Nun, das muß nicht sein, für eine Stadt sterben und das nur wegen einer einzigen Nacht. Der immer wieder herbeigeredete Tod der Operette wurde auch mit der gestrigen Premiere widerlegt, denn es gibt nach wie vor (und warum auch immer) sog. Fans dieses Genres.

Das Wort Operette ist so etwas wie eine Verniedlichung der Oper, oder auch die “Verringerung”, also: “geringere Oper”. “Geringer” wohl deshalb, weil sie entweder kürzer war als die “Normal”-Oper – obwohl die gestrige Premiere 2 ½ Stunden dauerte – oder weil ihr intellektueller Anspruch nicht so groß war oder nicht so groß sein wollte wie der der Oper. So manche ersten solcher Aufführungen hießen auch deshalb Operette, weil meist singende SchauspielerInnen solche Veranstaltungen trugen. Heute ist letzteres genau umgekehrt: jetzt haben wir es mit SängerInnen zu tun, die – wenn auch einige vergeblich – zu schauspielern versuchen. Das ist ohnehin das Manko der meisten Operetten, daß die sehr guten SängerInnen nicht sonderlich gut schauspielern können und von der Qualität dieses Teils ihrer Arbeit an mittelmäßigen Stadl erinnern.

Aber warum sind Operetten nicht totzukriegen? Weil die Geschichte, die sie erzählen, so banal sind, keine große intellektuelle Anspannung erfordern? Weil der “Durchschnitt”, der sich diese Kunstform antut, sich an dieser Durchschnittlichkeit erfreut? Oder selbst mitten in einer solchen Geschichte sich befinden möchte? Auch weil Operetten – wie nahezu alle Kunstformen – eine kunstvolle Welt erschaffen, die sich abhebt von der Tristesse des eigenen Alltags?

Wer sich aber auch mit dem politischen Wirken von Operetten näher befassen möchte, sollte “Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit” von Siegfried Kracauer (1937) lesen. Denn die meisten seiner Operetten war einen Spiegelbild per excellence politisch bewegter Zeit.

Dagegen ist Johann Strauß’ Operette eher eine Schmonzette. Das ändert sich nicht, auch wenn – wie in diesem Fall – Julia Riegel daraus etwas Besonderes machen möchte. Sicherlich hat sie recht, daß die Melodien so mancher Operetten, ob sie nun anspruchsvoll zu heißen sind oder nicht, sich wie ein Ohrwurm gerieren, die man unwillkürlich trillert, sobald man sie vernimmt. Wenn Julias Riegel Anspruch u.a. war, die typischen auf die Operette bezogenen Klischees zum einen zu bedienen, um sie zum andern zu demontieren, so ist ihr das wohltuend gelungen.

Nur das Einarbeiten sogenannter “aktueller Bezüge” wie der Verweis auf verkauftes kommunales Eigentum, auf Linke und Rechte und die “Neue Mitte”, auf die Unfähigkeit der Politik, das paßte nicht. Nicht aus dem Grund, daß man das nicht machen sollte (allein davon profitierte ja im großen Teil Offenbach), aber wenn schon politische Anspielungen, so sollten sie wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte führen. Das war aber bei der gestrigen Premiere nicht der Fall. Eine Operette wird durch solche Art von Einsprengseln nicht besser.

Es ist auch anzumerken, daß Riegel Opfer ihrer eigenen Inszenierung ist, will sagen, wenn sie tatsächlich der Meinung ist, daß z.B. der Einbau der zwei Figuren Werner und Liselotte den ZuschauerInnen wie ihr Alter Ego wirken soll. Auch ohne diese beiden Figuren hätte es keinen Quantensprung in der Qualität gegeben.

Hervorhebenswert sind Bühne und Maske; da muß Caroline Neven Du Mont – eine Könnerin mit anspruchsvollem Nachnamen – gelobt werden. Zum einen ist es das Karussell, das wohl das sich bewegende Leben darstellen soll. Zu Anfang sehen wir auf diesem die wichtigsten Sinnbilder Venedigs: eine Brücke, eine Gondel, den venezianischen Löwen und ein alter Ofen (Hinweis auf die italienische Pizza und Makkaroni). Als besonders gelungen kann man die Masken selbst nennen, die von den Senatoren-Frauen getragen wurden. Diese erinnerten an die skurrile Phantasie der Schweizer Gecken.

Und was die SängerInnen betrifft: daß sie sehr gut singen können, haben sie erneut bewiesen, auch wenn es mit deren schauspielerischen Fähigkeiten echt mangelt. So mancher Dialog klang sehr gekünstelt, irgendwie fern aller Wirklichkeit.

Ohne jetzt die Qualität der einzelnen Akteure zu bewerten, so hat Ruth Ingeborg Ohlmann als Annina sehr überzeugt, während dem Urbino-Darsteller der Lebemann-Fürst nicht ganz so abgenommen werden kann. Das dürfte weniger daran liegen, daß er einen solchen Menschen nicht spielen könnte, aber vielleicht gibt das ganze Stück als solches nicht mehr her. Irgendwie ist seine des Herzogs Persönlichkeit recht oberflächlich; sie bietet wenig Angriffsfläche. Dagegen sticht im Vergleich dazu Radoslaw Rydlewski besonders hervor, auch weil er das ist, was man für eine solche Rolle die ideale Besetzung bezeichnen kann.

Etwas mehr hätte man von dem Ballett erwarten können. Mirko Mahr sollte sich hier mehr einfallen lassen.

Diese kritischen Anmerkungen aber werden eh kaum dazu beitragen, Anhänger der Operette abzuhalten, sich diese Aufführung anzuschauen, zumal es eine Menge an Schmunzel hervorrufende Szenen gibt und auch solche, die uns zum Lachen bringen, womit der Hauptzweck der Operette erfüllt wäre.

So gesehen ist das Werk getan, wofür diese Operette geschrieben wurde: Erheiterung, Ablenkung, und das bis in das nächste Jahr hinein.

Kurt W. Fleming
05. Oktober 2008, Musikalische Komödie

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