Heute (21.6.2010) wurde im Deutschlandfunk eine Besprechung der Neuedition von Stirners Einzigem, die vor einem Jahr im Verlag Karl Alber erschien, gesendet (Textfassung). Der Rezensent, Hans-Martin Schönherr-Mann, ausserplanmässiger Professor für Politische Philosophie an der Universität München, ist von einem Satz Stirners geradezu hypnotisiert: “Ich aber bin durch Mich berechtigt zu morden, wenn ich Mir’s nicht verbiete.” Um ihn kreist er in der gesamten Besprechung und lässt dabei erkennen, dass ihm Stirners Ideen völlig fremd geblieben sind.
Zur Neuedition sagt er, sie sei “verdienstvoll, weil es insgesamt bloss wenige Editionen dieses Werkes gibt”. Tatsächlich, so steht es da. Aber “nicht nur”. Verdienstvoll sei auch die Aufnahme von Stirners Replik auf seine Kritiker und das “hervorragende Nachwort” des Herausgebers Bernd Kast, der “vor allem auch Max Stirners Aktualität vor[führt]” und den “weitverbreiteten Fehldeutungen Stirners einige gute Argumente entgegen[setzt]“.
Schon einige Monate zuvor, am 2. März 2010 in der Neuen Zürcher Zeitung, hatte Ursula Pia Jauch, Titularprofessorin für Philosophie an der Universität Zürich, sich erfreut gezeigt, dass nun “endlich eine subtil kommentierte Studienausgabe” des Einzigen vorliege. Sie spricht allerdings von einer “Stirner-Bibel” und glaubt in der Neuedition ein Zeichen dafür sehen zu können, “dass Stirners Egoismus in den Zeiten des ökonomischen Solipsismus doch langsam salonfähig geworden wäre.” Das wäre, auch für die Rezensentin, wohl doch kein Grund zur Freude. (Vgl. a. Jauch über Stirner.)
Ich kann mich den lobenden Urteilen der Professionellen zu dieser Neuedition nicht anschliessen. Die Kommentierung des aus den 1840er Jahren stammenden Textes ist gewiss oft hilfreich, aber kaum “subtil”. Sie wirkt in der überwiegenden Zahl der Anmerkungen eher forciert: Jehova etwa wird immer wiederkehrend als “alte Lesung für hebräisch Jahwe, dem Namen Gottes im Alten Testament” erläutert; im Text beiläufig vorkommende Personennamen werden zum Anlass ausführlicher Erklärungen genommen, die manchmal überflüssig (z.B. Nero, S. 63), manchmal obendrein unverständlich und verwirrend (Ödipus, S. 342) sind; auch zahlreiche Worterklärungen wirken schulbuchartig und wären besser unterblieben.
Das Nachwort des Herausgebers über “fünf ausrottbare Missverständnisse in Bezug auf den Einzigen und sein Eigentum” ist, wie schon die Formulierung verrät, in erster Linie defensiv und kann die offensive Ausrottung nicht leisten. Ich werde darauf vielleicht einmal genauer eingehen.
Aber abgesehen von den angedeuteten Kritikpunkten halte ich eine Neuedition des Einzigen generell für überflüssig und damit sogar für störend. Die seit fast vier Jahrzehnten ununterbrochen erhältliche Ausgabe des Verlages Philipp Reclam ist in der Stirner-Literatur fest eingeführt. Sie ist editorisch kaum verbesserungsbedürftig. Wünschenswert wäre deshalb eine fest gebundene Ausgabe dieser Edition in grösserem Format unter Beibehaltung des Satzspiegels, evtl. ergänzt durch einige sparsame Kommentare — aber ohne das Nachwort von Ahlrich Meyer. Eine Neuedition wie die von Alber sorgt indes, falls sie in nennenswerten Gebrauch kommen sollte, für Umständlichkeiten bei Zitatnachweisen. Aufgrund dieser Erwägungen habe ich schon 1985 auf eine Neuedition des Einzigen im LSR-Verlag verzichtet, obwohl der Titel natürlich perfekt in das Verlagsprogramm passte.
Bernd A. Laska
www.lsr-projekt.de


