Wer die Broschüre zu Wagners “Fliegenden Holländer” liest, die die Leipziger Oper dem Publikum zur Information anbot, wird sich dadurch wohlbehütet glaubend auf diese Oper mental und psychisch vorbereitet haben, von den feinen Roben, die so manche trugen, abgesehen.
Wer also dem roten Faden folgte, den man in dieser kleinen und dünnen Broschüre nachlesen konnten, wird sich auf einen typisch wagnerisch-gemütlichen Abend gefreut haben. Aber vielleicht hätten einige vorab sich erkundigen sollen, daß gerade diese Oper eine von der Sorte war, mit der Wagner seine weltanschaulichen Probleme, seine Suche auszudrücken versuchte. Allein das hätte so manche – besonders manche braven, pseudo-moralistischen Leipziger Spießer mit ihrem antiquierten Wagner-Bild – vorsichtig werden lassen müssen.
Aber erst einmal ein paar Bemerkungen zu der Geschichte, wie sie ursprünglich zu sein schien: Daland (James Moellenhoff) ist mit seinem Schiff unterwegs – dabei ist dies eher ein Gewirr von kleinen Wolkenkratzern, zwischen denen sich ein Highway schlängelt. Er beauftragt seinen Steuermann (Dan Karlström), Wache zu schieben, was dieser locker ausführen möchte. Doch statt dies zu tun, bekommt er erotische Träume. Denn plötzlich taucht eine Tänzerin (Peggy Plätzer) auf, wunderschön anzusehen. Nicht nur daß sie grazil tanzt, beginnt sie, sich zu entkleiden. An heutigen deutschen Theaterstätten nichts mehr Besonderes. Der Steuermann hält in seinen Händen ein gekrümmtes Gummi, das aussieht wie ein übergroßer Penis, wohl Sinnbild seiner erotischen Träume.
Bis dahin hält das Publikum still. Ja, es gibt so manche “Spanner”, die ihre Operngläser zücken, um die Schöne näher betrachten zu können. Die Tänzerin entpuppt sich als Striptease- und Table-Tänzerin, also eine Frau, die sich “verkauft”. Daß der Spießer dagegen nicht protestiert, ist klar: denn wenn dieser eine Moral hat, dann ist sie doppelt, sprich: sie ist geheuchelt.
Während der gesamten Aufführung wird ein Video auf einer großen Leinwand geworfen, zusammengestellt von Stefan Bischoff. Am Anfang sehen wir Lichtspuren schnell rasender Autos. Dann sehen wir à la Google aus Satelliten-Perspektive diverse Städte, wobei die Bilder bis ins kleinste Detail heran gezoomt werden. Wir sehen Nachrichten des Fernsehkanals Bloomberg mit seinen Berichten von der Börse. Wenig später sehen wir zerfallene, leer stehende Häuser, eine Müllhalde mit darauf streunenden Hunden. Dann – das hätte den ersten Schock geben sollen, aber die Leipziger Spießer mucken nicht auf – sehen wir zwei Hunde, die miteinander, nein, die gegeneinander kämpfen. Sie haben sich fest ineinander verbissen, wobei ein Hund dominiert, während der andere nicht einmal mehr mit einer Unterwerfungsgeste daraus befreien kann. Und diese Filmszene wird viele Minuten lang gezeigt.
Irgend wann taucht der Holländer (James Johnson) auf, heftet sich zwei Flügel an – er ist ja auch der FLIEGENDE Holländer –, das die ZuschauerInnen zum Lachen bringt, was er mit einem Schulterzucken und Augenzwinkern quittiert, so nach dem Motto: “Was soll’s!”
Die Geschichte ist bekannt: Der Holländer bietet dem Kapitän seinen ganzen Reichtum an, wenn seine Tochter Senta (Edith Haller) ihm Treue bewahrt bis zum Tode, damit er von seinem Fluch erlöst werde.
Die Geschichte nimmt ihren weiteren Verlauf und – irgendwann taucht die Tänzerin auf und bewegt sich grazil tanzend durch die Zuschauerreihen; auch hier schweigen die schon erwähnten Spießer: manche sagen vernehmbar: “Hoffentlich kommt sie auch hier her”; und als sie dies auch tat, hört man die Bemerkung: “Ich dachte schon, ich sitze auf der falschen Seite”.
Aber nach diesem Spiel – es ist die Szene, als Daland und der Holländer singen – erscheinen auf der Leinwand Bilder von getöteten oder halbtoten Rindern, wie sie aus einem Container entleert, mit Wasser überspritzt, dann an den Hinterbeinen hochgehievt und abtransportiert werden. Diese Bilder wiederholen sich und dann – der plötzliche Aufschrei magenempfindlicher Spießer. Sie rufen: “Genug damit!”, “Weg mit diesen Bildern!” usw. Denn wir alle sehen, wie ein Metzger mit einem Hammer gegen den Kopf einer Kuh schlägt, um sie auf diese Art und Weise zu töten.
Zugegeben: das sind Bilder, die niemand unberührt lassen. Daher diese Buh-Rufe, aber auch zum Glück solche, die da rufen: “Wenn es euch nicht gefällt, dann geht doch!” oder “Ruhe!”
Wenn man sich dieses Spektakel näher betrachtet, fällt so einiges auf:
- Die Buh-Rufer haben kein Problem, wenn in Gestalt der Tänzerin eine Frau ihren Körper verkauft, um männlichen Gelüsten zu genügen.
- Sie haben kein Problem, als die Szene mit den beiden Hunden gezeigt wird, wo der eine den anderen fast tot beißt.
- Die Buh-Rufer kümmern sich mit Sicherheit nicht darum, wie das Fleisch der Rinder in die Kühltruhen von Discount-Läden gelangt, also wie diese Tiere tatsächlich zu Tode kommen.
Diese Buh-Rufer entrüsten sich immer an der Stelle, wo sie sich selbst verraten, sprich: wo ihre doppelbödige Moralität durch alle ihre Poren strömt trotz ihrer feinen Gewänder, die sie sich anlegten, als sie zur Oper eilten, um einen gemütlichen Abend zu genießen.
Sie hätten sich übrigens auch darüber informieren sollen, daß es Michael von zur Mühlen ist, der diese Oper inszenierte. Wie Sebastian Hartmann vom Central-Theater schockiert und polarisiert, zumindest ist das sein Anliegen, so tut dies auch von zur Mühlen. Und er tut dies mit brachialer Gewalt. Es wundert nicht, wenn er zu scheinbar obskuren Mitteln greift, um seine Interpretation des durch ihn flügge gewordenen Holländer in Szene zu setzen:
Am Anfang der Männer-Chor: die Männer entledigen sich ihrer Hemden und malträtieren sich – wie christliche und muslimische Gläubige – mit dem Schlips, indem sie diesen auf ihren Rücken schlagen. (Man fragt sich zwischendurch, wer später diese Hemden wegräumen wird.)
Als der Frauen-Chor auftritt und Senta ihre große Stunde hat, bewegt auch sie sich – über die Sitzreihen hinweg – singend durch das Publikum. Und dann – der nächste Schocker für die übersensibelten und heuchelnden Spießer – holt sie einen Eimer, der schon andeutet, was aus ihm fließen wird: Theaterblut. Mit diesem beschmiert Senta die Hemden und zieht sich einige davon an. (Man fragt sich zwischendurch, wie sie das Blut an ihre Händen wieder los wird.)
Doch die Antwort zeigt sich schnell am Beispiel einer auf die Bühne gezogenen Duschkabine, in die Senta verschwindet, während ihr Verlobter Erik (Michael Baba) versucht, ihr dorthin zu folgen, was Senta ihm aber verwehrt. Erst als sie diese verläßt, steigt er hinein, behält aber seine Unterwäsche an und duscht sich in dieser. Das wird mit viel Gelächter quittiert. Die Spießer genießen diesen Anblick. Man darf dreimal raten, warum!
Irgendwann taucht dann noch des Holländers Mannschaft auf, die sich mit einer undefinierbaren schmierigen Flüssigkeit übergießt, anschließend das gesamte Bühnenbild (Natascha von Steiger) zerschlägt, und auf der großen Leinwand sehen wir, wie diese wild gewordene Horde durch die Oper rennt, gipserne Büsten zerschlägt, auf den Platz vor die Oper rennt und ein Auto abfackelt. Dann stürmen sie in ein Kaufhaus, plündern es, werfen alles durcheinander, zertrümmern Fernsehapparate, um zuguterletzt den Leipziger Hauptbahnhof zu stürmen – und alles unter den Augen von mitgefilmten Gaffern, die nicht wissen, was da eigentlich passiert.
Wenn man sich nun diesen Abend, diese Inszenierung Revue passieren läßt, so kann man dazu stehen wie man will – manche Spießer buhten ja nicht nur, einige wenige davon verließen entrüstet den Zuschauerraum und warfen noch zudem die Tüten laut ins Schloß, was wiederum viele zum Lachen und zum Kopfschütteln brachte.
Andere klatschten zwischendrin Beifall, um ihr Gefallen mit der einen oder anderen Szene auszudrücken.
Jetzt stellt sich noch die Frage, warum die meisten entrüsteten Spießer blieben. Da gibt es zwei Antworten, die irgendwie zusammen gehören: erstens haben sie eine Menge Geld bezahlt, um zu genießen; zweitens, weil aus diesem Genuß nichts wurde, hoben sie ihre Empörung auf, um diese zum einen (warum auch immer) James Johnson ins Gesicht zu schleudern. (Er war der einzige Künstler, der von einigen ausgebuht wurde.) Und zum anderen eben – Michael von zur Mühlen, der dann noch provokativ seine linke Hand ans linke Ohr hielt, so als wolle er das Buhen und Meckern besser hören.
Sicherlich: je nach Neigung mag man dieses und jenes. Die einen, die hier die Spießer geheißen wurden, wollten eine klassische Darbietung: eine tolle Abenteuergeschichte mit “schöner” Wagner-Musik. Die anderen, die frenetisch Beifall spendeten, liebten diese Provokation.
Jetzt bleibt noch die Frage offen, ob z.B. einige Szenen (besonders die Video-Sequenzen) aus der Inszenierung herausgenommen werden. Wir können nur hoffen, daß – nicht!
Kurt W. Fleming, 11. Oktober 2008
Oper Leipzig
Fotos: Andreas Birkigt





