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