Gestern Abend gastierte die Indierock-Band Tocotronic im Leipziger Centraltheater. Daß jetzt neben Filmen auch Konzerte gegeben werden, ist insoweit eine gute Idee, weil auch auf diese Weise das Theater gefüllt werden kann.

So drängelten sich gestern Abend, nachdem schon ab 20 Uhr Einlaß gewährt wurde, schon zig mehr junge Menschen besonders in den Fluren, um schnell die besten Sitzplätze zu ergattern. Das Durchkommen war sehr schwer.

Einige Fans trugen T-Shirts mit dem Namen der Gruppe; auf der Rücke dieser Bekleidungsstücke stand noch der Text “Fuck it all” – eine Zeile, die zu dem Text “Kapitulation” gehört, der auch gestern gesungen wurde.

Nicht nur das Parkett, auch der Rang war komplett ausverkauft. An der Kasse wurde man darauf aufmerksam gemacht, daß Fotografieren nicht erwünscht sei. Später konnte man aber auf einem Zettel lesen, daß Fotografieren mit Blitz nicht erwünscht sei, was aber dennoch sehr viele nicht davon abhielt, diesen doch einzusetzen.

Das Einlaßpersonal war sichtlich bemüht, Ordnung in die Unordnung zu bringen, so als viele Getränke mit hineinbringen wollten. Manche versuchten doch, Getränke reinzuschmuggeln, was aber mißlang. Später jedoch war auch dies nicht mehr beherrschbar.

Der Beginn des Konzertes war für 21 Uhr angesagt. Jedoch begann es exakt 18 Minuten später. Das Publikum nahm diese Wartezeit ruhig in Kauf, wußten sie doch, daß sie mit ihrer Musik, die sie von dieser Gruppe zu hören gewöhnt sind, entschädigt werden.

Einige wenige ZuschauerInnen plazierten sich gleich auf den Treppenstufen. Und als später der Frontman Dirk von Lowtzow in die Menge rief: “Heute ist alles erlaubt, also steht auf!”, taten das seine Fans. Und wenn man dann noch von den Musikern etwas sehen wollte, mußt man auch aufstehen. Irgendwann, es dauerte nach dieser eben genannten Aufforderung nicht sehr lange, drangen viele ZuschauerInnen von hinten nach vorne. Sie bewegten die Köpfe und den Körper rhythmisch mit. Manche gar hüpften laut und reckten geballte Fäuste nach oben.

Daß diese Geste recht häufig, auch von den Musikern, auftauchte, mag auch darin begründet liegen, daß diese Gruppe sich selbst im weitesten Sinne in das linke (auch Musik-) Spektrum einordnet.

Allein schon die oben genannte Bezeichnung “Indie” zeigt die Richtung auch dieser Band. Indie ist das Kürzel für “independence” (Unabhängigkeit), die Unabhängigkeit von den großen Plattenfirmen.

Tocotronic als Gruppe entstand Ende 1993 und stammt aus Hamburg. Sie werden der Hamburger Schule zugeordnet, eine lose Musikbewegung, die Ende der 80er sich Geltung zu verschaffen versuchte. Sie knüpft an die Neue Deutsche Welle an und verbindet Punk, Grunge und Pop miteinander. Besonderes Anliegen ist auch, den deutschsprachigen Rock zu entwickeln.

Neben ihren Konzerten mischt diese Gruppe – wie schon angedeutet – politisch mit. Besonders wendet sie sich gegen gesellschaftlich zunehmende Nationalisierungstendenzen, die in der deutschen Popkultur um sich greifen. So sah sich die Gruppe veranlaßt, auf ihrer Homepage sich von der ihnen erst im Nachhinein bekannt gewordenen Tatsache zu distanzieren, wonach der Musikvideosender mtv auf seiner Internetseite unter der überschrift “Heimatmelodien” ein Voting startete, zu dem auch die Gruppe Tocotronic mit ihrem Titel “Irritationen” gezählt wurde. Ihr Kommentar: “Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, daß wir nichts, aber auch gar nichts von unserer Teilnahme an dieser höchst zweifelhaften Aktion gewußt haben und wir auch nichts von solchen heimatduseligen Lyrikwettbewerben halten. Im Gegenteil: Eine solches Voting repräsentiert so ziemlich das genaue Gegenteil der von uns propagierten Inhalte.”

Die Arrangements basieren auf einem soliden Rock, jedoch haben diese – von den Texten mal abgesehen – kaum Unterschiede. Das ist zum einen ein sehr hoher Wiedererkennungswert, andererseits – wenn man selbst guten Rock aus den Endsechziger und Siebziger Jahren gewohnt ist – wirkt es aber irgendwie “langweilig”. Aber das ist nur eine Einzelmeinung. Die gestrigen ZuschauerInnen waren echt begeistert. Und darauf kommt es wohl auch an.

Kurt W. Fleming
18.10.2008, Centraltheater

www.tocotronic.de

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