Du hast dich entschieden, Regie zu machen. Warum hast du diesen Beruf ergriffen?

Bei mir war es ein Zufall. Ich hätte nie gedacht, daß ich einmal beim Theater landen würde, weil ich mich nicht dafür interessiert hatte. Erst mit ca. 20, 21 Jahren bin ich das erste Mal bewußt ins Theater gegangen. Ich bekam den Tip, ich könnte dort hospitieren. Bei dieser Hospitanz hat sich eher meine Langeweile im Theater bestätigt. Ich bin dann durch einen Zufall dazu gekommen, bei Jürgen Kruse zu arbeiten. Erst diese Begegnung war es, die mich zur Regie brachte. Ich bin dann eigentlich zu den Proben gegangen als in Theatervorstellungen. Es war diese Form von Realität, in die mich begab, die mich eher interessierte. Es lag gar nicht in meinem Sinn, eine solche Karriere einzuschlagen. Ich habe auch heute noch eine gewisse Distanz dazu.

Hast du so etwas wie ein theoretisches Konzept, wie du Theater machst? Vergleichbar mit den theoretischen Konzeptionen von Brecht mit der Verfremdung, dem epischen Theater?

Also ich habe eigentlich erst bis zu den ersten Proben ein Konzept. Bis zur Leseprobe steht das vielleicht noch, um es dann in der Probenarbeit über den Haufen zu werfen. Das einzige Konzept ist für mich im Moment, weil ich noch nicht so erfahren bin, mich dieser Probensituation auszusetzen. Ich habe zwar natürlich einen Informationsvorsprung aufgrund der Recherche, die ich vorher betreibe. Aber wenn ich mit den Schauspielern zusammen sitze, möchte ich die Situation erst finden, bevor ich sie weiß, ich möchte sie nicht vorgeben wollen. Ich möchte dadurch zu einer Form von Kompetenz kommen, die die Schauspieler genauso haben wie ich. Meine bisherige Erfahrung ist eigentlich, daß ich mein Inszenierungskonzept oder ein Konzept für den Weg durch das Stück, durch den Text, bis einen Abend vor der Probenarbeit zurechtgelegt habe, was sehr wichtig für mich ist. Das erste, was ich dann sehr schnell tue, ist es, dieses Konzept in Klump zu hauen und bei dieser Zerstörung sehe ich, was davon Brauchbares übrig bleibt, was auch durch die Schauspieler annehmbar ist, womit sie also auch umgehen können. Das einzige, was mich interessiert, ob man das nun “Konzept” nennt, ist eine Autonomie von Schauspielern, ihre eigene Realität auf der Bühne herzustellen. Ich verfolge also keine bestimmte Theorie. Und wenn eine Theorie dahinter steht, dann die, daß ich die Realität dem Realismus vorziehe. Was mich weniger interessiert, ist das Abbild von Etwas zu zeigen, sondern sie zu zerstören, um das Bild der Zerstörung zu zeigen. Und die Reibung oder der Widerstand der Schauspieler dagegen ist mir sehr wichtig, das sie also auf Augenhöhe mit mir agieren, das sie also kritisch und skeptisch damit und mit mir umgehen, um sich ihre eigene Realität auf der Bühne zu bauen. Das alles ist die eigentliche Grundlage von allem, was und wie ich es tue.

Du bist jetzt seit September in Leipzig in der ehemaligen Neuen Szene, die jetzt Skala heißt und du hast schon Stücke aufgeführt. Das aktuelle Projekt war jetzt die Zusammenarbeit mit Ludvig Uhlbors. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Die Frage war, was ein Autor ist. Der Begriff des Autors ist ja auch eine Konzeption, die uns interessiert, also inwiefern der Autor derjenige ist, der ein Stück geschaffen hat, der dafür verantwortlich zeichnet für den Text, oder inwiefern bin ich derjenige als Regisseur, der verantwortlich ist für das, was zu sehen ist; inwiefern ist der Schauspieler für das verantwortlich wie der Autor. Und über den Ansatz des Kolonialtheaters versuchen wir, diese drei Komponenten plus einen vierten Autor, den Zuschauer, aufeinandertreffen lassen. Wir wollen jede Form des Schutzes und der logischen Konsequenz daraus aufgeben. Ein Text beschränkt sich also nicht auf den eigentlichen Autor. Ein Text kann auch ein Schauspieler sein, ein Text kann auch der Regisseur sein, der in dem Moment, wo er was tut, auch schreibt und den Konflikt verfolgt. Wir wollen die Autoren- oder Urheberschaft im Theater aushebeln und dies zur Diskussion stellen. Der Begriff, die Definition von “Autors” steht im Zentrum, an dem wir alle aus gleicher Höhe von verschiedenen Seiten arbeiten.
Man kann es auch so sagen: der eigentliche Autor – den gibt es für uns nicht es sind ja lebendige Menschen beteiligt an dem was wir tun. Der schreibende Autor, stellt zur Disposition, was er sich vorher organisiert hat. Es ist eine organisierte Form von Rezeption, die er mir vorlegt, und ich fange an, sie neu zu organisieren; und dann fängt der Schauspieler an, sie neu zu organisieren, dann der Zuschauer, der sie neu organisiert – so ist doch jeder einzelne ein Autor. Das, was der Autor schreibt und das, was beim Zuschauer ankommt, ist ja immer grundsätzlich verschieden. Es ist also für mich völlig irrelevant für die Rezeption, was der Autor mit seinem Text gemeint hat. Und das sollte auch dem Zuschauer egal sein. Und für dieses Konzept haben wir in Ludvig einen angenehmen Partner gefunden. Er schreibt einen Text, den er erst einmal wie einen Stein ins Wasser wirft und sieht, was daraus wird. Und wenn der Zuschauer dann eingreift, ist er auch Teil dieses Textes.

Dieses Projekt endete am 16. November. Wie würdest du das Ergebnis resümieren?

Das hat natürlich Licht und Schatten. Es ist ziemlich schmerzhafter Prozeß, weil man da komplett ungeschützt ist und offen seine Wunden zeigt, wenn auch nicht in einem körperlichen Sinne. Alles spielt sich ab wie unter einem Vergrößerungsglas, wo man seine eigenen Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten erkennt, und ich habe keinerlei Techniken dies zu verbergen.
Und wenn ich dann mit dem Ergebnis konfrontiert werde, also in der Konfrontation mit den Schauspielern und den Zuschauern versuche zu arbeiten, brauche ich erst einmal danach einen Tag, um mich davon zu erholen.
Was dennoch nachwirkt ist, daß eine große Angstfreiheit entsteht, aber auch eine bestimmte Gelassenheit, eine Distanz zu dem, was ich tue, was ich eigentlich vermitteln möchte.
Vor allem in den Umschlägen der einzelnen Stadien, also das, was ich z.B. Mittwochabend gemacht habe, hat das noch was zu tun mit dem, was ich heute mache. Das ist aber für den Zuschauer nicht mehr ersichtlich. Ich erinnere mich da an eine Frage von einer Zuschauerin: welches Ziel hat diese Probe?! Aber genau das ist der Punkt. Denn wenn ich mir vorher ein Ziel setze für die Probe, dann brauche ich dieses Format nicht. Das wird mir jetzt immer klarer. Ich stelle mich grundsätzlich zur Disposition, mit allen Unzulänglichkeiten und Fehlern. Und wenn ich mir darüber im Klaren bin, erhalte ich einen ganz anderen Zugang zu einer theatralen Aufführungspraxis.

Also ist, was jetzt läuft, egal wie es läuft, für dich eine sinnvolle Geschichte.

Also für mich ja.
Eigentlich sind wir dabei, unser Vokabular komplett neu zu erlernen in einer solchen Situation, die dann noch wie ein Katalysator wirkt. Denn jede Entscheidung, die man trifft, hat eine unmittelbare Konsequenz. Denn man kann sich nicht mehr hinter dem, was man Handwerk nennt, verstecken, oder hinter einem Nichtwissen. Das bringt uns nicht mehr viel.
Es gibt eine extreme Gleichwertigkeit von unfreiwilliger Peinlichkeit, gewollter Peinlichkeit, schönen Momenten, emotionalen Momenten – jede Form einer dramaturgischen Steigerung und Entwicklung ist außer Kraft gesetzt, und die Dramatisierung, die normalerweise hinter und neben dem Theater stattfindet, also das eigentliche Drama, kann ich jetzt sehen.

Der jetzige Eindruck ist der, seitdem Sebastian Hartmann Intendant ist, daß das Leipziger Theaterleben so richtig “aufgemischt” wird. Eine Konsequenz daraus scheint aber zu sein, daß momentan wenig Publikum ins Theater geht, von den Premieren mal abgesehen. Wie reflektierst du diese Situation?

Also niemand von uns möchte vor leerem Haus spielen. Es ist übrigens ein häufig formuliertes Mißverständnis, daß wir uns selbst genug wären, also nicht nur jetzt wir hier in der Skala. Nicht desto trotz sind wir an einem Punkt, und da sind wir wirklich an einem Anfang – wir haben ja erst zwei Monate gespielt , an dem wir noch nicht so viele Kompromisse eingehen können und wollen. Wenn ich das jetzt tun würde, dann würde ich mich nach weniger Zeit mich von mir selbst entfremden. Und für mich ist das Theater ein Ort, einer der wenigen Orte, an dem man nicht entfremdet arbeitet. Das, was wir bisher aufgeführt haben in der Skala sind eigentlich die stärksten Statements, die wir bisher haben machen können, uns theatral zu äußern. Daß das bisher Gezeigte noch nicht auf das erhoffte Verständnis und Wohlwollen trifft, das ist ein Punkt, den wir uns schon vorher ausrechnen konnten, weil das grundverschieden ist zu dem, was man vorher hier gesehen hat und man erst einmal ein Publikum gewinnen muß. Aber wie wir das Publikum neu gewinnen, da sind wir derzeit dabei Strategien zu überlegen, die nach Möglichkeit fern ab dieser Inszenierungen funktionieren, sondern daß wir versuchen, Zuschauergespräche zu führen, oder unsere Öffentlichkeitsarbeit verbessern. Was wir nicht wollen ist, daß bei den Zuschauern ein Gefühl entsteht, daß sie uns egal seien, daß wir sie nicht an unserer Arbeit teilhaben lassen wollen. Ganz im Gegenteil: sie sind herzlich willkommen und daß wir durchaus in der Lage sind, zu unserer Arbeit Stellung zu beziehen und uns den Zuschauern ausliefern und ihnen sagen: Kritik erwünscht!

Was ich in diesem Zusammenhang noch sagen wollte, ist: natürlich ist das, was wir derzeit hier tun, eine Gratwanderung. Aber mit dem Hintergrund, wie ich Theater kennengelernt habe, empfinde ich das extrem befreiend. Daß man also dieses Risiko auch wagen kann. Aber die Erfahrungen, die wir derzeit hier sammeln, macht für uns das Theatermachen spannend und wir können dann mit diesen neuen Erfahrungen umso besser mit dem Publikum umgehen.

Vielleicht sollten wir das Theater nicht mehr nur und hauptsächlich als eine Erziehungsanstalt sehen, sondern es eher so formulieren, daß es eine Selbsterziehungsanstalt wird.

Natürlich bleibt das Theater eine moralische Erziehungsanstalt.

Wenn du Regie führst, bist du da eher demokratisch oder diktatorisch ausgerichtet?

Ich kann für mich keine Formulierung ausgeben. Demokratie ist bis zu einem bestimmten Grad möglich, aber da möchte ich sie auch gern zulassen. In einer bestimmten Form ästhetischer Organisation ist es natürlich so, daß ich irgendwann eine Entscheidung treffen muß. Und bisher es auch so, daß sich die Schauspieler auch darauf verlassen. Sie beziehen sich auf den, der da unten sitzt und sie verlassen sich auch darauf, daß derjenige auch in der Lage ist, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Und zwar auch weil er einen Blick darauf hat und weil er schon aus einer räumlich bedingten Distanziertheit das Ganze betrachten kann. Das heißt nicht für mich, daß ich der uneingeschränkte Chef bin. Für mich entsteht die Lebendigkeit erst in dem Moment, wo man sich nicht dem, was von außen kommt, unterordnet.

Kurt W. Fleming
Skala Leipzig, 17.11.08

Foto: Centraltheater

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