Über das Gottesphantom, über die wirkliche Welt und über die Menschen mit dem Essay „Natur, Gesetz und Freiheit bei Bakunin und Spinoza“ von Jürgen Mümken
Verlag Edition AV | Lich 2010
ISBN 978-3-86841-030-3 | 223 Seiten | 14 €
Die hier vorliegende Ausgabe der Philosophischen Betrachtungen unterscheidet sich in editorischer und übersetzerischer Hinsicht gravierend von der Version von 1921. Der Herausgeber der deutschen Gesammelten Werke hat die Philosophischen Betrachtungen stillschweigend und ohne Begründung mit einem Textfragment verschmolzen, das einem gänzlich anderen Kontext des Knutogermanischen Kaiserreiches entnommen ist. Für diese Ausgabe haben wir diese willkürliche Entscheidung rückgängig gemacht und auf dieses Fragment verzichtet. Hingegen wurden von Bakunin gestrichene und an anderer Stelle – in Gott und der Staat – wieder verwendete Textpassagen rekonstruiert. Ergänzt wurde die von Rholfs weggelassene längere Fußnote. Weiterhin wurde eine zu den Philosophischen Betrachtungen gehörende Textvariante hinzugefügt, die Arthur Lehning in seiner Ausgabe des Knutogermanischen Kaiserreiches veröffentlicht hat.
Für die vorliegende Ausgabe wurde die Übersetzung von 1921 als Ausgangspunkt genommen, aber grundlegend überarbeitet und in vielen Teilen de facto neu übersetzt. Insbesondere für die textuellen Übernahmen Bakunins aus seinem früheren Text Föderalismus – Sozialismus – Antitheologismus in das Manuskript der Philosophischen Betrachtungen hat der Übersetzer auf seine eigene Übersetzung des letztgenannten Textes zurückgegriffen und diese dem von Bakunin veränderten Wortlaut angepasst. Auf diese Weise hoffen wir das „modulare“ Arbeitsprinzip Bakunins auch anhand der deutschen Übersetzungen nachvollziehbar zu machen: Die modifizierte Übernahme und Wiederverwendung eigener Textpassagen und Argumentationsmuster in neuen Kontexten. Im Text sind durch Fußnoten die entsprechenden „Textwanderungen“ ausgewiesen, sowohl von Föderalismus – Sozialismus – Antitheologismus zu den Philosophischen Betrachtungen, als auch von den Philosophischen Betrachtungen zu Gott und der Staat.
Ergänzt werden die “Philosophischen Betrachtungen” durch den Essay “Natur, Gesetz und Freiheit bei Bakunin und Spinoza”.
Ist Bakunin Spinozist? Inwieweit Bakunin direkt oder indirekt durch Spinoza beeinflusst wurde, kann nicht gesagt werden. Sicherlich kannte er die Philosophie von Spinoza, selbst wenn er die Werke selbst nicht gelesen hat. Hegel hatte sich intensiv mit Spinoza auseinandergesetzt und im philosophischen und politischen Umfeld von Bakunin vor allem der 1840er Jahre spielt die Auseinandersetzung mit Spinoza eine große Rolle. Die Präsenz Spinozas im links- und posthegelianischen Denken ist deutlich zu spüren. Bei Hegel, Hess, Feuerbach und auch Marx geht es in erster Linie nicht um die Übernahme der Philosophie von Spinoza, sondern um eine jeweilige Aneignung, wobei das Werk von Spinoza als Werkzeugkiste betrachtet wurde. Die oben genannten haben dabei einzelne Werkzeuge herausgenommen, sie entweder übernommen, weiterentwickelt oder gegensätzlich verwendet.
Jürgen Mümken
Seit einiger Zeit bietet Bernd A. Laska auf seiner Internetseite zu den drei großen „Verdrängten“ der europäischen Geistesgeschichte: La Mettrie / Stirner / Reich interessante, kurz gehaltene, jedoch sehr informative “Marginalien” an.
Besonders interessieren uns hier seine Bemerkungen zu Max Stirner.
Wir möchten daher sehr gern auf diese Webseite hinweisen und wünschen ihr einen anhaltenden Besuch.
PS: Siehe auch Laskas „Aufgespießt!“ – Stirners Auftauchen in so mancher belletristischer und anderer Lektüre!
Heute (21.6.2010) wurde im Deutschlandfunk eine Besprechung der Neuedition von Stirners Einzigem, die vor einem Jahr im Verlag Karl Alber erschien, gesendet (Textfassung). Der Rezensent, Hans-Martin Schönherr-Mann, ausserplanmässiger Professor für Politische Philosophie an der Universität München, ist von einem Satz Stirners geradezu hypnotisiert: “Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn ich Mir’s nicht verbiete.” Um ihn kreist er in der gesamten Besprechung und lässt dabei erkennen, dass ihm Stirners Ideen völlig fremd geblieben sind.
Zur Neuedition sagt er, sie sei “verdienstvoll, weil es insgesamt bloss wenige Editionen dieses Werkes gibt”. Tatsächlich, so steht es da. Aber “nicht nur”. Verdienstvoll sei auch die Aufnahme von Stirners Replik auf seine Kritiker und das “hervorragende Nachwort” des Herausgebers Bernd Kast, der “vor allem auch Max Stirners Aktualität vor[führt]” und den “weitverbreiteten Fehldeutungen Stirners einige gute Argumente entgegen[setzt]“.
Schon einige Monate zuvor, am 2. März 2010 in der Neuen Zürcher Zeitung, hatte Ursula Pia Jauch, Titularprofessorin für Philosophie an der Universität Zürich, sich erfreut gezeigt, dass nun “endlich eine subtil kommentierte Studienausgabe” des Einzigen vorliege. Sie spricht allerdings von einer “Stirner-Bibel” und glaubt in der Neuedition ein Zeichen dafür sehen zu können, “dass Stirners Egoismus in den Zeiten des ökonomischen Solipsismus doch langsam salonfähig geworden wäre.” Das wäre, auch für die Rezensentin, wohl doch kein Grund zur Freude. (Vgl. a. Jauch über Stirner.)
Ich kann mich den lobenden Urteilen der Professionellen zu dieser Neuedition nicht anschliessen. Die Kommentierung des aus den 1840er Jahren stammenden Textes ist gewiss oft hilfreich, aber kaum “subtil”. Sie wirkt in der überwiegenden Zahl der Anmerkungen eher forciert: Jehova etwa wird immer wiederkehrend als “alte Lesung für hebräisch Jahwe, dem Namen Gottes im Alten Testament” erläutert; im Text beiläufig vorkommende Personennamen werden zum Anlass ausführlicher Erklärungen genommen, die manchmal überflüssig (z.B. Nero, S. 63), manchmal obendrein unverständlich und verwirrend (Ödipus, S. 342) sind; auch zahlreiche Worterklärungen wirken schulbuchartig und wären besser unterblieben.
Das Nachwort des Herausgebers über “fünf ausrottbare Missverständnisse in Bezug auf den Einzigen und sein Eigentum” ist, wie schon die Formulierung verrät, in erster Linie defensiv und kann die offensive Ausrottung nicht leisten. Ich werde darauf vielleicht einmal genauer eingehen.
Aber abgesehen von den angedeuteten Kritikpunkten halte ich eine Neuedition des Einzigen generell für überflüssig und damit sogar für störend. Die seit fast vier Jahrzehnten ununterbrochen erhältliche Ausgabe des Verlages Philipp Reclam ist in der Stirner-Literatur fest eingeführt. Sie ist editorisch kaum verbesserungsbedürftig. Wünschenswert wäre deshalb eine fest gebundene Ausgabe dieser Edition in grösserem Format unter Beibehaltung des Satzspiegels, evtl. ergänzt durch einige sparsame Kommentare — aber ohne das Nachwort von Ahlrich Meyer. Eine Neuedition wie die von Alber sorgt indes, falls sie in nennenswerten Gebrauch kommen sollte, für Umständlichkeiten bei Zitatnachweisen. Aufgrund dieser Erwägungen habe ich schon 1985 auf eine Neuedition des Einzigen im LSR-Verlag verzichtet, obwohl der Titel natürlich perfekt in das Verlagsprogramm passte.
Bernd A. Laska
www.lsr-projekt.de
Wer Peter Sloterdijk reden hört (und sieht), bekommt den Eindruck, dieser Mann sei von den Problemen dieser Welt gehetzt. Ein hastiges Sprechen treibt ihn voran, wobei dieses hastige Sprechen Ausdruck eines hastigen Denkens ist. Seine schmale Brille dient nur dem Ablesen von Sätzen, die von ihm in seinem Elfenbeinturm verfaßt wurden.
Sloterdijk geriert sich gern als Inkarnation des Aufwühlens neuer Probleme, auch solche, die keine sind. Ist also dieser Mann ernst zu nehmen? Mitnichten und leider doch.
Um immer am Ball zu bleiben, immer im Munde anderer zu sein (igitt!), wirft er immer wieder neue Thesen in die philosophische Welt, so die aktuellste, nämlich seine (!) Entdeckung einer neuen Klasse: es sind die Alten, die Pensioniere, die Rentner (alle weiblichen hier eingeschlossen).
Was aber treibt einen so windigen, (eher selbst) gehetzten Mann dazu, solchen Blödsinn, philosophisch drapiert, in die Welt zu setzen? Ist es mangelnde Aufmerksamkeit seiner Sendung „Das philosophische Geschwätz“? Daß das, was da abgeht, ein Gespräch sein soll, ein ernsthaftes zudem, ist nicht nachvollziebar.
Wir leben in einer turbulenten Zeit. Seit langem liegt die Tatsache, daß das kapitalistische System nicht nur übriggeblieben ist, sondern absolut nicht mehr viel taugt – es sei denn zur weiteren Vernichtung dieses Planeten –, so offen wie lange nicht mehr zutage. Um aber darauf zu sinnen, eine Ablösung dieses Systems zu verhindern, wenigstens hinauszuzögern, bedarf es einer philosophischen Umorientierung, die so originell nicht ist.
Es ist der altbekannte Vorwurf an Marx, daß dessen Klassenbegriff nichts mehr tauge, um die „Neuzeit“ zu verstehen. Stattdessen gibt es wieder einmal eine neue Klasse, die jetzt wie ein Alp auf unsere Brust drückt, uns das Atmen nimmt – die Alten (wie schon oben erwähnt).
Sloterdijks neue Erfindung einer neuen Klasse zeigt ihn als einen untauglichen Philosophen, der so differenziert vorgeht wie ein Elefant in einem Porzellan-Laden, obwohl letzteter manchmal behutsamer ist als ein gehetzter und hetzender „Philosoph“.
Denn völlig undifferenziert packt er alle alten Menschen – ob reich oder arm – in diese neue Klasse. Aber ganz simple Zahlen, daß es eine homogene Klasse namens „die Alten“ nicht gibt, würden ihn überzeugen, müßten ihn überzeugen, würde er diese Zahlen zur Kenntnis nehmen. Aber wahrscheinlich ist die Wucht dieser Fakten zu groß, also daß sie durch seine schmal gestylte Brille passen könnten.
So sagen uns die Zahlen, daß z.B. arme Alte häufiger von chronischen Krankheiten betroffen sind als Alte mit einem beträchtlichen Vermögen.
„Eine niedrige berufliche Stellung geht mit stärkeren arbeitsbezogenen Gesundheitsgefährdungen einher, die z.B. durch schwere körperliche Arbeit, Nacht- und Schichtarbeit, monotone Arbeitsabläufe, Unfallgefahren oder den Umgang mit toxischen und karzinogenen Stoffen und Substanzen hervorgerufen werden. Die Angehörigen sozioökonomisch benachteiligter Gruppen leben zudem häufiger in kleinen und schlecht ausgestatteten Wohnungen. In ihrer Wohnumgebung sind sie stärkeren Luftverschmutzungen und Lärmbelastungen ausgesetzt“1.
Wer sich näher mit diesen abstrusen Sloterdijkschen Blödsinn befassen möchte, der aber leider sehr ernst zu nehmen ist, sollte sich unbedingt das Buch „Angriff der Leistungsträger? – Das Buch zur Sloterdijk-Debatte“ besorgen2.
Sloterdijk, der sich wohl mit solchen Elaboraten zum Chefideologen der FDP [= „Fast Drei Prozent“] machen möchte, sollte sich samt seiner Sendung vom philosophischen Geschwätz einbalsamieren lassen, damit die Nachwelt sehen kann, welche bescheuerten Blüten Menschen treiben können, die sich darüber hinaus noch anmaßen, Philosophen zu sein.
Kurt W. Fleming, 21.6.2010
1 Lampert, Thomas (2009): „Soziale Ungleichheit und Gesundheit im höheren Lebensalter“, in: Karin Böhm, Clemens Tesch-Römer, Thomas Ziese (Hg.): Gesundheit und Krankheit im Alter, Berlin, S. 122
2 Jan Rehmann/Thomas Wagner (Hg.), Argument, Hamburg 2010, 256 Seiten, 19,90 Euro



