Furcht und Angst haben gehören irgendwie zusammen. Aber wie entsteht die Angst, wie das Gruseln? Beides sind menschliche Grundgefühle. Die Angst äußert sich in als bedrohlich empfundene Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung, gilt also als objektunbestimmt. Die Furcht hingegen ist ein objektbezogenes Gefühl. Evolutionsgeschichtlich sind beide also so oder so ein den Menschen schärfender Schutzmechanismus. So nachzulesen bei Wikipedia.
Angst wie auch Furcht entstehen einerseits aus einem Unwissen dem Unbekannten gegenüber, aber auch aus dem scheinbaren Wissen ob dem scheinbar Bekannten, das aber in sich eine Art Unberechenbarkeit enthält, die man schwer einzuschätzen vermag.
Angst und Furcht waren schon immer, seit sich die sozialen Verhältnisse herauskristallisierten, auch in Gestalt von Klassenverhältnissen, Instrumente zur Kontrolle von Menschen. Wer Angst hat, der fürchtet sich, wer sich fürchtet, ist leicht zu manipulieren.
Die Gebrüder Grimm schrieben dazu ein Märchen. Was Wunder, daß in diesem Märchen der junge Jakob, eben weil er nicht weiß was Furcht ist, als dumm gilt.
Aus diesem Märchen zauberte die Regisseurin Martina Eitner-Acheampong eine sehr gut von den Kindern aufgenommene Inszenierung. Dennoch war Vorsicht geboten. Vorher wollte das Theaterhaus wissen, ob die Inszenierung nicht zu gruselig ist, um tatsächlich die jungen ZuschauerInnen in unbeabsichtigte Furcht zu versetzen. Daher lud das Haus in Verantwortung der Theaterpädagogin Katrin Richter ca. 30 “kleine Kritiker” ein, um herauszufinden, wie sehr sich die Kinder fürchten würden. Man wollte vorab wissen, ob das Stück so ankommt, wie es ursprünglich inszeniert wurde und ob es nötig sei, das eine oder andere zu ändern.
Das Ergebnis dieses Versuches war, daß die Kinder kaum Vorschläge zu unterbreiten hatten, also schien dies schon ein gutes, angstloses Omen für die Premiere, die gestern, 29.11., stattfand, zu sein.
Weil also Jakob nicht weiß, was Furcht ist, entläßt ihn sein Vater aus dem Haus und schickt ihn, versehen mit einem Beutel gefüllt mit 50 Talern, in die Welt, um etwas “Gescheites” zu lernen, nämlich das Fürchten.
Die Welt wird auf der Bühne als ein mehrschichtiges Haus dargestellt, eine Mischung als Elternhaus, eine Art Kirche mit Glockenturm (wobei die zu läutende Glocke eher ein Glöckchen ist), ein krummes Haus, in dem der Krumme wohnt, versehen mit einem molchartigen Schwanz, dann ein “Hügel” mit einem Baum von Gehenkten, die freilich nicht hängen, sondern nur so tun. Das hätte man Kindern nicht antun können. Was tatsächlich hing, waren deren Köpfe. Durch das Drehen der Bühne wird man dieser Vielschichtigkeit des Hauses ansichtig. Diese Konzeption ging also sehr gut auf.
Unterwegs stößt Jakob auf ein Mädchen, das mit ihm Ball spielt, ihm den Ball schenkt. Sie stellt sich vor als: Tochter, Schwester, als Besitzerin des Balles, während Jakob sein Woher nicht verrät, sondern im Stirnerschen Sinne von sich sagt: “Ich bin Ich!” und ihm das Mädchen darauf antwortet: “Bleib wie du bist!”
Überhaupt war es interessant festzustellen, wie in diesem Märchen, in dieser Aufführung Stirnersches Gedankengut wiederzufinden war, geht es doch letztlich darum, sich nicht zu verrenken, sondern das zu sein, was man ist, oder anders formuliert: “Wir sind jeden Augenblick alles, was wir sein können und brauchen niemals mehr zu sein” oder “Man glaubt nicht mehr sein zu können, als Mensch. Vielmehr kann man nicht weniger sein!”
Das Stück wurde diesmal nicht, wie in den letzten Jahren ähnliche Märchenstücke vor der Weihnachtszeit, von Mitgliedern des Ensembles gespielt, sondern von dem im 3. Studienjahr befindlichen Nachwuchs der Hochschule für Musik und Theater “Felix Mendelssohn Bartholdy”, gleich gegenüber dem Centraltheater. Diese jungen Akteure sind: Natalia Belitski, Lisa Jopt, Georg Boehm, David Kosel, Lucas Prisor, Albrecht Schuch, David Simon, Johann David Talinski.
Besonders erfrischend war deren agile Spielweise. Eine herzerfrischende Lebendigkeit, die bei den jungen ZuschauerInnen sehr gut ankam.
Neben dem sehr gut konzipierten Bühnenbild ist auch die Konzeption der Kostüme zu erwähnen, wobei hier auch und besonders die Masken zu nennen sind, wie man sie besonders bei den kreativen Schweizern findet, wenn sie sich zu ihrem Fasching rüsten.
Die Musik schrieb der aus Dortmund stammende Musiker der Band Kapelsky, Gregor Hengesbach, der seit ca. einem Jahr auch für das Theater arbeitet. Seine Musik war eine Mischung, so verriet er kurz vor Beginn des Stückes, aus Rock, Jazz und Raeggie. Aber, so gestand er überraschend ein, dies selbst nicht bemerkt zu haben, die Art des Vortrages der vier jazzgeübten MusikerInnen Johannes Dittmar (Bratsche), Felix Franzke (Gitarre), Philipp Rohmer (Bass), Friederike Bernhardt (Percussion) erinnerte an deutschen Folk à la Liederjahn oder FiedelMichel. Zur Überraschung aller baute er in seine Musik auch solche Überraschungen ein wie den Auftritt des Conferenciers aus dem Musical “Cabaret” oder der Andrews-Sisters oder den Song am Kreuz aus dem Film “Das Leben des Brian”, eine Komödie der britischen Komikergruppe Monty Python aus dem Jahr 1979. Diese Überraschungen kamen besonders sehr gut an.
Beeindruckt gleich zu Beginn waren viele BesucherInnen von der großen Leinwand, auf der viele seltsamen Wesen gezeichnet sind: einmal sogenannte normale Menschen (u.a. wurde von dem Zeichner dieser Leinwand, Matthias Wulst, die Regieassistentin Anne Gummich verewigt), dann wieder schrecklich Aussehende, auch solche ohne Kopf. Fast rechts sieht man auch eine kleine Gestalt, die eine recht große Ähnlichkeit mit Hitler hat.
Während der Aufführung gab es viel Applaus, auch nach dem Ende der ersten Hälfte. Und als das Stück sichtbar zu Ende war, gab es lang anhaltenden Applaus. Nicht nur die Kinder waren begeistert, sondern auch die Erwachsenen, wobei wohl das Kind in ihnen für diese Begeisterung zu sorge schien.
Allen Eltern sei geraten, mit ihren Kindern dieses Stück anzusehen.
Kurt W. Fleming
29. November 2008, Centraltheater Leipzig






