Von Peter Porsch
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Peter Porsch

Wenn der bekannte Rechenmeister Adam Ries 1492 oder 1493 auch nicht in Sachsen geboren wurde, so wirkte er doch seit 1522 in Annaberg im Erzgebirge. Es ist also berechtigt, Sachsen als das „Land des Adam Ries“ zu bezeichnen. Er wandte sich ab von den unpraktischen römischen Zahlen und lehrte auf deutsch mit den arabischen Ziffern und vor allem auch mit der Null zu rechnen. 20.000 Nachkommen des Mannes, so meint der Adam-Ries-Bund, gibt es heute. Mag sein, es sind auch welche aus der Sächsischen Staatskanzlei, dem Finanzministerium und der CDU-Fraktion darunter. Die Vermutung kommt auf, wenn man einigen neuen Rechenkünsten im Freistaat auf die Spur kommt. Von der Nähe betrachtet zeigen aber gerade diese Rechenkünste, dass die 20.000 irgendwo anders tätig sein müssen, nur nicht in den genannten Institutionen. Was von da an algebraischen Neuerungen kommt, lässt Adam Ries wohl im Grabe rotieren.

Nehmen wir z.B. den Haushaltsansatz für 2011/12 für die parteinahen Stiftungen zur politischen Bildung. Diesen Stiftungen sollten öffentliche Mittel „entsprechend der Sitzverteilung der hinter den Stiftungen stehenden Parteien im Sächsischen Landtag und im Deutschen Bundestag“ (Entwurf des Doppelhaushaltes 20110/12) zugewiesen werden. Abgesehen davon, dass die sich daraus ergebenden Relationen vor allem zum Vorteil von CDU und SPD nie eingehalten wurden, möchte man meinen, dass sie wenigstens bei Kürzungen zur Geltung kommen. Weit gefehlt! Die neuen Rechenkünstler kommen da zu ganz anderen Ergebnissen: Die bisher gezahlte Gesamtsumme soll um 157.000 Euro gekürzt werden. Also spitzt man den Rechenstift. Die beiden Stiftungen der SPD („Friedrich-Ebert-Stiftung“ und „Herbert-Wehner-Stiftung“) erhalten insgesamt 77.800 Euro weniger, die Stiftung „weiterdenken“ der Grünen muss mit einem Manko von 31.600 Euro auskommen, die „Wilhelm-Külz-Stiftung“ der FDP wird um sage und schreibe 200.- Euro (in Worten „zweihundert“) gebracht und die „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ der Partei DIE LINKE um 47.900 Euro. Offen ist jetzt noch, wie viel die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung einbüßt. Da die CDU bei der letzten Landtagswahl ja wieder etwas schlechter abgeschnitten hat als zuvor, müsste es doch eine beträchtliche Summe sein – denkt man, wenn man nach Adam Ries rechnet. Modern oder „post-adam-riesisch“ rechnet man aber anders und kommt zu dem sensationellen Ergebnis, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung 86.500 Euro mehr zu bekommen hat. Was schon bei der Kürzungssumme der FDP dämmerte, wird zur Gewissheit: Vor dem Haushalt sind alle gleich, nur die Regierungsparteien sind gleicher.

Aber wer in die Haushaltsdebatte eintritt, sollte nicht gleich wie in Dantes Inferno alle Hoffnung fahren lassen. Die Neurechner lassen Hoffnung aufkommen. Sie haben nämlich auch eine neue Rechenart neben den bisher bekannten erfunden. Sie heißt „abwarten und prüfen“. Das geht verallgemeinert so: Man sagt zunächst die Summe verschiedener Zahlen sei Null. Also z.B. 2+3=0. Dann wartet man ab und erhöht unter dem Druck der Tatsachen die Summe vielleicht auf 4, erklärt es für vorläufig richtig und wartet ab und prüft. Mag sein, es kommt noch 5 heraus. Mag sein! Geht es um Geld kann eine solche Rechnung unter Umständen aber einen schönen Gewinn ergeben oder einen Verlust – je nachdem auf welcher Seite der Gleichung man steht. Z.B. sagt deshalb die Staatsregierung, es gibt kein Geld für Hochwasseropfer, nur Kredite – 2+3 ist also 0, könnte aber vielleicht vorläufig und zeitweilig auf 3 bis 4 gerechnet werden. Später und unter dem Zwang der Fakten bietet man für die vom Hochwasser Geschädigten 5 Millionen Euro in Partien zu je 5.000 Euro. Damit kann man – wieder nach Adam Ries – 1000 Betroffenen helfen. Zwar weiß man schon, dass es sicher mehr Geschädigte gibt und mehr Geld nötig sein wird, die Erfinder der neuen Rechenart wollen aber erst „abwarten und prüfen“. Algebraisch könnte man jetzt sagen die Größe x (die Hochwassegeschädigten) ist bekannt. Neurechnerisch kann man jedoch versuchen, uns dieses x für ein u vorzumachen, wobei u kleiner als x. Nun sage mal noch wer, in Sachsen fehle es an Erfindergeist!

Hier wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung des Autors.

Geschrieben für “Sachsens Linke”, 19.08.10
Quelle: http://www.peter-porsch.de/

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