Als am 26. April 2008 im Schauspielhaus von Leipzig der “Vorhang” fiel, alle an diesem Stück direkt beteiligten Theaterleute ihren wahrlich verdienten Applaus entgegennahmen, auch die vielen “Bravo-Rufe”, fiel dennoch eines auf, was eher verwunderte: es gab kein standing ovation. Dabei hätten dies sowohl die SchauspielerInnen als auch − und das viel mehr − der nun scheidende Intendant Wolfgang Engel verdient.
Obwohl bestimmt alle wußten, daß diese Aufführung die letzte ist, die Engel als Intendant zu verantworten hat, der wackere 13 Jahre lang das Haus führte, schien sich kaum jemand dieses Augenblicks tatsächlich bewußt gewesen zu sein. Kaum jemand spürte, daß da was Historisches in der Leipziger Theaterlandschaft passierte. Denn ohne Übertreibung kann man sagen, daß mit Engel ein Stück Theatergeschichte in Leipzig zu Ende geht, was aber nicht zu bedeuten hat, daß diese Geschichte auch Geschichte bleibt.
Die Meßlatte, die Engel durch sein bisheriges Wirken in Anwendung brachte, muß erst einmal sowohl erreicht als auch tatsächlich übersprungen werden. Schon aus diesem Blickwinkel heraus wird es interessant werden, was wir an dem neuen Intendanten haben, obwohl selbstredend seine konzeptionelle Theaterauffassung eine ganz andere ist als das, was wir bisher von Engel gewöhnt waren. Insoweit ist es logisch, wenn ein großer Teil der SchauspielerInnen dieses Theater verlassen wird, manche es verlassen wollen, manche es − mit großem Bedauern − verlassen müssen. Hier sei nur an Martin Reik erinnert.
Engel wählte in erster Linie dieses Stück des Russen Bulgakow aus, um erst einmal damit seine Liebe zum Theater auszusprechen. Darüber hinaus ist es, auch wenn er es anders sieht, bestimmt auch eine Art Reminiszenz an seine eigene Arbeit sowohl vor als auch nach 1989, wobei die Reflexion, die das Bulgakow-Stück bietet, eher an die Zeit vor 1989 zu erinnern scheint, auch wenn wiederum die Schwierigkeiten, die Engel einst als Schauspieler und Regisseur in der DDR hatte, ganz andere waren als jene, die Bulgakow umtrieben und an denen er letztendlich zugrunde ging.
In zweiter oder auch dritter Linie geht die Wahl dieses Stückes − und dies ist für Engel genauso wichtig − auf den von ihm erhofften Effekt zurück, den dieser auf die ZuschauerInnen machen soll. Alle, die dieses Stück lesen, besser noch: es hautnah sehend erleben, sollen eines tun: darüber nachdenken, wie sich verhalten (würden), kämen sie in eine artverwandte Situation (wie dies sowohl bei Molière als auch bei Bulgakow der Fall war), in der es zu Abhängigkeiten zu den Mächtigen, zu den Herrschenden kommt, was meistens zur eigenen Vernichtung führt, ob diese nun “nur” psychologischer oder gar physischer Art ist.
In diesem Stück geht es sowohl um die künstlerische Freiheit, die Engel hochhält, als auch um die Tatsache, wie leicht genau diese Freiheit in Gefahr gerät, wenn ein Stück von den herrschenden Ideologen richtig “miß”verstanden wird, nämlich als ein Angriff auf die Grundfesten eines gesellschaftlichen Systems, das sich nur über Heuchelei und Verrat halten kann.
Als Bulgakow sein Stück “Molière oder Die Verschwörung der Heuchler” schrieb, reflektierte er natürlich auf die Situation, in der sich der von ihm verehrte Dichter und Schauspieler Molière befand, als dieser mit seinem religions- und kirchenkritischen Stück “Tartuffe” aneckte und die Mächtigen herausforderte. Interessanterweise, so von Bulgakow dargestellt, war es weniger der Herrschende − hier Louis XIV. − selbst, mit dem er Molière zusammenstießen ließ, sondern die sog. Gralshüter der ideologischen Reinheit: in Molières Zeiten die Vertreter der katholischen Kirche (die seinerzeit die “Sektierer” der verschiedenen protestantischen Richtungen verfolgten und töten ließen).
Als Bulgakow sein Stück “Molière oder Die Verschwörung der Heuchler” schrieb, reflektierte er aber noch vielmehr auf seine eigene Situation, denn der Zoff, den er mit seinen Zeitgenossen hatte, sei es mit Stalin, sei es mit der RAPP, einer SchriftstellerInnen-Organisation, die mehrheitlich aus proletkultisch orientierten SchriftstellerInnen bestand, die früher schon von Lenin wegen ihrer Kulturbarbarei scharf kritisiert wurden oder seien es mit “stromlinienförmig” angepaßten Theatern, die eher belanglose Stücke spielten. Das Stück ist auch unbedingt so etwas wie eine Abrechnung nicht nur mit den Herrschenden, sondern auch mit sich selbst. Denn: Molière unterlag damals − so Bulgakow − dem Irrwitz, er könnte der Liebling des Monarchen werden. So hatte wohl auch Bulgakow lange Zeit von Stalin gedacht haben, ist doch bekannt, daß Stalin kaum ein aufgeführtes Stück von Bulgakow verpaßte. Doch das war von beiden, von Molière und von Bulgakow, ein wie auch immer beabsichtigter oder unbeabsichtigter Selbstbetrug. Beide bezahlten es mit der sehr späten Erkenntnis, daß jede Form des Anbiederns nur dazu führt, sich selbst zu erniedrigen, sich selbst der Zerstörung anheimzustellen. Bulgakow läßt dies seinen Molière auch sehr drastisch ausdrücken:
“Vielleicht habe ich Euch [damit meint er Louis XIV.] zu wenig geschmeichelt? Vielleicht bin ich noch zu wenig gekrochen? Wo finden Euer Majestät noch so einen Speichellecker wie Molière? Und weswegen das Ganze, Bouton? Wegen des »Tartuffe«. Nur darum habe ich mich erniedrigt. Ich hatte gehofft, einen Bundesgenossen zu finden. Ich habe ihn gefunden! Erniedrige dich nicht, Bouton! Ich hasse die königliche Tyrannei!
Was soll ich denn noch tun, um zu beweisen, daß ich ein Wurm bin? Aber ich bin ein Schriftsteller, Euer Majestät, ich denke, ich protestiere…”.
So wie einst Luois XIV. von sich dachte, selbst Künstler zu sein, um daraus − nicht nur als Herrscher, von ihm etwas zu “fordern” er mit Ungnade bedachte − für sich das Recht abzuleiten, in Kunstangelegenheiten mitzureden, so war auch Stalin von sich überzeugt, den Intellektuellen “seines” Landes vorzugeben, wie sie sein müßten. Bekannt ist ja seine Forderung an die Schriftsteller, sozialistische Realisten zu sein, die in die Betriebe zu gehen haben, um sich dort mit dem werktätigen Volke zu verschmelzen, und bekannt ist auch der Satz, der für die am sozialistischen Realismus ausgerichtete Literatur unrühmlich Geschichte machte:
“Der Mensch erneuert sich durch das Leben, und ihr müßt behilflich sein bei der Erneuerung seiner Seele. Das ist wichtig, die Produktion menschlicher Seelen. Und deshalb erhebe ich mein Glas auf euch, Schriftsteller, auf die Ingenieure der Seele”. Damit wurden SchriftstellerInnen zu Instrumenten für die der Herrschaft genehmen Massenbeeinflussung degradiert und der eigentliche Zweck der Schriftstellerei, immer Narr, Einsiedler, Ketzer, Träumer, Rebellen und Skeptiker (Jewgeni Samjatin).
In dem von Engel inszenierten Bulgakow-Stück gibt es dafür auch zwei signifikante Stellen:
zum einen sehen wir Louis XIV., wie er wie ein Pfau geschmückt, tanzt. Diese Szene erinnert an die Rolle des amerikanischen Schauspielers Richard Chamberlain, der in dem Film “Der Mann mit der eisernen Maske” als Louis XIV. einen ebensolchen Tanz aufführte und sich dadurch als Künstler gerierte. Während jedoch der Chamberlainsche Tanz graziös wirken wollte, war dies bei Martin Reik ganz anders. Er ließ “seinen” König eher hopsen, um ihn damit der Lächerlichkeit preiszugeben, so wie auch Molière am Ende des Stückes den König in künstlerischen Angelegenheiten einen Stümper heißt;
zum andern wird der König bei einem morgendlichen Soupe gezeigt, zu dem er Molière einlädt. Dieser ist darob dermaßen beglückt, daß es ihn nicht lange auf dem Stuhl hält, sondern immer wieder von diesem aufspringt, um sich vor “seinem” König zu verneigen. Vielleicht ist es manchen ZuschauerInnen nicht aufgefallen: aber das Tuch des Tisches, das zwischen dem König und Molière stand, war nicht nur bestickt mit der Lilie, dem Wappenzeichen des Monarchen, sondern mit dem sowjetischen Symbol: dem Hammer und der Sichel. Hier wurde die geistige, eher ideologische Nähe zweier Herrscher angedeutet, denen es beliebt, nach Gutdünken einem begnadeten Künstler ihre Gunst zu erweisen oder diese wieder zu nehmen (mit allen daraus resultierenden materiellen Folgen).
Das Stück als Ganzes zeigte wieder einmal die sowohl handwerkliche als auch künstlerische Höhe, die das Leipziger Schauspielhaus zu geben vermag. Dieses Stück, also die Art der Inszenierung, kann man durchaus auch als klassisch bezeichnen, klassisch insoweit, daß mit einem opulenten Bühnenbild nicht gegeizt wurde, aber auch nicht mit den Kostümen. Es kann auch als Glücksfall gesehen werden, daß Engel bei diesem Stück darauf verzichtete, es in bezug auf Bühne und Garderobe auf Modernität zu trimmen und die SchauspielerInnen in modern anmutender Kleidung agieren zu lassen. Daß Engel sich so entschied, wie er sich entschied, gab diesem Stück ein besonderes Flair.
Alle SchauspielerInnen war schlicht großartig, besonders herauszuheben ist hier aber Thomas Huber als Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière. Auch wenn er manchmal so schnell sprach, so daß manche Passagen schwer verständlich waren, ist insbesondere die Schlußszene hervorhebenswert, wo er als Molière in seiner Rolle als “eingebildeter Kranker” sein letztes Debut gab, um kurz darauf zu sterben. Was für ein Leben, aber auch was für ein Tod für einen großen Schauspieler und großen Dichter.
Diese Inszenierung war sehr intensiv gestaltet, die alles von den SchauspielerInnen abforderte. Auch der Wechsel einiger SchauspielerInnen von der einen Rolle in die nächste (sehr gut dargebracht von Stefan Kaminsky, der einmal ein Mitglied der Molièreschen Theatergruppe spielte, dann aber einen vehementen Gegner eben dieses Molière, oder von Jana Bauke) war eine Meisterleistung.
Alle SchauspielerInnen einzeln zu nennen, um ihrer sehr guten Schauspielkunst zu genügen, wäre jetzt müßig. Diese Inszenierung war rundum das, was an einfach nur als “sehr gut” benoten kann.
Kurt W. Fleming
26. April 2008
Fotos: Schauspielhaus Leipzig



