Ein Interview mit dem Regisseur

Du hast deinen Film “Gysi und ich” im Haus Steinstraße erstmalig vorgestellt. Bevor wir uns näher über diesen Film unterhalten – wie kam es zu deiner Entscheidung, in die Filmbranche resp. an die Filmakademie zu gehen, an der du noch studierst?
Dahinter steckt doch die Grundfrage – warum mache ich überhaupt so etwas Merkwürdiges wie Filme, warum die ganze Mühe und Leidenschaft, für eine Stunde Erzählung aus dem Leben anderer Menschen? Ich würde dies wohl vor allem politisch begründen. Filme sind für mich Möglichkeiten, mit anderen Menschen über meine Sicht der Welt zu diskutieren. Ob dies nachhaltiger funktioniert, als sich in Parteien oder gesellschaftspolitischen Gruppen zu engagieren, weiß ich nicht – es macht aber meistens mehr Spaß und befriedigt die eigene Neugier besser. Natürlich kommt eine Leidenschaft für Bilder und der Wille, die Menschen besser zu verstehen, hinzu, aber der Kern ist für mich die Politik und dabei insbesondere die Frage: Was gibt Menschen Hoffung und Kraft und was hält sie auf, das Leben zu führen, von dem sie eigentlich träumen. Die Entscheidung an die Filmakademie zu gehen, hatte vor allem pragmatische Gründe. Die Dozenten und die Ausstattung sind hier sehr gut und man bekommt die Möglichkeit, in Ruhe seine eigene Filmsprache zu entwickeln. Natürlich braucht man nicht unbedingt auf eine Filmhochschule zu gehen, wenn man Filme machen will – ein Qualitätssiegel ist es jedenfalls nicht – aber es macht manche Entwicklung einfacher und bietet durch die zahlreichen Kontakte eher die Möglichkeit vom Filmemachen später leben zu können.
Meine Frage reflektierte eigentlich nicht auf die von dir vermutete Grundfrage. Denn merkwürdig ist es nicht, Filme zu machen, eher eine sehr kreative Herausforderung. Ich dachte da eher an ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu brachte, genau in diese Richtung zu gehen. Beschäftigen wir uns aber jetzt mit deinem Gysi-Film. War es Zufall, daß du Gysi auswähltest oder weil er – wie am Anfang deines Films geäußert – dein Held ist bzw. war? Oder gab es andere Beweggründe? Es gibt ja auch andere Politiker als ihn.
Nun, ob es merkwürdig ist, Filme zu machen oder nicht, will ich gar nicht abschließend beurteilen. Ein Schlüsselerlebnis dafür gab es jedenfalls bei mir nicht – genauso wie die Entscheidung für einen konkretes Filmprojekt wie bei dem Gysifilm eher eine Summe aus Eindrücken ist, die sich irgendwann in ganz bestimmte Richtung entwickelten. Bei Gysi war es sicherlich in erster Linie meine persönliche Neugier, die vielleicht ein bißchen ausgeprägter ist als bei anderen Menschen. Dabei hat mich von vorn herein aber nie interessiert, wie lebt denn der eigentlich – sondern vielmehr wie Gysi seine Art der Politik handwerklich herstellt und warum er sich den ganzen Streß immer noch bzw. wieder antut. Diese Schlagwörter von wegen „Politikjunkie“ waren mir da zu simpel. Natürlich hätte ich einen anderen Politiker wählen können, aber zu der Zeit hat mich Gysi schlicht am meisten interessiert und man muß ja immer überlegen, mit wem man eine so lange Zeit verbringen will.
Am Anfang des Filmes ist Gysi dein Held. Danach – so deine Bemerkungen im Film – bröckelt dieses Heldennimbus. Lag das eher daran, daß du dieses Konstrukt (ich nenne es mal so) „Held“ als eine Art „Popanz“ aufbautest (denn ein Held ist ja eher eine Projektion idealer Vorstellungen auf einen Menschen, der in der Realität eh nicht bestehen kann), oder weil Gysi nicht zum Helden taugt (zum einen, weil er vielleicht selbst kein Held sein möchte; zum andern – frei nach Brecht – daß es schlimm steht um ein Land, das Helden benötigt)?
Ach der gute Brecht kann das gerne so sehen und natürlich sind Zweifel und Skepsis gegenüber der etablierten Politik völlig richtig und dahin entwickelt sich der Film inhaltlich auch. Was mich aber ehrlich gesagt ziemlich nervt, ist die scheinbar völlige Undenkbarkeit, heutzutage tatsächlich an irgendetwas oder irgendjemand wirklich zu glauben, mal abgesehen von religiösen Dingen. Dafür gibt es ja auch viele Gründe. Ich stamme aus einer Generation, die von diesem Mißtrauen und den ganzen geplatzten (linken) Ideen ihrer Eltern derartig geprägt ist, daß es schwierig ist, so einen Begriff wie „Held“ überhaupt nur in den Mund zu nehmen. Doch dieses Bedürfnis bleibt meiner Meinung nach untergründig bestehen. Natürlich spiele ich in dem Film mit dem Helden-Begriff, auch um ein wenig zu provozieren, aber vor allem weil ich angesichts der vielen Berufsbürokraten mir das Recht nehme, mal von ein bißchen mehr zu träumen. Das müssen im Grunde genommen keine Helden sein, aber diese durchgestylten Berufspolitiker müssen es doch auch nicht sein, oder? Und ob Gysi sich selber als Held sieht, ist mir ehrlich gesagt, filmisch gesehen, ziemlich egal. Ganz sicher aber leidet er nicht an einem geringen Selbstvertrauen, die Projektionen auf seine Person bedient er ganz gerne – auch wenn er gleichzeitig damit hadert. Diese Widersprüche habe ich einfach versucht zu erzählen und das am Ende keine klare Antwort steht, ist leider nicht zu ändern, ohnehin geht es mehr darum, den Blick des Zuschauers für die Realität zu schärfen, die jenseits der Inszenierungen und Projektionen liegt.
Unabhängig davon, daß der Heldennimbus bröckelte und du Gysi nüchterner betrachtetest: gibt es dennoch für dich ein positives Resümee in Bezug auf Gysis Person? Ist das dann mehr auf seine Person bezogen, unabhängig jeglicher Politik, oder weil es eher so sein könnte, daß seine politische Überzeugung diese seine Persönlichkeit charakterisiert?
Mein positives Resümee ist doch an dieser Stelle eigentlich völlig unwichtig. Denn es geht doch einzig und allein um die Entdeckungen, die der Zuschauer auf seiner Reise durch Gysis Alltag macht. Meine ambivalente Haltung zu manchen Dingen und Verhaltensweisen habe ich ja im Film schon angeboten, aber es geht ja nicht um mich, sondern mehr um die eigenen Projektionen der Zuschauer auf Gysi, die in dem Film auf den Prüfstand gestellt werden. Das Ich ist also quasi von jedem Zuschauer selbst zu füllen. Diese Haltung kann positiv sein, weil er findet, daß Gysi vielleicht ernsthafter und härter arbeitet als er vorher meinte, vielleicht ist er auch enttäuscht, weil Gysi sich wie jeder andere auch mühsam und häufig sehr erfolglos an der Welt abarbeiten muß oder das er vielleicht sogar eine tragische Figur ist, die in seiner Rolle und den vielen Ansprüchen gefangen ist – aber das sollte doch jeder für sich selbst entscheiden.
Wie groß war der zeitliche und der technische Aufwand, um diesen Film zu drehen?
Ingesamt hat es etwa anderthalb Jahre gedauert, diesen Film fertig zu stellen. Nicht weil der technische Aufwand so groß war – wir haben ja nur mit einer kleinen Handkamera gedreht – aber die Vorbereitung, der Dreh und vor allem der Schnitt-Prozeß haben doch lange gedauert. In knapp 50 Drehtagen produziert man eine Menge Material, auch wenn wir uns zurückgehalten haben, und dieses ganze Material mußten wir später mühsam durcharbeiten, auf der Suche nach den kleinen Perlen. Denn eines darf man natürlich nicht übersehen: Wenn man in dem Berliner Politikbetrieb dreht, sammelt man unglaublich viel völlig langweiliges Material, das man filmisch gesehen überhaupt nicht gebrauchen kann.
Dein Film wurde auch im Fernsehen ausgestrahlt: ging das dort problemlos oder wurden – von welchen Sendern? – Bedingungen gestellt, den Film anders zu machen und/oder Stellen rauszulassen? Wenn ja – wie weit bist du bereit zu gehen (auch in der Zukunft), dich durch solche Forderungen der sog. „öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten“ nicht beeinflussen resp. dich nicht verbiegen zu lassen?
Hier muß ich wirklich den SWR loben. Denn obwohl es natürlich bis heute schwierig ist, einen langen Film über einen linken (DDR-)Politiker zu drehen, in dem er nicht per se in die Pfanne gehauen wird, haben mich die Redakteure vom Jungen Dokumentarfilm sehr unterstützt. Aber vielleicht geht so etwas nur auf einem Nachwuchs-Sendeplatz zu später Stunde. Natürlich ist man, wenn man Filme macht, immer mit Einflüssen von außen konfrontiert. Ich habe noch so gut wie keinen Dreh erlebt, wo es den Leuten völlig egal ist, was Du machst. Die Sender haben natürlich Interessen, wie die Quote oder den Abteilungschef und als Druckmittel haben sie das Geld. Und da muß man sicherlich auch den Film gegenüber diesen Einflüssen immer wieder verteidigen, aber ich will da insgesamt nicht so einen heroischen Kampf drausmachen. Wer anfängt Dokumentarfilme zu machen oder überhaupt beginnt als Journalist zu arbeiten, ist mit diesem Problem tagtäglich konfrontiert. Und im Fall vom Gysifilm hatte ich ja den Vorteil, daß der Film ohne Sendergeld produziert werden konnte, weil es ein Hochschulprojekt ist, und erst danach, als quasi alles fertig war und mein Held schon auf seinem Sockel saß, kamen die Sender dazu. Einige, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht näher ausführen, hatten natürlich ihre Probleme mit meinem Ansatz, aber den SWR muß davon wirklich ausnehmen.
Wenn du dir den Aufwand, die Arbeit, die du für diesen Film brauchtest, Revue passieren läßt, was war dabei für dich der größte Gewinn und der größte Verlust (hier z.B. was Fragen der Machbarkeit betrifft usw.)? Schlichter gefragt: welche positiven wie negativen Erfahrungen hast du mit diesem Film gemacht?
Vielleicht ist es die schlichte Erkenntnis, daß es nichts nützt, einen Gysi oder vielleicht auch zwei zu haben, eine politische Veränderung – wenn man sie denn überhaupt möchte, muß man schon selbst herstellen – und in diesem merkwürdigen realitätsfernen Raumschiff Berlin wird sie garantiert nicht gemacht. Was ich aber insbesondere an der Person Gysi interessant finde, ist diese wahnsinnige Bannbreite der Meinung über ihn und die Diskussion, die sich an ihm immer noch entzünden. Das ist doch wunderbar, wenn ein Mensch einen noch wirklich wütend macht oder einem einen romantischen Glanz in den Augen schenkt. Das all dies von Gysi mühsam und absolut unglamourös hergestellt werden muß – und zwar in fast jedem Moment auch bei Auftritten vor Tausenden von Zuschauern, das ist schon frappierend. Denn auch wenn ich schon vorher wußte, daß das Leben von prominenten Menschen häufig sehr banal ist – ein bißchen aufregender hätte ich mir die Welt des letzten politischen Popstars der Bundesrepublik schon vorgestellt. Ein Verlust ist das natürlich nicht, vielleicht eher ein persönlicher Gewinn, denn es relativiert doch vieles, was man sonst so tagtäglich im Fernsehen sieht oder in Zeitungen liest. Vielleicht habe ich ein bißchen den Zauber verloren, die eine hervorragende Rede bei Menschen auslösen kann, denn ich achte mehr auf die kleinen Tricks, wie das Ganze hergestellt wird, die Körpersprache und den dramaturgischen Aufbau.
Was sind deine neuen Projekte? Welche Themen sind für dich besonders wichtig?
Aus der Bundespolitik habe ich mich dem Leben bzw. Überleben von Menschen in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt zugewendet, in dem ein Arbeitsmarkt-Projekt getestet wird. Es ist übrigens ein Ort, durch den ich schon mal bei dem Dreh mit Gysi gefahren bin, beim Wahlkampf. Aber wie es danach thematisch weiter geht, kann ich noch nicht sagen. Jetzt will ich erst mal der Bedeutung von Arbeit im Leben von Menschen nach gehen. Das war mir nach dem Gysifilm ein tiefes Bedürfnis, vielleicht auch, weil ich der Bundestagswelt erst mal wieder normale Menschen um mich haben wollte, deren tagtägliches Leben in der Politik kaum wahrgenommen wird.
Hast du schon eine konkrete Vorstellung, wie deine Zukunft als Filmemacher aussehen soll? Z.B. sog. freier Filmemacher oder zum Film oder zum Fernsehen?
Auch darüber mache ich mir nur wenige Gedanken. Für mich ist wichtig, eine Möglichkeit zu finden, meine Art von Filme zu machen. Größtmögliche Unabhängigkeit ist dabei sicherlich wichtig, aber es widerstrebt mir, eine konkrete Karriereplanung zu machen. Das machen schon genug andere Menschen, das brauche ich für mich nicht. Vielleicht klappt‘s mit dem Filmemachen, vielleicht aber auch nicht. Und so lange das Fernsehen, wie in Deutschland, der Hauptauftraggeber von Dokumentarfilmen ist, führt daran nur wenig vorbei, zumindest wenn man keinen dezidiert künstlerischen Weg geht. Denn von den großen Kinoeinnahmen kann man leider in diesem Genre nicht leben, auch wenn es im Leipziger Dach-Kino voll war und die Leute offenbar gerne ein paar Euro für den Gysifilm bezahlt haben.
Ich bedanke mich für das Gespräch!
Kurt W. Fleming
13. Dezember 2007
Foto: Maik Bialk

