Wer Peter Sloterdijk reden hört (und sieht), bekommt den Eindruck, dieser Mann sei von den Problemen dieser Welt gehetzt. Ein hastiges Sprechen treibt ihn voran, wobei dieses hastige Sprechen Ausdruck eines hastigen Denkens ist. Seine schmale Brille dient nur dem Ablesen von Sätzen, die von ihm in seinem Elfenbeinturm verfaßt wurden.
Sloterdijk geriert sich gern als Inkarnation des Aufwühlens neuer Probleme, auch solche, die keine sind. Ist also dieser Mann ernst zu nehmen? Mitnichten und leider doch.
Um immer am Ball zu bleiben, immer im Munde anderer zu sein (igitt!), wirft er immer wieder neue Thesen in die philosophische Welt, so die aktuellste, nämlich seine (!) Entdeckung einer neuen Klasse: es sind die Alten, die Pensioniere, die Rentner (alle weiblichen hier eingeschlossen).
Was aber treibt einen so windigen, (eher selbst) gehetzten Mann dazu, solchen Blödsinn, philosophisch drapiert, in die Welt zu setzen? Ist es mangelnde Aufmerksamkeit seiner Sendung „Das philosophische Geschwätz“? Daß das, was da abgeht, ein Gespräch sein soll, ein ernsthaftes zudem, ist nicht nachvollziebar.
Wir leben in einer turbulenten Zeit. Seit langem liegt die Tatsache, daß das kapitalistische System nicht nur übriggeblieben ist, sondern absolut nicht mehr viel taugt – es sei denn zur weiteren Vernichtung dieses Planeten –, so offen wie lange nicht mehr zutage. Um aber darauf zu sinnen, eine Ablösung dieses Systems zu verhindern, wenigstens hinauszuzögern, bedarf es einer philosophischen Umorientierung, die so originell nicht ist.
Es ist der altbekannte Vorwurf an Marx, daß dessen Klassenbegriff nichts mehr tauge, um die „Neuzeit“ zu verstehen. Stattdessen gibt es wieder einmal eine neue Klasse, die jetzt wie ein Alp auf unsere Brust drückt, uns das Atmen nimmt – die Alten (wie schon oben erwähnt).
Sloterdijks neue Erfindung einer neuen Klasse zeigt ihn als einen untauglichen Philosophen, der so differenziert vorgeht wie ein Elefant in einem Porzellan-Laden, obwohl letzteter manchmal behutsamer ist als ein gehetzter und hetzender „Philosoph“.
Denn völlig undifferenziert packt er alle alten Menschen – ob reich oder arm – in diese neue Klasse. Aber ganz simple Zahlen, daß es eine homogene Klasse namens „die Alten“ nicht gibt, würden ihn überzeugen, müßten ihn überzeugen, würde er diese Zahlen zur Kenntnis nehmen. Aber wahrscheinlich ist die Wucht dieser Fakten zu groß, also daß sie durch seine schmal gestylte Brille passen könnten.
So sagen uns die Zahlen, daß z.B. arme Alte häufiger von chronischen Krankheiten betroffen sind als Alte mit einem beträchtlichen Vermögen.
„Eine niedrige berufliche Stellung geht mit stärkeren arbeitsbezogenen Gesundheitsgefährdungen einher, die z.B. durch schwere körperliche Arbeit, Nacht- und Schichtarbeit, monotone Arbeitsabläufe, Unfallgefahren oder den Umgang mit toxischen und karzinogenen Stoffen und Substanzen hervorgerufen werden. Die Angehörigen sozioökonomisch benachteiligter Gruppen leben zudem häufiger in kleinen und schlecht ausgestatteten Wohnungen. In ihrer Wohnumgebung sind sie stärkeren Luftverschmutzungen und Lärmbelastungen ausgesetzt“1.
Wer sich näher mit diesen abstrusen Sloterdijkschen Blödsinn befassen möchte, der aber leider sehr ernst zu nehmen ist, sollte sich unbedingt das Buch „Angriff der Leistungsträger? – Das Buch zur Sloterdijk-Debatte“ besorgen2.
Sloterdijk, der sich wohl mit solchen Elaboraten zum Chefideologen der FDP [= „Fast Drei Prozent“] machen möchte, sollte sich samt seiner Sendung vom philosophischen Geschwätz einbalsamieren lassen, damit die Nachwelt sehen kann, welche bescheuerten Blüten Menschen treiben können, die sich darüber hinaus noch anmaßen, Philosophen zu sein.
Kurt W. Fleming, 21.6.2010
1 Lampert, Thomas (2009): „Soziale Ungleichheit und Gesundheit im höheren Lebensalter“, in: Karin Böhm, Clemens Tesch-Römer, Thomas Ziese (Hg.): Gesundheit und Krankheit im Alter, Berlin, S. 122
2 Jan Rehmann/Thomas Wagner (Hg.), Argument, Hamburg 2010, 256 Seiten, 19,90 Euro


