Kennengelernt hatten wir uns in der Neuen Szene, als der Schauspielnachwuchs sein “Vorspiel[en]” gab und sie neben mir Platz nahm. Bevor der Leipziger Schauspielnachwuchs sein Bestes gab, kamen wir ins Gespräch, und so erfuhr ich, daß Verena als Regiehospitantin am Schauspielhaus Leipzig tätig war und gerade ihre ersten großen Erfahrungen sammelte bei der Vorbereitung des Stückes “Liliom”, das am 26.10.2007 seine Premiere hatte.
Verena Hagedorn ist 165 Zentimeter klein, sie raucht meist selbstgedrehte Zigaretten, spielt ab und an sowohl mal auf einem Alt- als auch auf einem Bariton-Saxophon. Lieblingsregisseure sind Alan Ayckbourn und John Ford (besonders dessen Stück “Schade daß sie eine Hure war” hat es ihr angetan).
Die 20 Jahre junge Frau treibt es ins Theater. Wir haben sie ob dieser Entscheidung befragt.
Welche Schlüsselszene in deinem Leben brachte dich dazu, sich für die Regiearbeit, besonders im Theater, zu entscheiden?
Eine wirkliche Schlüsselszene gab es für mich nicht. Ich habe mich damals in der Schule auf Anfrage einer Klassenkameradin entschieden, mit ihr in die Theater-AG zu gehen. Das Problem war nur, daß man erst ab der 10. Klasse in die Theater-AG durfte, wir aber in der 9. Klasse waren. Irgendwie haben wir es trotzdem geschafft. Dort habe ich 2 Jahre verbracht, bevor ich in den Spielclub am Freiburger Stadttheater gegangen bin. Ein Jahr später interessierte es mich, wie es wohl auf der “anderen” Seite aussieht und ich fragte meine damalige Leiterin, ob ich vielleicht nächstes Jahr in der Leitung assistieren könne. Daraufhin folgte ein spannendes Jahr, in dem ich viel gelernt habe und mir einiges ermöglicht wurde. Außerdem habe ich dadurch festgestellt, daß die Regieseite wohl eher mein Ding ist, als selbst oben zu stehen. Während meines Abi-Jahres habe ich pausiert und nur einige Freunde auf Schauspielvorsprechen vorbereitet. Momentan verbringe ich eine Spielzeit mit Regie-Hospitanzen, erst in Leipzig, danach in Frankfurt, dann am Düsseldorfer Schauspielhaus und nun am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf. Daneben laufen Bewerbungen auf eine Regieassistentenstelle ab der nächsten Spielzeit. Warum gerade Theater? Ich weiß es nicht, ich kann nur sagen, daß ich merke, wenn ich mal ein, zwei Wochen Pause habe, daß mir was fehlt, ich mich unvollständig fühle. Theater ist für mich nicht irgendeine Beschäftigung. Vielleicht könnte man es als eine Sucht beschreiben, die einen immer weiter treibt.
Du hattest z.B. im Leipziger Theater ein Praktikum gemacht. Hattest Du schon davor konkretere Vorstellungen, wie man Theater machen müßte? Wenn ja, wie muß Theater heute gemacht werden?
Es gibt viele verschiedene Arten und Regiestile, Theater zu machen. Als Zuschauerin bin ich da sehr offen, mir gefallen teilweise komplett unterschiedlich inszenierte Stücke, was aber ein großer Unterschied zur Probenarbeit ist. Nach meinem Verständnis sollte Regiearbeit nicht heißen, daß man jemanden diktiert, wann er wo welchen Satz wie zu sprechen hat. Ich finde es traurig, Abende zu sehen, bei denen ich feststelle, daß der Regisseur mit einem genauen Bild, einer konkreten, vielleicht auch festgefahrenen Vorstellung in die Produktion geht und somit die Schauspieler nur dafür da sind, ihm seine Wünsche zu erfüllen. Klar, ein Regisseur sollte ein Bild, eine Vorstellung, ein Konzept haben, aber gleichzeitig auch noch offen sein für die Kreativität der Schauspielerinnen und Schauspieler, um mit dieser und seiner eigenen eine dritte zu schaffen, was dann für mich das ideale Endprodukt ist. Wie gesagt, das ist das Idealbild, wobei es noch viele Varianten gibt, die in diese Richtung gehen. Außerdem finde ich es wichtig, daß ich aktuelle Stücke sehe, womit ich nicht die Entstehungszeit der Stücke meine, sondern ich als Zuschauer habe den Wunsch vom Stück angesprochen zu werden. Ich will kein Stück sehen, was so inszeniert ist, daß es vor 200 Jahren oder mehr geschrieben wurde und auch so gespielt wird. In jedem Stück, egal wie alt, finde ich immer wieder Themen, die mich als Person ansprechen und die Kunst ist es, diese so in die heutige Zeit zu übertragen, daß trotz der anderen Sprache die Zuschauer es wieder erkennen, sich vorstellen können oder es vielleicht selbst erlebt haben.
Hattest Du als Praktikantin die Möglichkeit, eigene Vorstellungen zu konkreten Stücken (Beispiel: Liliom) einzubringen, oder ist eine Praktikantin nur dazu verdammt zuzuschauen und für frischen Kaffee zu sorgen?
Erstmal würde ohne frischen Kaffee eine Produktion nicht funktionieren. Dieses Getränk wird gnadenlos unterschätzt. Nein, es gibt natürlich mehrere Aufgabenbereiche, die auch teilweise von Produktion zu Produktion unterschiedlich sind. Manche wie Kaffee machen, Requisiten besorgen, sich um die Bühne kümmern etc. bleiben gleich. Außerdem ist man meist dafür verantwortlich, die Textfassung auf dem neuesten Stand zu halten, da oft während der Probenzeit noch einiges gekürzt oder umgestellt wird. Dann hängt es vom Regisseur ab, ob er schon ab der ersten Probe mit Atmosphäre arbeitet oder nicht, was für uns bedeutet, daß man sich dann noch um Licht und Ton kümmert. Die wichtigste Zeit ist eigentlich die Anfangszeit der Proben auf der Originalbühne. Dort werden nämlich alle Bereiche, die die Hospitanten und Assistenten vorher übernommen haben, an die jeweiligen Zuständigen übergeben. Beleuchter, Tontechniker, Requisiteure, Bühnenarbeiter etc.. Dies sollte natürlich möglichst reibungslos funktionieren, damit man die meist knappe Zeit auf der Originalbühne vor der Premiere nicht mit Kleinigkeiten verbringt, die alle schon vorher hätten geklärt werden können. Dementsprechend ist man als Hospitantin natürlich ein “Mädchen für Alles”.
Wo wirst du das Fach Regie studieren? Kann man so etwas studieren oder genügt dafür “nur” Begabung?
Ich habe nicht vor, das Fach Regie zu studieren. Oder anders gesagt: Für mich studiere ich es schon. Der Sinn meiner Hospitanzen ist ja, verschiedene Arbeitsweisen von Regisseuren kennen zu lernen, zu beobachten, einfach nur wahrzunehmen. Und gleichzeitig bietet meine Beschäftigung auch noch die Möglichkeit, überhaupt zu wissen, wie man in einem wirklichen Theater arbeitet, den Prozeß Theater zu verstehen, was nach meiner Ansicht eine Hochschule nicht bieten kann, da es nun mal eine Hochschule ist und kein Theater. Außerdem bin ich ein kompletter “Learning-by-doing”-Typ, ich schaue mir eine Sache einmal an oder lasse sie mir zeigen und erklären und beim nächsten Mal wird es selber gemacht. Natürlich reicht keine Begabung, obwohl Begabung für mich in diesem Zusammenhang das falsche Wort ist. Ich würde eher von einer Veranlagung sprechen, nämlich ein Gespür zu haben, beobachten zu können, wahrzunehmen und zu sehen, ob man mit dem gerade Beobachteten etwas anfangen kann oder nicht, also einen Blick für Bilder zu besitzen. Dafür sollte man schon über eine leichte Tendenz verfügen, die man dann im Studium ausbauen kann, oder im Theater während der praktischen Arbeit erlernt. Eine Regieassistenz bietet ja die Möglichkeit, ganz viel Wissen und Erfahrungen von verschiedenen Regisseuren einfach nur aufzusaugen, während man seiner normalen Tätigkeit nachgeht. Daß man Regie also nicht studieren muß, ist klar, und zeigt sich auch an der nicht geringen Zahl von Regisseuren, die entweder Schauspiel studiert haben oder etwas komplett anderes, und auch durch Regieassistenzen dorthin gekommen sind, wo sie heute stehen.
Heutzutage sich festlegen, also nur für das Theater zu arbeiten, wäre das nicht zu eng aufgefaßt? Würdest du auch Regie machen für Filme, egal ob nun für das Fernsehen und/oder für das Kino?
Man muß sich bei dem Thema die Frage stellen, wie man eine Handlung oder eine Geschichte erzählen will. Es sind komplett unterschiedliche Arten zu Erzählen genauso wie zu Spielen. Im Film hat man natürlich viel mehr technische Möglichkeiten, Szenen und Effekte darzustellen, die man im Theater nicht hat. Andererseits ist im Theater die Herausforderung an die Schauspielerinnen und Schauspieler auf einem total anderen Gebiet gefragt. Man muß immer und immer wieder in diese Emotionalität einsteigen und es schaffen einen Spannungsbogen zu spielen, was im Film nicht gegeben ist, da nur Szene für Szene, halbe Minute für halbe Minute gedreht wird. Natürlich beschäftigt man sich mit Filmen, sobald man etwas in meiner Richtung macht, und ich bin da auch nicht abgeneigt, schaue ein breites Spektrum von Haneke bis Scorcese. Als Arbeit kann ich es mir aber nicht vorstellen, weil ein großer Reizfaktor für mich bei Filmen wegfällt. Man weiß, wenn man in die Premiere geht, wie der Abend wird. Beim Theater kann man so etwas nie sagen, eine Vorstellung kann total den Bach runtergehen oder aber auch die Vorstellung schlechthin werden, was wiederum von ganz vielen verschiedenen Sachen abhängt; es kann zum Beispiel an der Technik oder an der schlechter Verfassung von Schauspielerinnen und Schauspielern liegen. Und genau das ist das Spannende, nie zu wissen wie es ausgeht, ob man den Spannungsbogen erreicht oder nicht, selbst wenn man noch so lange geprobt hat. Für mich ist das eine wahnsinnig Herausforderung, die den Reiz des Theaters ausmacht.
Wie sehen deine nächsten Pläne aus?
Wie gesagt, die nächste Produktion ist am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf. Ein Jugendstück mit dem Titel “Siebzehn”. Es geht um die erste Sexualität, die Auseinandersetzung mit Themen wie die andere Hautfarbe und Homosexualität. Alles Fragen, die man selbst durchgemacht hat. Es ist schön, sich mit “einfachen” Themen zu befassen und sich nicht bei hochintellektuellen Texten den Kopf zu zermartern, wo man die Sätze fünfmal liest und sich immer noch fragt, was er bedeuten soll. So wie ich das Stück und die Regisseurin einschätze, wird es eine Produktion, die mit Einfachheit, Kontrasten und Kraft arbeitet. Also ein Abend, in dem alles zu sehen sein wird. Premiere ist Mitte Mai.
Danach geht es für ein paar Wochen nach Freiburg zurück, um sich mal von den verschiedenen Häusern, Produktionen und Städten zu erholen.
Wenn alles gut geht, ziehe ich dort Ende Juli/ Anfang August weg, um in irgendeiner anderen Stadt als Regieassistentin am Theater anzufangen. Momentan stehen Mainz und Frankfurt auf dem Plan. Mal schauen, ein Plan B gibt es noch nicht und ich behaupte jetzt einfach mal: Ich brauche ihn auch nicht.
Ich bedanke mich für das Gespräch!
Kurt W. Fleming
4. April 2008



