Macbeth, ein Stück aus eines Edlen und Dichters Hand, über dessen wahre Herkunft spekuliert wird, wird von vielen SchauspielerInnen als Das schottische Stück (The Scottish Play) bezeichnet. Denn wird dieses Stück innerhalb des Theater nach seinem richtigen Namen genannt – und das heute in scheinbar aufgeklärten Zeiten –, so besteht angeblich die Gefahr, daß es zum Scheitern verurteilt sei oder allgemein Unglück bringe.
Die besondere Angst gerade vor diesem Stück hat ihren Grund in dem Fakt, daß dieses, wenn es mehr oder weniger eins zu eins umgesetzt wird, sehr viele Kampfszenen enthält und daher auch die Gefahr in sich birgt, sich bei diesen schwer zu verletzen. Daher wurden Kampfszenen irgendwo in oder bei Leipzig gedreht und später als Film auf den Eisernen Vorhang eingeblendet. So auch die am Ende des Stückes vorgesehene Entscheidungsschlacht der Engländer gegen Macbeth; jedoch handelte sich hier um Szenen aus anderen Filmen, die aber stark verfremdet wurden.
Hatte da jemand den Namen des Stückes genannt, was dann ein Unglück heraufbeschwor? Denn als der Intendant ca. eine Stunde vor Beginn des Stückes auf dem Flur erschien, erzählte er dem Schreiber dieser Zeilen, daß er kurz zuvor eine Rolle umbesetzen mußte, weil ein Virus sich in das Ensemble einschlich und eines Schauspielers Auftritt verhinderte.
Daher war vorher für diejenigen, die sich lange vor Beginn der Premiere in den Fluren aufhielten, und zwar in der Nähe der Türen zu den vordersten Stuhlreihen, aus dem Theaterraum langes und lautes Schreien zu hören. Denn bis kurz vor Beginn wurde noch geprobt, weil ein anderer Kollege einspringen mußte. Und der mußte wohl mit Schreien beweisen, daß er einer gesunden Stimme mächtig war.
Dieses unvermeidbare Unglück konnte selbst nicht durch eine andere Albernheit verhindert werden, nämlich das dreifache Spucken über die Schulter eines anderen, wenn man sich begegnete, um sich und dem Stück das beste Gelingen zu wünschen. Da dieses lächerlich wirkende Verhalten das Malheur nicht hat verhindern können, sollte die Zeit dafür reif sein, es künftig wegzulassen.
Ein Stück ist nur dadurch gut, wenn es zum einen sehr gut inszeniert ist, zum anderen über ausgezeichnete Schauspieler verfügt. Und über beides verfügte das Centraltheater an diesem Premiereabend.
Für diejenigen, die das Stück nur dem Namen nach kennen, denn gerade solche Stücke sind kein Zuckerschlecken, wenn es gilt, diese zu lesen statt zu sehen, sei es kurz erzählt:
Macbeth und sein Freund Banquo kehren aus einer siegreichen Schlacht zurück und durch drei Hexen erfahren sie, daß ersterer Thane von Cawdor werde, Banquo dagegen „nur“ der Ahnherr späterer Herrscher werde.
Als der König erscheint, erfüllt sich für Macbeth diese Prophezeiung. Das stachelt ihn an, mehr zu werden, nämlich schottischer König. Aber als der König ihn besuchen kommt, nimmt er wieder Abstand von seinem Vorhaben, wozu ja davor die Ermordung des Königs gehören würde. Nun ist es aber seine Frau, die Macbeth zum Mord anstiftet. Mit dem Tod des Königs und damit der Königwerdung Macbeths nimmt das Töten erst recht seinen Anfang und kein Ende. Denn jetzt muß als nächstes sein Freund Banquo daran glauben, der später als Geist in Macbeths Kopf Unheil anrichtet.
Als Macduff auftritt und von dem Tod des Königs erfährt, ahnt er bald, daß Macbeth der eigentlich Schuldige sei und flieht nach England. Das wiederum ist für Macbeth Verrat und läßt daher Lady Macduff und dessen Kind töten.
Zum Schluß kehrt Macduff mit des Königs Sohn Malcolm gewählt. Macbeth wird von Macduff getötet.
Es gibt nun viele Inszenierungen dieses Stückes. Und wer mittlerweile die ersten Inszenierungen des neuen Intendanten kennt, kann schon ahnen, wie dieses Stück auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gebracht wird: viel Action, viel Blut, viel nackte Haut, Getöse (besonders dieses sehr gut arrangiert), viel Schreien, aber auch – und das ist eine besonders gute Sache – ein Agieren mit den ZuschauerInnen.
Zu Beginn sehen wir Macduff (Guido Lambrecht), blutverschmiert, an den Zuschauerreihen vorbei Richtung Bühne wandeln. Bald darauf tauchen des Königs Söhne auf, ebenfalls blutverschmiert und irgendwie geistig zerrüttet. Andreas Keller gibt den König Duncan, aus dessen Krone stetig feiner Sand rieselt, Sand, wie er in Mengen auf dem Boden der Bühne verteilt wurde. Kurios ist, daß der König, der erst viel später von Macbeth gemordet wird, schon einen Dolch, dieser ins Herz gebohrt, mit sich führt, an dem er – zur Belustigung der ZuschauerInnen – kurzzeitig seine Krone hängt.
Lawinky als Macbeth und Lüdicke als Banquo kehren ebenfalls aus dem siegreichen Krieg zurück und kauen irgendein grünes Kraut, von dem später Rosse (Emma Rönnebeck) sagt: Ihr müßt das Kraut rauchen, nicht essen.
Doch bevor beide auftreten, wird durch die Tür des Eisernen Vorhangs ein kleiner Mops geschoben, der wohl nicht so recht weiß, was er hier soll. Vor lauter Aufregung pinkelt er in den Sand. Erst später, als Lüdicke diesen entdeckt, „enttarnt“ er diesen als „Dunkelsprecher“ (Shakespeares drei Hexen ersetzend). Dieser Dunkelsprecher verheißt beiden eine unterschiedliche Zukunft (siehe oben).
Das Drama nimmt seinen Verlauf.
Macbeth kehrt zu seiner Frau zurück und sie stachelt ihren Mann zum Mord an den König an. Macbeth selbst ist hin und her gerissen. Zum einen will er dies, was seine Frau ihm einredet, zum andern schaudert er davor zurück.
Lady Macbeth wurde von Cordelia Wege gespielt, die leider mit ihrer erkälteten Stimme zu kämpfen hatte. Oft überschlug sich ihre Stimme und klang etwas krächzend, was manche ZuschauerInnen zum Lachen brachte, obwohl genau die eine oder andere Szene eher sehr ernst war. Nicht in jeder Szene schien sie dieser Rolle gerecht zu werden, aber das war nur der krankheitsbedingte Schein, der sie stark einschränkte. Besonders zum Schluß, als sie die wahnsinnig gewordene Lady gab, getrieben von ihrem schlechten Gewissen ob des Mordes an dem König, da war sie unübertroffen. Schwarz beschmiert und nackt schlich sie über die Bühne.
Überhaupt: neben der Tatsache, daß wir mit Macbeth mit einer drastischen Tragödie zu tun haben, wurde manche Szene durch den Intendanten, so muß man annehmen, persifliert, um wohl das ganze Machtgefüge der Lächerlichkeit preizugeben.
So scheint Keller seinen Text vergessen zu haben, denn statt einen Shakespearischen Text zu sprechen, beginnt er plötzlich mit einem Vers aus Goethes „Faust“, gefolgt von einer Szene aus Schillers „Wilhelm Tell“ (durch diese hohle Gasse muß er kommen), bis hin zu Brechts „Dreigroschenoper“ (und der Haifisch, der hat Zähne usw.).
Macbeth, jetzt König und einsamer Diktator, läßt seinen Freund, weil Mitwisser, Banquo töten. Der Sand, in dem er stirbt, wird mit rotem Licht bestrahlt, so daß man denken muß, er sei mit Blut durchtränkt.
Das Bühnenbild und die Beleuchtung waren (von den Kostümen ganz zu schweigen) sehr gut umgesetzt. Da gab es auch ein Herabrieseln von Sand, bestrahlt durch vielfarbiges Licht, das den Effekt von Nordlichtern hatte. Oder die Mischung aus Musik und dem schnellen Wechsel von Lichtern, das beides zusammen den Schein erweckte, als befinde man sich inmitten eines höllischen Trommelfeuers wildgewordener Artillerie.
Hervorzuheben ist noch der Auftritt von Henrike von Kuick, die die Lady Macduff spielte, eine Rolle, die ihr zu wenig Fläche zum Entwickeln zu geben scheint. Als ihr Mann nach England floh, rächt sich Macbeth, indem er erst ihr Kind und dann sie töten läßt. Als Lady Macduff ihr totes Kind in den Händen hält, beginn sie zu schreien. Sie schreit und schreit und schreit und es scheint kein Ende zu nehmen, bis ein Zuschauer ruft: „Es reicht!“ Darauf antwortet sie souverän: „Ja, es reicht!“ Kuick hat diese Rolle ausgezeichnet ausgefüllt, trotz oder wegen der unterschiedlichen Reaktion, die sie auf einige ZuschauerInnen ausübte.
Weil sie jetzt Witwe ist, will sie einen neuen Mann sich erkoren, feige müßte er sein und ein Verräter. Das Licht im Zuschauerraum geht an und Kuick zeigt mal auf diesen, dann auf einen anderen männlichen Zuschauer und fragt, ober er oder er ihr neuer Mann sein möchte.
Dies ungewöhnliche Verhalten hat so manchen männlichen Zuschauer mißfallen, gab es doch einige Zeichen des – unberechtigten – Unmuts.
Sicherlich gab es Szenen, die man hätte weglassen können. So der unbedingte Drang, daß sich die SchauspielerInnen ausziehen müssen, oder als Lawinky seinen Slip in die Zuschauerreihen warf, um sich anschließend auf einen Topf zu setzen, um einen Stuhlgang zu simulieren.
Wie andere Inszenierungen davor, gab es wieder ein gemischtes Reagieren. Hierbei blieben die Buher mehr unter sich, will sagen: sie waren in der Minderheit und die meisten davon älteren Jahrgangs.
Der Applaus und das Pfeifen als Ausdruck der unbedingten Zustimmung überwog. Das Buhen der Wenigen wurde lauter, als zweimal Hartmann die Bühne betrat.
Einige ZuschauerInnen, denen diese Art des Theaters nicht zusagt, sollten dann wohl zukünftig nicht mehr kommen, um sich ein Aufregen zu ersparen, zumal einige der wenigen Buh-Rufer noch draußen vor dem Theater ihrem Ärger Luft zu machen versuchten.
Mit Hartmann ist für die nächsten Jahre in Leipzig die Zeit eines mehr oder weniger klassisch wirkenden und pseudo-gediegen daherkommenden Theaters vorbei. Durch seine nicht immer leicht nachvollziehbare Konzeption bekommt die Leipziger Theaterlandschaft einen neuen Ruck. Jetzt ins Theater zu gehen, macht mehr Spaß als früher. Die Zuschauer werden – ob es ihnen gefällt oder nicht – auf verschiedenste Weise integriert. Hartmann scheint dies zu wollen: die ZuschauerInnen sollen sich nicht berieseln lassen wie in einem Theaterstadl, sondern er will sie dahin bringen, sich nichts einfach vorsetzen zu lassen, sich zu wehren, sich einzumischen, oder einfach nur wegzubleiben, wenn ihnen dies Konzept nicht zusagt.
Kurt W. Fleming
30. Oktober 2006, Centraltheater
Nächste Aufführung: 26.11.





