Foto: R. Arnold/Centraltheater

Matthias Hummitzsch (links), Andreas Schmidt-Schaller

Der Begriff der „Wahlverwandtschaft“ entstammt der Chemie aus Goethes Zeiten. Er beschreibt die Affinität eines Stoffes zu einem in der schon bestehenden Verbindung befindlichen Stoff; anders gesagt: haben wir eine Verbindung A-B und es wird der Stoff C hinzugefügt, so geht (u.U.) C eine „Wahlverwandschaft“ z.B. zu B ein, wobei diese Wahlverwandtschaft stärker wirkt als die zwischen A und B:  

  • Gibt man die starke Base Natronlauge zum Salz Ammoniumchlorid, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Base Ammoniak und von Wasser: NaOH + NH4Cl > NaCl + NH3 + H2O.
  • Gibt man die starke Säure Salzsäure zum Salz Natriumacetat, so bildet sich Natriumchlorid unter Freisetzung der schwächeren Säure Essigsäure: HCl + CH3-COONa > NaCl + CH3-COOH.

Goethe sah sich seinerzeit mehr als Naturwissenschaftler denn als Dichter, obwohl er zu seiner Zeit dagegen mehr als Dichter denn als Naturwissenschaftler gesehen wurde. Denken wir da an seine unselige Farbenlehre, die sich nicht als richtig erwies, wie Goethe einst annahm. Er nahm Kritiken an seinen dichterischen Werken gelassener als Kritiken an seinen naturwissenschaftlichen Äußerungen. 

Wie dem auch sei: Um ein damals eher tabuisiertes Thema wie die Ehe als solche und die Treue der Ehepartner zueinander anzupacken, griff Goethe zu der List besagter Wahlverwandtschaften, um dieses knifflige Thema anzugehen.   

So scheint es nicht zufällig, daß die Figur Mittler in Goethes Roman zur Ehe sagt: „Die Ehe ist der Anfang und der Gipfel aller Kultur. Sie macht den Rohen mild, und der Gebildetste hat keine bessere Gelegenheit, seine Milde zu beweisen.
Unauflöslich muß sie sein; denn sie bringt so vieles Glück, daß alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu rechnen ist.“   

Goethe, selbst in wilder Ehe lebend und damals von manchen seiner Zeitgenossen deswegen kritisiert, scheint sich auf diese Weise rächen zu wollen.   

Goethes Werk selbst wurde als „bester und zugleich als sein rätselhaftester“ Roman bezeichnet. Es scheint ein Verwirrspiel der Gefühle zu sein. Scheinbar glücklich leben Eduard und Charlotte zusammen. Als Eduard seinen alten Freund, den Hauptmann, zu sich einlädt, entspinnt sich eine Liebe zwischen dem Hauptmann und Charlotte. Und last but not least1 taucht dann auf Wunsch von Charlotte ihre Nichte Ottilie auf, die sich in Eduard verliebt wie Eduard in sie.   

Foto: R. Arnold/Centraltheater

Da es zu keinen Entscheidungen kommt, die tragend sein könnten dafür, daß alles glücklich ende, nimmt alles seinen tragischen Verlauf: Charlotte gibt sich nicht ihrer Liebe zum Hauptmann hin, ein geborenes Kind ertrinkt später durch ein Verschulden von Ottilie, die ihre Schuld dadurch abträgt, daß sie sich zu Tode hungert. Als später auch Eduard stirbt, sorgt Charlotte dafür, daß beide, Eduard und Ottilie, gemeinsam in einer Kapelle begraben werden: „Wenn die Glieder einer Gemeinde reihenweise nebeneinander liegen, so ruhen sie bei und unter den Ihrigen; und wenn die Erde uns einmal aufnehmen soll, so finde ich nichts natürlicher und reinlicher, als daß man die zufällig entstandenen, nach und nach zusammensinkenden Hügel ungesäumt vergleiche und so die Decke, indem alle sie tragen, einem jeden leichter gemacht werde.“   

Nun fragt man sich mit großem Ernst, ob ein solches Stück geeignet ist für ein fortlaufendes Sommertheater, zumal doch diese Saison immer dazu benutzt wurde, heitere Stücke zu zeigen, also Komödien.   

Aber die Regisseurin Swentja Krumscheidt und ihre Dramaturgin Janette Mickan sahen das anders und mit großer Bearbeitung resp. originellem Zusammenstauchens dieses Goethe-Romans wurde nicht nur ein heiteres, lustiges Stück geschrieben, sondern dies – gemäß eines warmen Sommers – im Holywoodschen Sinne mit einem Happy End versehen.   

Foto: R. Arnold/Centraltheater

Sarah Franke, Barbara Trommer

In der Rolle der Charlotte sahen wir die unvergleichliche Barbara Trommer. Eduard wird von dem Fernsehkriminalisten Andreas Schmidt-Schaller gespielt, der große Unterstützung bekam durch die Anwesenheit seines SOKO Leipzig-Teams. Ob Schmidt-Schaller eine gute Besetzung war, ist anzuweifeln. Vielleicht ist ein zu langer Aufenthalt in einer Fernsehserie, die nicht gerade der Hort ist, schauspielerische Fähigkeiten herauszukitzeln, keine gute Hefe für ein Stück solchen Formats. Stellenweise erschien Schmidt-Schaller als ein Schauspieler, der seinen Text gut zu sagen weiß, jedoch nicht überzeugend umzusetzen wußte. Aber da das Stück noch einigemale aufgeführt wird, ist eine Steigerung möglich und – nötig.  Die anderen Akteure wie Sarah Franke als Ottilie, Matthias Hummitzsch als Hauptmann (später zum Major befördert2) und Grégoire Gros als Mittler waren wunderbar.  Die Kostüme waren passend bis lustig (seltsame Maske, die kurzzeitig Gros trug; die Affenmaske, die Schnmidt-Schaller – hier war er besonders gut – und Franke trugen). Das Bühnenbild war sehr pragmatisch angelegt.  

Das Stück zu besuchen, lohnt allemale.  
Weitere Termine: 22.-27.6., 30.6., 2.-10.7. 

Kurt W. Fleming, 18.6.2010
Centraltheater Leipzig, Gohliser Schlößchen

1 übrigens: ein geflügeltes Wort aus zwei Werken von Shakespeare: Julius Caesar III, 1; König Lear I, 1, und heißt sinngemäß: zu guter Letzt; wörtlich bedeutet dies: „als letztes aber nicht am wenigsten bzw. am geringsten“.
2 Daß man nicht unbedingt in einen Krieg ziehen muß, um Major zu werden, beweist eine Anektode aus meinem Buch „
Ein SCHWEJK in der NVA“.

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