Eine Vorstellung des undogmatischen Marxisten Leo Kofler

Von Ralf Becker

Foto: Leo-Kofler-Gesellschaft

Leo Kofler (1907-1995) Foto: Leo-Kofler-Gesellschaft

Am 29. Juli vor 15 Jahren starb ein undogmatischer marxistischer Philosoph, der zu Unrecht vor al­lem in der ostdeutschen LINKEN vernachlässigt ist – Leo Kofler. Er wurde als streitbarer Sozialist, Stalinismuskritiker, eigensinniger Einzelgänger tituliert.

Geboren wurde er am 26.April 1907 in einer österreichisch-deut­schen gutbürgerlichen jüdischen Familie. Die Familie floh 1915 vor den russisch-zaristischen Truppen nach Wien, wo er aufwuchs. Sein Weg ging über Volks-, Bürger- und Handelsschule zum Angestellten. Seit 1927 ist er in der Sozialisti­schen Angestelltenjugend aktiv und betätigt sich bald als Refe­rent der sozialistischen Wiener Bildungszentrale, engagiert sich Anfang der 30er im linken Flügel der Sozialdemokratischen Arbei­terpartei (SDAP). Nach der Be­setzung Osterreichs 1938 flüch­tet er in die Schweiz. Er überlebt den Faschismus im Arbeits- und Emigrantenlager. Ein Großteil sei­ner Familie kommt im Holocaust um, seine Eltern wurden 1942 er­schossen. Aus dem Schweizer Exil wird er 1947 an der Uni Halle zum Professor für Geschichtsphiloso­phie berufen und promovierte mit der bereits 1944 in der Schweiz erschienenen Arbeit „Die Wissen­schaft von der Gesellschaft“.

Leo Kofler gehört zu jenen marxis­tischen Denkern wie Bloch, Bahro, Havemann, Lukács u. a., die von den offiziellen Vertretern des re­alen Sozialismus“ als Feinde ange­sehen wurden. Bereits 1950 hatte er in der DDR soviel Schwierigkei­ten, daß er, um sich einer mög­lichen Verhaftung zu entziehen, in die BRD übersiedelte. Kofler, der an der von Marx formulierten permanenten Selbstkritik prole­tarischer Revolutionen festhielt (Der 18. Brumaire, MEW 8,5.118), prangerte schon seit 1948 in sei­nen Vorlesungen die Phantasie­losigkeit der neuen politischen Praxis in der DDR an, Administra­tion ginge über notwendige Über­zeugungsarbeit, Motivationen der Menschen würden nicht beachtet. Er lehnte die übliche Aufforderung zur „Selbstkritik“ ab und trat 1950 demonstrativ aus der SED aus. Aber als bekennender Sozialist bekam er auch in der restaura­tiven BRD bis in die 7OerJahre keinen Lehrstuhl. Der Kapitalismuskritiker mußte sich mit mühsamer Vortragstätigkeit in Erwachsenenbildung, Volks­hochschule und gewerkschaft­licher Schulung durchschlagen. Dies bedingte enge Berührung zu gesellschaftlichen Basis- und Randgruppen, woraus er seine theoretischen Reflexionen über Alltagskultur von Herrschaft entwickelte. Aus seiner wissenschaftlichen Arbeit schöpfte Kofler einen prinzipiellen historischen Optimismus. Die 50er und 60er Jahre waren eine hochproduktive Zeit. Es entstanden über 30 Bücher. Erst 1972 erkämpfte die Studentenbewegung, die seit 1968 seine Frühschriften für sich entdeckte, für Kofler eine Lehrstuhlvertretung für den Lehrstuhl Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum, die er bis 1979 innehatte. Auf Grund seiner außerordentlichen Verdienste in der Lehre wurde ihm 1975 eine Honorarprofessur verliehen, auf deren Grundlage er bis zu seinem ersten Schlaganfall im Sommer 1991 dort lehrte. Noch kurz vorher, in der Wende 1990, machte er auf einer Gastvortragsreise in die DDR in Halle, Leipzig und Berlin auf die Raubtierideologie des westlichen Leistung dar. Seine Kritik trifft Kapitalismus aufmerksam.

Kofler geht es um die Konkretisierung der Marxschen Auffassung vom Menschen als ein auf die ge­sellschaftlichen Umstände reagie­rendes und mit Bewußtsein han­delndes Wesen. Sein Thema ist das Wechselverhältnis zwischen den sozioökonomischen Existenzbedingungen, die die Menschen selbst „gemacht“ haben, und die geistigen und praktischen Reakti­onen auf diese „Umstände“.

Er kritisierte die verbrämte Rede von den „objektiven Entwicklungs­gesetzen“ des geschichtlichen Fortschritts, wie sie im „Marxis­mus-Leninismus“ und dessen „wissenschaftlichen Sozialismus“ vertreten wurden. Kofler analy­siert die kapitalistische Verge­sellschaftung in ihren erstarrten Strukturen als historisch-spezifi­sche Formen sozialer Praxis. Da­bei bietet Kofler in seiner Theorie ideologischer Herrschaftsrepro­duktion Erklärungsmuster für die auch heute drängende Frage, wie es möglich ist, daß die Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder trotz Krisen und fundamentaler Wider­sprüche, trotz sozialer Bedrohung und existentieller Verunsicherung und Not, geistig und emotional in diesen Verhältnissen gebunden bleiben und sich mit den Gege­benheiten abfinden. Er analysiert die „geräuschlosen“ Formen von Herrschaftsvermittlung. Seine be­sondere Aufmerksamkeit galt den verbreiteten ideologischen Selbsttäuschungen, die im Wechselspiel von Illusion und Anpassung ent­stehen. Anpassung entsteht aus den alltagsweltlichen Lebensum­ständen. Koflers vielfältige Studi­en zur konkreten Entfremdungs­problematik stellen im Marxismus des 20. Jahrhunderts eine singulä­re aber nicht die unterdrückten Ar­beiter, obwohl diese ihren Frieden mit der entfremdeten Ordnung gemacht hätten, sondern v. a. de­ren Organisationen. Diese gäben zwar den kritisch-intellektuellen Anspruch der Gesellschaftsver­änderung nicht auf, aber ihre Po­litik ist bloßes Mitmachen in den bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen. Daraus leitet er die Notwendigkeit einer „progressiven Intelligenz“ ab. Die­se trete im Zeitalter der „bürgerli­chen Dekadenz“, d.h. des Verfalls des bürgerlichen Humanismus bei formell reicher Entfaltung von Wissenschaft, Kulturproduktion und -genuß, das Erbe dieses Hu­manismus an. Diese „progressive Intelligenz“ umfaßt kritischen In­dividuen in – wie man heute sagen würde – zivilgesellschaftlichen In­stitutionen (Schulen, Kirchen, Uni­versitäten, Gewerkschaften u.ä.), die aufgrund ihrer Opposition ge­gen Stalinismus und angepaßte Sozialdemokratie ein von politi­scher wie publizistischer Isolie­rung und Ohnmacht gekennzeich­netes „asketisches Pariadasein“ fristen. Hier scheint das klassi­sche Avantgardekonzept durch. Die Verknüpfung der Theorie ideo­logischer Herrschaftsreprodukti­on mit der Theorie des „revoluti­onären Humanismus“ kann einer LINKEN heute helfen, transforma­torische Eingriffsmöglichkeiten zur Veränderung der menschengemachten Umstände zu finden. Vor allem seine Betrachtungen zu Anpassungsprozessen in Aus­einandersetzung mit der „Kriti­schen Theorie“ Horkheimers und Adornos eröffnen einen Blick auf Arbeitsweisen revolutionärer po­litischer Praxis.

Erstabdruck in: Sachsens Linke! 7-8/2010, S. 15

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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