Momentan scheint es in deutschem Lande zu “fausten”: einmal in Weimar der schwer spielbare 2. Teil, während dessen Aufführung so manche Emotionen hochkochten in Gestalt von Buh- und anderen Mißfallens-Rufen, aber auch bedacht mit Beifall – dennoch während der Pause ca. 100 Faustianer entrüstet das National-Theater verließen mit den Worten: “Goethe, hilf’ bitte!”
Diesem Entrüster wäre geholfen, wäre er in Leipzig gewesen, am 24. März 2008 im Schauspiel Leipzig, als Friedhelm Eberle mit seinem “Habe nun, ach” … Seinen Faust geradezu zelebrierte.
Die Bühne vor dem Eisernen Vorhang war karg gestaltet, angemessen für einen ca. 1 1/2stündigen Abend für hiesige Faustianer. Das Publikum war altersmäßig gemischt, wobei aber das Zwei-Drittel-Alter überwog, wohl auch aus der Erkenntnis und aus dem Wissen, daß Eberle selbst schon den Faust spielte, quasi in Nachfolge von Günter Grabbert, der 1963 den Mephisto gab, zwei Jahre später den Faust.
Eine Zuschauerin mußte noch vor Beginn auf die Toilette, weil der Faust – der von Eberle – sie immer so aufrege, während eine andere ältere Dame meinte, sie sei der wunderschönen Sprache wegen gekommen.
Eberle trug – in viele Rollen springend – jene Texte vor bis vor Beginn der großen Reise des Faust mit Mephisto. Das große Verstehen dessen, was Eberle vortrug, war im Publikum sehr gut zu sehen und zu erkennen. Sie gingen regelrecht mit. Denn es gab auch einige sehr witzige Stellen, wo das Publikum herzhaft lachte.
Faust ist also – so gesehen – dem Volke recht nahe, mindestens dem, das sich zu diesem Abend hinbegab. Diese Menschen verstehen ihren Faust, auch und gerade weil Eberle eine Weise des Vortragens besitzt, das einen jeden zu fesseln versteht, selbst solchen Menschen, die den Faust vielleicht gar nie gelesen haben und sich vielleicht auf diese Weise ihre erste Vorstellung davon machen wollten. Auf jeden Fall wäre mindestens jetzt nichts dagegen gerichtet, den Faust selbst sich vorzunehmen und ihn zu lesen. Ein Erkenntnis-Gewinn ist diese titanische Philosophie, die uns Goethe da einbleut, allemale. Sie zeigt nicht nur, was der Mensch ist, vielmehr, wer der Mensch ist: ein suchendes, sich dabei ständig schaffendes, zerstörendes und immer wieder sich neu findendes Wesen.
Angekündigt war noch ein Überraschungsgast: Claudia Wenzel, deren Äußeres nichts davon ahnen ließ, daß sie in der Spielzeit von 1981/82 das Gretchen spielte. Sie wirkt nach wie vor sehr jung.
Zum Ende der mit viel Applaus bedachten Aufführung bedanke sich Eberle bei seinem Publikum und verwies die Toneinlagen von Matthias Hummitzsch (als Wagner) oder gar Karl Kayser als Erdgeist aus dem Jahre 1965, also zu der Zeit, als Grabbert seinen Faust gab.
Eberle versteht es nach wie vor sehr gut, Klassisches so an die Menschen zu bringen, als sei diese Klassik geradezu etwas Alltägliches (im positivsten Sinne dieses Wortes). Goethe auf diese eindringliche Art auch in den Schulen gelehrt, besser: vorgeführt, wir bräuchten uns nicht zu sorgen ob der Vermittlung humanistischer Ein- und Ansichten.
Daß Eberle nach wie vor ein Zugpferd sowie auch ein Magnet ist, beweist die Tatsache, daß die ursprünglich für die Neue Szene geplante Veranstaltung wegen zu großer Nachfrage in den großen Saal des Schauspielhauses verlegt werden mußte. Eine weise Entscheidung.
Es bleibt nur zu wünschen, daß Eberle uns weiterhin mit solchen Höhepunkten dramatischer Kunst beglückt. Es war kein verschenkter Abend. So manche Faustianer aus Weimar hätten sich sehr gefreut.
Kurt W. Fleming
24. März 2008
Foto: Schauspiel Leipzig
“Hello Dolly” neu aufgeführt in der Musikalischen Komödie
Ein alter Wein in einem neuen Schlauch, so könnten wir die Neuafuführung von “Hello Dolly” in der Musikalischen Komödie nennen. Jetzt könnte mit dieser Formulierung der Eindruck entstehen, daß das perjorativ gemeint sei. Mitnichten. Ein alter Wein ist nun mal dieses Musical, und wer sich in der Wein-Branche auskennt, weiß, daß alter Wein meist der beste Wein ist. Zwar besteht die Gefahr, daß auch Essig dabei herauskommen kann, aber dies ist in diesem Falle nicht so. Ganz im Gegenteil. Der neue Schlauch, den die Muko diesem alten Wein verpaßte, ist eine kongeniale Verpackung. Daß die MuKo dieses international erfolgreiche Musical wählte, zeigt von gutem Augenmaß. Ob freilich die MuKo es hinbekommt, dieses Musical genau so lange spielen zu lassen, wie dies seit 1964 der Fall war – es wurden 2844 Aufführungen gezählt (wobei hier die interessante Frage gestellt wäre, wer so etwas zählt), wurd abzuwarten sein, aber wohl eher nicht. Dennoch wäre das der MuKo zu gönnen, denn “Hello Dolly” ist – siehe die eben genannte Zahl – ein Kassenschlager.
Was dieses Musical auszeichnet, sind die gängigen Melodien, die fast jeder und jede mitsingen könnte, wenn sie und er denn auch wirklich singen können (Dieter Bohlen läßt grüßen). Daß die AkteurInnen der MuKo ohne Zweifel ihr Handwerk beherrschen, konnten wir am Premiereabend erleben. Alle großen Passagen wurden – aber das ist in der MuKo und bei seinem Publikum nichts Besonderes – eifrigst beklatscht, ja am Ende stand begeistertes Gejohle und Trampeln mit den Füßen. Zum Glück ist das Gebäude der MuKo diesbezüglich krisenfest und hält weiter solch Getrampel aus.
Mit Marianne Larsen sahen wir eine herausragende Dolly Levi. Mit viel Witz und Esprit überzeugte sie die ZuschauerInnen. Man sah es ihr an, daß es nicht nur eine Pflichtübung ist, mit der sie ihr Geld verdient, nein, es machte ihr riesengroßen Spaß, aus sich herauszugehen.
Karl Zugowski dagegen kam etwas steif daher, aber vielleicht doch passend zu diesem geizig-spröden Charakter, den er zu spielen hatte. Nicht so ganz überzeugend kam am Schluß seine Wendung Richtung Dolly rüber, die er erst nie, dann aber doch heiraten wollte. Aber das ist mit Sicherheit nicht sein Problem, sondern daß des Stückes selber, resp. der regiemäßigen Umsetzung.
Sympathisch, manchmal etwas kitschig, dennoch auf jeden Fall lustig die Rolle des Cornelius Hackl (Alexander Voigt ). Oder Corinna Ellwanger als Irene Molloy, eine wirklich sehr begehrenswerte tolle Frau.
Auch das Ballett der MuKo war echt gut, obwohl die Choreographie von Mirko Mahr bei anderen Stücken nicht immer so überzeugt. Aber warum sollte man auf die Gäule schimpfen, wenn der Reier nichts taugt. Doch diesmal ist es ihm gut zu halten, etwas mehr aus seinen TänzerInnen herausgeholt zu haben.
Die bühnenbildnerische und Kostümgestaltung waren sehenswert und vieler guter Einfälle verdächtig.
Summarisch ist der Auftakt von “Hello Dolly” gelungen. Der MuKo ist zu wünschen, daß es noch viele solcher Aufführungen gibt. Die ZuschauerInnen hatten eine Menge zu lachen, zumal auch Zeitgenössisches aus Politik und Kultur einflossen.
Was das schauspielerische Talent der AkteurInnen betrifft, so müßte der eine und die andere noch etwas üben, aber das scheint typisch für wohl jedes Musical zu sein: sehr gut gesungen, nicht so überzeugend gespielt. Aber diesmal war es recht gut, und daher kann es nur noch besser werden.
Auf die Geschichte von “Hello Dolly” extra eingehen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Die Geschichte ist schon so bekannt, hier nicht noch einmal ausführlich vorgetragen zu werden. Sie ist zwar nicht sehr tiefgehend, so gesehen recht gute Unterhaltung, aber sie stürzt keine bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse um. Eher eine gelungene Ablenkung von diesen. Sei’s drum. Es war ein schöner Abend, dem noch viele solcher schöne Abende folgen sollten.
Kurt W. Fleming
15. März 2008
Fotos: Musikalische Komödie Leipzig




