Interview mit Katrin Richter, Theaterpädagogin und Leiterin des Spinnwerks

Auf der Internet-Seite des Spinnwerks steht in Ihrer Vita, daß Sie Kultur- und Theaterpädagogik studiert haben, und Schauspielerei.

Richter: Schauspielerei habe ich nicht studiert. Es gibt ja diese Eleven-Ausbildung. Ich habe im Jungen Theater in Göttingen im Ensemble gespielt und nach drei Jahren konnte ich eine Prüfung ablegen.

Aber Sie würden sich dennoch Schauspielerin nennen?

Richter: Nun, das ist ja kein geschützter Begriff und da mag sich jeder so nennen. Aber ich habe sechs Jahre in einem Ensemble gearbeitet. In Magdeburg habe ich dann aber nur in ein oder zwei Stücken mitgespielt, weil ich mehr Theaterpädagogik gemacht habe. Und da die Vorbereitung eines Stückes ca. sechs Wochen in Anspruch nimmt, ich aber jetzt und hier ein neues Projekt aufbaue, habe ich dafür keine Zeit. Aber ich sehe mich als Schauspielerin, als Comedian.

Auf der Web-Seite las ich noch, daß Sie auch Regie geführt haben. Und neben der Theaterpädagogik gibt es noch die Kulturpädagogik die Sie studiert haben. Gibt es etwas von den drei Richtungen, das Sie am liebsten machen?

Richter: Als Theaterpädagogin muß man ja immer Regie führen, oder Spielleitung nennt man das. Da arbeite ich mit Jugendlichen, die am Ende auch ein Produkt vorweisen möchten. Es ist aber nicht so, daß ich Regie machen wollte. Aber Regie bzw. Spielleitung gehört zur Theaterpädagogik. Und da bin ich sehr glücklich, daß ich als Schauspielerin sehr viel Handwerk gelernt habe. Ich möchte aber den eigenen Drang zu spielen nicht auf die Jugendlichen übertragen. Das ist wie bei manchen arbeitslosen Schauspielern, die mit jungen Menschen arbeiten, die diesen ihre eigene Kunstform aufdrängen wollen. Das will ich aber nicht. Ich habe vielleicht viermal im Monat einen Auftritt.

Wie kam es dazu, daß Sie Theater- und Kulturpädagogik studieren wollten?

Richter: Ich bin vom Sternbild her Wassermann, und der will die Welt verändern, und weil ich ein kreativer Mensch bin…

… ich bin Krebs und will die Welt auch verändern…

Richter: (schmunzelt) … und ich hätte vielleicht auch Wissenschaftlerin werden können, aber das war nicht meine Begabung. Und ich denke, daß es gerade das Theater ist, das sich wieder mehr in die Gesellschaft einmischen soll. Wenn ich mit Jugendlichen arbeite, hinterlasse ich Bleibendes. Ich arbeite mit ihnen, ihre Persönlichkeit verändert sich, und das nehmen sie mit in unsere Gesellschaft. Als Comedien arbeite ich dagegen nur für den Moment: die Leute gehen aus dem Theater und sagen: “Ach, die Frau war ja lustig!” – aber dann ist es weg. Aber bei meiner Arbeit mit den Jugendlichen schaffe ich etwas Bleibendes. Deshalb mein Ansinnen, Theater zu machen, weil ich damit etwas aussagen möchte und etwas verändern.

Gab es dafür in Ihrer Kindheit ein besonderes Erlebnis, das Sie für das Theater einnahm?

Richter: Ich war in der 2. oder 3. Klasse, da gab es eine Theaterarbeitsgemeinschaft und da bin ich hingegangen. Ich hatte schon in der Kirche mitgespielt. Und als ich zu dieser Theater-AG hinging und dort Rollen verteilt wurden, bekam ich die Rolle eines Mönches, den ich aber nicht spielen wollte, da ich ein Mädchen bin. Daraufhin wurde ich sofort der Tür verwiesen. Und da hatte ich meiner Mutter gesagt: ich möchte nie, daß ein Kind etwas spielen müsse, was es nicht wolle. Und daraufhin habe ich selbst ein Stück geschrieben. Und so ist es bei mir entstanden, daß ich es jetzt so mache, wie ich es will, denn ich habe keine Lust, daß andere über mich bestimmen.

Sie selbst sind nicht Mitglied im Schauspieler-Ensemble. Bedeutet das aber, daß Sie nicht in einem Stück mitspielen wollten.

Richter: Doch schon, wenn sich was ergibt, aber jetzt baue ich hier ein Projekt auf und da bleibt kaum Zeit für eine Rolle. Und momentan ist das auch gut so, daß ich in einem aktuellen Stück nicht eingebunden bin. Bei einer ernsten Rolle, die ich vielleicht spielen würde, müßte ich 100%ig dabei sein und so wie ich momentan drauf bin, hätte ich dafür keinen Nerv. Also: Interesse hätte ich schon, aber ich fühle mich jetzt sehr wohl als “Nur”-Theaterpädagogin. Daher hatte ich vor Jahren beschlossen, daß ich da klare Grenzen ziehe, denn ich will etwas Bleibendes machen, mit Jugendlichen zusammenarbeiten; und Schauspiel ist ein Metier, wo man viel von sich preisgeben muß.

Apropos Theaterpädagogik – wenn Sie diesen Begriff ganz kurz umreißen sollten, wie würden Sie sie definieren, auch in Zusammenhang mit Kulturpädagogik; gibt es da Ähnlichkeiten oder mehr Unterschiede?

Richter: Es gibt Ähnlichkeiten, weil man mit ähnlichen Methoden arbeitet. Kulturpädagogik ist dennoch mehr Kulturmanagement, Kulturtheorie, also was ist Kultur usw. Theaterpädagogik ist da mehr praxisbezogen.

Wie sieht der Alltag einer Theaterpädagogin aus?

Richter: Erst einmal ist der Begriff “Theaterpädagogik” schwierig. Ist das überhaupt noch Theaterpädagogik? Denn wenn man sich anschaut, wie Theaterpädagogik an den Theatern entstanden ist, mache ich das längst nicht mehr, was man früher so nannte. So habe ich in den letzten Jahren nicht nur eine Menge gelernt, sondern selbst eine Entwicklung durchgemacht und für mich festgestellt, daß ich bestimmte Dinge nicht mehr möchte.
Ein Theaterpädagoge arbeitet mit Schulen, mit Lehrern, da geht es um die Vor- und Nachbereitung von Stücken, mache Workshops. Oder man ist auch dramaturgisch tätig.
Da ich aber selbst nicht mit allen Jugendclubs arbeiten kann, habe ich das Konzept entworfen, daß Jugendliche mit Jugendlichen arbeiten.
Das Arbeiten mit den Lehrern dagegen ist mittlerweile anders geworden. Da hat sich eine Menge verändert. Es ist so, daß viele Lehrer müde geworden sind, selbst immer seltener ins Theater gehen. Es gibt Lehrer, die nach wie vor sehr engagiert sind, aber es gibt auch Lehrer, die schon längst aufgegeben haben. Unter den heutigen Umständen möchte ich selbst keine Lehrerin sein. Es ist mittlerweile ein gesamtdeutsches Problem, daß immer weniger Lehrer ins Theater gehen, auch mit ihren Schülern.
Meine Reaktion auf diese Situation ist: ich möchte mit Leuten arbeiten, die freiwillig kommen wollen. Entweder sie kommen, oder sie kommen nicht. Es macht keinen Sinn, wenn Schüler qua Lehrer ins Theater gehen und ein großer Teil davon sich nicht für das Stück interessiert, dann lieber wenige, die kommen; aber sie kommen, weil sie es wollen.
Theaterpädagogik im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr, denn die ersten Theaterpädagogen waren größtenteils Lehrer, die vom Kultusministerium oder von der Schule ins Theater “abgeordnet” wurden. Das weitete sich dann aus, irgendwann haben sie eine Theatergruppe geleitet. Aber bei meiner Generation ist das jetzt anders. Wir haben Theaterpädagogik studiert und gehen daher an diese gesamte Problematik ganz anders heran. Uns geht es nicht mehr um Akquise, also soviel wie möglich Schüler ins Theater zu bekommen, sondern unsere Fragestellung ist: was ist das Theater und was bedeutet das Theater für die Zuschauer. Das heißt für mich, daß sich Theaterpädagogik nicht nur auf Kinder und Jugendliche beschränkt, sondern auch auf die Erwachsenen. Wir sind daher die Grundvermittler zwischen den Zuschauern und den Künstlern.
Generell arbeite ich intergenerativ: mit Kindern, mit Jugendlichen, mit Erwachsenen, und auch mit Rentnern. Denn ist falsch zu sagen, daß kulturelle Bildung nur etwas für Kinder und Jugendliche wäre. Es gibt auch viele “junge Alte”, die ebenso kulturinteressiert sind.

Gibt es derzeit aktuelle Projekte, die in Planung sind oder vor der Aufführung stehen?

Richter: Wir haben erst einmal die normalen Theaterwerkstätten. Dann wird es in den Herbstferien hier ein Camp geben, wo sich Jugendliche mit der Geschichte der Baumwollspinnerei auseinandersetzen werden. Man beginnt also mit einem Projekt, das im nächsten Jahr seine Premiere haben wird. Das ist also ein Projekt, wo wir zwei Tage hier miteinander leben wollen, inklusive übernachtung. Es geht dabei um Ideensammlung. Und im Februar haben wir ein Camp zum Thema “Glück”. Ich habe dieses Thema deshalb gewählt, weil es ein Thema sein soll und sein kann, das uns miteinander verbindet. Also nicht daß die eine Gruppe das eine, die andere Gruppe das andere Projekt macht, sondern es geht um das gemeinsame Erarbeiten, also etwas, was die jungen Menschen miteinander verbindet.
Das Thema “Glück” hat sich angeboten, weil es einen positiven Bezug hat, von dem aus man dann durchaus später auf Negatives stoßen kann. Es geht also um das Glücksgefühl: Kinder und Jugendliche wollen glücklich sein. Von da aus kommt man zu dem Thema, was die Glücksblockaden sind und wie kann man Glück erreichen.

Ist Theaterpädagogik – wenn wir mal bei diesem Begriff bleiben – an dem Centraltheater etwas, was eben nur dazu gehört, so am Rande, oder welchen Stellenwert hat sie?

Richter: Also einen hohen Stellenwert. Denn wenn die Theaterpädagogik bei uns nicht diesen hohen Stellenwert hätte, hätten wir auch nicht diese Räumlichkeiten. Ich hatte daher die Bedingung gestellt, einen eigenen Raum, einen eigenen Produktionsort zu bekommen. Es ist für mich ganz wichtig, daß die Jugendlichen einen autonomen Raum haben, wo sie in Ruhe arbeiten können, denn wenn dieser Raum ihre Bühne ist, wirken sie viel präsenter als auf einer Bühne, die sie noch nicht kennen. Und außerdem bleiben wir ja mit den anderen Einrichtungen, also mit dem Centraltheater und der Skala verbunden. Aber wenn z.B. Profis bei uns arbeiten wollen, dann müssen sie eben uns fragen. Diese Autonomie ist uns sehr wichtig.

Sind Sie “gezwungen”, das Hartmannsche Konzept mitzutragen, auch hier an Ihrer autonomen Einrichtung?

Richter: Was das Hartmannsche Konzept für das Centraltheater betrifft, so trage ich dies mit, weil es auch meinen Theatervorstellungen entspricht. Denn seine Strategie der Polarisierung führt immerhin wieder dazu, daß wieder über das Theater gesprochen wird, denn mein Eindruck davor war, daß man viel zu wenig über das Theater geredet hatte. Und das ändert sich jetzt. Das Theater war in den letzten Jahren irgendwie “zugegraben”.
Ich kenne Sebastian [Hartmann] schon seit Göttingen, daher kenne ich seinen Stil, zumal ich selbst radikales Theater mag. Theater ist Kommunikation, es ist nicht vergleichbar mit der Leinwand im Kino. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist nichts Vorgelebtes: wir verändern die Gesellschaft, und das Theater tut dazu einiges. Besonders Jugendliche sollen angesprochen werden, denn gerade sie müssen noch mehr als andere vorher diese Gesellschaft verändern.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Kurt W. Fleming
Das Interview wurde am 6. Oktober 2008 im Spinnwerk durchgeführt.

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