Gestern Abend fand die schon vor mehr als 2 Monaten angekündigte Zuschauerkonferenz statt. Während eine Stunde vor Beginn noch sehr wenig Menschen da waren und die Leitung des Theaters nicht wußte, ob dann diese Konferenz hinter dem Eisernen oder im Zuschauersaal stattfinden wird, war kurz vor Beginn klar, daß es letzt genannter Raum sein muß.
Prof. Dr. Günther Heeg vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, der den Abend moderierte, machte für die knappe Beginnzeit das Publikum verantwortlich, weil tatsächlich nicht damit gerechnet wurde, daß so viele Menschen kommen würden.
Es waren tatsächlich so viele da wie bei einer heiß herbei diskutierten Premiere. Daß der Abend kein leichter Gang sein würde für das neue Ensemble mit seinem jetzt schon nicht nur umstrittenen, sondern auch von einigen Leipziger Medien und Bürgern angefeindeten Intendanten, das lag irgendwie in der Luft.
In der Garderobenhalle lagen auf einigen Tischen diverse Fragebögen, die die BesucherInnen ausfüllen konnten, um dann über ihre Fragen und Beschwerden diskutieren zu können. Einen kleineren Stapel solcher Anmerkungen hatte dann der Moderator zur Hand, auf deren Grundlage u.a. auch später diskutiert wurde.
Die Gäste auf dem Podium waren:
Sebastian Hartmann (Intendant Centraltheater Leipzig), Amelie Deuflhard (Intendantin Kampnagel Hamburg), Maurici Farré (Künstlerischer Koordinator der Volksbühne Berlin) und Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann (Theaterwissenschaftler, Frankfurt/Main).
Letzterer war ein guter Gewinn für den Abend, weil er aus seinem historischen Wissen über das Theater seit der Antike heraus so manche falsche Ansicht über das Theater hat aufklären können, so die von einigen ZuschauerInnen zurückgeforderte werkgetreue Inszenierung. Er konnte historisch belegen, daß das Zurück zur werkgetreuen Inszenierung eine in der Theatergeschichte reaktionäre Einstellung war, mit deren “Hilfe” versucht wurde, Neuerungen im Theaterleben tot zu diskutieren, ja auch zu verbieten.
Gleich zu Beginn, als Hartmann auf Zahlen verwiesen, so darauf, daß im Vergleich zum Vorjahr (Stand September 2007) ca. 3000 Zuschauer mehr in den ersten Monaten seiner Intendanz im Theater waren, da gab es schon erste Anfeindungen, wonach dies eine Lüge sei. Hartmann hat darauf auch sehr energisch reagiert, daß es unfair sei, ihn der Lüge zu bezichtigen, zumal, das sei hier angemerkt, er ja schlicht auf die Statistik verwies, nämlich auf die seit September 2008 verkauften Karten im Vergleich zum Vorjahr.
Bevor es aber zur Diskussion überging, gaben die Vertreter auf dem Podium eine Art Statement ab und schalteten sich später hin und wieder in die Diskussion ein.
Als erster sprach Maurici Farré, weil er als Vertreter der Volksbühne von dieser als einem Modell sprach, das viele andere Theater mal gut, mal weniger gut resp. erfolgreich nachzumachen versuchten. Das Volkstheater sei eine Alternative zum Stadttheater, das sich, wie aber jedes andere Theater auch, immer wieder selbst in Frage stellen muß, will es bestehen. Man müsse halt lernen, sich schneller zu entwickeln.
Amelie Deuflhard, die aus Hamburg kommend sich etwas verspätete, erzählte gleich ein brandaktuelle Anekdote: sie bat am Hauptbahnhof einen Leipziger Taxifahrer, sie zum Centraltheater zu fahren, woraufhin dieser die Augen verdrehte und sagte: Er kenne nur das Schauspielhaus, und das hieße schon seit 100 Jahren so. Sie merkte an, daß diese Umbenennung für viele eine Art Identitätskrise sei. (Was der Taxifahrer nicht wußte, ist, daß sehr wohl vor mehr als hundert Jahren eben dieses Theater – Centraltheater hieß.)
Deuflhard vertritt ein experimentelles Theater, das sich in einer ehemaligen Fabrik befindet und ca. 850 ZuschauerInnen faßt. Sie vertrat im Großen und Ganzen die Ansicht, daß jeder Wechsel in der Intendanz Probleme aufwirft. Dabei erzählte sie eine weitere Anekdote aus ihrem Leben, als Claus Peymann 1974 Schauspieldirektor am Schauspiel Stuttgart wurde. Ihre Eltern hatten damals große Probleme mit den Brüchen, die Peymann dort einleitete, und ihre Eltern wollten daher nicht mehr ins Theater gehen, was wiederum Deuflhard neugierig machte und sie somit erst recht ins Theater getrieben wurde.
Hans-Thies Lehmann sprach von den Forderungen an das zeitgenössische Theater, das heute mitnichten mit dem Theater von vor 20 oder vor 100 oder vor 500 oder gar vor 2000 Jahren und mehr gleichgesetzt werden dürfe. Er verwies auf die besonders deutsche Situation, wonach hier das Theater eng verbunden war mit der Erziehung resp. Pädagogik (er verwies u.a. auf Lessing), was aber oft dazu führe resp. geführt habe, daß manche Theatergänger den Theaterstuhl mit dem Lehrerstuhl verwechseln würden. Das Theater damals wie heute sei nun einmal eine Bühne, auf der mehr oder weniger gerungen wird mit der dem Theater umgebenden Wirklichkeit, die die Theaterleute nicht ignorieren dürften. Und daher konnte er Hartmann mit seiner Intention von Theater sehr wohl folgen und er mußte ihn öfters gegen pseudokritische Angriffe verteidigen, die aus dem Publikum kamen. Theater sei nun mal keine bebilderte Lektüre und Texttreue sei einfach nicht machbar und wirke eher antiquiert bzw. anachronistisch.
Es dauerte schon eine Weile, bis so manche aggressive und nicht nachvollziehbare Emotionen abklangen und die Diskussion sachlicher wurde. Es war sehr gut zu beobachten, daß im Großen und Ganzen Vertreter älterer Jahrgänge (aber nicht alle) sich gegen das Neue von Hartmann stellten. So forderte ein älterer Herr tatsächlich, man solle hier im Centraltheater – und es spräche nichts dagegen, wenn es weiterhin Schauspielhaus heiße – für jeden Geschmack etwas anbieten. Das war so ein Stichwort, bei dem Farré etwas ironisch reagierte und sagte, dann möge man in ein Videogeschäft gehen und sich ältere, auch sehr gute Verfilmungen anschauen über die Art von Theater, wie sie vor mehreren Jahrzehnten in Ordnung waren.
Während manche ZuschauerInnen sich an einigen Inszenierungen abarbeiteten, besonders im Fokus standen die Matthäuspassion, Hamlet und Macbeth, diese Inszenierungen schrecklich fanden (ein Zuschauer sei dabei eingeschlafen), waren es wieder andere, meist Jüngere, die sich dahingehend äußerten, sehr begeistert gewesen zu sein.
Allen alles recht machen ist eine Kunst, die auch Hartmann nicht wird erfüllen können, obwohl er schon ankündigte, daß auch Stücke gezeigt werden, die man eher als traditionelles Theater einstufen kann. Als Beispiel nannte er Eugene O’Neills Stück “Eines langen Tages Reise in die Nacht”, das er, Hartmann, nicht inszenieren werde.
Man kann zu Hartmann stehen wie man will: eines sollte man schon tun – ihm eine Chance geben und ihn nicht vorverurteilen, was jetzt schon leider geschehen ist. So hat Andreas Keller mit Recht einen Leserbrief in der LVZ zurückgewiesen, wo die Schreiber desselben von “Wir Leipziger” sprach und forderte, mit dem Hartmannschen Experiment aufzuhören.
Nun, jeder hat das Recht sich zu äußern. Jedoch hat niemand das Recht, andere zu vereinnahmen und so zu tun, als spräche man für alle. Es ist anzunehmen, daß diese Leipziger, die Hartmann weghaben wollen, entweder gestern nicht anwesend waren oder sich nicht zu erkennen geben trauten.
Fakt ist, und das bewies auch der abschließende Beifall, daß erstens die Idee der Zuschauerkonferenz ein sehr gutes Forum ist, mit dem Publikum dauerhaft im Gespräch zu bleiben; zweitens daß Hartmann unbeirrbar bleibt und sein Konzept durchzieht, sich also nicht von den vielen Geschmäckern, die es nun einmal gibt, verwirren läßt. Hartmann hat gestern sehr wohl bewiesen, daß er gewillt ist, auf das differenzierte Bedürfnis des Publikums einzugehen, jedoch nicht zum Preis, sich anzupassen.
Und wenn der Vorwurf kam, Hartmann würde polarisieren oder provozieren, so kam dieser Anspruch nicht von ihm, sondern wurde von manchen seiner Gegner herbeigeredet. Nur daß diese Stimmungsmache zum Glück bei nur wenigen verfängt. Das war besonders auch nach der Veranstaltung zu bemerken, als viele ZuschauerInnen weiter interessiert und ernsthaft diskutierten, und zwar pro Hartmann.
So oder so kann man feststellen, daß den meisten Anwesenden, selbst den Kritikern, das Leipziger Theater sehr nahe steht. Das ist eine gute Bilanz des gestrigen Abends. Die Zuschauerkonferenz war nicht nur eine gute Idee, sie ist auch eine brauchbare Methode eines Dialogs zwischen Theater und Publikum.
Aber irgendwann ist auch wieder mal eine Publikumsbeschimpfung fällig und vonnöten.
Kurt W. Fleming
19. Dezember 2008, Centraltheater Leipzig
Interview mit Anna Blomeier am 9.12.08 im Centraltheater
Wie kam es dazu, daß Sie Schauspielerin werden wollten?
Anna Blomeier: Aus Erzählungen aus meiner Kindheit weiß ich, daß das sehr früh angefangen hat. Ich habe drei große Brüder, die in der Schule viele Veranstaltungen hatten, und da wollte ich auch immer mitmachen. Später habe ich in der Schule in TheaterAG’s mitgemacht. Irgendwann begann mein echtes Interesse am Theater. Zwischendurch mußte ich mich natürlich auch wieder auf die Schule konzentrieren. Aber als ich mein Abitur machte, hatte ich parallel dazu eine kleine Rolle am Konstanzer Stadttheater gehabt. Für mich war dann spätestens klar, daß ich als Erstes nach der Schule versuchen werde, an eine Schauspielschule zu kommen. Es gab also erstmals keine Alternative dazu. Ich wollte unbedingt Schauspiel studieren.
Einen anderen Beruf gab es nicht, den Sie hätten erlernen wollen?
Anna Blomeier: Doch. Da gab es den Beruf der Goldschmiedin, der Fotografin oder der Schreinerin. “Handwerk” hat mich interessiert. Ich wollte aber auf keinen Fall lernen, also, in Hörsälen sitzen. Für mich war klar, daß ich das “klassische studieren” nicht kann und auch nicht will.
Sie haben an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover Schauspiel studiert. Warum gerade dort? Warum nicht in Baden-Württemberg?
Anna Blomeier: Das kann man sich doch nicht aussuchen. Ich war froh, daß ich genommen wurde. Ich habe an 6 Schulen vorgesprochen, Hannover hat mich genommen. Da war ich völlig aus dem Häuschen und aufgeregt. Und natürlich habe ich mich gefreut, mal herauszukommen aus meinem Dorf.
Aus Ihrem Dorf?
Anna Blomeier: Nein, nicht wirklich aus einem Dorf. Aber Konstanz ist sehr klein, sehr sauber, sehr behütet. Es ist ganz toll, da aufzuwachsen, aber ich war froh, auch mal was anderes zu sehen, was Dreckiges, was Großes. Und – ich liebe den Norden. Ich habe mich da immer sehr wohlgefühlt.
Wie kann man sich das Studium an einer Schauspielschule vorstellen? Was muß man schon mitbringen, was lernt man dort noch dazu?
Anna Blomeier: Eine Spur von – in Anführungsstriche – Talent muß man mitbringen, oder daß die Dozenten etwas in einem sehen, etwas aus einem herausholen wollen, sich für einen interessieren. Weiterhin Neugierde, Offenheit, Kreativität und eine Lust am Spielen. Wenn ich an das Studium denke, da denke ich allerdings vor allem an Partys und an WG’s. Darüber hinaus hatten wir einen großen Schwerpunkt auf Bewegung: wie Fechten, Stockkampf, Tai Chi und solche Sachen. Das hat mir alles sehr viel Spaß gemacht. Auch Akrobatik und Tangotanzen und Maske. Man hat da z.B. Masken getragen, um dann nur mit dem Körper etwas darzustellen, ohne dabei das Gesicht einzusetzen.
Also von der Theorie (dem Studium im theoretischen Sinn) habe ich nicht viel gehalten. Ich habe gelernt, wie es ist, mit Zweifeln und mit Ängsten und mit Grenzen umzugehen und mit deren Überwindung. Erfahrungen, die nach dem Studium nicht etwa aufhören, die werden eher noch “schlimmer”. Aber das gehört für mich einfach dazu.
Im Sinne von Selbstzweifel oder nicht gut genug zu sein?
Anna Blomeier: Der Druck wächst natürlich total, wenn man dann da rauskommt und der “Ernst des Lebens” beginnt. Tatsächlich kostet es mich sehr viel, mich vor einer Masse von fremden Menschen zu behaupten und zu präsentieren. Als Schauspieler hast du das Problem, daß du deine eigene Arbeit nicht sehen kannst, ich kann sie nicht betrachten, ich bin auf die Beschreibung und die Reaktion von außen angewiesen, das ist manchmal ganz schön seltsam, wenn man zum Beispiel dem, was da beschrieben wird, nicht vertraut…
Sie waren von 2003 bis 2008 am Thalia Theater Hamburg engagiert. Das ist ein Haus mit großen Traditionen. Bekommt man das irgendwie mit, daß das ein besonderes Haus ist, ohne jetzt damit andere Theater hintanzustellen?
Anna Blomeier: Ja! Natürlich ist es ein ganz großes, starkes, besonderes, glänzendes Theater. Da sind einfach ganz andere Möglichkeiten gegeben, das Haus ist so groß, also was die da zur Verfügung haben, z.B. in der Maskenbildnerei, die gesamten Werkstätten, die haben einfach ganz andere Gelder und Mittel zur Verfügung. Das ist echt beeindruckend. Am Anfang war ich überwältigt und sehr ehrfürchtig, aber dann wird es zu deinem Alltag und zu deiner Fabrik, in der ich dann 5 ½ Jahre war. Und durch den jetzigen Abstand wird einem das noch viel klarer.
In Ihrer Biographie auf der Internet-Seite des Centraltheaters steht, daß Sie 2003 in dem Stück “Die sexuellen Neurosen unserer Eltern”, 2004 in dem Stück “Port” und 2006 in dem Stück “Tartuffe” mitspielten. Das waren in den 5 ½ Jahren bestimmt nicht die einzigen Rollen?
Anna Blomeier: Als ich mich hier in Leipzig bewarb, hatte ich meinen Lebenslauf aufgeschrieben und habe dabei durchgezählt, wieviel Stücke es waren, in denen ich mitgespielt habe. Das waren in der ganzen Zeit 22, vielleicht auch 23 oder 24. Das waren nicht immer große Rollen, aber ich war selber überrascht, wieviel ich da produziert habe.
Da Sie vor Beginn dieses Interviews gesagt haben, Sie würden gern den König Lear spielen, habe ich noch die Frage, die ein Kollege dieses Haus als eine “typische Journalistenfrage” einstufte: gibt es – jetzt neben dem König Lear – für Sie eine Lieblingsrolle, die Sie gern öfters spielen würden? Wenn ja, welche?
Anna Blomeier: Also so viel Interviews hatte ich noch gar nicht, daß ich das sagen könnte. Es stimmt tatsächlich: ich habe einmal eine Frau gesehen, die King Lear gespielt hat und das fand ich so toll. Ich wollte das so gern auch einmal machen oder will es immer noch. Da hätte ich total Lust dazu.
Und warum gerade König Lear?
Anna Blomeier: Erst einmal finde ich es toll, sich als Frau zu behaupten. Ich würde ja nicht einen Mann spielen, sondern eine Frau. So eine Gewalt, Brutalität, Häßlichkeit und Kälte, solch einen Abgrund auftun, und am Ende bleibt nur ein bemitleidenswertes Würmchen, ein unfaßbar einsamer Mensch, – und das dann auch noch überzeugend rüberzubringen, das würde mir sehr viel Spaß machen.
Sie haben in Ihrer bisherigen schauspielerischen Laufbahn auch in Filmen mitgespielt, da besonders auch in den Film “Requiem”. Es geht da um eine an Epilepsie leidende junge Frau, die irgendwann selbst glaubt, daß sie in sich Stimmen hört und vom Teufel besessen sei. Sie ist sehr katholisch (erzogen worden). Und wir wissen, daß diese junge Frau starb. Wie sind Sie mit diesem Thema umgegangen?
Anna Blomeier: Ich war geschockt! Ich war geschockt über die Familie, die Geschwister, die nicht wahrhaben wollten, daß sie ihr Kind verlieren, denn durch diese Zwangsumstände (Psychose) hat die junge Frau das Essen verweigert, sich selbst geschlagen. Das ist das, was ich nicht verstehen kann, daß man das nicht erkennt oder nicht sehen will, daß da jemand psychisch krank ist und letztendlich verhungert, vor den Augen der anderen. Ich war auch geschockt, wie weit der christliche Glauben gehen kann!
Ich selber habe nie wirklich an Gott geglaubt. Umso schwerer fiel es mir, diese Menschen zu verstehen … natürlich verurteile ich niemanden, der glaubt. Im Prinzip ist das auch eine schöne Sache, in diesem Fall nahm der Glaube aber eine äußerst bizarre Form an. Ich war daher auch immer hin und her gerissen. Das finde ich auch an dem Film so toll, weil er das weder ver- noch beurteilt. Er überläßt alles dem Betrachter. Ich war dennoch schockiert über den Zustand innerhalb der Familie und auch über Leute, die jetzt dort hinpilgern und diese junge Frau immer noch als Heilige sehen. Sogar die Leiche wurde exhumiert, weil behauptet wurde, daß der Leichnam nicht verwest sei, was natürlich nicht stimmte. All das ist mir eben sehr fremd. Aber es war grandios, diesen Film zu drehen und diese Geschichte zu erzählen!
Wenn Sie sich auf irgendeine Rolle einlassen, wie nähern Sie sich dieser? Und welche Methode wenden Sie an, die bestimmt nicht einfachen und nicht sehr kurzen Texte einzuprägen?
Anna Blomeier: Das ist eine typische, nicht nur von Journalisten gestellte Frage. Wie kann man sich soviel Text merken – man macht es einfach. Ich kann sehr schnell Text lernen. Wenn es aber intellektuelle Texte sind, oder Sachbuchtexte, das zu lernen fällt mir wahnsinnig schwer. Aber sonst geht das Lernen von Stücktexten bei mir total schnell. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Das andere ist viel schwerer, nämlich wie man sich der Rolle nähert. Zum Glück ist man auf diesem Weg nicht allein und hat ja dafür auch sechs bis acht Wochen Zeit, und man ist froh, wenn man das am Ende dieser Vorbereitungszeit einigermaßen geschafft hat. Den Rest kann man auch noch während den Vorstellungen finden.
Ist die Zeit für eine solche Vorbereitung zu kurz?
Anna Blomeier: Manchmal ja.
Bedeutet das, daß es dann Probleme gäbe, wenn man auftritt, daß man wegen der manchmal zu kurzen Zeit etwas vom Text vergißt oder etwas verpatzt?
Anna Blomeier: Nein, wenn man das Stück einmal durchinszeniert hat, dann weiß man schon grob, wo man dann wie stehen soll. Aber es ist eben von Inszenierung zu Inszenierung sehr unterschiedlich, was der Schwerpunkt ist, ob es eine freie Arbeit ist, ob es eine Stückentwicklung ist, ob der Regisseur einem sagt, wo man dann stehen muß, wie sehr er das choreographiert – das ist total unterschiedlich. Manchmal beschäftigt man sich mit einer Äußerlichkeit, manchmal nur mit der Psychologie der Figur, die man spielt. Es ist also von Probe zu Probe, von Stück zu Stück jedesmal wieder etwas Neues, was Anderes.
Da würde ich noch gern eine Frage dranhängen: wenn Sie also eine Rolle einstudieren, verfolgen Sie da ein eigenes schauspielerisches Konzept, oder unterwerfen Sie sich da komplett den Vorstellungen des Regisseurs?
Anna Blomeier: Weder noch – das geht nur mit beiden, also gemeinsam. Im Idealfall. – Ich sag es mal so: langsam fange ich an, mich mehr einzubringen. Dann werde ich ein bißchen selbstbewußter und fange an, auch mal Dinge zu hinterfragen, was ich lange nicht gemacht habe. Und das finde ich ganz gut, daß das jetzt endlich mal passiert.
Haben Sie also schon ein bestimmtes Konzept für die Rolle, also zu sagen, so finde ich es besser als das, was der Regisseur sagt und erwartet?
Anna Blomeier: Nein, es ist ein gemeinsamer Prozeß. Das vermischt sich irgendwann, je nachdem, je ehrfürchtiger man gegenüber dem Regisseur ist, desto weniger sagt man dann, und man ist dankbar dafür, daß er einem sagt, was man machen soll. Schöner ist es, wenn beide quasi auf einer Augenhöhe sind, und sich offen und neugierig begegnen. Man beeinflußt sich gegenseitig, das ist ein Geben und Nehmen, im Idealfall. Ich kann das nicht anders beschreiben. Manchmal eckt man auch an, das gehört eben auch dazu. Ganz zentral bei dieser Frage ist ja: nicht nur ich und der Regisseur, es sei denn, ich mache einen Monolog, es gibt da ja auch noch die Kollegen. Die sind nämlich noch viel näher an einem dran als der Regisseur.
Aus unserem ersten Gespräch habe ich erfahren, daß Sie gerade aus Hamburg zurückgekehrt waren, wo sie dort in einem Stück mitgespielt haben.
Anna Blomeier: Ich spiele in Hamburg in zwei Stücken mit: “Die Beißfrequenz der Kettenhunde” von Andreas Marber in der Regie von Stephan Kimmig im Großen Haus. Das andere Stück spiele ich in der Gaussstraße. Das ist das Pendant wie hier die Skala. Das Stück heißt “Die Welt zu Gast bei reichen Eltern” von René Pollesch in der Regie von René Pollesch. Da habe ich so zwei- bis dreimal im Monat in Hamburg noch Vorstellung, und das geht noch die ganze Spielzeit, also bis zum Sommer.
Welche aktuellen Rollen spielen Sie derzeit hier in Leipzig? Ich habe Sie bisher in zwei Stücken gesehen.
Anna Blomeier: Ich spiele in “Die Schock-Strategie. Hamlet” und “Alle reden vom Wetter. Die Klimarevue” und ab und zu auch in “Meine wichtigsten Körperfunktionen”.
Ja, da habe ich Sie als kleinen, süßen Teddybär gesehen. Und warum sind es “so wenig” Rollen?
Anna Blomeier: Wir sind ja erst seit drei Monaten da. Aber Geduld, Geduld: Sie werden bald mehr von mir und uns allen sehen.
Würden Sie eher lustige oder tragische Rollen spielen?
Anna Blomeier: Das ist mir eigentlich gar nicht so wichtig. Ich möchte einfach nur Geschichten erzählen und ob die Menschen traurig sind oder lustig – ich mag am liebsten Menschen oder Figuren erzählen, die beides sind, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt, weil so eine Traurigkeit und eine tiefe Sehnsucht darunter liegt. Natürlich freue ich mich, wenn das Publikum lacht, weil das eine Resonanz ist auf das, was ich tue. Und wenn sie nicht lachen, hat man oft das Gefühl, man ist langweilig…
Vielleicht weil denen das Lachen im Halse steckengeblieben ist…
Anna Blomeier: … ich mag halt am liebsten beides: das Traurige und das Lustige. Und weil ich vorhin sagte, ich würde sehr gern King Lear spielen, dann einfach deshalb, weil ich von meinem Kleinen heraus mal ganz groß und häßlich und fett und eklig sein möchte, und brutal. Ich möchte das sehr gern einmal ausprobieren. Aber ich kam bisher nicht dazu.
Eine abschließende Frage: Welche Rollen werden Sie ab Januar spielen?
Anna Blomeier: Das weiß ich noch nicht…
Ich bedanke mich für das Gespräch!
Unter einem neuen Stern wurde das im April 2008 uraufgeführte, von Petras inszenierte Stück “Als wir träumten” (nach dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer) erneut gespielt. Zum einen war der Austragungsort nicht mehr die ehemalige Neue Szene, jetzt als Skala bekannt, sondern das ehemalige Leipziger Schauspielhaus, jetzt bekannt unter dem symbolischen und strategischen Namen Centraltheater.
Zum anderen wurde die Rolle des Rico neu besetzt und zwar von der neu im Ensemble agierenden Birgit Unterweger. Zu ihr sei schon vorab gesagt, daß sie keine guter Ersatz war, sondern vielmehr eine sehr gute Besetzung. Sie spielte den Rico so was von überzeugend, daß das und also auch sie bei dem Publikum sehr gut ankam.
Das Stück wurde erneut aufgeführt, weil es wohl sehr viele Nachfragen gab. Und das war gut so: der Abend war ausverkauft, auch wenn im Zuschauerraum einige wenige Stühle dennoch unbesetzt blieben und sehr wenige ZuschauerInnen mitten in der Vorstellung diese verließen.
Ob Petras diesmal diese Inszenierung irgendwie anders zu gestalten versuchte, wissen wir nicht, Fakt ist aber, daß das Stück irgendwie “anders” war als das zur Premiere. Es bestand der Eindruck, daß die fünf Frauen viel präsenter erschienen, was man besonders bei Anja Schneider wahrnehmen konnte. Auch Marlène Dunker, deren Nachnamen sie um “Meyer” erweitert hat, war hervorragend. Es würde ohnehin schwer fallen und auch nicht stimmen, wollte man die sehr gute Leistung nur auf diese beiden Schauspielerinnen beschränken. Auch – wir deuteten es schon an – Hanna Eichel, Anika Baumann und Maria Doubs waren ausgezeichnet. Und selbstredend Berndt Stübner, der mit viel Witz und Selbstironie in den Frauenfiguren wechselte.
Zum Inhalt des Stückes:
Zuerst ein paar kurze Eindrücke zu dem Roman selbst, das dem Stück als Grundlage diente.
Der aus Leipzig stammende Autor schrieb darin die Geschichte einer Jugend-Gang, die sich mehr oder weniger über die Wende−Zeit in die bundesrepublikanische Wirklichkeit mit “Freiheit” und viel Bananen zu retten versuchte.
Wir haben es mit fünf Jungs zu tun, die sich schon aus der Schule kennen: Dani (aus seiner Perspektive wird diese Geschichte erzählt − gespielt von Anja Schneider), Mark (Marlène Dunker), Rico (Birgit Unterweger), Pittbull (Hanna Eichel) und Walter/Fred (Anika Baumann).
Obwohl diese Jungs mehr oder weniger unterschiedlich sozialisiert sind, halten sie fest zusammen, erzählen sich ihre Wünsche und Träume, mitunter auch ihre Probleme, wenn es z.B. um die erste Liebe geht, um Sexualität usw. Und sie haben mit dem zu tun, was andere Kinder und Jugendliche in der Vorwende-Zeit mehr oder weniger − besonders in den größeren Städten − kennenlernten: kaum interessante Lebensangebote, Herumhängen, bis irgendwann der erste “Blödsinn” aufkommt: die beginnende Kriminalität, ein gewisses Abgleiten in die Niederungen des Alltags: um die Häuser herumziehen, Autos knacken und heimliche Spritztouren machen, sich gegen die “Glatzen” verteidigen, die Ansprüche erheben, bestimmte Straßen zu beherrschen bis hin zur Oma, der sie zwar die Kohlen in den Keller tragen, sie dennoch aber gern finanziell ausnehmen möchten.
Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die auch in einem gewissen Sinne keinerlei Orientierung haben, sich sehr früh dem Alkohol hingeben, aber auch Chemie-Fans sind, ein auf Machos tun, obwohl sie dafür viel zu verletzlich erscheinen, weil tatsächlich dieses Getue mehr ihre Lebensunsicherheit verrät.
Aus diesem reichhaltigen Stoff, das der Autor brutal realistisch wiedergibt, ohne jeglichen Schnörkel, ohne jeden Pathos, versuchten also Petras und Wolfram ein Stück herzustellen, das ohnehin nicht den Anspruch erheben kann und dies auch nicht tut, es ist Gänze wiederzugeben.
Das scheinbar Besondere nun, was dem Stück den Effekt der Verfremdung verleihen sollte, war/ist die “kuriose” Besetzung, wonach diese Jungs nicht von Jungs, sondern von Mädels gespielt wurden. Petras entschied sich für diesen Weg, weil er überlegte, wie diese Realität, die Meyer in seinem Roman beschrieb, am besten gezeigt werden kann. Er meinte sich an Brecht orientieren zu müssen, der mal schrieb: “Theater soll nicht einfach die Wirklichkeit zeigen, sondern die Wirklichkeit abbilden, wie sie wirklich ist.” Wenn man sich streng an diese Aussage hält, wäre so gesehen diese Form der Besetzung nicht zwingend nötig gewesen. Allein diese Herangehensweise ist nicht zwingend verfremdend, auch wenn Petras seine Entscheidung damit begründet, daß auch männliche Schauspieler nicht wirklich glaubhaft einen 15jährigen Mann hätten darstellen können. Da mag schon was dran sein, aber da wäre doch der Versuch möglich gewesen, dies mit Schauspiel-Amateuren zu versuchen, die um die 15 Jahre herum alt, nein: jung sind.
Nun, er hat sich anders entschieden. Man könnte sagen: Schade! − wenn nicht die nicht wegzuleugnende Tatsache existiert, daß die oben genannten jungen Frauen nicht nur tatsächlich ihr Bestes gaben, sondern dem Stück eine Vehemenz, eine Bewegung verliehen, wie man sich das von einem sehr guten Theater wünscht resp. von diesem erwartet, weil es verdammt gut sein möchte.
Wollte man sich vergewissern, was also sehr gutes Theater ist, der hätte diese Inszenierung besuchen müssen. Auch wenn wir nicht der Meinung sind, daß das was mit Verfremdung zu tun hat, denn zu dieser zählt auch und unbedingt die Tatsache, daß Brecht ja nicht nur die Wirklichkeit zeigen wollte, wie sie war, sondern auch Lerneffekte zu erzeugen beabsichtigte, die die ZuschauerInnen zum (politischen) Nachdenken bringt. Brecht ging es also auch um Erkenntnis, um einen Einsicht in die dargestellten Zusammenhänge erzeugenden Aha-Effekt, von dem wir seit Aristoteles wissen, daß dieser der Anfang jeglichen Denkens ist.
Die Gefahr jeder realistischen Darstellung von Wirklichkeit ist nicht unbedingt jene, die möglicherweise auch Petras erwartet(e), sondern auch die des Mitleids, das zugleich dafür sorgen könnte, sich eher dieser Wirklichkeit gegenüber als passiv zu erleben, als zu ohnmächtig, als gegen diese anzutreten. Diese Aussage ist aber nicht so zu verstehen, als sollte man auf die realistische Darstellung von Wirklichkeit verzichten. Nur, es kann passieren, daß das auf die Dauer den möglicherweise unerträglichen Eindruck erzeugt, genau diese Wirklichkeit nicht mehr sehen zu wollen, eben weil wir dieser ja jeden Tag begegnen.
Maria Doubs: Sie spielte die Rollen der Katja und Estrellita.Sie war Danis Traum, er liebte sie, mal heimlich, mal offen, aber meist unglücklich und sie für ihn unerreichbar.
Wenn sie die Bühne betrat, machte sie den Eindruck von einer gewissen Unbeholfenheit, die mehr an Schüchternheit erinnerte, verbunden mit dem Wunsch, den Ansprüchen der Regie zu entsprechen. Es gab oft den Eindruck, daß sie zu schwach erschien für diese Rollen. Tatsächlich, und da können wir Petras zustimmen, war Maria Doubs für diese Rolle ideal besetzt. Für Petras war/ist Maria Doubs mit ihrer Ausstrahlung das, was er einen leuchtenden Stern nannte. “Und Maria hat etwas Leuchtendes.”
Und was also den o.g. Eindruck einer gewissen “Unbeholfenheit”, ja “Schüchternheit” erzeugt haben mag, was niemand bis zum Ende des Stückes zu bemerken schien (der es bis dahin nicht wußte), entschlüsselte sich am Ende des Stückes, daß sie fast blind ist.
“Mittlerweile kann sie nur noch Helligkeiten unterscheiden. Ob sie irgendwann in völliger Dunkelheit leben wird, weiß niemand.” So Birgit Rasch in einem Beitrag über diese junge Frau.
Petras Entscheidung, Maria Doubs für diese Rollen genommen zu haben, war also nicht nur ihres Leuchtens wegen geschuldet, sondern weil er sie auch für eine − sie ist erst 16 Jahre jung − hervorragende Schauspielerin hält. Er sah sie schon als 11jährige in “Alkestis, mon amour” und war von ihr stark beeindruckt.
Nach ihren Rollen gefragt, wie sie selbst zu diesen vier verschiedenen Frauen-Typen steht, antwortete Maria Doubs: “Mit Katja kann ich nicht so viel anfangen, weil sie so ein braver Mädchentyp ist. Sie ist Gruppenratsvorsitzende, und das ist nicht so meins. Ich leite nicht gerne Menschen an. Und so brav bin ich auch nicht. Claudia ist etwas Neues, so jemanden kannte ich vorher nicht. Eigentlich ist sie ja so etwas wie eine Kellnerin, sie macht nichts Schlimmes. Die blonde Gefängnisaufseherin finde ich richtig gut. Sie lässt sich nichts bieten und sagt: ‘Jungs, jetzt ist Schluss.’ Sie ist kein Mädchen, das kuscht. Aber am allermeisten interessiert mich Estrellita. Sie hilft den Typen in der Kaufhalle, indem sie die Verkäuferin ablenkt, während die anderen was mitnehmen. Das finde ich spannend.”
Die Vorstellung war also ausverkauft. Was will man mehr.
Kurt W. Fleming
04. Dezember 2008, Centraltheater Leipzig
Foto: Bettina Stöß
Es war schon vorab vorgesehen, dieser Besprechung diesen Titel zu geben, obwohl er auf der Internet-Seite des Leipziger Centraltheaters sachlicher daherzukommen schien: “Hartmann nur mit Frauen. Sebastian Hartmann und Schauspielerinnen des Ensembles”. Gerade der zweite Teil dieser Ankündigung schien uns annehmen zu lassen, daß Hartmann nicht nur den weiblichen Teil seines fast komplett ausgewechselten Ensembles vorstellt, sondern über seine Arbeit mit seinen Kolleginnen vor den neugierigen Gästen spricht. Das war auch unsere Annahme, doch – es kam ganz anders.
Das Weiße Haus, eine neue Einrichtung des CT, gleich gegenüber demselben, wirkt von außen eher wie eine edle Baubude, in die sich Bauarbeiter zu den Pausen zurückziehen. Doch tatsächlich hat dies Haus eine andere Funktion: es ist eine Art Theater im ganz kleinen Format. Es besteht aus nur einen Raum, ca. 20 qm groß, plus/minus, innen ausgestattet wie eine Baude oben auf einem alpinischen Berg.
Draußen steht ein fahrbarer Kiosk, den man erst für die Kasse hält, was sich aber sehr schnell als Irrtum herausstellt. Für RaucherInnen gibt es einen Stehtisch, an dem sich u.a. die gerade aus Hamburg angereiste Anna Blomeier aufhält und einen heißen Tee trinkt.
Vor dem Eingang ins Weiße Haus steht ein Student, der den Einlaß managt. Aber er darf noch niemand hereinlassen. Erst ca. 10 Minuten vor Beginn der oben gedachten Veranstaltung darf man in die warme Stube treten.
Der Raum ist atmosphärisch eingerichtet: ein großer Holztisch, drum herum Holzstühle unterschiedlichsten Designs, wobei einer dabei ist, den sich Hartmann gern für sein Bauernhaus wünscht.
Langsam füllt sich der Raum, alle finden einen mehr oder weniger bequemen Platz. Die meisten Sitzgelegenheiten sind Säcke mit irgend etwas gefüllt, auf denen man aber sehr gut zum Sitzen kommt.
Vor Beginn läßt Hartmann ein Gerät reinstellen, der den Glühwein aufwärmt, Tassen werden herangeschleppt und verteilt, große und dicke Kerzen angezündet, Räuchermännchen in Stellung gebracht. Uns deucht, es weihnachtet sehr.
Dann ruft der Kuckuck acht Mal, eigentlich könnte es beginnen. Aber Hartmann schaut nach, ob es auch alle bequem haben, dann geht er die Reihe rum und begrüßt alle mit Handschlag. Ihm folgen vier seiner Schauspielerinnen und tun es ihm gleich: Emma Rönnebeck, Sarah Sandeh, Anita Vulesica und Ellen Hellwig. Die Schauspielerinnen Anna Blomeier und Barbara Trommer dagegen sind “nur” Gäste. Hartmann stellt dann diesen Abend genau unter die überschrift, die oben in diesen Beitrag einführt.
Endlich kehrt Ruhe ein, die vier Schauspielerinnen reichen sich die Hände, schließen die Augen, sie konzentrieren sich. Dann erwartet man das oben schon erwähnte sachliche und informelle Gespräch, aber, wie schon angedeutet: es kommt ganz anders.
Märchen sollen erzählt werden! Mit viel Witz, Kreativität, Spontaneität. Doch zuvor diskutiert Hartmann mit seinen “Gespielinnen” die Regeln: wer wann und wie lange was sagen soll usw. Ein Mann wird dazu bestimmt, darauf zu achten, daß niemand zu lange erzählt. Es dauert einige Zeit, bis man sich auf Regeln einigt, von denen man im Nachhinein denkt, daß diese so streng ohnehin nicht eingehalten wurden. Kaum ist also alles ge”regel”t, wird darüber diskutiert, welches Märchen erzählt werden soll. Irgendwann “einigt” man sich auf das Rotkäppchen. Emma und Sarah bilden das eine Team, Anita und Ellen das andere. Emma beginnt und Sarah übernimmt den Part usw.
Und wer jetzt gedacht haben mag, nachdem man jetzt wußte, daß es kein “ernsthaftes” Gespräch gibt, es werde dafür jetzt aber klassisch ein Märchen dargeboten, auch dieser irrte gewaltig. Was man in den fast anderthalb Stunden gewahr werden konnte, war eine spritzige Kaskade von Witz, neuen Sichtweisen auf das Märchen, ständig geänderte Herangehensweise, mal lautes, mal leises Erzählen und ein immer wieder lautes Lachen gebärendes Chaos ob der spontanen Ideen, ein Uralt-Märchen neu zu erzählen.
Als Emma das Märchen in die Neuzeit versetzte, denn bei ihr bekamen Rotkäppchen und ihre Mutter einen Handyanruf von der Großmutter, in der sie von ihrem Kranksein berichtete, wurde dagegen Einspruch erhoben: kein Handy. Da kam der Vorschlag, daß es eben eine Email sei oder ein Fax. Doch die Brieftaube obsiegte, die selbstredend in Sarahs Phantasie gegen die Scheibe knallt.
Als dann der Part an das andere Team überging, machte Ellen für alle unerwartet einen Schwenk, sie beschritt plötzlich einen anderen Pfad, der uns zur Geburt von Schneewittchen brachte, die aber als Sohn geboren wurde. Was das mit Rotkäppchen zu tun hatte? Eigentlich nichts, außer daß dieser Sohn und Rotkäppchen sich bei der Beerdigung der Königin wiedertreffen würden.
Wir sehen an dem Ganzen, daß es herzlich durcheinander ging. Die überraschungen und Wendungen überschlugen sich phantasievoll.
Dann wurde eine etwas längere Pause gemacht. Zumal es im Raum sehr warm wurde und alle nach frischer und kühler Luft lechzten.
Nach der Pause wurde die erste Hälfte von einem Ex-Journalisten ausgewertet. Dann ging es weiter: Hartmann machte den Vorschlag, ein Lied zu singen. Er hatte es auf das Gedicht resp. Lied “Der Mond ist aufgegangen” von Matthias Claudius abgesehen. Aber kennen alle auch den Text und wieviel Strophen hat es? Just schickte er eine Kollegin los, um den Text im Internet ausfindig zu machen. Die Kollegin wurde fündig und brachte für alle eine Kopie mit. Doch bevor das Lied gesungen wurde, sollte noch ein Speed-Märchen erzählt werden. Wieder gab es eine Diskussion, bis man sich auf “Hänsel und Gretel” einigte. Beide Teams wurden gemischt: Ellen wechselte zu Sarah und Emma zu Anita. Und ebenso turbulent wie schon beim Rotkäppchen ging es auch bei diesem Märchen zu.
Obwohl Hartmann am Anfang sagte, daß dieser Abend nach hinten offen ist, also daß man sich nicht darauf festlegen werde, wie lange das alles dauert, wurde dieser heitere, sehr, sehr lustige Abend etwa anderthalb Stunden später beendet. Wieder in einem Kreis gaben alle sich die Hand, versanken in eine besinnliche und konzentrierte Ruhe (wohl wie bei einem Selbstmotivationskurs), um dann ausgefüllt mit viel Lustigkeit den Tag ausklingen zu lassen.
Am 17.12. trifft sich “Hartmann nur mit Männern”. Es ist anzunehmen, daß ähnlich Lustiges zu sehen sein wird. Schade nur, daß so wenig in diesem Weißen Haus Platz finden werden. Denn mehr als 30 passen da nicht hinein, will niemand dem anderen auf die Zehe treten.
Kurt W. Fleming
03. Dezember 2008, Weißes Haus/Centraltheater Leipzig
Fotos: Centraltheater Leipzig







