Eine Auswahl größtenteils nicht mehr zugänglicher Texte, die den Fokus auf Herbert Ihering als Theaterkritiker der Weimarer Zeit erweitert und die ganze Bandbreite seines kulturpolitischen Wirkens abschreitet.
Ihering gilt als prägender Theaterkritiker der Weimarer Republik. Doch wird damit nur ein Bruchteil seiner kulturpolitischen Aktivitäten erfasst: Als einer der bekanntesten kritischen deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts beteiligte er sich an den verschiedensten Debatten um das Verhältnis von Politik, Kultur, Kritik und künstlerischer Praxis. Mit der Text-Edition »Umschlagplätze der Kritik« wird erstmals die kulturhistorische Kontextualisierung von Iherings Tätigkeit gewagt.
Der Publikation ist ein umfangreicher Kommentarteil beigegeben, der »Umschlagplätze der Kritik« gleichermaßen zu einem leicht handhabbaren Arbeitsbuch wie zu einem spannenden Zeitdokument werden lässt.
Herbert Ihering [1888-1977] zählt zu den wichtigsten Theaterkritikern der Weimarer Republik. Mit seinen Veröffentlichungen äußert er sich von 1909 an zu Theater, Gesellschaft und Kultur und beeinflusst diese in fünf Staatssystemen bis kurz vor seinem Tod.
Essay zum 70. Todestag Walter Benjamins.
Von Gerhard Wagner
Teil I: Der Stratege im Literaturkampf
»Sammler sind Menschen mit taktischem Instinkt; ihrer Erfahrung nach kann, wenn sie eine fremde Stadt erobern, der kleinste Antiquitätenladen ein Fort, das entlegenste Papiergeschäft eine Schlüsselstellung bedeuten. Wie viele Städte haben sich nicht in den Märschen erschlossen, mit denen ich auf Eroberung von Büchern ausging.« Walter Benjamin schrieb diese Sätze 1931 in einer »Rede über das Sammeln«. Sammeln – von Reiseeindrücken und von Büchern– gehörte zu seinen großen Leidenschaften. Er hatte stets mehrere Notizbücher bei sich, in denen er Beschreibungen und Gedanken festhielt, in die er Buchtitel und Auszüge eintrug.
Der am 15. Juli 1892 in Berlin geborene Bürgersohn war jedoch nicht nur in geographischer Hinsicht ein Grenzgänger, ein, so er selbst, »Schwellenkundiger«. Er lebte sein Leben zwar oft zwischen den Ländern und Kulturen, aber auch zwischen den Befindlichkeiten des deutschen Juden, des in Berlin und München, in Bern und Freiburg an Schule und Universität Gebildeten, des »freien« Wissenschaftspublizisten und Kritikers, des ab 1933 in Paris, auch auf Ibiza und in Svendborg (als Gast Bertolt Brechts) Exilierten, des zeitweiligen Stipendiaten des emigrierten »Instituts für Sozialforschung«. Der Meister des kritischen Essays, der pointierten Analyse war ein eigenwilliger, immer »versuchsweise« und »extrem« vorgehender, Fachgrenzen überschreitender Denker und Schreiber. Einer, der Literatur und Philosophie, Bilder und Begriffe, bildliches Zeigen und begriffliches Sagen, auch gegenläufige Argumentationen dialektisch zu vereinen suchte. Einer, der die Welt und ihre Wissensspeicher stets nach neuen Wegen und Umwegen, Übergängen und Rissen, Analogien und Korrespondenzen, nach ungewöhnlichen Metaphern und Termini durchforschte. Zudem war er ein Exponent der wechselseitigen »Durchdringung« von Vergangenheit und Gegenwart, von »historischer und kritischer Betrachtung«, der seinen Niederschriften schlaglichtartige, der »Belebung« geschichtlicher und aktueller Erfahrung dienende, einander kommentierende Zitate einzupassen wußte.
Im Dickicht der Texte
Heute ist er es, der »prismatische Denker« (Hans Heinz Holz) und »dialektische Physiognomiker« (Hermann Schweppenhäuser), der in einer selbst für Fachleute kaum noch zu überschauenden internationalen Sekundärliteratur zitiert, paraphrasiert und kommentiert wird. Das Gesamtwerk des Essayisten und Erzählers, Kritikers und Übersetzers, Kulturhistorikers und Kunsttheoretikers steht seit 1999 fast vollständig in den sieben Bänden und drei Supplementbänden der Suhrkamp-Studienausgabe »Gesammelte Schriften« zur Verfügung, ergänzt um die 2000 abgeschlossene sechsbändige Edition der »Gesammelten Briefe«. Inzwischen liegen vier Bände mit Benjamins Promotionsschrift »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« (1919), seinen Prosatexten »Einbahnstraße« (1928), seiner Briefsammlung »Deutsche Menschen« (1936) und den Thesen »Über den Begriff der Geschichte« (1940) vor, die zu einer auf zwanzig Bände konzipierten historisch-kritischen Neuedition »Werke und Nachlaß« gehören. Vielleicht kann diese ein neuer, nützlicher Wegweiser durch das »Dickicht der Texte« (Burkhardt Lindner) und ebenso das ihrer Rezeptionsschicksale, der dominierenden »Verstehensprämissen« (Thomas Dörr) sein.
Denn das Werk Benjamins ist umfangreich und vielgestaltig, bietet nach eigenem Zeugnis auch zahlreiche »verzettelte Arbeiten«. Es umfaßt viele Buch-, Theater- und Filmkritiken sowie Ausstellungsbesprechungen für so renommierte Periodika wie Die literarische Welt, Der Querschnitt und i10. Es umfaßt kulturgeschichtlich-soziologische Studien für die Zeitschrift für Sozialforschung (ZfS) über den »Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus« Charles Baudelaire, literaturgeschichtliche Abhandlungen über den »Ursprung des deutschen Trauerspiels«, theologische Skizzen über »Kapitalismus als Religion«. Es umfaßt medienkritische und -pädagogische Aufsätze über »Theater und Rundfunk«, Polemiken wie eine »Kritik der Verlagsanstalten«, Hörfunktexte wie »Radau um Kasperl«. Auch »Denkbilder« in Prosa, »Reisenotizen« und »Städtebilder«, eine autobiographische »Berliner Chronik«. Und unzählige Aufzeichnungen, die – teils durch die überwiegend schwierigen Arbeits- und Lebensumstände bedingt, teils absichtlich – Fragmente blieben.
Ein exemplarischer Denker
Um über Benjamin mit einem Satz aus seinem Essay über Marcel Proust zu sprechen, von dessen Zyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« (1917–1925) er zusammen mit Franz Hessel einige Romane übersetzte: »Nicht alles an diesem Leben ist musterhaft, exemplarisch aber ist alles.« Denn »exemplarisch« stehen Leben und Werk Benjamins für die Besonderheiten der Verarbeitung zeitgeschichtlicher Erfahrung durch viele Intellektuelle im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und im antifaschistischen Exil, durch Zeit- und Weggenossen, Philosophen und Schriftsteller wie Ernst Bloch, Bertolt Brecht, Siegfried Kracauer und Gershom Scholem. Benjamin erlebte wie sie das Scheitern der bürgerlichen Jugend- und Studentenbewegungen, massenhafte Begeisterung und Desillusionierung durch den Ersten Weltkrieg, politischen Aktivismus und Enttäuschungen nach der Novemberrevolution. Er erlebte Aufstieg und Niedergang der deutschen expressionistischen und der französischen surrealistischen Künstleropposition sowie die Krise der modernen Philosophie und Kunsttheorie. Diese bezeichnete Benjamin als »Teilerscheinung einer sehr viel allgemeineren« – nämlich jener sowohl der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft als auch der Arbeiterbewegung, gipfelnd im kollektiven Versagen aller demokratischen Kräfte gegenüber präfaschistischen und faschistischen Tendenzen. Bereits zuvor konstatierte er die »linke Melancholie« weiter Teile der Intelligenz, die er in der Besprechung einer populärmedizinischen Ausstellung über »Gesunde Nerven« als Faktor der zeitgenössischen »chronischen Katastrophe« ansah: »Daß gerade die stärksten und suggestivsten Naturen den freien und vernunftgemäßen Ort, der ihre Kräfte wirksam macht, nicht finden, daß sie in freireligiösen Siedlungen und völkischen Stoßtrupps, in [religiös-lebensreformerischen – G.W.] Mazdaznanverbänden und Tanzgruppen sich verkapseln, aus dem Fanatismus einen Komfort machen und ihr Bestes verloren geben, das ist die chronische Katastrophe des Nachkriegsdeutschland.« Das war 1930.
Geschichte und Utopie
In diesem sozialen Erfahrungshorizont, diesem politischen Spannungsfeld entwickelte Benjamin nicht nur eine »ganz seltene Verbindung von höchster Abstraktion, sinnlicher Fülle und Plastik« (Gershom Scholem), sondern auch ein stets mit »aktualen und politischen Momenten« aufgeladenes, praktisch ausgerichtetes, medienhistorisch und -theoretisch erweitertes Kultur- und Kunstverständnis. Es stützte sich auf sehr verschiedenartige Quellen: auf jüdisch-theologische, auch mystische Erfahrungspotentiale, auf den Neukantianismus, anarchistisches Gedankengut, klassisch-romantische, radikal-demokratische und utopisch-sozialistische Traditionen sowie auf Kunstleistungen der ost- und westeuropäischen Avantgardebewegungen. Es versuchte, Geschichte und Utopie zusammenzudenken. Es schloß daher das Plädoyer dafür, »die Geschichte gegen den Strich zu bürsten«, für die »kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung« ein: unter anderem dafür, das sogenannte Repräsentative auch im Abgelegenen und Verborgenen durch Schreiben ihrer »geheimen«, unterirdisch wirkenden Geschichte aufzufinden und an das analytische Licht zu heben. Und es mündete in eine nicht auf pure politisch-ideologische Bewertung, sondern auf historisch-analytisches Vorgehen setzende, »sachlich-kritische« Positionsbestimmung der Künste wie ihrer Theorie. Benjamin war daher schon zu Lebzeiten mit vermeintlich »rein« historischen Arbeiten seiner Gegenwart und ihren treibenden Kräften näher als mancher Autor tagespolitisch-polemischer Pamphlete. Zum Beispiel mit dem großen, unvollendeten »Passagen«-Projekt zur »Phantasmagorie der kapitalistischen Kultur« unter den Bedingungen der Universalisierung der Warenproduktion im 19. Jahrhundert, zur »Urgeschichte der »Moderne« und ihrer Reaktivierung des »Mythos«. Denn auch in solchen Materialsammlungen und Texten reflektieren sich Ausbruchsversuche eines traditionsbewußten, zugleich ökonomisch-sozial deklassierten und politisch enttäuschten Intellektuellen aus dem zeitgenössischen Gehäuse der politisch-ideologischen Hörigkeiten.
Politisierung der Intelligenz
Benjamin lud jüdisch-theologische und frühromantische Positionen geschichtsphilosophisch, erfahrungstheoretisch auf und richtete sie politisch-operativ aus. Darum verlieh er – nachdem er sich 1925 vergeblich um eine Habilitation an der Universität Frankfurt (Main) und eine akademische Laufbahn bemüht hatte – als »freier« Presse- und Verlagsautor, als »Stratege im Literaturkampf« in den geistigen Bürgerkriegen der Weimarer Republik auch der Literaturkritik neue Dimensionen. Er sah sie nicht nur als Teil des Kulturbetriebes, sondern als dessen Regulator. Und er nutzte sie nicht nur als ästhetisches Wertungsinstrument, sondern als kritisch-demokratisches Medium der »Politisierung der Intelligenz«, wie er seine Rezension zu dem soziologischen Buch »Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland« (1930) von Siegfried Kracauer überschrieb. Daher sollte »die erkenntnismäßige Verwertung von Büchern mit ihrer literarischen ›Wertung‹ identisch« werden. Benjamin unterschied zwischen simplem Lesen und einem Studium von Texten, das der Kritik Material zur Nutzung im emanzipatorischen Sinne zuführt. Immer aber sah er die Literaturrezeption im modernen Kontext der komplexen Dialektik von sozialen Bedingungen, technologischem Fortschritt, Gattungsentwicklungen und künstlerischen Ausdrucks- und Rezeptionsbedürfnissen.
Damit führte er im 20. Jahrhundert weiter, was er zum Beispiel in seiner Porträtsammlung »Juden in der deutschen Kultur« (1929/30) an literarisch-publizistischen Vorgängern wie Ludwig Börne und Heinrich Heine hervorhob: »schrankenlose Betonung der Subjektivität; kritische Haltung gegen die professorale Wissenschaft; scharfe Belichtung aktueller Probleme«. Wie sie machte er »die Kunstkritik zum Organe der Zeitkritik« (siehe Teil II). Wie sie versuchte er, zur Modernität der Künste beizutragen – durch Konzepte zu ihrer umfassenden Revolutionierung in Gegenstand und Gestaltung, Traditions- und Rezipientenbezug.
Neue Massenkunst
Darum engagierte sich Benjamin leidenschaftlich für den sowjetrussischen politischen Stummfilm, die Avantgardefotografie, den Surrealismus, Brechts Episches Theater und den frühen deutschen Hörfunk. Seine Vorträge und Hörspiele zum Beispiel für den Westdeutschen Rundfunk in Köln, den Südwestdeutschen Rundfunkdienst in Frankfurt (Main) und die Berliner Funk-Stunde zeichnen sich aus durch soziales Engagement und kritisches Geschichtsbewußtsein, gattungsübergreifende Perspektive und experimentelle, das eigene Erfahren und Erkennen fördernde ästhetische Spezifik. Denn in diesen audiovisuellen Medien und Kunstformen mit ihren spezifischen Erzählformen sah er entscheidende Grundlagen für eine neue, kollektiv verbindliche, physiognomische »Massenkunst«. Mit diesem Begriff redete er allerdings keiner platten, populistischen »Volkstümlichkeit« das Wort, sondern orientierte er auf eine kritisch-demokratische und antifaschistische Kunstproduktion, die – technisch optimiert – wirkliches »Können« bei der vorbehaltlosen Wirklichkeitsaneignung »Gemeingut« werden lassen sollte.
Das belegen Benjamins zwischen 1935 und 1939 entstandene, zuerst 1936 in einer französischsprachigen Zwischenstufe durch Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der ZfS publizierte Thesen »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«. Sie versuchen, Kulturgeschichte, Kunstwissenschaften, philosophische Ästhetik, Physiognomik, Sozialpsychologie und Soziologie zusammenzuführen – vor allem über mediengeschichtliche und -theoretische Achsen. Denn ihn faszinierten die gewaltigen kulturellen Veränderungen, die durch die Gestaltungs- und Kommunikationstechniken der Fotografie, des Films und des Hörfunks ausgelöst wurden. Darunter die neuartigen, viele produktive Möglichkeiten für die menschliche Gattungsphantasie, das »mimetische Vermögen« schaffenden Konkurrenzbeziehungen zwischen schriftsprachlichen und audiovisuell geprägten Wahrnehmungsweisen und »Merkwelten« der Menschheit. Sie sollten das »wahre Bild der vom befreiten Menschen bearbeiteten Natur«, ein »Zusammenspiel« zwischen Natur, Mensch und Technik zum Ausgangspunkt wie zum Ziel machen.
Mit diesem seinem noch heute – oder erst recht heute – wichtigen ökologisch-utopischen Technik- und Medienbegriff relativierte er eigene technikfetischistische Tendenzen. Benjamin wußte, daß die entscheidende Voraussetzung für die Emanzipation der Künste nicht nur die Emanzipation der Kunstproduzenten, sondern die der Produzenten ist. Der 1989 veröffentlichte »Urtext« der Thesen ist deshalb ein eher optimistisches Gegenstück zu Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Kritik der US-amerikanischen »Kulturindustrie«, der Standardisierung und des Starkults unter dem »Bann der Massenproduktion« in ihrer »Dialektik der Aufklärung« (1944).
Die wahre Dekadenz
Als universell gebildeter, scharfsichtiger Analytiker ging Benjamin auf kritische Distanz insbesondere zu jenen Versionen der zeitgenössischen »Theorie des sozialistischen Realismus«, die von einem sektiererischen »proletarischen Standpunkt« aus die »Massen« und fixe künstlerische Sujets idealisierten. Er ging auf Distanz auch zu jener bündnispolitisch verhängnisvollen Verdrängung der Avantgardekünste aus dem Traditionsverständnis der Arbeiterbewegung auf der Basis jenes ahistorisch-normativen und traditionalistischen Realismus-Konzepts, wie es Georg Lukács und andere in den dreißiger Jahren von Moskau aus propagierten. Es fetischisierte vorindustrielle Literaturkonzepte, ordnete die künstlerische Produktion letztlich einem wissenschaftlichen Erkenntnismodell unter und vernachlässigte die Spezifika der Kunstgattungen, verurteilte die »Dekadenz« moderner Kunstströmungen. Benjamin hielt es – wie Bertolt Brecht die Notwendigkeit einer breiten antifaschistischen Sammlungsbewegung berücksichtend – allerdings auch in einer Zeit der Herrschaft einer »Diktatur über das Proletariat« (B. Brecht) nicht für angebracht, gegen solche Auffassungen umfassend öffentlich zu polemisieren. Er beließ es bei Arbeitsnotizen, zum Beispiel im Zusammenhang mit seinem zweiten, zeitlebens unveröffentlichten »Pariser Brief« über »Malerei und Fotografie« von 1936/37.
Im ersten dieser Briefe, »André Gide und sein neuer Gegner« (1936), nahm er dagegen energisch gegen die wirkliche »Dekadenz« Stellung: Schärfer als viele kommunistische, vorrangig ökonomie- und ideologiekritisch vorgehende Theoretiker analysierte er auch kultische und pseudo-religiöse, kulturgeschichtliche und sozialpsychologische Hintergründe faschistischer Ideologie und Politik. Er entlarvte die gefährliche Demagogie jener schon lange vor Beginn des Zweiten Weltkriegs einsetzenden, unter anderen durch Ernst Jünger propagierten »Theorien« und kunstpraktischen Tendenzen, die mit irrationaler Mystifizierung und Glorifizierung des – parallel dazu mit höchster Rationalität betriebenen – Krieges auf Entfachung mörderischen und selbstmörderischen »Massenrauschs«, auf massenwirksame »Ästhetisierung der Politik« und des Krieges zielten. Und dabei es stets verstanden, an sozial-kulturelle, lebenspraktische, sinnliche Bedürfnisse der »Masse« anzuknüpfen, deren Sozialerfahrung zu erschüttern, so deren »Einbeutung« (B. Brecht) zu forcieren. Der Aufsatz erschien 1936 in der Moskauer Exilantenzeitschrift Das Wort; nicht zufällig verwies 1939 die Berliner Geheime Staatspolizei in den zur Durchsetzung ihres Antrages auf Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit Benjamins dienenden Aktenstücken auf diese Mitarbeit.
Der Verlust
Walter Benjamin, der zuletzt seine Arbeit »im Wettrennen mit dem Krieg« leistete, wurde selbst Opfer des Krieges. Als jüdischer Intellektueller, als Exilierter, der schmerzhafte Brüche mit Menschen und Ideen zu überstehen hatte, der immer nur »Siege im Kleinen, Niederlagen im Großen« erfuhr, dessen Lebensrecht gefährdet war, beging er nach der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen in der Nacht vom 26. zum 27. September 1940 nahe dem französisch-spanischen Transitort Port Bou Selbstmord – aus Furcht vor Abschiebung und Internierung in einem der Lager des Vichy-Regimes.
Bertolt Brecht würdigte in seinem Gedicht »Die Verlustliste« den Freund und originellen Interpreten seines Werkes als einen »vieles Wissenden, neues Suchenden«, daher stets produktiven »Widersprecher«. Wer der inneren Dramatik der »exemplarischen« Ausbruchsversuche Benjamins aus den Integrationsideologien des Kaiserreichs, der Weimarer Reaktion, des Faschismus und des Vulgärmarxismus sich bewußt wird, wer der widerspruchsvollen Entwicklung der Wahrnehmungs-, Denk- und Schreibweise dieses »schreibenden Revolutionärs aus der Bürgerklasse« mit kritischer Distanz folgt, dem wird er tatsächlich immer wieder als solcher begegnen. Denn – so der Kritiker Hans Friedrich Lange 1928 in der Weltbühne anläßlich des Erscheinens von Benjamins »Trauerspiel«-Schrift, die auch den zeitgenössischen Expressionismus in die historische Darstellung einbezog – »auf Verständlichkeit im Sinne der Popularwissenschaft kann ein solches Werk verzichten, es wird viel eher bestrebt sein, dem Leser Schwierigkeiten zu machen, als ihm gefällige Eselsbrücken zu bauen. (…) Es ist die Verantwortlichkeit, die das Leben eines Menschen mit dem Geist seines Volkes und seiner Zeit verbindet. In solchem höheren Sinne wird auch die wissenschaftliche Arbeit, wo immer sie unternommen wird, zur politischen Tat.«
Teil II: Der Retter radikal-demokratischer Tradition
Die Pariser Passagen aus dem 19. Jahrhundert inspirierten Walter Benjamins unvollendetes Projekt zur »Phantasmagorie der kapitalistischen Kultur« (Galerie Vivienne, 1905)
Walter Benjamins Geschichts- und Kunstverständnis, wie er es im krisenhaften Erfahrungshorizont der Weimarer Republik und dann in dem des französischen Exils entwickelte, schloß das Plädoyer für eine Wende in der literaturgeschichtlichen Anschauungsweise ein. Also dafür, Autoren, Werke und Motive mit kritischem Gespür, deshalb aus der Perspektive nicht der offiziell überlieferten Traditionen der »Sieger«, sondern der unterschlagenen und unterdrückten Traditionen der »Besiegten« zu betreiben. So nahm er auch in der wissenschaftlichen Praxis eine »Radikalisierung des Erinnerungsvermögens« vor (Leandro Konder).
Noch heute anregend sind daher nicht nur seine methodologischen Reflexionen zu Geschichte und Fortschritt, Revolution und Katastrophe, Kultur und Barbarei in den von ihm nach Bekanntwerden des sogenannten Hitler-Stalin-Pakts von 1939 konzipierten, 1940 abgeschlossenen Thesen »Über den Begriff der Geschichte«. Noch heute anregend sind auch seine praktisch-publizistischen Bemühungen um das »Ausgraben«, die philologische und historisch-rekonstruktive Neuerschließung der von der akademischen und kulturpolitischen Klassikrezeption lange verschütteten, verdrängten und verkannten Literaturtraditionen der radikal-oppositionellen Demokratie des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Und um das »Erinnern« an sie, um ihre interpretatorische Vermittlung an die Gegenwart. Hier handelt es sich um Arbeiten, die Einblicke in die Entwicklung von Benjamins politisch-literarischem Selbstverständnis ermöglichen und, wie diejenigen Kurt Kerstens und Heinrich Manns, von wichtigen Wandlungen in Traditionsbezügen während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeugen. Sie sind auch deshalb interessant, weil sie Konzepte einer »Aktionsästhetik« (Ludwig Rubiner) und einer »Kampf-Kunst« (Johannes R. Becher), die unter anderem im Gefolge der deutschen Revolution von 1918/19 entwickelt wurden, während der Weimarer Republik und des antifaschistischen Exils durch neue historische Vergewisserungen weiterzuführen versuchten.
Aufklärung und Revolution
Bereits in dem zwischen 1926 und 1928 für die »Große Sowjet-Enzyklopädie« geschriebenen (dort so allerdings nie erschienenen) Goethe-Artikel Benjamins deuten sich die kultursoziologische, den sozialen Wandel in den Zeiten eines Formationswechsels einbeziehende Spannweite und die Interpretationsrichtung an, mit denen Benjamin diese mit Namen wie Georg Forster und Georg Büchner verbundenen literarischen Traditionslinien zukunftsträchtig neu verarbeitete. Denn er ist nicht auf die sogenannten deutschen Jakobiner der Zeit um 1789/1794 fixiert. Vor dem Hintergrund des komplexen Verhältnisses von deutscher Aufklärung und Französischer Revolution, der durch die politischen Umwälzungen bewirkten Veränderungen in den Existenzbedingungen der Literaten, der Diskrepanzen zwischen der »bürgerlichen Masse« und ihrer politischen »Avant-Garde« sowie der elitären und politisch-resignativen Züge der Weimarer Klassik zieht er hier einen weiten Bogen. Er reicht von der »flammenden Gesellschaftskritik der Stürmer und Dränger« bis zu den »ersten literarisch wichtigen Protesten« aus der Gruppe des »Jungen Deutschland«. Somit relativiert er seine frühe, vereinfachende These im Goethe-Artikel: »Die deutschen Revolutionäre waren nicht aufgeklärt, die deutschen Aufklärer waren nicht revolutionär.« Auch später bekundete Benjamin sein großes Interesse gerade für jene Autoren, die historisch »zwischen der Aufklärung und dem jungen Marx« zu fixieren seien – in einem komplexen Kontinuitätszusammenhang also, der mit dem heutzutage immer wieder verwendeten »Übertragungsbegriff« (Günter Hartung) des »deutschen Jakobinismus« nicht zu erfassen ist.
Avantgardistische Vorläufer
Mit dieser Spannweite des Materialbezugs hängt die methodische Spannweite Benjamins in seinen um 1930 einsetzenden Bemühungen um die deutsche radikal-demokratische Literaturtradition eng zusammen. Sie beginnt mit der konfrontativen philologisch-editorischen Aufbietung von lange vergessenen Dokumenten, von Lebenszeugnissen aus der Feder von Männern wie Georg Forster und Johann Gottfried Seume, Georg Büchner und Karl Gutzkow, den Vertretern eines, wie es schon in der vorangegangenen Sammlung »Deutsche Briefe« (1931/32) heißt, »geheimen Deutschlands«, gegen das offizielle der Gegenwart. Das wichtigste Beispiel dafür ist die zum Teil aus diesen Presseveröffentlichungen Benjamins in den Jahren 1931/32 hervorgegangene, 1936 in der Schweiz in Buchform erschienene Sammlung »Deutsche Menschen«. Ein Fundus von Briefen deutscher »Sozialcharaktere«, darunter Prosaautoren wie Seume, Lyrikern wie Johann Friedrich Hölderlin, Übersetzern wie Johann Heinrich Voß, die nach Theodor W. Adorno als Gegentradition von »stolzer Gegenwehr freier Subjekte« zeugen, wie sie noch vor dem »Verfall des Bürgertums« und seinem »Verhüllungsprozeß« existierte.
Eine andere als diese konfrontative Präsentationsmethode deutet sich in Benjamins Versuchen an, historisch-rekonstruktiv eine Analogiebildung zwischen vergangenen und modernen »Urtendenzen der Dichtung«, zwischen »ewigen« und »aktuellen Momenten«, eine »Konfrontation mit verwandten Schöpfungen unserer eigenen Epoche« vorzunehmen, wie er es 1930 in seinem Hörfunktext »E. T. A. Hoffmann und Oskar Panizza« formuliert. Belege dafür bieten unter anderen der Essay »Der Sürrealismus. Die letzte Momentaufnahme der europäischen Intelligenz« (1929) sowie Notizen über Franz Kafka und Marieluise Fleißer, in denen auch auf Georg Büchner verwiesen wird. Sie bilden die Keimzellen jener Arbeiten, in denen Benjamin versucht, emanzipatorische literarische und geschichtsphilosophische Vorleistungen aus der Zeit zwischen Spätaufklärung und Vormärz über die Instanz der zeitgenössischen Avantgarde-Problematik – der Fragestellung nach dem Verhältnis und den Verwirklichungsbedingungen von politischer und künstlerischer Erneuerung – umfassend in die Gegenwart zu integrieren.
Wahlverwandtschaften
So publizierte Benjamin 1939 in der Zeitschrift für Sozialforschung (ZfS) einen Essay über den deutschbaltischen historisch-politischen, sprach- und literaturkritischen Essayisten sowie Reiseschriftsteller Carl Gustav Jochmann (1789–1830) und das Kapitel »Die Rückschritte der Poesie« in dessen anonymem Buch »Ueber die Sprache« (1828; Neuausgabe 1998). Er erschien im selben Heft der ZfS, das auch Benjamins Studie zur Geschichte der ästhetischen Moderne »Über einige Motive bei Baudelaire« brachte. Hier ist dieser originelle Erbe der demokratischen Sprach- und Literaturkonzepte von Johann Gottfried Herder und Johann Georg Hamann ein politisch-literarischer »Wahlverwandter«. Er ist in Benjamins historischer »Konstruktion« aber nicht nur »Wahlverwandter« von Georg Forster, Jakob Michael Reinhold Lenz, Heinrich Heine, Karl August Varnhagen von Ense und anderen. Er ist »Wahlverwandter« auch von Adolf Loos. Dieser war ja – unter anderem mit seinem bekannten kulturkritischen Essay »Ornament und Verbrechen« von 1908 – einer der Exponenten der kunsttheoretischen Debatten nach dem Ersten Weltkrieg. Als Fürsprecher des avantgardistischen Funktionalismus und als Kontrahent von Jugendstil-Euphorie kämpfte er zugleich gegen den, wie Benjamin schreibt, »falschen Reichtum« des 19. Jahrhunderts als Bezugsfeld des »ästhetischen Imperialismus« (siehe jW-Thema, 23./24.8.2008).
Zugleich ist Jochmann auch »Wahlverwandter« der modernen »materialistischen Kunsttheorie«, wie sie Benjamin zu entwickeln versuchte, der hier also nicht zufällig auf die 1936 veröffentlichte französische Version seiner Thesen »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« verweist. Denn Jochmann, »einer der größten revolutionären Schriftsteller Deutschlands«, hatte in »Ueber die Sprache«, in dem Kapitel »Die Rückschritte der Poesie«, ähnlich wie Benjamin geschichtliche Kunstwerke – insbesondere die der Antike – in ihrem Doppelcharakter als Denkmäler der Vergegenständlichung sowohl von Zivilisation als auch von Barbarei charakterisiert, hatte die materiell-technische Produktionstätigkeit sowie Buchdruck und Pressewesen in ihren Folgen für die Entwicklung von Sprache und Literatur betont. Er hatte die Frage nach dem künstlerischen Fortschritt in Poesie und Prosa neu gestellt und beantwortet, indem er sie mit der im frühen 19. Jahrhundert aufdämmernden, über die Alternative von Monarchie oder Republik hinausweisenden neuen »sozialen Frage« verband. Der Jochmann-Essay steht deshalb für Benjamins umfassende Bemühungen darum, »Konfrontation« und »Analogiebildung« – auch die zum eigenen Werk–, »Eingedenken« in »Unabgeschlossenes« und Integration, »Rettung« und Neuaneignung nicht im kurzschlüssigen, vordergründig aktualisierenden, sondern im epochenhistorischen und -vergleichenden Sinne zu praktizieren. Darum nahm Benjamin Jochmann auch in die von ihm anläßlich des 150. Jahrestages der Französischen Revolution zusammengestellte und kommentierte Sammlung »Allemands de 89« (Deutsche von 1789) für das Themenheft der Pariser Zeitschrift Europe auf – neben Autoren wie Schubart, Seume und Forster, wie Gottfried August Bürger und Jakob Michael Reinhold Lenz, auch eher außenseiterischen, wenig bekannten historisch-politischen Publizisten wie Garlieb Merkel und Konrad Engelbert Oelsner.
Das Private im Politischen
Bei Benjamin gibt es keine sterile, den politischen Standpunkt zur Französischen Revolution fetischisierende Aufteilung in sogenannte »pro«- und »kontrarevolutionäre« Literaten. Das »Revolutionäre«, wie er es an den Autoren von Forster bis Jochmann würdigt, geht in seinem Verständnis über das Zeitgeschichtliche und das Politisch-Staatsrechtliche hinaus. Es umfaßt das dynamische historische Widerspruchsverhältnis der Bedürfnisse nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit, gemeinschaftlicher Identität und individueller Freiheit zu Zeiten nicht nur eines politischen Hegemonie-, sondern auch gesellschaftlichen Formationswechsels. Das zeigen seine zum Teil an Max Horkheimers Aufsatz »Egoismus und Freiheitsbewegung. Zur Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters« (1936) anschließende, von ihren inneren Widersprüchen ausgehende Kritik der Französischen Revolution und ihrer ideologischen Reflexe, wie der »Spiritualisierung« und des »oratorischen, festlichen[,] auch asketischen Überschwangs«. Das zeigt seine Interpretation der kosmischen und naturphilosophischen Dimensionen der sozialen Anklage und Kritik im Werk des utopischen Sozialisten Louis-Auguste Blanqui. Und das zeigen seine Kommentare zu der Sammlung »Deutsche Briefe« von 1931/32, in denen er, auf die Einheit »von Mensch und Autor, Privatem und Objektivem, von Person und Sache« zielend, die bewußte »Gestaltung« auch des »privaten Lebens jener Epoche des deutschen Humanismus« hervorhebt. Johann Gottfried Seume steht dann in den »Deutschen Menschen« für die »Unbeirrbarkeit« des »wehrhaften Bürgers«; Georg Forster für die Fähigkeit, über alle Entbehrungen hinweg sich als ganze Person, »mit einer bis zum Lebensrande vollen Erfahrung«, in die sozialen und politischen Umbruchssituationen und Auseinandersetzungen einzubringen, sein Subjektives mit einem universellen Lebensanspruch zu verbinden – und die Lebenspraxis mit der Literaturpraxis.
Daraus resultierte ja schließlich, wie Benjamin in seinen Notizen »Auf der Spur alter Briefe« von 1931/32 unterstreicht, die maßgebende Fähigkeit des radikal-demokratischen Autors zur »Kommunikation«, zur »Aussprache noch mit dem kleineren seiner Zeitgenossen«. Denn er artikulierte, wie zum Beispiel Forsters Briefe belegen, die Erfahrung der Unterdrückten aus den sozialen Antagonismen und die Notwendigkeit des Widerstands, der Selbstbefreiung. Er vermittelte dergestalt aufklärerisch-didaktisch zwischen der abstrakten Begrifflichkeit der Idee revolutionärer Freiheit, dem Selbstverständnis der Massen und der ihnen verbundenen, handlungsorientierten literarischen Kreativität. Und er war so an der Entstehung einer demokratischen Literatur »von unten« beteiligt, die auch auf die klassische deutsche Literatur und Philosophie einwirkte. Unter anderem durch, wie Benjamin in den Kommentaren zur »Weltbürger«-Anthologie schreibt, das Vermögen, in Frühformen der modernen sozialkritischen Reportage »die Dinge beim Namen zu nennen«.
Zitat und Montage
In seiner »anthologischen Arbeit«, in seinen literaturgeschichtlichen Textsammlungen, Kommentaren, Porträts und Miniaturen gab Benjamin nicht zufällig dem »Improvisatorischen in Gruppierung und Anordnung« großen Raum. Auch dem – später im »Passagen«-Projekt zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts so fruchtbar werdenden – »Prinzip der Montage« als Mittel »lebendiger Überlieferung«. So konnten unterschiedliche geschichtliche Prozesse, literarische Gestalten und Materialien zusammengerückt, in neue Kontexte mit dynamischen Ideen-Polen gestellt werden, was selektives und kontrastierendes Lesen ermöglichte, das bislang unerkannte Bedeutungen erkennen ließ.
Diese Präsentationsform steht für konstruktive Phantasie und planvolles Experimentieren auch in der wissenschaftlichen Arbeit. Es ist offensichtlich, daß sie gerade zur Verdeutlichung von Benjamin besonders interessierenden »Bruchstellen« der Geschichts- und Literaturentwicklung sich eignete, zur Akzentuierung von »Grenzfällen« und »Grenzgebieten«, an denen herkömmliche ästhetische Methoden und Maßstäbe versagen mußten.
Mehrfache Frontstellung
Was Benjamin hier leistete, waren nicht nur Beiträge zu einer Rekonstruktion der Widersprüchlichkeit der Politisierungsprozesse oppositioneller Intelligenz um 1800, der Wandlungen in ihren materiellen und ideellen Existenz- und Wirkungsbedingungen, der Veränderungen in der Literaturbegrifflichkeit. Auch nicht nur Beiträge zur Untersuchung der »Kontinuität des revolutionären Gedankens unter der deutschen Emigration in Frankreich von Forster bis Jochmann«. Es waren zugleich »konstruktive« Beiträge zu einer Geschichte politisch-literarischer Kämpfe als Ferment eigener historischer Bewußtheit.
Diese stellten sich quer zu mannigfachen zeitgeschichtlichen Erscheinungen: der in der akademisierten Klassikrezeption vorzufindenden Tendenz zur Lostrennung der klassischen deutschen Literatur und Philosophie von der europäischen Aufklärung; der im deutschen Bürgertum angesichts der politischen Entwicklungen in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aufkommenden resignativen Abkehr von »jener Epoche des deutschen Humanismus« mit ihrer Akzentuierung von Vernunft, Transparenz, Unbeugsamkeit und Unabhängigkeit; der vom deutschen Präfaschismus und Faschismus propagierten, stets mit politischen Herrschaftsinteressen verbundenen »volkhaften« Überlieferung, welche politisch progressive Gestalten und Werke – mit ihnen historische Erfahrungen– unterdrückte und »auf Kosten der intellektuellen und aufklärenden« Potentiale umdeutete; der in der französischen Arbeiterbewegung, besonders während der Volksfrontperiode, herrschenden kultischen Stilisierung des Proletariats zum bloßen Vollstrecker von 1789 in einer politisch leerlaufenden, weil auf »unausgetragenen politischen Spannungen« beruhenden Rhetorik; der unter anderen von Michail Lifschitz und Georg Lukács von Moskau aus, mit der »russischen Literaturpolitik« im Rücken propagierten unkritischen, engherzigen Verabsolutierung der Traditionen des klassischen bürgerlichen Humanismus, die, was auch Anna Seghers und andere kritisierten, Autoren wie Bürger, Lenz, Hölderlin, Kleist, Büchner und Karoline von Günderode vernachlässigte.
Zugleich zielte dieses kritische, »gegen den Strich« all dieser Spielarten stagnierender Überlieferung aufgebotene Potential aus Modellfällen radikal-demokratischer Vorläufer der europäischen Avantgarden auf eine neuartige Entfaltung der »politischen Energien der Kunst«. Und das nicht zuletzt angesichts der widersprüchlichen Politisierung der Avantgarden in den dreißiger Jahren, für die der Futurist Filippo Tommaso Marinetti einerseits und der Surrealist Louis Aragon andererseits stehen (siehe jW-Themen, 20.2. und 25./26.7. 2009).
Politische Lektüre?
Benjamin folgte stets der Idealvorstellung eines engen Bedingungsgefüges von politischer und literarischer Revolutionierung: »Es ist die kritische Misere Deutschlands, daß die politische Strategie selbst im extremen Fall des Kommunismus sich nicht mit der literarischen deckt«, heißt es in dem Fragment »Falsche Kritik« von 1930/31.
Dieser Perspektivierung in Benjamins Literaturgeschichtskonzept stehen allerdings einige Unterlassungen und Vereinfachungen entgegen. Aus ihnen kann gelernt werden: Zum Beispiel schweigt sich Benjamin über die politischen und literarischen Grenzen der deutschen Radikaldemokraten des Revolutionszeitalters, wie sie am politischen Voluntarismus und Aktionismus, der Verabsolutierung operativer Literaturgenres und der Verständlichkeit als Qualitätskriterium, dem Mangel an sozialphilosophischer Reflexion und der Distanz zu entsprechenden zeitgenössischen Bemühungen deutlich werden, weitgehend aus. Auch unterläßt er eine genaue Untersuchung der neuen künstlerischen Gebrauchsformen, des ästhetisch Innovativen, das Autoren wie Georg Forster und Georg Friedrich Rebmann bei ihren Bemühungen um die Revolutionierung der Gesellschaft und um Erweiterung des Literaturbegriffs zum Beispiel in der Reiseprosa und politischen Publizistik erreichten.
Aber wichtiger als die Frage danach, ob Benjamin – zumal angesichts der zu seiner Zeit herrschenden Editions- und Forschungssituation – in seinen Arbeiten zu diesen literarisch-politischen Traditionen dem eigenen Anspruch immer gerecht werden konnte, ist eine andere. Nämlich die danach, ob die in der bisherigen Rezeption Benjamins, auch in seiner »politischen Lektüre« (Ansgar Hillach) vorwaltenden Konstruktionen schon hinreichend eines verdeutlicht haben: daß der geschichtsbewußte Nachweis der Notwendigkeit einer Literatur, die »den Prozeß gegen Ausbeutung, Elend und Dummheit rücksichtslos führt«, wie Benjamin in einem Presseartikel von 1930 über »durchdachte, folgerechte Volksaufklärung« schrieb, zu den wesentlichen eigenen radikal-demokratischen Konstanten dieses Werkes eines »schreibenden Revolutionärs aus der Bürgerklasse« gehört.
Erstabdruck: junge Welt, 24./25., 27.09.2010, S. 10.
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Einerseits knüpft Deutschbanker Sarrazin, noch im Amt, mit seinem Buch an real vorhandene Probleme an, die viele Bürgerinnen und Bürger im Land erleben. Es ist zum Beispiel ja wirklich so, dass viele Jugendliche mit Migrationshintergrund keine oder nur niedrige Schulabschlüsse erreichen und ihr Anteil an den jungen Menschen ohne Ausbildung und ohne Arbeitsplatz besonders hoch ist. Aber das ist nicht das Ergebnis mangelnden Integrationswillens der Betroffenen, der Religion oder gar genetischer Veranlagung – es ist das Ergebnis des extrem selektiven und ungerechten deutschen Bildungssystems, durch dessen Raster auch immer mehr Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ fallen, die keinen Migrationshintergrund haben. Sie sind nicht dümmer als andere, sie werden nicht ausreichend gefördert! Das bescheinigt auch die veröffentlichte OECD-Vergleichsstudie „Bildung auf einen Blick 2010“ dem bundesdeutschen Bildungssystem wieder einmal und mahnt dringend Verbesserungen an. Sarrazin knüpft mit seinen fremdenfeindlichen und rassistischen Erklärungsmustern nahtlos an die NS-Ideologie an und bereitet den Boden, auf dem ein Schulterschluss zwischen Rechtskonservativen und Neofaschisten erfolgen könnte. Er bedient damit Bestrebungen, rechts neben der CDU/CSU eine politische Kraft zu installieren und wie schon früher in Österreich mit Haider, in Frankreich mit Le Pen und gegenwärtig in den Niederlanden mit Wilders eine neue reaktionäre Massenbewegung zu schaffen. Der Boden ist bereitet. Wenn in dieser Republik, das Bundesverfassungsgericht – wie am Wochenende in Dortmund geschehen – einen von der Stadt und der Polizei verbotenen Naziaufmarsch ausdrücklich erlaubt und im Widerspruch zum Grundgesetzartikel 139 die Tätigkeit von neonazistischen Gruppen zulässt. Das signalisiert: Der Schoß ist fruchtbar noch!
Daraus zieht Sarrazin Nutzen. Das andere Gesicht widerspiegelt sich im Bemühen der politisch Herrschenden und von Medien, die sich immer breiter ausweitende Unzufriedenheit sowie Proteste gegen Regierungsentscheidungen und Regierungspolitik zu deckeln. Wenn drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger für den Abzug deutscher Soldaten aus Afghanistan sind, die Rente mit 67 ablehnen, das so genannte „Spar paket“ als ungerecht empfinden, die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke als großes Risiko wahrnehmen oder sich gegen das Projekt „S 21“ in Stuttgart zur Wehr setzen und alle diese Schandtaten ungeachtet der Proteste dennoch fortgesetzt werden, ist das eine Entmündigung der Bürger. Wir meinen: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Stattdessen soll aber nun in einer politischen und Medienkampagne vom Aufbegehren der Bürger abgelenkt, sollen Widerstandsaktionen in einem „heißen Herbst“ im Keime erstickt werden.
Doch die Hoffnungen u. a. mit der Sarrazin-Kampagne von den wahren Sorgen und Nöten der Menschen abzulenken, werden sich nicht erfüllen. Es wird – da sind wir Kom – munis tinnen und Kommunisten uns sicher – zu vielfältigen betrieblichen, lokalen, regionalen und regionalen Aktivitäten sowie zu Großdemonstrationen kommen. Daran werden wir
Kommunisten mitwirken, um eine außerparlamentarische Bewegung ge gen weitere Rechts entwicklung zu formieren. Unsere Republik braucht gesellschaftliche Allianzen, die stark genug sind, Bürgerwillen zu Mehrheiten zu bringen und einen politischen Richtungswechsel nach links vor allem durch außerparlamentarische Aktionen durchzusetzen.
Quelle: dkp-online.de
Von Robert Steigerwald
Wie Geschichten und Geschichte gefälscht werden.
Der zweiteilige Fernsehfilm »Die Frau vom Checkpoint Charlie«, der im Herbst 2007 im ARD zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, beruhte angeblich auf einer authentischen Geschichte. Dass dies nicht stimmte, war den Auftraggebern klar und völlig egal. Es ging um ein politisches Anliegen: 40 Jahre DDR-Geschichte müssen auf Mauer, »Stasi« und Unrecht reduziert, die DDR delegitimiert werden. Am Beispiel dieses Fernsehfilms lässt sich exemplarisch nachweisen, mit welchen Methoden gearbeitet wird um dieses Ziel zu erreichen. Dabei erleben wir alle derzeit, dass schon längst auch die unmittelbaren propagandistischen Vorbereitungen auf die 60. Jahrestage der Gründung von BRD und DDR sowie zum 20. Jahrestag des »Mauerfalls« in vollem Gange sind. Red.
Ich gehöre zu der Generation, die den Nazistaat noch durchlebt hat, habe also die berüchtigten Goebbels-Filme noch selbst gesehen. Das fing mit »Hitlerjunge Quecks« an, das war ein gut aussehender Bub, der in die Hitler-Jugend geraten war, aber einen brutalen kommunistischen Vater hatte, den der großartige Schauspieler Heinrich George – der Vater von Götz George – spielte und endete mit »Jud Süß«, der Einstimmung des Volkes auf den massenhaften Mord an den Juden. Auch da spielte Heinrich George mit, der Filmvater der »Reichwasserleiche«, der blonden, schlanken, schönen Cristina Söderbaum aus Schweden (Reichswasserleiche hieß sie im Volksmund, weil sie einige Male, auch im »Jud Süß« des Selbstmords wegen ins Wasser ging). Den Jud Süß spielte der ebenfalls großartige Ferdinand Marian – er nahm sich danach das Leben! – und noch einige andere großartige Schauspieler ließen sich in dieses fürchterliche Machwerk einspannen. Ich weiß also, welch verheerende Wirkungen solche Machwerke vor allem auf die junge Generation ausübten.
Aber wozu diese Einleitung? Weil ein realer Vorgang goebbelsmäßig aufbereitet in die bundesdeutschen Filmtheater und auf die Fernsehschirme gesteuert wurde und auf diesem Weg bis zu zehn Millionen Zuschauer fand.
Was im Folgenden berichtet wird, kann man entnehmen dem Buch Horst Schneiders: Gruselstory Checkpoint Charly. Die Frau vom Checkpoint Charlie – leidvolle Wahrheit oder Lügengeschichte?
Eine Ehe scheitert nach vierzehn Jahren. Die Frau macht sich mit ihren beiden Kindern auf den Weg, um – mit falschen Papieren – über Rumänien ins Land der schicken Autos, besseren Zigaretten und Westreisen zu entkommen. Erwischt und an die DDR ausgeliefert landet sie zunächst im DDR-Gefängnis und ihre Kinde, bis sie dem leiblichen Vater übergeben werden können, in einem Kinderheim. Die Mutter kann in den Westen ausreisen, kämpft selbstredend für die Ausreise ihrer Kinder, die aber bleiben beim Vater, und nun geht die Post ab!
Die Frau erzählt Schauerliches über ihren »Aufenthalt« beim DDR-Staatssicherheitsdienst: Dunkelhaft, in eine Art unterirdischen Bunker eingesperrt und was es so alles an Schauergeschichten gibt – bundesdeutsche Justizbehörden haben den Bunker zwar gefunden, er war aber ein Gestapo-Gefängnis und keines der »Stasi«. Es wurde durch ansonsten nicht kleinliche bundesdeutsche Justizbehörden auch niemand der »Stasi« in diesem Fall belangt. Die Ferres, sie verkörpert im Film die Mutter, erzählt, sie habe im Gefängnis Hoheneck in einer Zelle gestanden, in welcher Frauen an die Wand gekettet, im kalten Wasser hätten stehen müssen. Es habe Unterleibserkrankungen und Todesfälle gegeben. Nun, die bundesdeutsche Siegerjustiz hat auch solches nicht ermitteln können, woher also hat Frau Ferres diese Kunde? Die Kinder, erfahren wir weiterhin, seien in Stasi-Bewahrung und alles, was sich sonst in einem solchen Fall als besonders dienlich zum Zwecke der »Delegitimierung« (Klaus Kinkel) der DDR erweist.
Flinke Schreiberlinge (Veith) halten die Geschichte fest. Filmemacher greifen sie auf, organisieren die erforderliche erkleckliche Millionensumme, heuern eine blonde, blauäugige, wie einst auch die Söderbaum gut aussehende und bekannte Schauspielerin an und ein herzerweichender Film wird produziert, längerfristig großplakatig beworben und dann in die Kinos und das Fernsehen hineingeschickt. Außerdem wird die erwähnte Schauspielerin in Talkshows und heulend bei einem Fernsehauftritt vorgeführt. Kurzum, es war ein regelrechtes Drama Shakespeareschen Ausmaßes.
Was aber war wirklich? Die Kinder in Obhut des Vaters, in guter Ausbildung, die eine Tochter konnte in der weltberühmten Tanzschule der Palucca Ballett lernen, beide in Fernsehfilmen der DDR mitwirken, bis sie schließlich zu ihrer Mutter ausreisen durften. Das alles ist dokumentarisch belegt, auch durch Briefe zwischen den geschiedenen Eltern und den Kindern zum Vater sowie durch Justizdokumente.
Selbst »Focus« sagte im Juli 2008: »Die wahre Geschichte enthüllt neue, überraschende Erkenntnisse«. Da sei einiges »recht verklärt beschrieben« und teilweise »die Wahrheitsfindung schwierig«. Der Mitteldeutsche Rundfunk meinte, es sei einiges »dramatisiert« worden (was das nun wohl heißen mag?). »Nicht alles, was im Film erzählt wird, ist genau so passiert.« Auch die beiden Männer, die im Film der »Heldin« beigegeben sind, hat es nicht gegeben. »Abgeändert und im wahrsten Sinne dramatisiert wurde der Verlauf der Ereignisse, die die Freilassung der Töchter beschreiben.« Da wird von einer massenhaften Zwangsadoption von Kindern in der DDR gesprochen und der Anschein erweckt, davon seien auch die Kinder der »Frau vom Checkpoint Charlie« betroffen gewesen. Nun hat der Bundestag das Problem untersucht und Folgendes festgestellt: Es gab sieben Fälle von Zwangsadoption und dabei wurde noch nicht einmal untersucht, ob es dafür nicht triftige Gründe (Rauschgiftsucht der Eltern etwa) gegeben hat.
Die Frau vom Checkpoint behauptet, ein Stasi-Romeo sei auf sie angesetzt gewesen, tatsächlich hatte sie nach der Scheidung einen Partner, mit dem sie ausreisen wollte. Ein Stasi-Romeo?
Weiterhin, es sei ein Killerkommando auf sie angesetzt gewesen, das sie bis zu einer Aktion in Helsinki verfolgt habe. Zwölf Ausreiseanträge habe sie gestellt. Bis zur Scheidung gab es keinen!
Sie habe zu ihrem Vater gewollt, der seit dreißig Jahren im Westen lebe. Dabei hatte sie seit ihrem 15. Lebensjahr keinen Kontakt mehr mit diesem Vater. Ihren Job als Informatikerin, meint sie, hätte man ihr weggenommen, tatsächlich hatte sie den auf eigenen Wunsch aufgegeben. Die im Fernsehfilm wirkenden Adoptiveltern der beiden Töchter sind frei erfunden. Die Kinder spielten putzmunter im Fernsehen und die Mutter konnte jeweils am Sonnabendvormittag die Fernsehauftritte ihrer Töchter anschauen.
Es werden spektakuläre Aktionen mit Hilfe bekannter in Westberlin beheimateter Agentenzentralen organisiert: Einmal eine Audienz beim Papst, ein anderes Mal bei Genscher, die sich einer solchen antikommunistischen Mache nicht völlig entziehen können, aber auf zurückhaltend diplomatische Art nichts sagten oder taten.
Ist es wirklich falsch, hier die Wiederbelebung der Nazi-Propaganda-Methoden zu erkennen?
Quelle: »unsere zeit« vom 13. März 2009
Ohne Furcht keine Motivation. Sarrazins pseudowissenschaftliche Philippika gegen Erwerbslose und viele andere
Von Michael Zander
Was steht eigentlich in dem Buch von Thilo Sarrazin (SPD)? Diese Frage wäre nicht weiter von Belang, wäre dessen Autor nicht mittlerweile medienwirksam zum Ideologen einer »rechtspopulistischen« Strömung avanciert. Auf einer Pressekonferenz unterstützte ihn der Berliner Ex-CDUler René Stadtkewitz und kündigte die Gründung einer neuen Partei rechts von der Union an: »Die Hetzjagd auf Dr. Thilo Sarrazin ist ein fatales Zeichen, wie es mit unserer Demokratie und der Freiheit in unserem Land bestellt ist.« (Deutschlandfunk, 13.9.10) Erika Steinbach, Präsidentin des »Bundes der Vertriebenen«, verteidigte nicht nur geschichtsrevisionistische Aussagen ihres Präsidiumskollegen Hartmut Saenger, sondern sprang auch Sarrazin zur Seite: Die CDU-Führung habe im Umgang mit ihm die »elementare strategische Fehlentscheidung getroffen, gemeinsam mit der Linken auf den Mann einzudreschen«. Dabei habe doch die Union »genau wie Sarrazin die Probleme der Integration immer thematisiert.« Die Parteispitze hätte »also signalisieren müssen: Was Sarrazin anspricht, ist unser Thema«. Bürger »in vielen Ländern« Europas seien dabei, »Alternativen zu den christdemokratischen Volksparteien zu suchen«. Sollte »jemand (…) mit etwas Charisma und Ausstrahlung (…) eine neue, wirklich konservative Partei (…) gründen«, könne er »die Fünfprozenthürde spielend überspringen« (Welt am Sonntag, 12.9.10).
Von einer »Hetzjagd« auf Sarrazin konnte indes überhaupt keine Rede sein, im Gegenteil. Dessen »Thesen« wurden in den Medien zunächst als ein Beitrag zur »Integrationsdebatte« dargestellt. Ein Beispiel für die unklare Haltung selbst unter vorgeblichen Kritikern gibt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU): Sarrazin habe »uns nicht geholfen, weil er die Integration in Deutschland verzerrt dargestellt hat«. Aber es sei ihm gelungen, »eine Debatte« auszulösen, die als »Tempobeschleuniger (…) bei der Integration« dienen müsse (Deutschlandfunk, 13.9.10). Indem man Sarrazin als Stichwortgeber einer »Integrationsdebatte« akzeptiert, macht man ihm bereits ein Zugeständnis. Erstens unterstellt man, es gäbe ein unhinterfragbares und gemeinsames Verständnis von Integration; zweitens tendieren Kritiker dahin, andere Aspekte des Buches zu vernachlässigen. Sarrazins Angriffe und Beleidigungen richten sich tatsächlich gegen muslimische Bürger, aber auch gegen Erwerbslose, die sogenannte Unterschicht und viele andere. In seinem Pamphlet wechselt der Autor zwischen Biologismus bzw. Rassismus und einer Ideologie, wonach statt Armut und Ausgrenzung der mangelnde Wille der Betroffenen zu problematisieren sei. Wie er dabei vorgeht, verdient eine genauere Betrachtung.
Schwäbisches Unternehmertum
Sarrazin behauptet, sich »auf empirische Erkenntnisse« zu stützen und »schnörkellos« zu argumentieren. Seine »Zeichnung« sei »kräftig, nicht unentschlossen und krakelig«; er verzichte darauf, »heikel erscheinende Sachverhalte mit Wortgirlanden zu umkränzen«. Der erste Satz des Buchs gibt den Ton vor, indem er »deutsche« Tugenden beschwört: »In den (…) sehr erfolgreichen Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs in Deutschland der Stolz auf den Fleiß und die Tüchtigkeit seiner Bürger, auf den stetig steigenden Lebensstandard und den immer weiter ausgebauten Sozialstaat.« Als »Deutschland« gilt hier die BRD, nicht etwa die DDR. »Die Bundesrepublik der frühen fünfziger Jahre war ein sehr modernes Staatswesen. Nach den zwei verlorenen Kriegen hatten sich die katastrophalen Folgen gezeigt.« Gemeint sind nicht die Folgen des Holocaust oder des Überfalls auf andere Länder. Sondern: Die deutschen »Institutionen waren zerstört, die Traditionen in Frage gestellt und die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung durcheinandergewirbelt«. Und im »Osten war die deutsche Sprachgrenze (…) wieder da angekommen, wo sie 800 Jahre zuvor gestanden hatte«. Aber es gab Hoffnung, denn »die spezifischen deutschen Stärken (…) waren (…) erstaunlich wenig beeinträchtigt worden. Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie waren zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen; das wirkte sich aber keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus.« Doch die »Idylle währte nur kurz«. Ihr folgten Rezessionen, Ölkrisen und zuletzt der »Zusammenbruch des Ostblocks«. Heute bedeuteten »Globalisierung und Marktwirtschaft«, daß weltweit »vergleichbare Arbeit vergleichbar entlohnt wird«. Es sei »ganz folgerichtig, daß die realen Stundenlöhne in Deutschland (…) heute nicht höher sind als 1990«. Den Ursprung dieser »Fehlentwicklungen« sieht der Autor in einer »Kette institutioneller Reformen«. Konkret bemängelt er erstens die »demographischen Verschiebungen« und das Fortpflanzungsverhalten, zweitens die im »Sozialsystem liegenden Anreize«, drittens Bildung und Motivation vor allem der Lohnabhängigen und viertens die »Qualität (…) der Migranten in Deutschland«. Was die Demographie betrifft, so rechnet er angeblich aktuelle Trends in die ferne Zukunft hoch und kommt darauf, daß »Deutschland in 100 Jahren noch 25 Millionen, in 200 Jahren noch acht Millionen und in 300 Jahren noch drei Millionen Einwohner haben« wird. Mit Seitenhieb auf den Klimaschutz fragt er, weshalb »das Klima in 500 Jahren interessieren« solle, wenn »das deutsche Gesellschaftsprogramm auf die Abschaffung der Deutschen« hinauslaufe. Zu beachten seien in diesem Zusammenhang »die regionalen und nationalen Eigenheiten der Völker«; es sei »eben nicht dasselbe, wenn zehn Sizilianer und zehn Friesen das Gleiche tun.« Deshalb werde es auch in »Schwaben (…) immer mehr (…) Unternehmertum geben als in der Uckermark – und damit auch deutlich mehr Wohlstand«.
Verhöhnung der Armen
Als Ursache allen Übels hat der Autor »den Sozialstaat« ausgemacht. Erschreckt habe ihn die »Flut von haßerfüllten E-Mails«, nachdem er als Berliner Finanzsenator Erwerbslosen das Tragen eines Pullovers zum Sparen von Heizkosten geraten habe. Damals hatte er angesichts steigender Rohstoffpreise in einem Interview erklärt: »Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können.« Und prahlerisch fügte er hinzu: »Bei uns waren es zuhause immer 16 Grad. (…) Ich habe es überlebt.« (Rheinische Post, 28.7.2008) Frank Henkel (CDU) kommentierte dies damals knapp und deutlich: »Die Sommerhitze scheint ihm nicht gut zu bekommen.« Es handele sich um einen von Sarrazins »üblichen abgehobenen Ratschlägen, die man nicht ernst nehmen kann«. Ulrich Maurer (Die Linke) kritisierte, Sarrazin wolle für sozial Benachteiligte die Nachkriegszeiten wieder aufleben lassen (Der Spiegel, 29.7.2008). Der Bundesverband Sachverständiger e.V. warnte, niedrige Raumtemperaturen führten zu Schimmelpilz und einer Beschädigung der Bausubstanz (telepolis, 2.8.2008).
In seinem Buch verteidigt Sarrazin erneut sein berüchtigtes Hartz-IV-Menü, mit dem er beweisen wollte, daß man sich von dem für Erwerbslose vorgesehenen Betrag für Nahrungsmittel »abwechslungsreich und ausgewogen« ernähren könne. »Weil es meine Gewohnheit ist, nicht nur auf Statistiken zu vertrauen, hatten meine Frau und ich uns für einige Tage im Rahmen des Regelsatzes (…) ernährt, was gar keiner besonderen Anstrengung bedurfte. Dann bat ich eine Mitarbeiterin (…), anhand von Testkäufen einen Speiseplan für drei Tage zu erstellen.« Eine Tabelle verzeichnet für den ersten Tag schmale Kost zu Discounter-Preisen: Auf zwei Brötchen zum Frühstück kommen außer Butter eine Scheibe Käse zu 25 Cent und 25 Gramm Marmelade. Mittags gibt es für eine Person ganze 125 Gramm Spaghetti zu 15 Cent und mit 300 Gramm Tomaten-Hackfleischsoße für 78 Cent usw. Heiner Geißler (CDU) rechnete seinerzeit unter Berufung auf Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung vor, daß dieser Speiseplan zu Unterernährung führt. Man dürfe auch fragen, ob ein Berliner Regierungsmitglied »arme Leute folgenlos verhöhnen« dürfe (Der Tagesspiegel, 13.2.2008).
Die Antwort lautet offenbar Ja, denn der einst zur Bundesbank weggelobte Senator wiederholt seine Aussagen, ohne daß er in den Medien breiten Widerspruch erfährt. Er beharrt nicht nur auf früheren Positionen, sondern steigert sie ins Extrem. Der »Mißmut (…) bei vielen Ostdeutschen« gehe darauf zurück, daß sie »zu viel geschenkt« bekommen hätten. Er hält das Arbeitslosengeld II für mehr als ausreichend und schwadroniert über die Wohltaten, die das Land Berlin für Menschen mit geringem Einkommen bereithält, etwa das ermäßigte »Sozialticket« des öffentlichen Nahverkehrs für 33,50 Euro. Dumm nur, daß der ALG-II-Regelsatz für »Verkehr« lediglich 14,26 Euro monatlich vorsieht. Außerdem verschweigt der Autor, daß das Sozialticket 2003/04 in seiner Amtszeit abgeschafft und nur dank einer massiven Protestbewegung um den Politikwissenschaftler Peter Grottian wiedereingeführt wurde, allerdings zu einem höheren Preis. Wollte sich übrigens ein Erwerbsloser von dem vorgesehenen Budget für Bücher das hier besprochene Pamphlet kaufen, müßte er über vier Monate sparen.
Hartz IV als »Mindestlohn«
Nicht um die materielle, sondern die »geistige und moralische Armut« der Erwerbslosen müsse es gehen, so der Autor. Hier zeigt sich eine seiner Strategien: Sie besteht darin, Menschen mit geringem Einkommen und Erwerbslosen die Schuld für ihre Situation in die Schuhe zu schieben. So behauptet Sarrazin, die Expertise des Robert-Koch-Instituts zum 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2005 habe »belegt, daß die für die Gesundheit relevanten Faktoren« bei Armut »ausschließlich verhaltensbedingt« seien. Tatsächlich schreiben die Autoren Thomas Lampert und Thomas Ziese jedoch, es sei »nicht vollständig geklärt«, wie »Einkommensunterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung« zustande kämen. Die Häufung von gesundheitlichen Problemen in den unteren Einkommensgruppen spreche für die Bedeutung »materieller Deprivation«. Diese zeige sich in der »Unterversorgung mit den basalen Dingen des Lebens wie Wohnraum, Kleidung oder Ernährung«. Für Gesundheit und Wohlbefinden seien »aber auch der Ausschluß von Konsum- und Erlebnismöglichkeiten« bedeutsam, die »für die Mehrheit der Bevölkerung selbstverständlich sind«. Sarrazin leugnet willkürlich den Zusammenhang zwischen dem »Gesundheitsverhalten« und den Lebensumständen. Man kann sein eigenes »Verhalten« nicht in beliebiger Weise verändern, weil es immer eine Antwort auf vorgefundene gesellschaftliche Bedingungen und Probleme ist.
Auf die Bedeutung der Lebensumstände beruft er sich nur dann, wenn er die angeblich verheerenden Wirkungen des Sozialstaates brandmarken will. Man schade den Betroffenen, wenn man zulasse, daß »ein nennenswerter Teil der Bevölkerung (…) in transferabhängiger Passivität halbwegs komfortabel dahindämmert«. Dieses »anforderungsfreie Leben« sei für »die moralisch und geistig Schwächeren (…) eine große Versuchung«. Der Autor erklärt, weshalb es eigentlich gar keine echte Erwerbslosigkeit gebe: Auf Dauer nämlich schaffe »sich jedes Arbeitsangebot grundsätzlich seine Nachfrage, solange es sich tatsächlich um ein Arbeitsangebot handelt, bei dem der Grenznutzen für den Nachfrager höher ist als der Lohnsatz«. Diese »Wortgirlanden« bedürfen wohl einer Übersetzung: Die Lohnabhängigen erhalten einen Arbeitsplatz, wenn sie ihre Arbeitskraft zu einem so niedrigen Preis (»Lohnsatz«) anbieten, daß die Unternehmer (»Nachfrager«) einen Profit (»Grenznutzen«) daraus schlagen können. Und wer ist schuld, wenn es trotzdem nicht klappt? »Ein lustloser und körperlich untrainierter Empfänger von Arbeitslosengeld II, der vom Arbeitsamt zum Spargelstechen verpflichtet wird und sich nach einem halben Tag wegen Rückenschmerzen krankmeldet, erfüllt beide Bedingungen nicht.« Hartz IV hält der Autor für einen »impliziten Mindestlohn«. Er fordert die Einführung der u.a. aus den USA bekannten »workfare«, d.h. die Erstattung des Existenzminimums nur gegen Zwangsarbeit der Bezieher von Sozialhilfe bzw. ALGII: »Wer seinen Pflichten gar nicht nachkommt, oder nur (…) unzuverlässig, dem würde die Grundsicherung gekürzt oder gestrichen.« Abgesehen davon, daß dies in bezug auf Ein-Euro-Jobs schon jetzt praktiziert wird, ist »workfare« nicht nur ein Angriff auf die Erwerbslosen, sondern auch auf die lohnabhängig Beschäftigten, denn es beseitigt ihre Handlungsfreiheit gegenüber dem Kapital fast vollständig. »Das Reich der Arbeit«, tönt Sarrazin, »ist das Reich der Sekundärtugenden: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Ordnungsliebe, Frustrationstoleranz, Ein- und Unterordnung.« Interessant ist folgende Definition: »Sozialmißbrauch im strengen Sinne liegt vor, wenn jemand staatliche Leistungen bekommt, für die er nicht die ihm objektiv mögliche Gegenleistung erbringt.« Dieses Verdikt dürfte komplette Regierungen treffen. Es besteht der Verdacht, Sarrazin habe eine »Gegenleistung« ganz eigener Art erbracht: Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Untreue, weil er als Finanzsenator einem Golfclub ein Grundstück unter Wert verpachtet haben soll (Die Welt, 28.8.09). Fleiß zu jener Zeit dokumentiert auch seine Liste von 46 Nebentätigkeiten (Berliner Zeitung, 9.6.08).
Sozialer Rassismus
Wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, ist »Intelligenz« ein Steckenpferd Sarrazins. Allerdings weiß selbst er, daß man sich dabei nicht allein auf die Gene verlassen darf. Bildung besteht für ihn aus »Inhalten«, die »in einen individuellen Kopf gebracht werden müssen«. Als Experten für diese Prozedur zitiert er den ehemaligen Direktor des sogenannten Eliteinternats Salem Bernhard Bueb: »Disziplin ist (…) das Fundament aller Erziehung« und »verkörpert alles, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneter Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens«. Die Zöglinge sind dabei Tieren vergleichbar: »Jeder Jäger weiß von seinem Hund«, so Sarrazin, »daß er seinem tierischen Freund, der seine Führung erwartet, nichts abfordern kann, wenn er ihm keine Zuwendung zuteil werden läßt.« Ein Kind unklaren Alters lernt nicht etwa aus Neugier oder Interesse, sondern um »den Menschen, an die es sich gebunden hat, zu gefallen«. Das Ziel von Bildung sei »ein junger Mensch, der (…) sich nicht aggressiv gegen andere wendet«.
Trotzdem will der Autor Bildung nicht allzu hoch bewerten, denn es »mag sein, daß Grundeigenschaften und Qualität jener, die Bildungserfolg haben, der Bildung zugeschrieben werden, obwohl sie doch in der Person selber angelegt sind«. Damit sind wir bei seiner bekannten Lieblingsthese: »Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute (…) kein Zweifel mehr, daß die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erb¬lich ist.« Die Psychologin Elsbeth Stern, auf die er sich beruft, hat das inzwischen richtiggestellt (Die Zeit, 2.9.10; FAZ, 2.9.10): Ein »Intelligenzquotient« drückt lediglich relative Leistungsunterschiede bei Tests innerhalb einer Gruppe aus und keine absolute Größe. Die Prozentangaben werden aus der relativen Ähnlichkeit oder Verschiedenheit der Testleistungen von genetisch gleichen eineiigen Zwillingen und genetisch ungleichen zweieiigen Zwillingen abgeleitet. Inwieweit das etwas über die Grenzen menschlichen Vermögens aussagt, ist fraglich. Selbst wenn die Prämissen stimmen, käme der genetische Anteil nur bei idealen Lebensbedingungen zur vollen Verwirklichung. Der auf einen Mittelwert von 100 genormte und durch regelmäßig nachjustierte Tests ermittelte IQ ist eine historisch veränderliche Größe. Das weiß selbst Sarrazin, nur daß er von einem angeblichen aktuellen Rückgang der durchschnittlichen Testleistungen messerscharf auf eine biologisch bedingte Verdummung schließt. Schuld seien die »Unterschicht« und die angeblich »bildungsfernen« moslemischen Migranten aus der Türkei und afrikanischen Ländern. Die hohe Fruchtbarkeit der »Ungebildeten« führe »zwingend zu einem Absinken der durchschnittlich ererbten Intelligenz«. Dies erkläre auch das internationale Wohlstandsgefälle.
Trübe Quellen
Die Quellen, aus denen der Autor hier schöpft, sind trübe. Der von ihm zitierte Psychologe Heiner Rindermann hatte sich bei einem Radiointerview anläßlich einer international vergleichenden Bildungsstudie zu der Aussage verstiegen, es gebe »eventuell in kognitiven Bereichen (…) genetische Unterschiede zwischen den Rassen, wenn man diesen Begriff wählt, also zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten«; gleichzeitig räumte er jedoch ein, man wisse »nicht so genau«, ob Intelligenz »genetisch unterschiedlich verteilt ist« (Deutschlandradio Kultur, 4.12.07). Im Gegensatz zu Elsbeth Stern behaupten Rindermann und sein Kollege Detlef Rost, »Sarrazins Thesen« seien, »was die psychologischen Aspekte betrifft, im großen und ganzen mit dem Kenntnisstand der (…) Forschung vereinbar« (FAZ, 7.9.10). Der Autor beruft sich außerdem auf das in Fachkreisen und Öffentlichkeit höchst umstrittene Buch »The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life« (Die Glockenkurve. Intelligenz und Klassenstruktur in Amerika) der US-Autoren Richard Herrnstein und Charles Murray von 1994. Herrnstein und Murray behaupten ebenfalls genetisch bedingte Intelligenzunterschiede zwischen Klassen und »Rassen« und schlugen vor, Menschen mit schlechten Testleistungen einer öffentlichen Aufsicht zu unterstellen. Sie denken dabei an »eine hochtechnisierte und großzügigere Version der Indianerreservate für einen umfänglichen Teil der nationalen Bevölkerung, während der Rest von Amerika versucht, seinen Geschäften nachzugehen« (Herrnstein/Murray, zitiert nach S.J. Gould, »The Mismeasure of Man«, 1996, Übersetzung M.Z.). Als letzte Referenz sei hier noch Volkmar Weiss erwähnt, der in bezug auf »Intelligenz« ähnliche Ansichten wie Sarrazin vertritt und auf den sich auch Rindermann beruft. Der Humangenetiker war Gründungsmitglied der »Deutschen Sozialen Union«, wurde für die NPD in eine Enquete-Kommission des sächsischen Landtags zur »demografischen Entwicklung« berufen und publiziert in rechtsextremen Medien wie der Jungen Freiheit, der Deutschen Stimme, der »Gesellschaft für freie Publizistik« und dem Grazer Leopold Stocker Verlag (taz, 8.8.05). Übrigens hat das der Jungen Freiheit nahestehende »Institut für Staatspolitik« bereits eine Pro-Sarrazin-Broschüre veröffentlicht, die beim Online-Versand Amazon.de gleich nach »Deutschland schafft sich ab« gelistet wird.
Selbstverständlich leitet Sarrazin aus angeblich hoher Intelligenz einen Anspruch auf Herrschaft ab. In einer »arbeitsorientierten Leistungsgesellschaft« würden diejenigen »nach ›unten‹ (…) abgegeben, die weniger tüchtig, weniger robust oder ganz schlicht ein bißchen dümmer und fauler sind«. Deshalb sei es »folgerichtig (…), wenn sich das Führungspersonal mehrheitlich aus den oberen Schichten rekrutiert«.
Neu ist diese Ideologie nicht, der französische Soziologe Pierre Bourdieu beispielsweise hat sie 1978 analysiert: »Der Rassismus der Intelligenz (…) ist das, was den Herrschenden das Gefühl gibt, in ihrer Existenz (…) gerechtfertigt zu sein; das Gefühl, Wesen höherer Art zu sein. Jeder Rassismus ist ein Essentialismus, und der Rassismus der Intelligenz ist die charakteristische Form der Soziodizee der herrschenden Klasse, deren Macht zum Teil auf dem Besitz von (…) Bildungstiteln beruht, die als Gewähr für Intelligenz gelten (…).« Man müsse fragen, welche Rolle Psychologen bei Stigmatisierungen spielen, »mit denen man Kinder von Subproletariern oder Ausländern so charakterisieren kann, daß soziale Fälle zu psychologischen Fällen werden, soziale Defizite zu mentalen Defiziten usw.« (Bourdieu, »Soziologische Fragen«, 1993).
»Europa der Vaterländer«
»Der Mensch« – es empfiehlt sich bei solchen Formeln Sarrazins, »ich« zu lesen – »ist ein territorial orientiertes Wesen. (…) Kriegerische Ereignisse – von den Fehden (…) der Steinzeit (…) bis hin zum Zweiten Weltkrieg waren (…) immer Kämpfe um Territorien. (…) Daneben ist der Mensch ein gruppenorientiertes Wesen. (…) Überall wirkt der Gegensatz von ›Die‹ und ›Wir‹ (…).« Die USA und die EU vergleicht er mit dem Römischen Reich, das durch die »intelligente Gewalt« einer »überlegenen Militärorganisation« Zuwanderung kontrolliert habe. Die daraus resultierenden »Verwicklungen« seien »immer wieder« von »blutigen Orgien und Gewalt« begleitet gewesen. Vom Islam hat der Autor erklärtermaßen keine Ahnung: »Der westliche Blick kann nicht unterscheiden, welchem Islam welcher Teil der (…) Muslime (…) anhängt.« Und doch will er wissen, daß »sich der Islam in der großen Mehrheit seiner Strömungen der Aufklärung verweigert« – was nachvollziehbar ist, wenn man liest, welche Art »Aufklärung« das vorliegende Buch vertritt. Die Schuldfrage ist abermals schnell geklärt. »Die mangelnde Integration liegt an den Attitüden der muslimischen Einwanderer.« Der Autor fordert, die »weitere Zuwendung nach Deutschland mit Ausnahme hochqualifizierter Experten generell zu beenden«. Dieses Deutschland im »Europa der Vaterländer« – seit Jahren ein Slogan der NPD – wäre natürlich »demokratisch und achtet die Menschenrechte«. Statt Zuwanderung will der Autor mehr Kinder von den Gebildeten. »Belastungen für die Jugend nimmt man (…) leichter auf sich, denn sie« seien »nicht auf die Vergangenheit« gerichtet »wie die Versorgung der Hochbetagten«. In seine Partei setzt Sarrazin keine politischen Hoffnungen. Deren Programmaussagen »mäandern mittlerweile irgendwo zwischen Linkspartei und CDU-Sozialausschüssen, und der Anteil derer, die die SPD noch für nötig hält, sinkt dramatisch«. Mit der Linkspartei, die »vor allem verbohrte Ideologen und ewig zu kurz Gekommene repräsentiert, ist ein strukturell weiterführendes Politikangebot nicht denkbar (…).«
Schließen wir mit einer Kindheitserinnerung des Autors. »Als 13jähriger Schüler (…) blieb ich sitzen (…). Bei mir hat die Sanktion und die Furcht, es nicht zu schaffen, gewirkt (sie wirkt übrigens bis heute). (…) Wer (…) keine Not fürchtet, der kann kaum motiviert und gar nicht sanktioniert werden.« Das sollen ihm die Moslems, die Unterschicht, die dahindämmernden Arbeitslosen, die undisziplinierten Schüler und die Hochbetagten büßen.
Erstabdruck: junge Welt, 23.09.2010, S. 10.
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Von Werner Seppmann
Theorie: Über die Paradoxien der »Neuen Marx-Lektüre«
Weltwirtschaftskrise hat bei nicht wenigen zu einer neuen Nachdenklichkeit geführt. Wer nach den Ursachen der ökonomischen und sozialen Verwerfungen fragt, bekommt auch schnell wieder die Marxsche Analyse des Kapitalismus in den Blick – obwohl der Marxismus angeblich doch schon dutzend-, wenn nicht gar hundertfach widerlegt worden ist. Verwunderlich ist das wiedererwachte Interesse nicht: Durch die verwertungszentrierte Entwicklungsdynamik des Kapitalismus treten die von Marx herausgearbeiteten ökonomischen Reproduktionsmuster und sozialen Widerspruchstendenzen immer klarer zutage. Nicht nur durch den periodischen Ausbruch von Krisen werden individuelle Zukunftsaussichten zerstört, sondern immer öfter werden durch den »ganz gewöhnlichen Gang der ökonomischen Entwicklung« (Marx) die Existenzbedingungen vieler Menschen in Frage gestellt und ihre Zukunftsaussichten bedroht. Gerade in Phasen der Prosperität des Kapitalismus hat sich die zunächst paradox klingende Aussage von Marx, daß mit der Entwicklung des bürgerlichen Reichtums für große Bevölkerungsteile Armut und Bedürftigkeit wachsen, auf dramatische Weise bestätigt.
Theorie und Praxis
Obwohl es auf den ersten Blick anders aussieht, handelt es sich bei der Marxschen »Kritik der politischen Ökonomie« um keine volkswirtschaftliche Fachwissenschaft. Zwar beschäftigt sich Marx nachdrücklich mit deren Problemstellungen und theoretischen Lösungsversuchen, jedoch mit konträren Intentionen: Ihm geht es beispielsweise nicht um die Frage nach den Bedingungen einer reibungslosen Kapitalverwertung, vielmehr will er seinen (wissenschaftlichen) Beitrag dazu leisten, daß die Ausgebeuteten ihre Lage verändern können. Dazu war es notwendig zu beweisen, daß der Kapitalismus als historisch entstandene Gesellschaftsformation auch überwunden werden kann. Im Gegensatz zu dem Bild der bürgerlichen Gesellschaft von sich selbst soll bewiesen werden, daß sie nicht »ewig« (Marx) existiert, der Kapitalismus also nicht das »Ende der Geschichte« ist.
Die bis in die feinsten Verästelungen hineinreichenden ökonomischen Analysen dienten also vorrangig dem Ziel, die Haltlosigkeit von Vorstellungen über eine überhistorische Festgefügtheit der kapitalistischen Gesellschaftsformation zu belegen, die sich auch einer unreflektierten Alltagspraxis »spontan« aufdrängen: »Den Menschen (erscheinen – W. S.) die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst«, wie es Marx (MEW 23, S.86) formuliert. Solche »Erlebnisformen« schlagen sich in Einstellungen nieder, daß man ja »doch nichts ändern« könne.
Dem dichten Netz ideologischer Selbsttäuschungen – zu denen auch verzerrte Vorstellungen über die Ausbeutungsstrukturen und die Funktionsweise kapitalvermittelter Herrschaft gehören – setzt Marx seine theoretische Durchdringung der bürgerlichen Verhältnisse entgegen: Nicht nur der Charakter kapitalistischer Machtreproduktion ist zu entschlüsseln, sondern auch »jede gewordene Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite« (MEW 23, S.28) hin darzustellen.
In dieser Absicht materialisiert sich die Selbstverpflichtung der 11. Feuerbachthese von Marx, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie auch zu verändern. Das ist keineswegs als Denkverbot, sondern als Aufforderung gemeint, Gesellschaftsanalyse nicht um ihrer selbst willen, sondern in der Perspektive revolutionärer Praxis zu betreiben. Diese normative Absicht bleibt für Marx auch auf dem Jahrzehnte dauernden Weg der Beschäftigung mit der Ökonomie prägend. Ein verläßliches Urteil über die Konstanz seiner Grundhaltung ist möglich, weil der umfangreiche Briefwechsel Marxens über seine Theoriearbeit einen intensiven Blick in sein Denklaboratorium gewährt. Immer wieder finden sich Reflexionen über seine methodischen Prinzipien und weltanschaulichen Motive, so daß die Theorie in ihrem Entwicklungsprozeß studiert werden kann.
Nicht weniger aufschlußreich ist, wie intensiv die theoretische Praxis mit den konkreten Klassenkämpfen und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen korrespondiert. Seine ökonomiekritischen Studien innerhalb des engen Geflechts von Selbstreflexion, Selbstkommentierung und politischer Perspektivität betrachtet, lassen deutlich werden, daß Marx alles andere als eine »wertfreie« Wissenschaft betreibt: Er wollte der sich herausbildenden Arbeiterklasse ein Bewußtsein über den Inhalt ihrer Kämpfe vermitteln und den historischen Horizont ihres Handelns aufzeigen.
Eine neue Marx-Lektüre?
Es ist legitim, diese Grundorientierungen sowie die Annahme eines konstitutiven Theorie-Praxis-Zusammenhanges in Frage zu stellen. Es kann auch bezweifelt werden, ob die Arbeiterklasse im Sinne der Marxschen Vorstellungen das Negationssubjekt der bürgerlichen Gesellschaft und damit in der Lage ist, progressive Veränderungen voranzutreiben. Es läßt sich auch problematisieren, ob die Beschäftigung mit dem Kapitalismus überhaupt mit Fragen nach historischen Fortschrittspotentialen und einer Perspektive der Überwindung von Verhältnissen, in denen »der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (MEW 1, S.385), zu belasten ist. Jedoch wenig sinnvoll ist es, den Eindruck zu erwecken, daß all diese Dinge für Marx keine Rolle gespielt hätten. Denn dann werden die Interpretationsversuche seiner Theorie von Grundannahmen mit desorientierenden Konsequenzen aus durchgeführt.
Ein sachfremd zurechtgestutzter Marx ist jedoch die Ausgangsbasis einer angeblichen »Neuen Marx-Lektüre«, die sein Denken auf ein weltabgewandtes Theoriesystem reduzieren will. Propagiert wird eine Ökonomiebeschäftigung, die sich vorrangig mit der »logischen Struktur« der ökonomischen Kategorien, ihrer Abfolge und ihres immanenten Beziehungsverhältnisses beschäftigen soll. Dazu ist es natürlich unabdingbar, ein Korrespondenzverhältnis des »Kapitals« mit realen Prozessen – also einem Zusammenhang von »Logischem« und »Historischem«, wie es in der marxistischen Theoriesprache heißt – grundsätzlich in Frage zu stellen. Es wird dabei nicht nur in Kauf genommen, daß die Aufmerksamkeit systematisch von den konkreten Bewegungsformen eines historischen Kapitalismus, seinen Entwicklungsstufen und empirischen Äußerungsformen abgelenkt wird, sondern ausdrücklich die Realitätsabstinenz auch als erstrebenswert dargestellt: Nicht als »Vorschule« zur adäquaten Erfassung gesellschaftlicher Entwicklungen soll die »Kapital«-Lektüre dienen, sondern als theoretisches Kategoriensystem fixiert werden.
Die Wortführer einer »Neuen Marx-Lektüre« behaupten, die einzig authentische und legitime Marx-Interpretation zu formulieren. Tatsächlich jedoch wird, um den eigenen politischen Artikulationsbedürfnissen zu genügen, ein verzerrtes und einseitiges Bild des historisch-materialistischen Theorieverständnisses verbreitet. Implizit wird dem Marxschen Denken unterstellt, eine kontemplative, weltabgewandte Philosophie und undialektische Theorie gesellschaftlicher Praxisverhältnisse zu sein: Die »Kapital«-Exegese wird unter Ausklammerung der Perspektive der Weltveränderung (oder auch nur einer historischen Rückversicherung) betrieben.
Alter Wein in neuen Schläuchen
Aber nicht nur die Beschränkung des theoretischen Interventionsfeldes ist fragwürdig, sondern ebenso der Originalitäts- und Novitätsanspruch der »Neuen Marx-Lektüre«, denn tatsächlich bewegt sie sich auf den Spuren jahrzehntealter logizistischer und objektivistischer Marxismus-Lesarten. Sogar die unmittelbaren theoretischen Stichwortgeber und Anreger innerhalb der westdeutschen Marxismusinterpretation haben ihre grundlegenden Texte (so etwa Helmut Reichelt und Hans-Georg Backhaus) schon vor 40 Jahren vorgelegt.
Noch ein Jahrzehnt älter sind die Vorgaben eines »wissenschaftlichen« Marx-Verständnisses durch Louis Althusser. Grundelemente eines traditionellen Dogmatismus und Objektivismus neu aufpolierend1, hatte der Philosoph der französischen KP mit seinem Aufruf »Das Kapital lesen« in den 60er Jahren Furore gemacht. Der Hauptgedanke seines gleichnamigen Buches bestand in der Behauptung, daß das Marxsche »Kapital« als alleinige Basis eines »wissenschaftlichen« Marxismus zu gelten habe und fast alle anderen theoretischen Erörterungen einer »ideologischen« und deshalb zu verwerfenden Entwicklungsphase von Marx angehörten. Althusser konstatiert einen »Bruch« im Marxschen Denken – den er jedoch kaum begründet.
Einem Vergleich mit den Konstitutionsprinzipien des Marxschen Denkens hält Althussers Sichtweise auf keiner Ebene stand. Schon in seinen sozialtheoretischen Basisbestimmungen positioniert er sich strikt gegensätzlich zum dialektischen Gesellschaftskonzept von Marx, dessen Kern im Begreifen der wechselseitigen Bezüglichkeit von Subjekt (den handelnden Menschen) und Objekt (dem sozialen Strukturgefüge) besteht. Während Althusser gesellschaftliches Geschehen als Ausdruck einer letztlich geheimnisvollen Eigendynamik von »Strukturen« begreift, die er zur »Kraft ohne Subjekt, (…) von Anfang an (als – W. S.) Kraft von niemandem« stilisiert, charakterisiert Marx Geschichte – wie es in einem Brief von Marx an Pawel W. Annenkow heißt – als das »Produkt des wechselseitigen Handelns der Menschen« (MEW 27, S.452)! Während Marx den Aspekt der historischen Selbsttätigkeit der Menschen unterstreicht, werden durch Althussers objektivistische Sichtweise die Handlungssubjekte aus dem theoretischen Vorstellungshorizont entfernt: Die Individuen bleiben nach seinem Verständnis »Gefangene von Texten und Rollen, deren Autoren sie nicht sein können«. Expliziert wird damit nicht Marxsches Denken, sondern die Auffassung des niederländischen Rationalisten des 17. Jahrhunderts, Baruch de Spinoza, der in seiner »Ethik« in Auslegung seines 35. Lehrsatzes schreibt, daß die Menschen die Ursachen, »von welchen sie bestimmt werden, nicht kennen« – und unter keinen Bedingungen ein Bewußtsein darüber erlangen können.
Auf der Grundlage eines solch rigiden Objektivismus wird eine logizistische Sichtweise als Leitfaden der »Kapital«-Interpretation propagiert, die sich nur noch für das formale Beziehungsgeflecht der Kategorien interessiert: Kapitalismusanalyse wird als geschlossenes System ohne jeden Weltbezug zelebriert, als ein »sich selbst erzeugendes Begriffsuniversum, das den materiellen und gesellschaftlichen Erscheinungen seine eigene Identität aufzwingt, statt mit ihnen in einen kontinuierlichen Dialog einzutreten. (…) Die Kategorie hat das Primat über ihre materielle Entsprechung erlangt; die begriffliche Struktur überragt und beherrscht das gesellschaftliche Sein« (E. P. Thompson).
Die Marxsche Position ist eine andere. Im »Kapital« betont er gegenüber einem »abstrakt naturwissenschaftlichen Materialismus«, daß ein theoretisch reflektierter Rekurs auf die »jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnisse« die »einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode« ist (MEW 23, S.393).
Vom Abstrakten zum Konkreten
Bei ihrer Behandlung der Marxschen Kapitalismusanalyse im Windschatten logizistischer Vorgaben haben die Propagandisten einer »Neuen Marx-Lektüre« den Tatsachenschein zunächst einmal auf ihrer Seite. Denn Marx entwickelt ja tatsächlich auf der höchsten Abstraktionsstufe seines Argumentationsrahmens eine allgemeine Theorie der kapitalistischen Produktionsweise, die sich in abstrakten Begriffen und Gesetzeshypothesen, insgesamt in der Form eines logischen Kategoriengeflechts präsentiert. Dies ist notwendig, wenn das »Bewegungsgesetz« des Kapitalismus und die allgemeinen Reproduktionsprinzipien, die jeder seiner konkreten Existenzformen zugrunde liegen, entschlüsselt werden sollen. Durch die theoretische Explikation einer Logik des Gesamtzusammenhangs werden Prozesse erkannt und Sachverhalte deutlich (beispielsweise der Charakter kapitalistischer Ausbeutung), die der menschlichen Sinnlichkeit sonst verborgen bleiben. Es wird auch möglich, die im Moment wesentlichen von den unwesentlichen Dingen zu unterscheiden.
Bei der Formulierung theoretischer Verallgemeinerungen ist es notwendig, von der »Vielgestaltigkeit« der Empirie zu abstrahieren. Sie muß jedoch immer im »Hinterkopf« präsent bleiben, denn die Gesetzes- und die Totalitätsanalyse sind nur ein Zwischenstadium: Die logischen Konstrukte müssen fortlaufend zum historischen Prozeß in Beziehung gesetzt werden, wenn sie nicht ihre Substanz verlieren sollen.
Während im Rahmen einer angeblich »neuen« Marx-Lektüre die ökonomischen Kategorien ein Eigenleben führen, sind sie für Marx »nur Abstraktionen (…) (der – W. S.) realen Verhältnisse« (MEW 4, S.552), die wiederum als Leitfaden einer analytischen Durchdringung sozialer Realitäten dienen, bei der gleichzeitig die Plausibilität und Angemessenheit der Theoreme und logischen Bestimmungen permanent überprüft werden. Am Ende des empirischen Aneignungs- und theoretischen Rückvermittlungsprozesses können (im Bedarfsfalle) die Kategorien revidiert und erneute Durchdringungsversuche der gesellschaftlichen Totalität von einer präziseren Grundlage aus durchgeführt werden. Diese Vorgehensweise hat Marx als »Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten« bezeichnet.
Für ein dialektisches Denken sind die durch dieses Verfahren präzisierten Begriffe ins Ideelle übersetzte gesellschaftliche Bewegungsformen: Auch dort, wo die »logische Betrachtungsweise« dominiert, ist sie nach Engels »in der Tat nichts andres als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten« (MEW 13, S.475). Auch im »Kapital« wird nach Engels Worten die »logische Entwicklung« durchaus nicht »im rein abstrakten Gebiet« gehalten; sie bedarf »im Gegenteil (…) der historischen Illustration, der fortwährenden Berührung mit der Wirklichkeit« (ebd., S.477).
Man muß schon durch besondere Erleuchtungserlebnisse geprägt sein, in diesen Hinweisen eine »Verfälschung« des Marxschen Methodenverständnisses – der Sozialwissenschaftler und Vorsitzende des Bochumer »Instituts für Sozialtheorie« Ingo Elbe spricht von einem bloßen »Gerücht« über ein »vermeintliches« Marxsches Vorgehen! – erkennen zu können, denn Marx äußert sich unmißverständlich im gleichen Sinne über die Notwendigkeit empirischer Rückversicherung (also über den dialektischen Zusammenhang des Logischen mit dem Historischen): Man »muß dies Zeug im Detail studieren, um zu sehn, wozu der Bourgeois sich selbst und den Arbeiter macht, wo er die Welt ungeniert nach seinem Bilde modeln kann« (MEW 23, S.779). Da die Erläuterungen von Marx und Engels – selbst beim schlechtesten Willen – keinen Gegensatz erkennen lassen, können sich die »Neuen Marx-Interpreten« nur durch die Bemerkung aus der Affäre ziehen, daß eben Marx sich nicht immer auf der (von ihnen definierten) »Höhe« seines Denkens befunden habe.
Blick in den Briefwechsel
Da die »Neuen Marx-Interpreten« offensichtlich auf einen legitimatorischen Bezug auf Marx nicht verzichten wollen und um sich eine Aura von »Progressivität« zu verschaffen, auch nicht darauf verzichten können, verfahren sie so, wie sie es ihrem Lieblingsgegner, dem »Arbeiterbewegungsmarxismus« (den sie für kritikwürdig halten, weil er sich als Theorie umwälzender Praxis begreift) vorwerfen: Die Referenztexte werden aus politischer Opportunität instrumentalisiert und so zurechtgestutzt, daß sie den eigenen theoretischen Vorentscheidungen und Reduktionismen entsprechen. Auf der Strecke bleiben dabei nicht nur das Verständnis der fundierenden Rolle einer materialistisch gewendeten Dialektik, sondern auch die sozialtheoretischen Grundannahmen des Historischen Materialismus, die für die Kapitalismusanalysen von Marx eine Basisbedeutung besitzen.
Wird von Marx auf den konstitutiven Status der dialektischen Methode (besonders für das »Kapital«) ausdrücklich hingewiesen, kommen die geschichtstheoretischen Grundannahmen eher implizit zur Geltung. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil sie für Marx und Engels so selbstverständlich sind, daß sie seit den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts nur selten noch ein Wort darüber verlieren. Wenn jedoch die Sprache auf ihre gemeinsame Geschichtsauffassung kommt, deren Namen vom späten Engels stammt, dann in einer bestätigenden Weise. Aufschlußreich ist beispielsweise ihre Reaktion auf Darwins »Entstehung der Arten«: Marx und Engels äußern sich gleichermaßen überzeugt davon, daß damit eine naturwissenschaftlich-evolutionäre Ergänzung und Fundierung ihres Geschichtsverständnisses vorläge.
Diese im Briefwechsel von Marx und Engels dokumentierte Episode ist ein weiteres Beispiel dafür, daß ein abgesichertes Marxismusverständnis, vor allem auch die »Kapital«-Interpretation, ohne den intensiven Blick in die Theoriewerkstatt, den das Studium der Korrespondenz zwischen Marx und Engels ermöglicht, sich kaum erreichen läßt. Sie zu ignorieren, kann nur dazu dienen, den eigenen Interpretationspräferenzen widersprechende Aspekte auszublenden.
Lenin hat einmal gesagt, daß ohne Kenntnis der Hegelschen Logik das Marxsche »Kapital« kaum zu verstehen sei. Dies gilt auch für den Briefwechsel zwischen Marx und Engels mit seinen vielfältigen Passagen über ihr Theorieverständnis sowie die Begründungs- und Darstellungsprobleme einer Kritik der politischen Ökonomie.
Allgemeine Kapitalismustheorie
Trotz des bisher Gesagten haben die objektivistischen Interpreten in einem Punkt recht: Nichts wäre verfehlter, als die Gesetzesanalyse des Marxschen »Kapitals« als eine Beschreibung konkreter kapitalistischer Gesellschaften mißzuverstehen. Die methodischen Hinweise von Marx sind von dankenswerter Klarheit: »In der Theorie wird vorausgesetzt, daß die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich rein entwickeln. In der Wirklichkeit besteht immer nur Annäherung« (MEGA, Das Kapital, 3. Band, S.175). Die Vorgehensweise läßt sich durchaus mit einer experimentellen Anordnung in den Naturwissenschaften vergleichen, die alle peripheren Einflußmomente vorübergehend ausblendet. Jedoch stellen Gesetzeshypothesen im sozialtheoretischen Kontext kein geschlossenes System mit monokausaler Tendenz dar. Wird ihr tatsächlicher Status berücksichtigt, rechtfertigen sie es nicht, das Kapital als selbsttätiges, sich unendlich reproduzierendes »Subjekt« sowie die Warenform als unüberschreitbare Vermittlungsinstanz sozialer Beziehungen zu begreifen. Bei Marx geht es nicht nur um Vergegenständlichung, sondern auch um Aneignung, nicht nur um instrumentelle Tätigkeit, sondern auch um die soziale Vermittlung.
Im Gegensatz zu einem Methodenverständnis, das mit den Verkürzungen der Kapital-Logiker deckungsgleich ist, hat Marx im Juni 1870 in einem Brief an Ludwig Kugelmann betont, daß es darauf ankomme, statt »die ganze Geschichte (…) unter ein einziges großes Naturgesetz zu subsumieren«, die Wirkung gesellschaftlicher Entwicklungsprinzipien konkret zu analysieren, zur Kenntnis zu nehmen, wie sie »sich geschichtlich in verschiedenen bestimmten Gesellschaftsformen« darstellen. Es gelte also, die (unverzichtbaren!) kategorialen Bestimmungen immer wieder zu den konkreten Basisentwicklungen in Beziehung zu setzen. Alles andere sei eine – so Marx – »einbringliche Methode (…) (die – W. S.) für gespreizte, wissenschaftlich tuende, hochtrabende Unwissenheit und Denkfaulheit« (MEW 32, S.685 f.) spricht!
1 Edward P. Thompson weist das in seinem Buch »Das Elend der Theorie. Zur Produktion geschichtlicher Erfahrung« präzise nach
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Leipzig, 20. September 2010 „Pflegestufe IV“ ist zurück. Ein Jahr nach der Premiere erlebt das Tanzstück von Irina Pauls eine Neuauflage. Im alten Ballsaal der Schaubühne Lindenfels ist das Mehrgenerationenprojekt als Produktion des Leipziger Tanztheater (LTT) vom 23. bis 26. September 2010 erneut in Leipzig zu sehen. Im Tanzstück zeigen die Tänzer der D.C. Dilligence, die Amateure der Company des LTT und Seniorentänzerinnen aus der Region Leipzig, welche enormen Belastungen auf die junge Generation angesichts des demographischen Wandels und der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen künftig zukommt.
Wer im Alter krank wird, landet auf dem Abstellgleis – meist dann, wenn die junge, pflegende Generation vor den körperlichen und seelischen Anforderung der häuslichen Pflege kapituliert. Was in den Köpfen der Gebrechlichen und Dementen, aber auch der Pflegenden vorgeht, zeigt Irina Pauls in „Pflegestufe IV“. Die Choreografin fokussiert dabei insbesondere die gravierenden Auswirkungen des Alterungsprozesses auf die familiäre Gemeinschaft. Während sich die Gesellschaft zunehmend auf die so genannten „Best Ager“ als finanzstarke Traumzielgruppe einstellt, vegetieren Pflegebedürftige fernab der öffentlichen Wahrnehmung in sterilen Pflege- und Altersheimen vor sich hin.
„Die Premiere im Leipziger Felsenkeller geht unter die Haut“, heißt es 2009 in der OTZ. Im Gedächtnis bleibt dem Premierenpublikum die „freie, bisweilen akrobatische, häufig dynamische und raumgreifende Bewegungssprache der Irina Pauls, manch eindringliches Bild und die Begeisterung, mit der das generationenübergreifende Team ihren Intentionen folgt“, berichtet Neues Deutschland. Die überaus positive Resonanz nach der Premiere bestätigt Irina Pauls in ihrem Anliegen, die schwierige Lage von Menschen in Pflegesituationen einmal mehr erfühlbar zu machen. „Ich möchte die Thematik präsent machen und den Fokus darauf verschärfen“, erklärt die Choreografin. Umso mehr freut sie sich auf die Neuauflage: „Das Stück entwickelt sich mit jeder Vorstellung. Das merke ich besonders bei den Seniorinnen. Sie haben Vertrauen in sich selbst und das Stück gewonnen und das gibt der Darstellung Kraft.“
Hauptförderer des Mehrgenerationenprojekts sind das Kulturamt der Stadt Leipzig, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen sowie der Fonds Darstellender Künste e.V. Für die Kooperation dankt das LTT insbesondere dem Bundesverband Seniorentanz e.V.
Neuauflage „Pflegestufe IV“ vom 23. bis 26. September 2010, Schaubühne Lindenfels (Karl-Heine-Straße 50, 04229 Leipzig) präsentiert von Irina Pauls, D.C. Dilligence, der Company des Leipziger Tanztheaters und Seniorentänzerinnen aus Leipzig Markkleeberg und Böhlen:
- 23. September 2010, 20 Uhr
- 24. September 2010, 20 Uhr, anschließend Publikumsgespräch
- 25. September 2010, 20 Uhr
- 26. September 2010, 18 Uhr
Karten erhalten Interessierte an allen bekannten Vorverkaufsstellen mit Ticket Online System, telefonisch unter 0341-1261261 (Oper Leipzig) und 0341-484620 (Schaubühne Lindenfels) oder über www.ticketonline.de.
André Brie wird ja oft, nicht zufällig?, von der bürgerlichen Presse zum Vordenker stilisiert. Brie stehe gegen Dogmatismus und Betonköpfigkeit bei den Linken.
Wie sagte mal Sigmar Gabriel an die Linke adressiert? “Mehr Bartsch und Brie. Und weniger Lafontaine und Wagenknecht.”
Ich weiß nicht, ob das dem Brie (auch dem Bartsch) aufgefallen ist. Schon lange wünschte ich mir, besonders von Brie, daß er mehr nach- als vordenkt. Mit diesem Artikel hat er einen guten Schritt nach vorn getan. Man kann es auch so formulieren: Nicht vor dem Denken denken, sondern mit dem Denken über dieses denken.
Kurt W. Fleming
Leipzig, 20.09.2010
Kommentar zu André Bries Artikel “Freiheit durch Sozialismus”?
Dieses Buch* von Otto Rühle bringt eine sehr gedrängte Darstellung der grundlegenden Lehren von Karl Marx. Im Grunde genommen hat noch niemand die Werttheorie besser dargelegt, als Karl Marx selbst. Bestimmte Argumente von Marx, insbesondere die schwierigen des ersten Kapitels können dem uneingeweihten Leser als spitzfindig, überflüssig oder „metaphysisch“ erscheinen. In Wahrheit ist dieser Eindruck die Konsequenz der Tatsache, daß man nicht die Gewohnheit hat, die vertrautesten Erscheinungen wissenschaftlich zu betrachten. Die Ware ist ein so allgemein verbreitetes Element geworden, derart unserem täglichen Leben vertraut, daß wir uns nicht einmal zu fragen versuchen, warum sich die Menschen von Gegenständen höchster Wichtigkeit, notwendig für den Lebensunterhalt, trennen, um sie gegen kleine Scheiben aus Gold oder Silber ohne Nützlichkeit auszutauschen. Die Ware ist nicht das einzige Beispiel. Alle Kategorien der Warenwirtschart scheinen ohne Analyse erkannt zu sein, als wie sich von selbst verstehend, als ob sie die natürliche Basis der Beziehungen zwischen den Menschen bildeten. Indessen sind die Faktoren des ökonomischen Prozesses menschliche Arbeit, Rohstoffe, Werkzeuge, die Arbeitsteilung, die Notwendigkeit der Verteilung der Produkte unter alle jene, die am Produktionsprozeß teilnehmen usw., die Kategorien selbst aber, wie Ware, Geld, Löhne, Kapital, Profit, Steuer etc., nur halb mystische Reflexe der Menschen, verschiedene Aspekte des einen ökonomischen Prozesses, den die Menschen nicht verstehen, und der sich ihrer Kontrolle entzieht. Um sie zu entziffern ist eine wissenschaftliche Analyse unerläßlich.
In den Vereinigten Staaten, wo ein Mensch, der eine Million besitzt, betrachtet wird wie der Wert einer Million, sind die ökonomischen Vorstellungen tiefer gesunken als irgendwo anders. Noch vor kurzem schenkten die Amerikaner der Natur der ökonomischen Beziehungen sehr wenig Aufmerksamkeit. Im Lande des mächtigsten ökonomischen Systems blieb die wissenschaftliche Ökonomie extrem arm. Es war die heutige tiefe Krise der amerikanischen Wirtschaft nötig, um der öffentlichen Meinung mit aller Schärfe die fundamentalen Probleme der kapitalistischen Gesellschaft vor Augen zu führen. Wer nicht davon lassen kann, passiv, ohne kritischen Geist die ideologischen Reflexe des ökonomischen Prozesses hinzunehmen, der wird niemals Marx folgend, die wesentliche Natur der Ware als fundamentale Zelle des kapitalistischen Systems zu durchschauen vermögen und wird daher unfähig sein, die wichtigsten Erscheinungen unserer Epoche wissenschaftlich zu erfassen.
Die Methode von Marx
Der Wissenschaft die Aufgabe des Erforschens der objektiven Erscheinungen der Natur stellend, bemüht sich der Mensch hartnäckig und eigensinnig. sich selbst der Wissenschaft zu entziehen und sich besondere Vorrechte zu sichern, sei es in der Form des Anspruches auf Beziehungen zu übernatürlichen Kräften (Religion) oder auf ewige moralische Gesetze (Idealismus). Marx hat dem Menschen endgültig diese widerwärtigen Vorrechte genommen, indem er ihn als natürliches Glied im Entwicklungsprozeß der materiellen Natur erkannte, die menschliche Gesellschaft ansieht als Organisation der Produktion und Verteilung, den Kapitalismus als ein Stadium der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.
Es lag nicht in Marx’s Absicht, die „ewigen Gesetze“ der Ökonomie zu entdecken. Solche gibt es nicht. Die Geschichte der menschlichen Gesellschaft ist die Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen ökonomischen Systeme, deren jedes seine eigenen Gesetze aufweist. Der Übergang von einem System zum anderen war immer bestimmt vom Wachstum der Produktivkräfte, d.h. der Technik und der Organisation der Arbeit. Bis zu einem bestimmten Grade haben die sozialen Veränderungen einen quantitativen Charakter, führen sie zu keinem grundlegenden Wandel im gesellschaftlichen Fundament, das heißt den herrschenden Eigentumsformen. Aber es kommt ein Zeitpunkt, wo die gesteigerten Produktivkräfte nicht mehr in den alten Eigentumsformen eingeschlossen bleiben können. Dann erfolgt in der sozialen Ordnung eine von Erschütterungen begleitete Veränderung. Dem Urkommunismus folgte, oder fügte sich hinzu, die Sklaverei; die Sklaverei wurde abgelöst von der Leibeigenschaft mit ihrem feudalem Überbau. Im 16. Jahrhundert führte die Entwicklung des Handels der europäischen Städte zum Aufkommen des kapitalistischen Systems, das in der Folge mehrere Stadien durchlief. Im Kapital erforscht Marx nicht die Ökonomie im allgemeinen, sondern die kapitalistische Ökonomie mit ihren eigenartigen Gesetzen. Von anderen ökonomischen Systemen spricht Marx nur gelegentlich und einzig zu dem Zweck, um den Charakter des Kapitalismus klarzulegen.
Die sich selbst genügende Wirtschaft der ursprünglichen bäuerlichen Familie hat keine politische Ökonomie nötig. denn sie ist einerseits von den Naturkräften, andererseits von der Tradition beherrscht. Die in sich abgeschlossene Naturalwirtschaft der alten Griechen und Römer auf Sklavenarbeit fußend, hing ab vom Willen des Sklavenhalters, dessen „Plan“ unmittelbar bestimmt war von seinem Willen und seiner Gewohnheit. Man kann dasselbe auch vom mittelalterlichen System mit seinen leibeigenen Bauern sagen. In allen diesen Beispielen waren die ökonomischen Beziehungen klar und durchsichtig, sozusagen im Rohzustand. Aber bei der gegenwärtigen Gesellschaft liegt der Fall völlig verschieden. Sie hat die alten Beziehungen der geschlossenen Wirtschaft und die Arbeitsweisen der Vergangenheit zerstört. Die neuen ökonomischen Beziehungen haben Städte und Dörfer, Provinzen und Nationen zusammengeschlossen. Die Arbeitsteilung hat den ganzen Planeten erfaßt. Nachdem Tradition und Gewohnheit gebrochen waren, hat sich dieser Zusammenschluß nicht nach einem bestimmten Plan vollzogen, sondern vielmehr unabhängig vom Bewußtsein und der Voraussicht der Menschen. Die Abhängigkeit der Menschen, der Gruppen, der Klassen, der Nationen voneinander, die sich aus der Arbeitsteilung ergibt, ist von niemandem geleitet. Die Menschen arbeiten füreinander ohne sich zu kennen, ohne die gegenseitigen Bedürfnisse zu erkunden, mit der Hoffnung und selbst der Gewissheit, daß sich die Beziehungen zwischen ihnen auf diese, oder jene Weise von selbst regeln werden. Und im Ganzen genommen ergibt sich das auch, oder vielmehr, ergab sich das ehemals gewohnheitsmäßig.
Es ist absolut unmöglich, die Ursachen der Erscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft im subjektiven Bewußtsein, in den Absichten oder Plänen Ihrer Mitglieder zu finden. Die objektiven Erscheinungen des Kapitalismus waren nicht zu erkennen, bevor nicht ernstes Studium auf sie verwendet wurde. Bis zum heutigen Tage kennt die große Mehrheit der Menschen nicht die Gesetze, welche die kapitalistische Gesellschaft beherrschen. Die große Überlegenheit der Methode von Marx bestand darin, die ökonomischen Erscheinungen nicht vom subjektiven Gesichtspunkt bestimmter Personen zu nehmen, sondern vom objektiven Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Entwicklung in Ihrer Gesamtheit, genau so, wie ein Naturforscher einen Bienenstock oder einen Ameisenhaufen vornimmt.
Für die wissenschaftliche Ökonomie hat entscheidende Bedeutung das, was die Menschen erzeugen und die Art und Weise, wie sie es erzeugen, und nicht, was sie selbst über ihr Handeln denken. Die Grundlage der Gesellschaft sind nicht Religion und Moral, sondern die natürlichen Hilfsquellen und die Arbeit. Die Marx’sche Methode ist materialistisch, weil sie vom Sein zum Bewußtsein geht und nicht umgekehrt. Die Methode Marx’s ist dialektisch, weil die Natur und Gesellschaft In ihrer Entwicklung betrachtet, und die Entwicklung selbst als beständigen Kampf der Gegensätze.
Der Marxismus und die offizielle Wissenschaft
Marx hat seine Vorläufer gehabt. Die klassische politische Ökonomie – Adam Smith, David Ricardo – erreichte ihren Gipfel. noch bevor der Kapitalismus ausgereift war, bevor er begann, den morgigen Tag zu fürchten. Marx hat diesen zwei Klassikern in tiefer Dankbarkeit seinen Tribut gezollt. Nichtsdestoweniger war es der fundamentale Irrtum der klassischen Ökonomie, den Kapitalismus als Existenzform der Menschheit für alle Epochen anzusehen, und nicht als eine bloße geschichtliche Etappe in der Entwicklung der Gesellschaft. Marx begann diese politische Ökonomie zu kritisieren, er erklärte ihre Irrtümer wie auch die Widersprüche des Kapitalismus selbst und zeigte den unvermeidlichen Zusammenbruch dieses Systems. Die Wissenschaft kann ihre Vollendung nicht in der hermetisch abgeschlossenen Gelehrtenstube finden, sondern nur in der menschlichen Gesellschaft, „im Fleisch und Knochen“. Alle Interessen, alle Leidenschaften, welche die Gesellschaft zerreißen, üben ihren Einfluß auf die Entwicklung der Wissenschaft aus, vor allem auf die politische Ökonomie, die die Wissenschaft vom Reichtum und von der Armut ist. Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie nötigte die bürgerlichen Theoretiker, der wissenschaftlichen Analyse des Ausbeutungssystems den Rücken zu kehren und sich auf die einfache Beschreibung der ökonomischen Tatsachen, auf das Studium der Ökonomie der Vergangenheit zu beschränken und, was unendlich schlimmer ist, auf eine wirkliche Verfälschung der Wahrheit mit dem Ziel der Rechtfertigung des kapitalistischen Systems. Die ökonomische Theorie, welche heute an den offiziellen Lehranstalten gelehrt wird, und welche die bürgerliche Presse predigt, ist ein bezeichnender Beleg für diese Verfälschungsarbeit. Sie ist völlig unfähig, den ökonomischen Prozeß in seiner Gesamtheit zu begreifen und seine Gesetze und Perspektiven aufzudecken, was zu tun im übrigen nicht ihre Absicht ist. Die offizielle politische Ökonomie ist tot.
Das Wertgesetz
In der gegenwärtigen Gesellschaft ist der Handel das entscheidende Band zwischen den Menschen. Alle Arbeitsprodukte, die in den Handel gelangen, werden zu Waren. Marx hat bei seinen Forschungen mit der Ware begonnen und von dieser fundamentalen Zelle der kapitalistischen Gesellschaft, die sozialen Beziehungen, welche sich aus ihr als Grundlage des Warenaustausches, unabhängig vom Willen des Menschen, ergeben, abgeleitet. Das ist die einzige Methode, welche das fundamentale Rätsel zu lösen erlaubte: wieso haben sich in der kapitalistischen Gesellschaft, wo jeder an sich selbst und niemand an den anderen denkt, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Zweigen der Wirtschaft entwickelt, die unentbehrlich für das Leben sind? Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft, der Bauer trägt sein Produkt auf den Markt, der Geldverleiher oder Bankier vergibt Darlehen, der Kaufmann bietet seine Waren-Auswahl an, der Fabrikant baut eine Fabrik, der Spekulant kauft und verkauft Warenlager und Aktien, jeder von ihnen hat seine eigenen Erwägungen, seinen eigenen Plan, seine eigenen Interessen hinsichtlich des Lohns oder des Profits. Nichtsdestoweniger ergibt sich aus diesem ganzen Chaos individueller Anstrengungen und Aktionen ein wirtschaftliches Zusammenwirken, das, so unharmonisch es ist, dennoch der Gesellschaft erlaubt, nicht nur zu existieren, sondern auch sich zu entwickeln. Das allein zeigt schon an, daß im Grunde dieses Chaos nicht auf jede Art ein solches ist, daß es in gewissem Maße automatisch und unbewußt geregelt ist. Das Begreifen dieses Mechanismus welcher bei aller Verschiedenheit der ökonomischen Gesichtspunkte ein relatives Gleichgewicht ergibt: das ist die Entdeckung der objektiven Gesetze des Kapitalismus.
Offenkundig sind diese Gesetze, welche die verschiedenen Gebiete der kapitalistischen Ökonomie beherrschen, die Löhne, die Preise, die Grundrente, den Profit, den Zins, den Kredit, die Börse, zahlreich und verwickelt. Aber letzten Endes laufen sie alle auf ein einziges, von Marx entdecktes und gründlich erforschtes Gesetz hinaus: auf das Wertgesetz, das der grundlegende Regulator der kapitalistischen Gesellschaft ist. Das Wesen dieses Gesetzes ist sehr einfach. Die Gesellschaft verfügt über eine gewisse Reserve an lebendiger Arbeitskraft. Sich auf die Natur beziehend, erzeugen diese Kräfte, die zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse notwendigen Produkte. Infolge der Arbeitsteilung zwischen den unabhängigen Erzeugern nehmen diese Produkte die Form von Waren an. Die Waren werden in einem bestimmten Verhältnis ausgetauscht, anfangs unmittelbar, später unter Zuhilfenahme eines Vermittlers: dem Gold oder dem Geld. Die wesentliche Eigenschaft der Ware, jene Eigenschaft, welche zur Folge hat, daß sich ständig ein bestimmtes Verhältnis zwischen ihnen herstellt, ist die menschliche Arbeit, welche nötig ist, um sie zu erzeugen, – die abstrakte Arbeit, die Arbeit im allgemeinen –, Grundlage und Maß des Wertes. Die Teilung der Arbeit unter Millionen von Produzenten führt nicht zur Auflösung der Gesellschaft, weil die Waren gemäß der zu ihrer Herstellung erforderlichen gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ausgetauscht werden. Die Ware annehmend oder von sich weisend, stellt der Markt, der Schauplatz des Tausches, fest, ob sie die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit beinhaltet oder nicht. Dadurch bestimmt er auch die Quantität der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden verschiedenen notwendigen Warenarten und damit die Verteilung der Arbeitskraft auf die verschiedenen Zweige der Produktion.
Die tatsächlichen Vorgänge auf dem Markt sind unendlich komplizierter als wir sie in den wenigen Zeilen dargestellt haben. So liegen die Preise, um den Wert der Arbeitskraft schwingend, bald unter, bald über diesem Wert. Die Ursachen dieser Abweichungen sind ausführlich dargelegt im dritten Band des Kapital, wo Marx den Prozeß der kapitalistischen Produktion, betrachtet in ihrem Zusammenhang, beschreibt. Nichtsdestoweniger, so beträchtlich die Abweichungen der Preise sind, die Summe aller Preise ist gleich der Summe aller Werte, die von der menschlichen Arbeit geschaffen wurden und die auf dem Markt erscheinen. Selbst wenn man das „Preismonopol“ oder den „Trust“ in Rechnung stellt, können die Preise nicht diese Grenze überschreiten; dort, wo die Arbeit keinen neuen Wert geschaffen hat, kann selbst Rockefeller nichts herausschlagen.
Die Ungleichheit und die Ausbeutung
Wenn aber die Waren gemäß der Quantität der Arbeit, welche sie beinhalten, ausgetauscht werden, wie kann sich Ungleichheit aus Gleichheit ergeben? Marx hat dieses Rätsel gelöst, besonders die Natur einer der Waren, die die Basis aller anderen Waren ist, darlegend – die Ware Arbeitskraft. Der Eigentümer der Produktionsmittel, der Kapitalist, kauft die Arbeitskraft. Wie alle anderen Waren wird diese gemäß der Menge der Arbeit, welche sie beinhaltet, geschätzt, das heißt, gemäß den Lebensmitteln, die zur Erhaltung und zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendig sind. Aber der Verbrauch dieser Ware – der Arbeitskraft – ist die Arbeit, das heißt Schaffung von neuen Werten. Die Menge dieser Werte ist viel größer als die jener Werte, welche der Arbeiter erhält, und die er für seine Erhaltung benötigt. Der Kapitalist kauft die Arbeitskraft, um sie auszubeuten. Es ist die Ausbeutung, die die Ungleichheit erzeugt. Jenen Teil der Arbeitsprodukte, der dazu dient, den Lebensunterhalt des Arbeiters zu sichern, nennt Marx das notwendige Produkt, jenen Teil, welchen der Arbeiter mehr erzeugt, Mehrwert. Der Mehrwert wurde von den Sklaven geschaffen, sonst hätte der Sklavenhalter keine Sklaven unterhalten. Mehrwert wurde von den Leibeigenen erzeugt, sonst hätte die Leibeigenschaft keinerlei Nutzen für den großgrundbesitzenden Adel gehabt. Der Mehrwert wird ebenso, – aber in unendlich größerer Proportion, – vom Lohnarbeiter geschaffen, sonst hätte der Kapitalist keinerlei Interesse, die Arbeitskraft zu kaufen. Der Kampf der Klassen ist nichts anderes als der Kampf um den Mehrwert. Jener, der den Mehrwert besitzt, ist Herr des Staates: er besitzt den Schlüssel zur Kirche, zu den Tribunalen, zu den Wissenschaften und Künsten.
Die Konkurrenz und das Monopol
Die Verhältnisse unter den Kapitalisten, die die Arbeiter ausbeuten, sind von der Konkurrenz bestimmt, welche als die Haupttriebfeder des kapitalistischen Fortschrittes wirkt. Die großen Unternehmen haben im Verhältnis zu den kleinen die viel größeren technischen, finanziellen, organisatorischen, wirtschaftlichen und „last but not least“ politischen Vorteile. Eine größere Kapitalmenge gibt unvermeidlich jenem, der sie besitzt, den Sieg im Konkurrenzkampf. So ist die Grundlage der Konzentration und Zentralisation des Kapitals beschaffen.
Den Fortschritt und die Entwicklung der Technik fördernd, zerstört die Konkurrenz nicht allein die Schicht der mittleren Unternehmer, sondern schließlich sich selbst. Auf den Kadavern und Halbkadavern der kleinen und mittleren Kapitalisten taucht eine immer kleinere Anzahl kapitalistischer Magnaten, immer mächtiger werdend, auf. So erwächst aus der ehrlichen, demokratischen und fortschrittlichen Konkurrenz unvermeidlich das schädliche, parasitäre und reaktionäre Monopol. Seine Herrschaft bahnte sich seit 1880 an und nahm um die Jahrhundertwende ihre endgültige Form an. Jetzt ist der Sieg des Monopols von den offiziellen Repräsentanten der bürgerlichen Gesellschaft offen anerkannt. (Der regulierende Einfluß der Konkurrenz – bedauert der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten, Cummings – ist beinahe ganz verschwunden und ist im Gesamten nur als schwache Erinnerung an einen früheren Zustand vorhanden.) Während Marx, durch die Analyse die Zukunft des kapitalistischen Systems voraussehend, zum erstenmal aufzeigt, daß das Monopol eine Folge der dem Kapitalismus innewohnenden Tendenzen ist, fährt die kapitalistische Welt dennoch fort, die Konkurrenz als ein ewiges Gesetz der Natur zu betrachten.
Die Ausmerzung der Konkurrenz durch das Monopol kennzeichnet den Beginn der Auflösung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Konkurrenz war die Triebfeder, der Hauptschöpfer des Kapitalismus und die historische Rechtfertigung der Kapitalisten.
Die Ausmerzung der Konkurrenz zeigt die Umwandlung der Aktionäre in soziale Parasiten an. Die Konkurrenz erforderte gewisse Freiheiten, eine liberale Atmosphäre, eine demokratische Herrschaft und einen kaufmännischen Kosmopolitismus. Das Monopol beansprucht eine möglichst autoritäre Herrschaft, ummauerte Grenzen, „eigene“ Rohstoffquellen und eigene Märkte (Kolonien). Das letzte Wort in der Auflösung des Monopolkapitalismus ist der Faschismus.
Die Konzentration des Kapitals und das Anwachsen der Klassengegensätze
Die Kapitalisten und ihre Advokaten bemühen sich mit allen Mitteln, vor den Augen des Volkes wie vor den Augen des Fiskus, die wirkliche Stufe der Konzentration des Kapitals zu verbergen. Zur Verschleierung der Wahrheit bemüht sich die bürgerliche Presse, die Illusion einer „demokratischen“ Verteilung der investierten Kapitalien aufrecht zu erhalten. Die New York Times bemerkt, die Marxisten widerlegen wollend, daß es drei bis fünf Millionen isolierte Arbeitgeber gäbe. Es ist gewiß, daß die anonymen Gesellschaften eine viel größere Konzentration des Kapitals vorstellen, als die drei bis fünf Millionen „individueller“ Arbeitgeber, obgleich die Vereinigten Staaten „eine halbe Million Gesellschaften“ zählen.
Dieses Jonglieren mit runden Summen und Durchschnittswerten hat den Zweck, nicht die Wahrheit zu erhellen, sondern zu verbergen. Von Kriegsbeginn bis 1923 fiel die Anzahl der Werkstätten und Fabriken vom Index 100 auf 98,7, während die Masse der industriellen Produktion vom Index 100 auf 113 stieg. Während der Jahre der großen Prosperität (1923–1929), wo es schien, die ganze Welt sei im Begriff, reich zu werden, fiel der Index der Werkstätten und Fabriken von 100 auf 93.8, während die Produktion von 100 auf 156 stieg. Indessen ist die Konzentration der industriellen Unternehmen durch ihre materiellen plumpen Körper begrenzt, gegenüber der Konzentration ihrer Seele, das heißt ihrer Guthaben, weit zurück. Im Jahre 1929 zählten die Vereinigten Staaten tatsächlich mehr als 300.000 Gesellschaften, wie die New York Times dies richtig angibt.
Man muß nur hinzufügen, daß 200 dieser Gesellschaften, also 0.07% der Gesamtzahl, die Kapitalien von 49% aller Gesellschaften direkt kontrollierten ! Vier Jahre später ist dieser Proporz schon auf 56%, und während der Jahre der Regierung Roosevelts sicherlich noch weiter gestiegen. Und unter diesen 200 anonym geleiteten Gesellschaften fällt die tatsächliche Herrschaft einer kleinen Minderheit zu. (Ein Komitee des Senats der Vereinigten Staaten hat im Februar 1937 festgestellt, daß in den vergangenen zwanzig Jahren die Entscheidungen der zwölf größten Gesellschaften gleichbedeutend waren mit Entscheidungen für den größeren Teil der amerikanischen Industrie. Die Zahl der Verwaltungspräsidenten dieser Gesellschaften ist beinahe die gleiche wie die Zahl der Kabinettsmitglieder des Präsidenten der Vereinigten Staaten, der Regierung der Republik. Aber die Mitglieder dieser Verwaltungsräte sind unendlich mächtiger als die Mitglieder des Kabinetts.)
Derselbe Vorgang kann im System der Banken und Versicherungen beobachtet werden. Fünf der größten Versicherungsgesellschaften der Vereinigten Staaten haben nicht nur die anderen Versicherungsgesellschaften, sondern auch mehrere Banken aufgesaugt. Die Gesamtzahl der Banken verringerte sich durch Aufsaugung, hauptsächlich unter der Form die man Fusionen nennt. Dieser Vorgang beschleunigte sich rapid. Über die Banken erhebt sich die Oligarchie der Überbanken. Das Bankkapital fusioniert sich mit dem Industriekapital in der Form des „Finanzkapitals“.
Angenommen, daß die Konzentration der Industrie und der Banken im selben Rhythmus wie während des letzten Vierteljahrhunderts anhält – in der Tat ist dieser Rhythmus in fortschreitender Entwicklung – so werden die Männer der Trusts im nächsten Vierteljahrhundert die ganze Wirtschaft des Landes überwuchert haben.
Wir bedienen uns hier der Statistiken der Vereinigten Staaten aus dem einzigen Grunde, weil sie sehr genau und charakteristisch sind. In seinem Wesen trägt der Prozeß der Konzentration internationalen Charakter. Durch die verschiedenen Stufen des Kapitalismus, durch alle Phasen der Konjunkturzyklen, durch alle politischen Regimes, durch friedliche wie durch Perioden bewaffneter Konflikte, setzte sich und wird sich der Prozeß der Konzentration der ganz großen Vermögen in eine immer kleinere Handvoll bis zum Ende fortsetzen. Während der Jahre des großen Krieges, als sich die Nationen zu Tode bluteten, die fiskalischen Systeme, die Mittelklassen mit sich reißend, dem Abgrund zurollten, rafften die Trustherren aus Blut und Dreck Gewinne zusammen wie nie zuvor. Während der Kriegsjahre verdoppelten. verdrei-, vervier-, verzehnfachten die größten Gesellschaften der Vereinigten Staaten ihr Kapital, und ihre Dividenden schwollen an bis zu 300, 400, 900 und mehr Prozenten.
Im Jahre 1840, acht Jahre vor der Veröffentlichung des Manifests der Kommunistischen Partei von Marx und Engels schrieb der bekannte französische Schriftsteller de Tocqueville in seinem Buch Die Demokratie in Amerika: „Die großen Vermögen sind daran, zu verschwinden, die kleinen Vermögen sind daran, sich zu vermehren.“ Diese Gedanken sind bei jeder Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, in der Folge für andere junge Demokratien, wie Australien und Neuseeland, zahllose Male wiederholt worden. Wahrlich, die Idee Tocqueville’s waren schon zu seiner Zeit falsch ! Als indessen die wirkliche Konzentration des Kapitals nach dem amerikanischen Bürgerkrieg begann, starb die Auffassung de Tocquevilles. Zu Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts besaßen 2% der Bevölkerung der Vereinigten Staaten schon mehr als die Hälfte der Vermögen des Landes; im Jahre 1929 besaßen diese 2% drei fünftel des nationalen Vermögens. In derselben Epoche besaßen 36.000 reiche Familien das gleiche Einkommen wie 11 Millionen mittlerer oder armer Familien. Während der Krise von 1929–1933 hatten die Trusts nicht nötig, einen Appell an die öffentliche Nächstenliebe zu richten, im Gegenteil, sie schwangen sich über den allgemeinen Verfall der nationalen Wirtschaft immer höher empor. Während der durch die Hefe des New Deal erzeugten neuerlichen industriellen Unsicherheit nahmen die Männer der Trusts neue Gewinne vorweg. Während die Zahl der Arbeitslosen im besten Falle von 20 auf 10 Millionen fiel, steckte im selben Zeitraum die Spitze der kapitalistischen Gesellschaft, im besten Falle 6.000 Personen, phantastische Profite ein. Das enthüllte, auf Zahlen gestützt, der Generalstaatsanwalt Robert Jackson. Für uns aber kleidet sich der abstrakte Begriff des Monopolkapitals in Fleisch und Blut. Das, was das ökonomische und politische Schicksal einer großen Nation bedeutet, ist eine durch verwandtschaftliche Beziehungen und gemeinsame Interessen verbundene Handvoll von Familien einer geschlossenen kapitalistischen Oligarchie. Man muß anerkennen, daß sich das marxistische Gesetz von der Konzentration immerhin konform mit den Tatsachen offenbart. Der amerikanische Schriftsteller Ferdinand Lundberg, trotz seiner wissenschaftlichen Ehrlichkeit eher ein konservativer Ökonom, hat in einem Buch, das großes Aufsehen hervorrief, geschrieben: „Die Vereinigten Staaten sind heute in wucherischen Händen und beherrscht von der Hierarchie der 60 aller reichsten Familien, denen sich 90 weniger reiche Familien anschließen. Zu diesen beiden Gruppen muß als dritte hinzugefügt werden ungefähr 300 weitere Familien, deren Einkommen 100 Millionen Dollar im Jahr beträgt. Die beherrschende Stellung kommt der ersten Gruppe zu, die nicht allein die Wirtschaft, sondern auch die Hebel der Regierung beherrscht. Sie stellt die wirkliche Regierung dar, die Regierung des Geldsacks in einer Demokratie des Dollars“.
Ist die Lehre von Marx veraltet?
Die Frage der Konkurrenz, der Konzentration des Kapitals und des Monopols führen natürlich zu der Frage, ob die ökonomische Theorie von Marx in unserer Epoche nicht mehr als ein historisches Interesse, – wie zum Beispiel die Theorie von Adam Smith hat oder, ob sie noch immer aktuell ist. Das Kriterium, das die Beantwortung dieser Frage erlaubt ist einfach.
Wenn die Marx’sche Theorie erlaubt, besser den Kurs der sozialen Entwicklung festzustellen und die Zukunft vorauszusehen als die anderen Theorien, so bleibt sie die fortgeschrittenste Theorie unserer Zeit, selbst wenn sie mehrere Jahrzehnte alt ist.
Der bekannte deutsche Ökonom Werner Sombart, der am Beginn seiner Karriere ein wirklicher Marxist war, später aber seine revolutionären Ansichten revidierte, stellte dem Kapital von Marx seinen eigenen Der moderne Kapitalismus [1] gegenüber, der wahrscheinlich die bekannteste apologetische Darstellung der bürgerlichen Ökonomie der letzten Zeit ist. Sombart schrieb: „ Karl Marx hat vorausgesagt: erstens, die fortschreitende Entwicklung des Elends der Lohnarbeiter, zweitens, die allgemeine Konzentration mit dem Verschwinden der Klassen der Handwerker und Bauern, drittens, den Zusammenbruch des Kapitalismus. Nichts von alldem ist eingetroffen.“
Dieser irrigen Prognose stellt Sombart seine eigene „streng wissenschaftliche“ Prognose gegenüber. Der Kapitalismus wird gemäß Sombart fortfahren, sich innerlich in jene Richtung umzuformen, in die er sich schon umzuformen begonnen hat in der Epoche seiner vollen Blüte. Alternd, wird er nach und nach ruhig, still, vernünftig. Wir versuchen nicht mehr, als in großen Zügen zu sehen, wer von beiden Recht hat: entweder Marx mit seiner Prophezeiung der Katastrophe, oder Sombart, der im Namen der ganzen bürgerlichen Ökonomie versprochen hat, daß die Dinge sich „ruhig“, „still“, und „vernünftig“ gestalten werden. Der Leser wird zugeben, daß die Frage verdient, geprüft zu werden.
Die Verelendungstheorie
„Die Akkumulation des Kapitals auf dem einen Pol“, schrieb Marx 60 Jahre vor Sombart, „hat zur Folge die Akkumulation des Elends, der Leiden, der Sklaverei, der Unwissenheit, der Brutalität, der geistigen Entwürdigung auf dem entgegengesetzten Pol, das heißt, auf der Seite jener Klassen, deren Produkt die Form von Kapital annimmt.“ Diese Theorie von Marx, bekannt unter dem Namen „Verelendungstheorie“, ist der Gegenstand ununterbrochener Angriffe der demokratischen Reformisten und Sozialdemokraten gewesen, insbesondere während der Periode 1890–1914, da sich der Kapitalismus rapid entwickelte und den Arbeitern, vor allem ihrer führenden Schicht, gewisse Konzessionen gewährte. Nach dem Weltkrieg, als die von ihren eigenen Verbrechen erschreckte und von der Oktoberrevolution in Angst versetzte Bourgeoisie sich auf den Weg, allgemein gepriesener Reformen begab, Reformen, die in der Tat durch Inflation und Arbeitslosigkeit unmittelbar wieder aufgehoben wurden, erschien den Reformisten und bürgerlichen Professoren die Theorie der fortschrittlichen Umformung der kapitalistischen Gesellschaft vollkommen gesichert. „Die Kaufkraft der Lohnarbeit“, versicherte uns Sombart im Jahre 1908 und 1928, „hat sich im direkten Verhältnis zur Expansion der kapitalistischen Produktion vergrößert!“
In der Tat jedoch verschärfte sich der ökonomische Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat selbst in der gedeihlichsten Periode der kapitalistischen Entwicklung, wenn auch die Hebung des Lebensstandards bestimmter, für den Moment genügend umfangreicher Arbeiterschichten, die Verminderung des Anteils des ganzen Proletariats am nationalen Einkommen maskierte. So stieg zwischen 1920 bis 1930, eben vor dem Fall in die Krise, die industrielle Produktion der Vereinigten Staaten um 50%, während die an Löhnen ausbezahlte Summe sich nur um 30% erhöhte. Dies zeigt also eine außerordentliche Verminderung des Anteils der Arbeiter am nationalen Einkommen an. Im Jahre 1930 begann ein Anwachsen der Arbeitslosigkeit, was 1933 eine mehr oder weniger systematische Hilfe für die Arbeitslosen erzwang, die in Form von Unterstützungen kaum mehr als die Hälfte von dem, was sie an Löhnen verloren hatten, erhielten.
Die Illusionen des ununterbrochenen „Fortschrittes“ aller Klassen verschwand spurlos. Der relative Verfall des Lebensstandards der Massen hat einem absolutem Verfall Platz gemacht. Die Arbeiter beginnen an ihren mageren Vergnügungen, dann an ihrer Kleidung und zuletzt an der Nahrung zu sparen. Die Artikel und Produkte von mittlerer Qualität werden durch Schund und der Schund durch Ausschuß ersetzt. Die Syndikate beginnen jenem Menschen zu gleichen, der sich hoffnungslos am Treppengeländer festhält, indessen er eine steile Treppe hinabpurzelt.
Mit 6% der Erdbevölkerung besitzen die Vereinigten Staaten 40% des Weltkapitals. Dessen ungeachtet lebt ein Drittel der Nation, wie das Roosevelt selbst zugab, unterernährt, schlecht gekleidet, und unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wie ist nun die Lage in den viel weniger privilegierten Ländern? Die Geschichte der kapitalistischen Welt seit dem letzten Kriege hat unwiderruflich die Theorie, genannt Verelendungstheorie, bekräftigt.
Das faschistische Regime, das nur die Grenzen des Verfalls bis zum äußerstem hinausschiebt, und das die dem imperialistischen Kapitalismus innewohnende Reaktion ausdrückt, wird unumgänglich, ob der Neigung des Kapitalismus zur Entartung, die Möglichkeit zur Aufrechterhaltung der Illusion von der Hebung des Lebensstandards des Proletariats vernichten. Die faschistische Diktatur läßt offen die Tendenz zur Verelendung erkennen, indessen die viel reicheren imperialistischen Demokratien sich noch bemühen, diese zu verbergen. Wenn Mussolini und Hitler den Marxismus mit solchem Haß verfolgen, so nur deshalb, weil Ihr eigenes Regime die schreckliche Bestätigung der marxistischen Prophezeiung ist. Die zivilisierte Welt entrüstete sich, oder heuchelte, sich zu entrüsten, als Göring mit dem scharfrichterlichen und possierlichen Ton, der ihn charakterisiert, erklärte, „Kanonen sind viel notwendiger als Butter“, oder als Mussolini den italienischen Arbeitern erklärte, daß sie lernen müßten, den Gürtel um ihr schwarzes Hemd enger zu schnallen. Aber passiert nicht im Grunde genommen die selbe Sache in den imperialistischen Demokratien? Überall dient Butter zum Fetten der Kanonen. Die Arbeiter Frankreichs, Englands, der Vereinigten Staaten lernen ohne Schwarzhemd, den Gürtel enger zu schnallen.
Die industrielle Reservearmee und die neue Unterklasse der Arbeitslosen
Die industrielle Reservearmee bildet einen untrennbaren Teil der sozialen Mechanik des Kapitalismus, genau wie die Maschinen und Rohstoffe in einer Fabrik, oder wie ein Lager von Fabrikerzeugnissen in den Magazinen. Weder die allgemeine Ausdehnung der Produktion, noch die Anpassung an die periodische Ebbe und Flut industrieller Zyklen, war ohne eine Reserve an Arbeitskräften möglich. Von der allgemeinen Tendenz der kapitalistischen Entwicklung, – Anwachsen des konstanten Kapitals (Maschinen und Rohmaterial) auf Kosten des variablen Kapitals (Arbeitskräfte), – zieht Marx folgenden Schluß: „Je größer der gesellschaftliche Reichtum ist, desto größer ist die Masse der ständigen Überbevölkerung … desto größer ist die industrielle Reservearmee … desto größer ist das offizielle Massenelend. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“ Diese, unlöslich mit der „Verelendungstheorie“ verknüpfte und durch Jahrzehnte für „übertrieben“, „tendenziös“, „demagogisch“ erklärte These ist jetzt das tadellose Bild der Wirklichkeit. Die gegenwärtige Arbeitslosenarmee kann nicht mehr als industrielle Reservearmee betrachtet werden, weil ihre Hauptmasse nicht mehr hoffen kann, Arbeit zu finden; im Gegenteil, sie ist bestimmt, zu einer konstanten Flut neuer Arbeitsloser anzuschwellen. Die Auflösung, der Zerfall des Kapitalismus hat eine ganze Generation junger Leute geschaffen, die noch niemals einen Beruf gehabt haben, und die keinerlei Hoffnung haben, einen zu finden. Diese neue Unterklasse zwischen Proletariat und Halbproletariat ist genötigt, auf Kosten der Gesellschaft zu leben. Man hat kalkuliert, daß die Arbeitslosigkeit während neun Jahren, von 1930–1938, der menschlichen Gesellschaft mehr als 43 Millionen Jahre menschlicher Arbeit gekostet hat. Wenn man bedenkt, daß im Jahre 1929, am Gipfelpunkt der Prosperität der Vereinigten Staaten, zwei Millionen Arbeitslose vorhanden waren, und daß während der letzten neun Jahre die wirkliche Zahl der Arbeiter sich um 5 Millionen vermehrte, vervielfacht sich die Gesamtsumme der verlorenen Arbeitsjahre. Eine Gesellschaftsordnung, die von einer derartigen Geißel verwüstet wird, ist todkrank. Die genaue Diagnose dieser Krankheit wurde schon vor nahezu 80 Jahren gegeben, als die Krankheit selbst erst ein bloßer Keim war.
Der Verfall der Mittelklassen
Die Ziffern, die die Konzentration des Kapitals zeigen, zeigen zur selben Zeit, daß das spezifische Gewicht der Mittelklasse in der Produktion, und sein Anteil am nationalen Einkommen nicht aufgehört hat, abzunehmen. Zur selben Zeit, da die kleinen Unternehmen herabgedrückt und ihrer Unabhängigkeit beraubt wurden, sind sie ein reines Symbol unerträglicher Leiden und höchster und hoffnungsloser Not geworden. Es ist wahr, die Entwicklung des Kapitalismus hat im selben Moment das Anwachsen der Armee von Technikern, Geschäftsführern, Beamten, Medizinern, mit einem Wort jener, welche man die „neue Mittelklasse“ nennt, beträchtlich gefördert. Aber diese Schicht, deren Anwachsen schon für Marx kein Mysterium war, ähnelt der alten Mittelklasse wenig, die im Besitz ihrer eigenen Produktionsmittel eine fühlbare Garantie ihrer Unabhängigkeit fand. Die „neue Mittelklasse“ ist von den Kapitalisten abhängiger, als die Arbeiter. In der Tat steht sie in hohem Maße unter der Vorherrschaft dieser Klasse; im Übrigen ist eine beträchtliche Überproduktion an dieser „neuen Mittelklasse“ festzustellen, mit ihrer Folge: sozialer Degradation.
„Die statistischen Informationen zeigen glaubwürdig, daß zahlreiche industrielle Unternehmen ganz verschwunden sind, und daß sich eine fortschreitende Ausmerzung der kleinen Unternehmer als Faktor des amerikanischen Lebens ergibt“, erklärt der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Staaten, Cummings, ein vom Marxismus weit entfernter Mann, den wir schon zitiert haben. Sombart aber wendet ein, „die allgemeine Konzentration, ungeachtet des Verschwindens der handwerklichen und bäuerlichen Klasse“, ist noch nicht eingetreten. Wie alle Theoretiker, begann Marx die grundlegenden Tendenzen in ihrer reinen Form zu isolieren; andernfalls wäre es gänzlich unmöglich gewesen, das Geschick der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu verstehen. Marx war indessen fähig, die Lebenserscheinungen im Lichte der konkreten Analyse zu sehen, als Produkt der Verkettung der verschiedenen historischen Faktoren. Die Newton’schen Gesetze werden durch die Tatsache, daß die Geschwindigkeit des Falls der Körper variiert gemäß den verschiedenen Bedingungen, oder daß die Bahn der Planeten diesen Variationen unterworfen ist, nicht entkräftet. Um das, was man die „Zählebigkeit“ der Mittelklasse nennt, zu verstehen, ist es gut, nicht zu übersehen, daß die zwei Tendenzen, – der Verfall der Mittelklassen und die Umwandlung dieser ruinierten Klassen in Proletarier, – sich weder gleichmäßig, noch in den selben Grenzen entwickeln. Aus dem wachsenden Übergewicht der Maschinen über die Arbeitskraft ergibt sich, wie weit der Verfall der Mittelklassen vorangeschritten ist, wie weit der Prozeß ihrer Proletarisierung vor sich geht; in der Tat kann dieser in einem gewissen Moment vollkommen aufhören und selbst zurückgehen.
In derselben Weise, wie das Wirken der physiologischen Gesetze in einem gesunden oder in einem verfallenden Organismus verschiedene Ergebnisse hervorbringt, bestätigen sich die ökonomischen Gesetze der marxistischen Ökonomie unterschiedlich in einem sich entwickelnden oder sich auflösenden Kapitalismus. Dieser Unterschied erscheint mit einer besonderen Klarheit in den wechselseitigen Beziehungen zwischen Stadt und Land. Die Landbevölkerung der Vereinigten Staaten, welche im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in einem viel langsameren Rhythmus anwächst, hat sich bis zum Jahre 1910 zahlenmäßig beständig vermehrt, dem Jahre wo sie 32 Millionen überschritt. Während der folgenden 20 Jahre fiel diese Zahl ungeachtet des rapiden Wachstums der Gesamtbevölkerung auf dem Lande auf 30,4 Millionen, das heißt, sie verminderte sich um 1,6 Millionen. Aber im Jahre 1935 stieg sie von neuem auf 32,8 Millionen, vermehrte sich also um 2,4 Millionen im Verhältnis zu 1930. Diese Umkehrung der Tendenz widerlegt, obgleich sie auf den ersten Blick überrascht, in keiner Weise weder die Tendenz der Stadtbevölkerung, sich auf Kosten der Landbevölkerung zu vermehren, noch die Tendenz der Mittelklassen, sich zu atomisieren, – aber gleichzeitig zeigt sie sehr treffend die Auflösung des kapitalistischen Systems in seiner Gesamtheit. Das Anwachsen der Landbevölkerung während der Periode der höchsten Krise von 1930–1935 erklärt sich einfach durch die Tatsache, daß ungefähr 2 Millionen Städter, oder genauer, 2 Millionen ausgehungerte Arbeitslose auf das Land, auf kleine, von Farmern verlassene Grundstücke oder auf die Farmen ihrer Eltern und Freunde flüchteten, um ihre von der Gesellschaft zurückgewiesene Arbeitskraft durch produktive Arbeit in der Naturalwirtschaft zu verwenden, um an Stelle einer ganz elenden Existenz eine halbelende zu führen.
In diesem Falle handelt es sich also nicht um die Stabilität der kleinen Farmer, Handwerker und Händler, sondern vielmehr um das schreckliche Elend ihrer Lage. Weit entfernt eine Garantie des Kommenden zu sein, ist die Mittelklasse eine unglückliche und tragische Spur der Vergangenheit. Außerstande, sie vollkommen verschwinden zu machen, drückt sie der Kapitalismus bis zum letzten Grad der Degradation und höchsten Not herab. Der Farmer sieht sich nicht allein des Verkaufes seines Stückchens Erde und des Profits seines investierten Kapitals beraubt, sondern auch eines guten Teiles seines Lohns. Auf dieselbe Art haben die kleinen Leute der Stadt nach und nach ihre Reserven aufgeknabbert und schlagen in eine Existenz um, die nicht viel besser ist als der Tod. Die Verarmung der Mittelklasse ist nicht der einzige Grund ihrer Proletarisierung. Es ist daher schwer, in dieser Tatsache ein Argument gegen Marx zu finden, außer man beschönigt den Kapitalismus.
Die industrielle Krise
Das Ende des letzten Jahrhunderts und der Beginn des gegenwärtigen waren durch einen derartig gigantischen Fortschritt des Kapitalismus gekennzeichnet. daß die zyklischen Krisen nicht mehr zu sein schienen als „zufällige“ Unannehmlichkeiten. Während der Jahre des nahezu allgemeinen kapitalistischen Optimismus versicherten uns die Kritiker Marx’s, daß die nationale und internationale Entwicklung der Trusts, Syndikate und Kartelle auf dem Markt eine geplante Kontrolle einleite und verkündeten den endgültigen Sieg über die Krisen. Nach Sombart sind die Krisen schon vor dem Krieg, durch den Mechanismus des Kapitalismus selbst „vertilgt“ worden, so daß das „Problem der Krisen uns heute nahezu gleichgültig läßt“. Jetzt, kaum zehn Jahre später, klingen diese Worte wie ein Scherz, weil sich gerade in unseren Tagen die Prophezeiung von Marx in ihrer ganzen tragischen Kraft verwirklicht. Es ist merkwürdig, daß sich die kapitalistische Presse anstrengt, das Monopol zu leugnen, aber zum selben Monopol Zuflucht nimmt, um die kapitalistische Anarchie zu leugnen. Wenn 60 Familien das ökonomische Leben der Vereinigten Staaten kontrollieren, bemerkt ironisch die New York Times, so erhärtet das, daß der amerikanische Kapitalismus, weit entfernt anarchisch und vom Fehlen eines Planes zu sein, – mit großer Sorgfalt organisiert ist. Diesem Argument fehlt der Sinn. Der Kapitalismus war bis zum Ende unfähig gewesen, eine einzige seiner Tendenzen voll zu entwickeln. Selbst die Konzentration des Kapitals konnte nicht die Mittelklassen, das Monopol nicht die Konkurrenz vernichten, sie konnten nichts als wie sie verdrängen, einengen und hinunterdrücken. Wie dem immer auch sei, dies ist der Plan, jeder der 60 Familien, deren verschiedene Varianten dieser Pläne sich nicht im mindesten kümmern um die Koordinierung der verschiedenen Zweige der Ökonomie, sondern vielmehr um das Anwachsen der Profite ihrer monopolistischen Clique auf Kosten der anderen Cliquen und der ganzen Nation. Der Zusammenstoß aller dieser Pläne vertieft im Endergebnis nur die Anarchie in der nationalen Wirtschaft. Die Krise brach 1929 in den Vereinigten Staaten aus, ein Jahr nachdem Sombart die vollkommene Gleichgültigkeit seiner „Wissenschaft“ zum Problem der Krise selbst proklamiert hatte. Wie nie zuvor war die Wirtschaft der Vereinigten Staaten vom Gipfel einer noch nicht da gewesenen Prosperität in den Abgrund schrecklicher Abzehrung gestürzt. Niemand aus der Zeit Marxens hätte ein derartiges Ausmaß dieser Zuckungen ersinnen können. Das nationale Einkommen der Vereinigten Staaten belief sich Im Jahre 1920 zum ersten Mal auf 69 Milliarden Dollar, um im folgenden Jahr auf 50 Milliarden (d.h. um 27%) zu fallen. Infolge menschlicher Arbeit stieg das nationale Einkommen 1929 auf seinen höchsten Punkt, das heißt auf 81 Milliarden Dollar, um im Jahr 1932 auf 40 Milliarden, also um mehr als die Hälfte zu fallen. Während der neun Jahre, 1930–1938 wurden annähernd 43 Millionen Jahre menschlicher Arbeit und 133 Milliarden Dollar an nationalem Einkommen verloren! Arbeit und Einkommen wurden auf der Basis der Zahlen von 1939 berechnet. Wenn das alles nicht Anarchie ist, was könnte dieses Wort sonst bedeuten?
Die Zusammenbruchstheorie
Die Gemüter der Intellektuellen der Mittelklasse und der Gewerkschaftsbürokraten waren fast gänzlich hypnotisiert von den Resultaten des Kapitalismus in der Epoche vom Tode Karl Marx’s bis zum Ausbruch des Weltkriegs. Die Idee der Evolution schien für immer gesichert zu sein, während die Idee der Revolution als ein Weg der Barbarei betrachtet wurde. Der Prophezeiung Marx’s stellte man die gegenteilige Prophezeiung einer besser angeglichenen Verteilung des nationalen Einkommens durch die Milderung der Klassengegensätze und durch eine stufenweise Reform der kapitalistischen Gesellschaft entgegen. Jean Jaurès, der begabteste Sozialdemokrat dieser klassischen Epoche, hoffte, der politischen Demokratie wieder sozialen Inhalt zu geben. Darin besteht das Wesen des Reformismus. Dies war die Marx entgegengestellte Prophezeiung. Was ist von ihr übrig geblieben? Das Leben des Monopolkapitalismus ist eine Kette von Krisen. Jede Krise ist eine Katastrophe. Der Wunsch, diesen Katastrophen teilweise mit den Mitteln befestigter Grenzen, Inflation, Anwachsen der Staatsausgaben, Zoll, etc. zu entgehen, bereitet das Gebiet für neue, tiefere und ausgedehntere Krisen vor. Der Kampf um die Märkte, die Rohstoffe, um die Kolonien, macht die militärische Katastrophe unvermeidlich. Dies alles bereitet unausweichlich revolutionäre Katastrophen vor. Es ist wahrhaft nicht leicht, mit Sombart gelten zu lassen, daß der Kapitalismus mit der Zeit mehr und mehr „still, ruhig, vernünftig“ wird. Es wird richtiger sein zu sagen, dass er auf dem Weg ist, seine letzten Spuren von Vernunft zu verlieren. Auf alle Fälle gibt es keinen Zweifel. daß die Zusammenbruchstheorie über die Theorie der friedlichen Entwicklung triumphiert hat.
Der Verfall des Kapitalismus
Wenn die Kontrolle der Produktion durch den Markt die Gesellschaft viel gekostet hat, ist es nicht weniger wahr, dass die Menschheit bis zu einer bestimmten Etappe, an- nähernd bis zum ersten Weltkrieg, sich durch alle Teil- und allgemeinen Krisen schob, bereicherte und entwickelte. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln war in dieser Epoche ein relativ fortschrittlicher Faktor. Heute erweist sich die blinde Kontrolle durch das Wertgesetz als unbrauchbar. Der menschliche Fortschritt steckt in einer Sackgasse.
Trotz der letzten Triumphe der Technik wachsen die natürlichen Produktivkräfte nicht an. Das klarste Symptom des Verfalls ist der weltumfassende Stillstand, welcher in der Bauindustrie herrscht, als Folge des Stopps der Investitionen in die fundamentalen Zweige der Industrie. Die Kapitalisten sind nicht mehr im Stande, an die Zukunft ihres eigenen Systems zu glauben. Der Anreiz zur Bautätigkeit durch den Staat bedeutet eine Vermehrung der Steuern und spontane Verminderung des nationalen Einkommens, vor allem deshalb, weil der größte Teil der staatlichen Investitionen direkt für Kriegszwecke bestimmt ist.
Der Niedergang hat insbesondere in der Sphäre der ältesten menschlichen Tätigkeit, welche aufs engste mit den fundamentalen Lebensbedürfnissen des Menschen verbunden ist, einen degradierenden Charakter angenommen – in der Landwirtschaft. Nicht zufrieden mit dem Hindernis, welches das Privateigentum in seiner reaktionärsten Form, jener des kleinbürgerlichen Eigentums, vor die Entwicklung der Landwirtschaft stellte, sehen sich die kapitalistischen Staaten immer häufiger genötigt, sie mittels gesetzlicher und administrativer Maßnahmen, gleich jenen, welche die Handwerker von den Zünften in der Epoche ihres Verfalls abgeschreckt hatten, künstlich zu begrenzen.
Die Geschichte zeigt, daß die Regierungen der mächtigsten kapitalistischen Länder den Bauern Prämien geben, damit sie ihre Pflanzungen reduzieren, das heißt künstlich, das schon fallende Nationaleinkommen zu vermindern. Die Ergebnisse sprechen für sich selbst : Trotz grandioser Produktionsmöglichkeiten, Ergebnis von Erfahrung und Wissenschaft, macht sich die Agrarwirtschaft nicht frei von einer Krise der Fäulnis, während die Zahl der Ausgehungerten des größten Teils der Menschheit, anhaltend viel schneller anwächst, als die Bevölkerung unseres Planeten. Die Konservativen sehen die Verteidigung einer sozialen Ordnung, die bis zu einem gewissen Grade destruktivem Wahnsinn verfallen ist, als gefühlsmäßige, humanitäre Politik an und verurteilen den sozialistischen Kampf gegen einen solchen Wahnsinn als destruktiven Utopismus.
Faschismus und New Deal
Zwei Methoden rivalisieren auf der Weltarena, um den historisch verurteilten Kapitalismus zu retten : Der Faschismus und der New Deal. Der Faschismus gründet sein Programm auf die Auflösung der Arbeiterorganisationen, auf die Zerstörung sozialer Reformen und auf die komplette Annullierung der demokratischen Rechte, um eine Wiedergeburt des Klassenkampfes zu verhindern. Der faschistische Staat legalisiert offiziell die Degradation der Arbeiter und die Verarmung der Mittelklassen im Namen des „Heils der Nation“ und der „Rasse“, dünkelhafte Worte, hinter welchen sich der verfallende Kapitalismus verbirgt. Die Politik des New Deal, welche sich in Übereinstimmung mit der Arbeiter- und Farmeraristokratie, diese privilegierend, anstrengt, die imperialistische Demokratie zu retten, ist in ihrer breitesten Anwendung nur für sehr reiche Nationen anwendbar und in diesem Sinne echt amerikanische Politik. Die amerikanische Regierung hat versucht einen Teil der Kosten dieser Politik auf die Schultern der Trustherren abzuwälzen, mit dem Versuch die Löhne zu erhöhen und den Arbeitstag zu verkürzen, um so die Kaufkraft der Bevölkerung zu steigern und die Produktion zu entwickeln. Léon Blum versuchte diese Predigt in die französische Elementarschule zu übertragen. Vergeblich! Der französische wie der amerikanische Kapitalist produziert nicht aus Liebe zur Produktion, sondern für den Profit. Er ist immer bereit, die Produktion einzuschränken, selbst Waren zu zerstören, wenn sein eigener Teil des nationalen Einkommens keinen Zuwachs aufweist.
Am unbeständigsten ist das Programm des New Deal darin, daß es einerseits an die kapitalistischen Magnaten Predigten auf die Vorteile der Teuerung hält, und daß andererseits die Regierung Prämien verteilt, um die Produktion zu senken. Kann man sich eine größere Konfusion vorstellen? Die Regierung verwirrt ihre Kritiker mit der Herausforderung : Könnt ihr es besser machen? Der Sinn aus all dem ist der, daß die Lage auf der Basis des Kapitalismus hoffnungslos ist. Seit Ende 1933, d.h. während der letzten sechs Jahre, haben die Bundesregierung, die Bundesstaaten und die Städte an die Arbeitslosen nahezu 15 Milliarden Dollar an Unterstützung verteilt, eine an sich ungenügende Summe, welche kaum die Hälfte der verlorenen Löhne repräsentiert, aber gleichzeitig eine kolossale Summe, wenn man die Verminderung des Nationaleinkommens betrachtet. Im Laufe des Jahres 1938, das ein Jahr der relativen Wiedergeburt der Wirtschaft wurde, vermehrte sich die Schuld der Vereinigten Staaten um 2 Milliarden Dollar und betrug 38 Milliarden, d.h., daß sie den höchsten Punkt zu Ende des ersten Weltkriegs um 12 Milliarden überschritt.
Zu Beginn 1939 überschritt sie 40 Milliarden. Und nachher? Das Anwachsen der nationalen Schuld ist unzweifelhaft eine Last für die künftigen Generationen. Aber der New Deal ist nur möglich auf Grund des kolossalen akkumulierten Vermögens der vorangegangenen Generationen. Nur eine sehr reiche Nation konnte sich eine derart extravagante Politik erlauben. Aber, auch eine derartige Nation kann nicht unbegrenzt fortfahren, auf Kosten vergangener Generationen zu leben. Die Politik des New Deal mit ihren Scheinresultaten und dem wirklichen Anwachsen der nationalen Schuld muß unweigerlich zu einer blutdürstigen kapitalistischen Reaktion und einer verheerenden Explosion des Imperialismus führen. Mit anderen Worten, sie führt zu dem gleichen Ergebnis wie die Politik des Faschismus.
Anomalie oder Norm?
Der Staatssekretär des Inneren der Vereinigten Staaten, Harold Ickes, betrachtet die Tatsache, daß Amerika seiner Form nach demokratisch, seinem Inhalt nach autokratisch ist, als eine sonderbare Anomalie der Geschichte: „Amerika, das Land in dem die Mehrheit regiert, wurde zumindest bis zum Jahre 1933 (!) durch die Monopole kontrolliert, welche auf ihre Art von einer kleinen Anzahl von Aktionären kontrolliert werden.“ Das Urteil ist korrekt, mit Ausnahme der Zuflüsterung Roosevelts, daß die Herrschaft des Monopols aufgehört oder sich abgeschwächt hat. Indessen ist das, was Ickes „eine der sonderbarsten Anomalien der Geschichte“ nennt, in der Tat die unbestreitbare Norm des Kapitalismus. Die Beherrschung der Schwachen durch die Starken, der viel größeren Zahl durch einige wenige, der Arbeiter durch die Ausbeuter, ist ein fundamentales Gesetz der bürgerlichen Demokratie. Was die Vereinigten Staaten von den anderen Ländern unterscheidet, ist einzig der weit größere Raum, und die größere Ungeheuerlichkeit der kapitalistischen Widersprüche, Fehlen der feudalen Vergangenheit, immense natürliche Hilfsquellen, ein energisches und unternehmendes Volk, mit einem Wort, alle jene Bedingungen, die eine ununterbrochene demokratische Entwicklung ankündigten, haben in der Tat eine phantastische Konzentration des Reichtums erzeugt. Uns versprechend, diesmal den Kampf gegen die Monopole bis zum Sieg zu führen, nimmt Ickes unvorsichtiger Weise Thomas Jefferson, Andrew Jackson, Abraham Lincoln, Roosevelt und Woodrow Wilson zu Zeugen, als Vorläufer von Franklin Roosevelt. „Alle unsere großen historischen Gestalten“, sagte er am 30. Dezember 1937, „sind gekennzeichnet durch ihren hartnäckigen, mutigen Kampf für die Verhinderung der Kontrolle durch den Reichtum und dessen Überkonzentration, sowie gegen die Konzentration der Macht in wenigen Händen.“ Aber es zeigen seine eigenen Worte, daß das Ergebnis dieses „hartnäckigen und mutigen Kampfes“ die vollkommene Beherrschung der Demokratie durch die Plutokratie ist.
Aus einem unerklärlichen Grunde denkt Ickes, daß dieses Mal der Sieg gesichert ist, vorausgesetzt, daß das Volk versteht, daß der „Kampf“ sich nicht zwischen dem New Deal und den mittleren Unternehmern abspielt, sondern zwischen dem New Deal und den „60 Familien“, welche trotz Demokratie und den Anstrengungen der „größten historischen Gestalten“, ihre Herrschaft über den Rest der mittleren Unternehmer aufgerichtet haben. Die Rockefellers, die Morgans, die Mellons, die Vanderbilts, die Guggenheims, die Fords und Co. sind nicht von außen in die Vereinigten Staaten eingedrungen, wie Cortez in Mexiko, sie sind organisch aus dem „Volk“, oder genauer gesagt, aus der Klasse der „industriellen und mittleren Geschäftsleute“ hervorgegangen und repräsentieren heute, gemäß Marx’ens Voraussage, den natürlichen Gipfelpunkt des Kapitalismus. Wenn eine junge und starke Demokratie in ihren besten Tagen nicht im Stande gewesen ist, der Konzentration des Reichtums Einhalt zu gebieten, solange dieser Prozeß noch an seinem Beginn war, ist es da möglich, auch nur eine Minute zu glauben, daß eine absteigende Demokratie imstande sein sollte, die Antagonismen der Klassen, welche ihre äußerste Zuspitzung erreicht haben, abzuschwächen? Es steht fest, daß die Erfahrungen des New Deal keinerlei Grund für irgendwelchen Optimismus geben.
Die Anklage der Schwerindustrie zurückweisend, hat R.H. Jackson, ein in den administrativen Sphären hochgestellter Mann, sich auf Zahlen stützend, bewiesen, daß die Profite der Kapitalmagnaten unter der Präsidentschaft Roosevelts eine Höhe erreicht haben, von welcher sie während der Präsidentschaft Hoovers zu träumen aufgehört hatten, was auf alle Fälle zeigt, daß der Kampf Roosevelts gegen die Monopole von keinem viel größeren Erfolg gekrönt war als der seiner Vorgänger.
Zurück in die Vergangenheit
Man kann mit Professor L.S. Douglas, dem ehemaligen Budget-Direktor der Administration Roosevelts, nur übereinstimmen, wenn er die Regierung verurteilt, weil sie die Monopole auf einem Gebiet „attackiert“ und auf vielen anderen ermutigt. Es kann indessen in Wirklichkeit, nicht anders sein: Nach Marx „ist die Regierung der geschäftsführende Ausschuß der herrschenden Klasse.“ Diese Regierung kann nicht dermaßen gegen die Monopole im allgemeinen kämpfen, das heißt, gegen die Klasse, mit deren Willen sie regiert.
Während sie bestimmte Monopole attackiert, ist die Regierung genötigt, Verbündete in anderen Monopolen zu suchen. In Allianz mit den Banken und der Leichtindustrie kann sie gelegentlich einen Schlag gegen die Trusts der Schwerindustrie führen, die deshalb nicht aufhören, unterdessen phantastische Gewinne zusammenzuraffen.
Lewis Douglas opponiert nicht der offiziellen Scharlatanerie der Wissenschaft. Er sieht die Quelle des Monopols nicht im Kapitalismus, sondern im Protektionismus und zieht den Schluß, daß das Heil der Gesellschaft nicht in der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, sondern in der Herabsetzung der Zolltarife zu suchen sei. „Solange die Freiheit der Märkte nicht wieder hergestellt ist“, predigt er, „ist zu bezweifeln, ob die Freiheit der Institutionen, Unternehmen, des Wortes, der Erziehung, der Religion weiter bestehen kann.“ Mit anderen Worten: Wenn man nicht die Freiheit des internationalen Handels wiederherstellt, muß die Demokratie überall und in dem Maße, wie sie überlebt ist, den Platz an eine revolutionäre oder faschistische Diktatur abtreten. Aber die internationale Handelsfreiheit ist undenkbar bei Herrschaft des Monopols. Unglücklicherweise hat sich, Douglas, genau wie Ickes, wie Jackson, wie Cummings und wie Roosevelt selbst, nicht die Mühe gegeben, uns seine eigenen Heilmittel gegen den Monopolkapitalismus und folglich gegen eine Revolution oder ein totalitäres Regime zu zeigen.
Die Handelsfreiheit, sowie die Freiheit der Konkurrenz, der Wohlstand der Mittelklassen, gehören der Vergangenheit an. Uns wieder die Vergangenheit zurückzubringen, ist heute das einzige Heilmittel, der demokratischen Reformisten des Kapitalismus: Wiedererlangen von mehr „Freiheit“ für die kleinen und mittleren Industriellen und Unternehmer. Änderung des Geld- und Kreditsystems zu ihren Gunsten, den Markt von der Herrschaft der Trusts befreien, die Börse, die Berufsspekulanten abschaffen, die internationale Handelsfreiheit wiederaufrichten und so fort in unendlicher Folge. Die Reformisten träumen selbst davon, die Benützung der Maschinen zu begrenzen und ein Verbot auf die Technik zu legen, die das soziale Gleichgewicht stört und zahllose Umwälzungen verursacht.
Die Gelehrten und der Marxismus
In einem am 7. Dezember 1937 gehaltenen Vortrag für die Verteidigung der Wissenschaft machte Dr. Robert Millikan, einer der besten Physiker Amerikas, folgende Bemerkung: Die Statistiken der Vereinigten Staaten zeigen, daß der Prozentsatz der Bevölkerung, welcher „lukrativ arbeitet, während der letzten 50 Jahre, während welcher die Wissenschaft am erfolgreichsten gewesen ist, nicht aufgehört hat, sich zu vergrößern“.
Diese Verteidigung des Kapitalismus in Form einer Verteidigung der Wissenschaft, kann nicht als sehr glücklich betrachtet werden. Gerade während des letzten halben Jahrhunderts hat sich die Wechselwirkung zwischen der Ökonomie und Technik tief geändert. Die Periode, von der Millikan spricht, umfaßt sowohl den Beginn des Verfalls des Kapitalismus als auch den Höhepunkt des kapitalistischen Wohlstands. Den Beginn dieses Verfalls, der weltumfassend ist, zu verhüllen, bedeutet, sich zum Apologeten des Kapitalismus machen. Mit Argumenten, welche selbst eines Henry Ford kaum würdig sind, den Sozialismus ungezwungen verwerfend, sagt uns Dr. Millikan, daß ohne Hebung des Produktionsniveaus kein Verteilungssystem die Bedürfnisse der Menschen zufrieden stellen kann. Das ist unbestreitbar, aber es ist bedauerlich, daß der gefeierte Physiker den Millionen amerikanischer Arbeitslosen nicht erklärt hat, w i e sie an der Vermehrung des nationalen Einkommens teilnehmen könnten. Die Predigten auf die wunderbare Gnade der individuellen Initiative und auf die Höchstproduktion der Arbeit, verschaffen den Arbeitsuchenden bestimmt keine Arbeit, stoppen nicht das Fortschreiten des Budgetdefizites und bringen die nationale Wirtschaft nicht aus der Sackgasse.
Was Marx auszeichnet, ist die Universalität seines Genies, seine Fähigkeit, die Erscheinungen und den dazugehörigen Prozess auf den verschiedenen Gebieten in ihrem inneren Zusammenhang zu begreifen. Ohne Spezialist der Naturwissenschaften zu sein, war er einer der ersten, der die Bedeutung der großen Entdeckungen auf diesem Gebiet zu schätzen wußte, so z.B. die Theorie des Darwinismus. Was Marx diesen Vorrang sicherte, war vor allem seine Methode. Die von den Ideen der Bourgeoisie durchdrängten Wissenschaftler können glauben, sie stünden turmhoch über dem Sozialismus. Aber der Fall Robert Millikans ist vor allem eine Bestätigung der Tatsache, daß sie auf dem Gebiet der Soziologie nur hoffnungslose Scharlatane sind.
Die Möglichkeiten der Produktion und das Privateigentum
In seiner Botschaft an den Kongreß zu Beginn des Jahres 1937 drückte Roosevelt den Wunsch aus, das nationale Einkommen auf 90 oder 100 Milliarden Dollar zu erhöhen, ohne aber anzuzeigen, wie er das zustande bringen will. Dieses Programm ist an sich außerordentlich bescheiden. Im Jahre 1929 erreichte das nationale Einkommen 81 Milliarden, während es ungefähr zwei Millionen Arbeitslose gab. Die Aktivierung der tatsächlichen Produktivkräfte würde genügen, nicht nur das Programm Roosevelts zu verwirklichen, sondern es sogar beträchtlich zu überschreiten. Maschinen, Rohmaterial, Arbeitskraft, nichts fehlt – selbst nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung. Trotz alle dem ist dieser Plan nicht zu verwirklichen. Der einzige Grund dafür ist der hemmende Antagonismus, der sich zwischen dem kapitalistischen Eigentum und dem Bedürfnis der Gesellschaft nach einer steigenden Produktion entwickelt. Die berüchtigte Nationale Kontrolle der Produktionskapazität, unter der Gönnerschaft der Regierung, kam zu der Schlußfolgerung, daß sich die Gesamtkosten der Produktion und des Transportes im Jahre 1929, auf Basis der Detailpreise errechnet, auf ungefähr 94 Mrd. erhöhten. Wenn indessen alle Möglichkeiten der Produktion wirklich ausgenützt worden wären, so würde sich diese Ziffer auf 135 Milliarden erhöhen, was durchschnittlich 4.370 Dollar pro Jahr und Familie ergeben würde, eine Summe, die ein anständiges, komfortables Leben sichern würde. Es muß hinzugefügt werden, daß die Kalkulation der „Nationalen Kontrolle“ auf der gegebenen Organisation der Produktion der Vereinigten Staaten beruhen, auf jener, zu der sie die anarchische Geschichte des Kapitalismus gemacht hat. Wenn diese Organisation auf dem Boden eines einheitlichen sozialistischen Planes reorganisiert würde, so könnten die Produktionsziffern beträchtlich überschritten werden und der ganzen Welt würde ein hoher Lebensstandard sowie Komfort auf Grundlage einer außerordentlich kurzen Arbeitszeit gesichert sein.
Um die Gesellschaft zu retten, ist es weder notwendig, die Entwicklung der Technik aufzuhalten, Fabriken zu schließen, Prämien für die Farmer festzusetzen, um die Landwirtschaft zu sabotieren, ein Drittel der Arbeiter in Bettler zu verwandeln, noch einen Appell an wahnsinnige Diktatoren zu machen. Alle diese Maßregeln, entschieden die Interessen der Gesellschaft gefährdend, sind unnötig. Unbedingt nötig ist die Trennung der Produktionsmittel von ihren parasitären Besitzern und die Organisation der Gesellschaft nach einem rationalen Plan. Dann erst wird es möglich sein, die Gesellschaft wirklich von ihren Übeln zu heilen. Alle, die arbeiten können, werden Arbeit finden. Die Länge des Arbeitstages wird stufenweise vermindert werden. Die Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft werden mehr und mehr befriedigt werden. Die Worte „Armut“, „Krise“, „Ausbeutung“ werden aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Die Menschheit wird endlich die Schwelle zur wahren Menschlichkeit überschreiten.
Die Unvermeidlichkeit des Sozialismus
„Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten“, sagt Marx, „wächst die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse: Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Enteigner werden enteignet.“ Das ist die sozialistische Revolution. Das Problem der Rekonstruktion der Gesellschaft bringt für Marx keine durch eine persönliche Vorliebe motivierten Vorschriften hervor; sie resultiert als historische, unerbittliche Notwendigkeit, einerseits aus dem Anwachsen der Produktivkräfte bis zu Ihrer vollen Reife, andererseits aus der Unmöglichkeit der Weiterentwicklung dieser Produktivkräfte unter der Herrschaft des Wertgesetzes.
Die Auslassungen bestimmter Intellektueller, nach welchen, trotz der Schule von Marx, der Sozialismus nicht unvermeidlich, sondern nur möglich ist, entbehrt jeden Sinnes. Es ist klar, daß Marx niemals sagen wollte, daß sich der Sozialismus ohne bewußte Intervention der Menschen verwirklichen läßt: eine derartige Idee ist einfach absurd.
Marx hat gelehrt, daß, um aus der ökonomischen Katastrophe herauszukommen, zu welcher die kapitalistische Entwicklung unweigerlich führen muß – und diese Katastrophe vollzieht sich vor unseren Augen – kein anderer Ausweg bleibt, als die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Produktivkräfte benötigen einen neuen Organisator und einen neuen Herrn und, das Sein bestimmt das Bewußtsein, Marx bezweifelte nicht, daß die Arbeiterklasse, selbst um den Preis von Irrtümern und Rückschlägen, dazu gelangen wird, der Situation gerecht zu werden und früher oder später die praktischen Schlußfolgerungen zu ziehen, die sich aufdrängen.
Daß die Vergesellschaftung der von den Kapitalisten geschaffenen Produktionsmittel einen enormen ökonomischen Vorteil bietet, kann man heute nicht allein in der Theorie, sondern auch durch die Erfahrungen in der UdSSR, trotz ihrer Begrenztheit, als erwiesen ansehen. Es ist wahr, daß sich die kapitalistischen Reaktionäre nicht ohne Geschicklichkeit des stalinistischen Regimes gleich einer Vogelscheuche gegen die Idee des Sozialismus bedienen. Tatsächlich hat Marx jedoch niemals gesagt, daß sich der Sozialismus in einem Lande verwirklichen lasse und noch viel weniger In einem rückständigen Land. Die Entbehrungen, denen die Massen in der UdSSR ausgesetzt sind, die Allgewalt der privilegierten Kaste, die sich über die Nation und ihre Not erhoben hat, die unverschämte Willkür der Bürokraten ist nicht die Konsequenz des Sozialismus, sondern die der Isoliertheit und der historischen Rückständigkeit der UdSSR, die von der kapitalistischen Einkreisung in die Zange genommen ist. Das Erstaunlichste ist, daß es der planifizierten Wirtschaft auch unter außergewöhnlich ungünstigen Bedingungen gelungen ist, ihre unbestreitbare Überlegenheit zu beweisen.
Alle Retter des Kapitalismus, demokratischer wie faschistischer Art, bemühen sich, die Macht der Kapitalmagnaten zu begrenzen oder zumindestens zu verbergen, letzten Endes die „Enteignung der Enteigner“ zu verhindern. Sie alle anerkennen, und gewisse unter ihnen geben das offen zu, daß die Niederlage ihrer reformistischen Versuche unweigerlich zur sozialistischen Revolution führen muß. Es ist Ihnen allen gelungen zu zeigen, daß Ihre Methoden zur Rettung des Kapitalismus nichts sind als reaktionäre und machtlose Scharlatanerie. Marxens Voraussage über die Unvermeidlichkeit des Sozialismus wird so durch die Absurdität bestätigt.
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Die Propaganda der „Technokratie“, die in der Periode der großen Krise von 1929–1932 blühte, stützte sich auf die richtige Prämisse, daß die Wirtschaft nur durch die Verbindung mit der Technik auf die Höhe der Wissenschaft gehoben, mit dem in den Dienst der Gesellschaft gestellten Staat rationalisiert werden kann. Hier beginnt die große revolutionäre Aufgabe. Um die Technik aus dem Ränkespiel der Privatinteressen zu befreien und den Staat in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, muß man die „Enteigner enteignen“. Nur eine kräftige, an ihrer eigenen Befreiung interessierte und den kapitalistischen Enteignern entgegengesetzte Klasse kann diese Aufgabe lösen. Nur in Verbindung mit einem proletarischen Staat kann die qualifizierte Schicht der Techniker eine wirklich wissenschaftliche, wirklich rationale, das heißt sozialistische Wirtschaft aufbauen. Natürlich würde das beste sein, dieses Ziel auf dieses Ziel auf friedlichem, schrittweisem, demokratischen Weg zu erreichen. Aber die soziale Ordnung, die sich selbst überlebt hat, tritt niemals ohne Widerstand ihren Platz an ihren Nachfolger ab. Wenn die junge und kräftige Demokratie sich als unfähig erwies, das Wuchern des Reichtums und die Macht der Plutokratie zu verhindern, ist es da möglich zu hoffen, daß die senile und verwüstete Demokratie sich fähig zeigt, eine soziale Ordnung, die auf der schrankenlosen Vorherrschaft von 60 Familien fußt, umzuformen? Die Theorie und die Geschichte lehren, daß die Ersetzung einer sozialen Ordnung durch eine andere, höhere, die höchstentwickelte Form des Klassenkampfes voraussetzt, d.h. die Revolution. Selbst die Sklaverei in den Vereinigten Staaten konnte nicht ohne Bürgerkrieg abgeschafft werden. „Die Gewalt ist die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht“. Noch niemand ist imstande gewesen, Marx in diesem fundamentalen Prinzip der Soziologie der Klassengesellschaft zu widerlegen. Einzig die sozialistische Revolution kann die Bahn zum Sozialismus freilegen.
Der Marxismus in den Vereinigten Staaten
Die nordamerikanische Republik ist auf dem Gebiet der Technik und Organisation der Produktion den anderen Ländern weit voraus. Es ist nicht allein Amerika, sondern die ganze Menschheit, welche auf diesen Grundlagen weiterbauen wird. Die verschieden Phasen des sozialen Prozesses in einer und derselben Nation folgen indessen verschiedenen Rhythmen, die von bestimmten historischen Bedingungen abhängig sind. Während die Vereinigten Staaten auf dem Gebiete der Technik ein grandioses Übergewicht haben, bleibt das ökonomische Denken dieses Landes ,sowohl nach rechts, wie nach links, außerordentlich zurück. John L. Lewis hat annähernd dieselben Gesichtspunkte wie Roosevelt. Wenn man die Natur seiner Funktion in Rechnung zieht, ist die von Lewis ungleich konservativer, um nicht zu sagen reaktionärer als jene Roosevelts. In bestimmten amerikanischen Kreisen ist eine Neigung vorhanden, diese oder jene revolutionäre Theorie ohne die mindeste wissenschaftliche Kritik der Einfachheit halber als „unamerikanisch“ zu verwerfen. Aber wo können sie das Kriterium finden, welches erlaubt zu unterscheiden, was amerikanisch ist, und was nicht amerikanisch ist? Das Christentum wurde zur selben Zeit in die amerikanischen Staaten eingeführt wie die Logarithmen, die Poesie Shakespeares, die Begriffe der Menschen- und Bürgerrechte und bestimmte andere, nicht unwichtige Erzeugnisse des menschlichen Denkens. Heute findet sich der Marxismus in der selben Kategorie. Der amerikanische Staatssekretär für Landwirtschaft, H.A. Wallace, hat dem Autor dieser Zeilen „eine dogmatische Beschränktheit, im höchsten Maße unamerikanisch“ zugeschrieben und stellt dem „russischen Dogmatismus“ den opportunistischen Geist Jeffersons entgegen, der mit seinem Gegner zu verhandeln wußte. Augenscheinlich ist es Wallace niemals in den Sinn gekommen, daß eine Kompromißpolitik nicht der Ausdruck eines nationalen, immateriellen Geistes ist, sondern ein Produkt der materiellen Bedingungen. Eine Nation, deren Reichtum rapid wächst, hat genügend Reserven, um die Klassen und die feindlichen Parteien zu versöhnen. Wenn sich dagegen die sozialen Gegensätze verschärfen, so heißt das, daß die Basis, der Kompromißpolitik dahinschwindet. Wenn die Amerikaner „dogmatische“ Beschränktheit nicht gekannt haben, so deshalb, weil sie über einen großen Überfluß an jungfräulichem Boden und unerschöpfliche Quellen natürlichen Reichtums verfügten und auch, schien es, die Möglichkeit unbegrenzter Bereicherung zu geben. Indessen verhinderte der Kompromißgeist, selbst unter diesen Bedingungen, nicht den Bürgerkrieg, als seine Stunde schlug. Alles in allem rücken heute die materiellen Bedingungen, welche die Basis des „Amerikanismus“ formen, immer mehr in den Bereich der Vergangenheit. Daher die schwere Krise der traditionellen amerikanischen Ideologien. Das empirische Denken, auf die Zusammenfassung der unmittelbaren Aufgaben beschränkt, scheint sowohl in Arbeiter als auch in Bourgeoisiekreisen zu genügen, obgleich schon lange das Wertgesetz von Marx das Denken eines jeden ergänzte. Aber heute erzeugt dieses Gesetz selbst eine entgegengesetzte Wirkung. Anstatt die Ökonomie zu fördern, ruiniert es ihre Grundlagen. Das versöhnliche eklektische Denken, mit seiner feindlichen und verachtenden Stellung gegen den als „Dogma“ betrachteten Marxismus und mit seinem philosophischen Ausdruck, dem Pragmatismus, wird absolut unangemessen, immer unbeständiger, reaktionär und lächerlich. Im Gegenteil, die traditionellen Ideen des Amerikanismus sind ein Dogma ohne Leben geworden, sind versteinert, nur Irrtümer und Konfusion erzeugend. In der selben Zeit hat die ökonomische Lehre von Marx ein günstiges Terrain gefunden und in den Vereinigten Staaten ein speziell passendes. Obgleich das Kapital in seinen theoretischen Grundlagen auf internationalem Material ruht, vor allem auf englischem, ist es eine Analyse des reinen Kapitalismus, des Kapitalismus als solchem. Unzweifelhaft ist der Kapitalismus, der auf dem jungfräulichen Boden Amerikas und ohne Geschichte gewachsen ist, dem Idealtyp des Kapitalismus sehr nahe. Zum Verdruß von Mr. Wallace hat sich Amerika wirtschaftlich nicht nach den Prinzipien Jeffersons entwickelt, sondern nach den Gesetzen von Marx. Es ist nicht sehr beleidigend für den nationalen Stolz, zuzugeben, daß sich Amerika gemäß den Gesetzen des Kopernikus um die Sonne dreht. Das Kapital gibt eine genaue Diagnose der Krankheit und eine unersetzliche Prognose. In dieser Richtung ist die Lehre von Marx viel mehr vom neuen „Amerikanismus“ durchdrungen als die Ideen von Hoover und Roosevelt, oder Green und Lewis.
Es ist wahr, daß in den Vereinigten Staaten eine originelle Literatur, den Krisen der amerikanischen Wirtschaft gewidmet, sehr verbreitet ist. Im dem Maße, wie die Ökonomen gewissenhaft ein objektives Bild der zerstörerischen Tendenzen des amerikanischen Kapitalismus zeichnen, erscheinen die Ergebnisse ihrer Forschungen, wie direkte Illustrationen zur Lehre von Marx. Die konservative Tradition dieser Autoren scheint indessen auf, wenn sie mit Starrsinn richtige Schlußfolgerungen abweisen, borniert zu nebulösen Prophezeihungen oder moralischen Banalitäten flüchten wie: „Das Land muß verstehen, daß …“, „die öffentliche Meinung muß ernstlich erwägen …“ usw. Ihre Bücher gleichen Messern ohne Klingen.
Die Vereinigten Staaten haben in der Vergangenheit Marxisten gehabt, das ist wahr, aber das waren Marxisten eines eigenartigen Typs, oder besser dreier Typen. An erster Stelle waren es aus Europa vertriebene Emigranten, die taten, was sie konnten, denen es aber nicht gelang ein Echo zu finden. An zweiter Stelle gab es amerikanische Gruppen, isoliert wie die Leonisten, welche im Laufe der Ereignisse und in Folge ihrer eigenen Fehler sich in Sekten verwandelten. An dritter Stelle gab es Dilettanten, die, von der Oktoberrevolution angezogen, mit dem Marxismus, gleich einer ausländischen Lehre, welche mit den Vereinigten Staaten nichts gemein hat, sympatisierten. Diese Epoche ist vorbei. Heute beginnt eine neue Epoche, die der unabhängigen Klassenbewegung des Proletariats und damit die Epoche des wahren Marxismus. Auch auf diesem Gebiete wird Amerika Europa mit einigen Sprüngen einholen und es überholen. Seine fortschrittliche Technik und seine fortschrittliche ökonomische Struktur wird sich einen Weg in das Gebiet der Doktrin bahnen. Die besten Theoretiker des Marxismus werden auf amerikanischem Boden erscheinen. Marx wird der Führer der amerikanischen Arbeiter, ihrer Avantgarde werden. Für sie wird der dargestellte Auszug des ersten Bandes des Kapitals nur der erste Schritt zum vollständigen Studium von Marx sein.
Der ideale Spiegel des Kapitalismus
In der Epoche, wo der erste Band des „Kapital“ veröffentlicht wurde, war die Weltherrschaft der englischen Bourgeoisie noch unbestritten. Die abstrakten Gesetze der Warenwirtschaft fanden natürlicherweise ihre vollkommenste Bestätigung in den Ländern, in denen der Kapitalismus seine höchste Entwicklung erreicht hatte, das heißt, die am wenigsten den Einflüssen der Vergangenheit unterworfen waren. So sehr Marx sich für seine Analyse auf England gestützt hat, hatte er nicht nur England, sondern die ganze kapitalistische Welt im Auge. Er hat das England seiner Zeit als besten Spiegel des Kapitalismus jener Epoche genommen.
Heute bleibt nur eine Erinnerung der britischen Hegemonie. Die Vorteile der kapitalistischen Erstgeburt haben sich in Nachteile verwandelt. Die technische und ökonomische Struktur Englands ist unbrauchbar geworden. Das Land bleibt hinsichtlich seiner Weltposition eher abhängig von seinem Kolonialreich, dem Erbe der Vergangenheit, als von seinem aktiven ökonomischen Potential. Das erklärt nebenbei die von Chamberlain geschaffene Nächstenliebe, welche die Welt wahrhaft in Erstaunen versetzt hat. Die englische Bourgeoisie kann sich nicht zurückziehen, sie weiß, daß ihr ökonomischer Verfall zur Gänze mit ihrer Position in der Weit unvereinbar geworden ist, und daß ein neuer Krieg den Fall des britischen Empire herbeizuführen droht. Die ökonomische Grundlage des „Pazifismus“ Frankreichs ist im wesentlichen von der selben Natur.
Deutschland hat dagegen für seinen rapiden kapitalistischen Aufstieg die Vorteile seiner historischen Rückständigkeit benutzt, um sich mit der vollkommensten Technik Europas auszurüsten. Nur über eine national beschränkte Grundlage und wenige natürliche Hilfsquellen verfügend, wandelte sich die kapitalistische Dynamik Deutschlands mit Notwendigkeit zu einem explosiven, außerordentlich kräftigen Faktor im Gleichgewicht der Weltkräfte. Die epileptische Ideologie Hitlers ist nichts anderes als der Reflex der Epilepsie des deutschen Kapitalismus.
Abgesehen von den zahlreichen, unschätzbaren Vorteilen ihres historischen Charakters hat die Entwicklung der Vereinigten Staaten den ausnahmsweisen Vorteil gehabt, ein unermeßlich weit ausgedehntes Territorium mit unvergleichlich größerem natürlichem Reichtum als Deutschland zu besitzen. Großbritannien beträchtlich zurückdrängend, ist die nordamerikanische Republik mit Beginn dieses Jahrhunderts zur Hauptfestung der Weltbourgeoisie geworden. Alle Möglichkeiten, die der Kapitalismus enthielt, fanden in diesem Lande ihren höchsten Ausdruck. Die Bourgeoisie kann in keinem Teil unseres Planeten und in keiner Weise die Ergebnisse der kapitalistischen Entwicklung in der Dollarrepublik, die der vollkommene Spiegel der Entwicklung des Kapitalismus im 20. Jahrhundert geworden ist, überholen.
Aus denselben Gründen, die Marx veranlaßten, seine Darlegung auf englischen Statistiken zu basieren, haben wir in unserer bescheidenen prinzipiellen Einleitung zu den der ökonomischen und politischen Erfahrung der Vereinigten Staaten entlehnten Beweisen Zuflucht genommen. Unnütz zu ergänzen, daß es nicht schwer sein würde, Tatsachen und analoge Ziffern anzuführen aus dem Leben anderer kapitalistischer Länder, welche es auch seien. Aber das würde nichts Wesentliches hinzufügen. Die Schlußfolgerungen würden dieselben sein und nur die Beispiele weniger schlagend.
Die Volksfrontpolitik in Frankreich ist, wie das einer ihrer Finanziers ausdrückte, eine Ausgabe des New Deal „für Liliputaner“. Es ist vollkommen klar, daß es in einer theoretischen Analyse bequemer ist, zyklopische Größen zu handhaben als liliputanische. Selbst die Ungeheuerlichkeit des Experiments Roosevelts zeigt uns, daß nur ein Wunder die kapitalistische Weltordnung retten kann. So ergibt sich, daß die Entwicklung der kapitalistischen Produktion endigt mit der Produktion von Wundern. Darüber hinaus ist es klar, daß, wenn dieses Wunder der Wiederverjüngung des Kapitalismus sich vollziehen könnte, das nur in den Vereinigten Staaten möglich wäre. Aber die Verjüngung vollzieht sich nicht. Das, was für die Zyklopen unmöglich ist, ist noch viel weniger möglich für die Liliputaner. Die Begründung dieser einfachen Schlußfolgerung war Gegenstand unseres Ausfluges in die Nordamerikanische Wirtschaft.
Mutterländer und Kolonien
„Das industriell meist entwickelte Land“, schrieb Marx im Vorwort zur ersten Ausgabe seines Kapital, „zeigt den weniger entwickelten Ländern das Bild Ihrer eigenen Zukunft“. Dieser Gedanke darf unter keinen Umständen wörtlich genommen werden. Das Anwachsen der Produktivkräfte und die Vertiefung der sozialen Gegensätze sind unzweifelhaft das Schicksal aller Länder, die an den Weg der bürgerlichen Entwicklung gebunden sind. Die Ungleichheit in den „Rhythmen“ und Maßen, die sich in der Evolution der Menschheit zeigen, werden indessen nicht allein besonders scharf unter dem Kapitalismus, sondern haben zur Entstehung einer vollständigen gegenseitigen Abhängigkeit zwischen den Ländern verschiedener ökonomischer Typen geführt, die sich in Unterwerfung, Ausbeutung und Unterdrückung äußert. Nur eine Minderheit der Länder hat die systematische und logische Entwicklung vom Handwerkertum über die Manufaktur zur Fabrik, eine Entwicklung, die Marx einer sehr detaillierten Analyse unterzogen hat, ganz durchgemacht. Das kommerzielle, industrielle und finanzielle Kapital ist von außen in die zurückgebliebenen Länder eingedrungen, die primitiven Formen der Naturalwirtschaft zum Teil zerstörend und sie zum Teil dem Industrie- und Banksystem des Okzidents unterwerfend. Unter der Peitsche des Imperialismus haben sich die Kolonien und Halbkolonien genötigt gesehen, die Zwischenstadien zu vernachlässigen, sich völlig dem einen oder dem anderen Niveau künstlich anzuschließen. Die Entwicklung Indiens hat nicht die Entwicklung Englands reproduziert; es hat sie kombiniert. Um die Art der kombinierten Entwicklung der rückständigen und unterworfenen Länder wie Indien zu verstehen, ist es immer nötig, jenes klassische Schema vor Augen zu haben, das Marx aus der Entwicklung Englands gewonnen hat. Die Werttheorie leitet gleicherweise die Berechnungen der Londoner Spekulanten wie die Operationen der Geldwechsler in den zurückgezogensten Winkeln Bombays, mit dem beinahe einzigen Unterschied, daß sie in letzterem Falle viel einfachere und weniger verschlagene Formen annehmen.
Die Ungleichheit der Entwicklung hat den fortgeschrittenen Ländern enorme Vorteile geschaffen, welche, obgleich in verschiedenem Grade, sich weiterentwickelten auf Kosten der rückständigen Länder, diese ausbeutend, als Kolonie unterwerfend, oder zumindest ihren Aufstieg zur kapitalistischen Aristokratie verhindernd. Die Vermögen Spaniens, Hollands, Englands, Frankreichs sind nicht allein durch Plünderung ihres eigenen Kleinbürgertums, sondern auch durch die systematische Plünderung ihrer überseeischen Besitzungen entstanden. Die Ausbeutung der Klassen wurde vervollständigt und ihre Macht wuchs durch die Ausbeutung der Nationen. Die Bourgeoisie der Mutterländer ist imstande gewesen, ihrem eigenen Proletariat, vor allem dessen oberer Schicht, mittels eines Teils der aufgehäuften Überprofite aus den Kolonien eine privilegierte Position zu sichern. Ohne das würde die Beständigkeit der demokratischen Regimes unmöglich gewesen sein. In ihrer entwickeltsten Form ist und bleibt die Demokratie immer eine Regierungsform, welche nur den aristokratischen und ausbeutenden Nationen zugänglich Ist. Die antike Demokratie fußte auf Sklaverei, die imperialistische Demokratie fußt auf der Ausplünderung der Kolonien.
Die Vereinigten Staaten, die formell fast keine Kolonien haben, sind nichtsdestoweniger die privilegierteste aller Nationen der Geschichte. Die aus Europa gekommenen aktiven Einwanderer ergriffen, die eingeborene Bevölkerung vertilgend, sich des besten Teils Mexikos bemächtigend, den Löwenanteil des Weltreichtums erwuchernd, Besitz von einem außergewöhnlich reichem Kontinent. Die so akkumulierten Fettreserven wurden, selbst jetzt in der Epoche des Zerfalles, fortdauernd zum Fetten der Getriebe und Räder der Demokratie benutzt.
Die jüngste geschichtliche Erfahrung wie auch die theoretische Analyse bezeugen, daß das Niveau der Entwicklung der Demokratie und ihre Stabilität im umgekehrten Verhältnis zur Schärfe der Klassengegensätze stehen. In den weniger privilegierten Ländern (auf der einen Seite Rußland, auf der anderen Deutschland, Italien etc.), die außerstande waren, eine Arbeiteraristokratie hervorzubringen, wurde die Demokratie niemals breit entwickelt und unterlag mit relativer Leichtigkeit der Diktatur. Die fortdauernde progressive Paralyse des Kapitalismus bereitet den Demokratien der privilegiertesten und reichsten Nationen das gleiche Schicksal vor. Der einzige Unterschied liegt in den Fristen. Das unwiderstehliche Absinken der Lebensbedingungen der Arbeiter erlaubt der Bourgeoisie immer weniger, den Massen das Recht zur Teilnahme am politischen Leben, selbst im begrenzten Rahmen des kapitalistischen Parlamentarismus, zu gewähren. Alle anderen Erklärungen dieses augenscheinlichen Prozesses der Entthrohnung der Demokratie durch den Faschismus, sind nichts als eine idealistische Verfälschung der Wirklichkeit, Betrug oder Selbstbetrug.
Während der Imperialismus in den alten kapitalistischen Mutterländern die Demokratie zerstört, hemmt er in der selben Zeit die Entwicklung der Demokratie in den zurückgebliebenen Ländern. Die Tatsache, daß in der gegenwärtigen Epoche nicht eine der Kolonien oder Halbkolonien ihre demokratische Revolution durchführte, speziell in der Agrarfrage, ist zur Gänze Schuld des Imperialismus, der zur Hauptbremse des ökonomischen und politischen Fortschritts geworden ist. Die natürlichen Reichtümer der zurückgebliebenen Länder vollkommen ausplündernd, und die Freiheit ihrer selbständigen Industrie hemmend, gewähren die Trustmagnaten und ihre Regierungen den halbfeudalen Gruppen eine finanzielle, politische und militärische Stütze zur Aufrechterhltung der reaktionärsten, parasitärsten Ausbeutung der Eingeborenen. Die künstlich erhaltene Agrarbarbarei ist heute gleichzeitig die schlimmste Geißel der Weltwirtschaft. Der Kampf der Kolonialvölker um ihre Befreiung verwandelt sich, die Zwischenetappen überspringend, mit Notwendigkeit in einen Kampf gegen den Imperialismus und unterstützt dadurch den Kampf des Proletariats in den Mutterländern. Die kolonialen Aufstände und Kriege untergraben die Fundamente der kapitalistischen Welt und machen das Wunder ihrer Wiedergeburt weniger denn je möglich.
Die planifizierte Weltwirtschaft
Der Kapitalismus hat das doppelte historische Verdienst, die Technik auf ein hohes Niveau gebracht, und alle Teile der Welt durch das Band der Wirtschaft geeint zu haben. Auf diese Weise hat er die zur systematischen Nutzung aller Hilfsquellen unseres Planeten erforderlichen materiellen Bedingungen geschaffen. Jedoch ist der Kapitalismus nicht imstande, diese dringliche Aufgabe auszuführen. Die Basis seiner Expansion ist immer der Nationalstaat mit seinen Grenzen, Zöllen und Armeen. Indessen überschritten die Produktivkräfte längst die Grenzen des Nationalstaates, verwandeln auf diese Art das, was einst ein historisch fortschrittlicher Faktor war, in einen unerträglichen Zwang. Die imperialistischen Kriege sind nichts anderes als die Explosion der Produktivkräfte gegen die für sie zu eng gewordenen Grenzen des Staates. Das Programm der „Autarkie“ ist nichts als ein Zurückgehen zu einer selbstgenügsamen Wirtschaft innerhalb der eigenen Grenzen. Es zeigt einzig und allein an, daß man die nationale Basis für einen neuen Krieg vorbereitet.
Nach der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles glaubte man allgemein, daß der Erdball sehr gut aufgeteilt sei. Die neuesten Ereignisse haben uns aber wieder ins Gedächtnis gerufen, daß unser Planet noch immer Gebiete enthält, die noch nicht oder nicht genügend ausgeplündert wurden. Der Kampf um die Kolonien bleibt immer ein Teil der Politik des imperialistischen Kapitalismus. Dieser Kampf hört niemals auf, selbst wenn die Welt zur Gänze aufgeteilt ist, immer wieder verbleibt eine neue Wiederverteilung, konform mit den entstandenen Veränderungen im imperialistischen Kräfteverhältnis, auf der Tagesordnung. Das ist heute der wahre Grund der Aufrüstung, der diplomatischen Krisen und der Kriegsvorbereitung.
Alle Anstrengungen, den kommenden Krieg als einen Zusammenstoß zwischen den Ideen des Faschismus und der Demokratie darzustellen, gehören auf das Gebiet der Scharlatanerie oder der Dummheit. Die politischen Formen wechseln, die kapitalistischen Appetite bleiben. Wenn sich morgen ein faschistisches Regime beiderseits des Ärmelkanals etablieren würde – und man wird schwerlich wagen, diese Möglichkeit zu leugnen – so würden die Diktatoren von Paris und London ebenso außerstande sein, von ihrem Kolonialbesitz zu lassen, wie Hitler und Mussolini von ihren kolonialen Forderungen. Der wahnsinnige und hoffnungslose Kampf auf eine neue Wiederaufteilung der Welt bricht unwiderstehlich aus der tödlichen Krise des kapitalistischen Systems hervor.
Die Teilreformen und Flickschusterei führen zu nichts. Die historische Entwicklung ist an einer ihrer entscheidenden Etappen angelangt, wo einzig die direkte Intervention der Massen fähig ist, die reaktionären Hindernisse wegzufegen und die Grundlagen einer neuen Ordnung zu errichten. Die Vernichtung des Privatbesitzes an den Produktionsmitteln ist die erste Bedingung einer Ära der Planwirtschaft, das heißt der Intervention der Vernunft auf dem Gebiete der menschlichen Beziehungen, zuerst im nationalen Maßstab, und in der Folge im Weltmaßstab. Hat die soziale Revolution einmal begonnen, wird sie sich mit einer unendlich größeren Kraft, viel größer als die Kraft, mit der sich der Faschismus ausbreitete, von einem Land zum anderen ausbreiten. Durch das Beispiel und mit Hilfe der fortgeschrittenen Länder werden die zurückgebliebenen Länder ebenfalls in den großen Strom des Sozialismus einbezogen. Die völlig verfaulten Zollschranken werden fallen. Die Gegensätze, welche Europa und die ganze Welt teilen, werden ihre natürliche und friedliche Lösung im Rahmen der vereinigten sozialistischen Staaten finden, in Europa und in den anderen Teilen der Erde. Die befreite Menschheit wird ihrem höchsten Gipfel zustreben.
* Vorwort zu einer von Otto Rühle redigierten Kapital-Ausgabe.
Anmerkung
[1] Band 3 1908, 2. Aufl. 1928 – der Übersetzer.
Jetzt ist es das vereinte Deutschland, besser: das „nur Deutschland“, das in den Fokus des Leipziger Centraltheater tritt. Und da scheint es keine besseren Stücke zu geben als Schillers „Räuber“ und Bronnens „Vatermord“?
Historisch gebundene Stücke haben es nicht leicht, wenn sie stark adaptiert in die Gegenwart transportiert werden. Eine Gegenwart, die zu ihrer Vergangenheit nicht zu passen scheint. Vielleicht wäre es daher angebracht, kurz auf das Ursprüngliche beider Stücke zu verweisen:
Die Räuber: Nach Schiller soll der Konflikt der Brüder um das väterliche Erbe der Konflikt sein zwischen Gesetz und Freiheit. Der eine Bruder, Karl, vom Vater mehr geliebt als Franz, der jüngere Sohn des alten Moor, macht sich frei von Gebundenheit, also vom bestehenden Gesetz, und sucht die Freiheit in ein mehr romantisch daherkommendes Räuberleben.
Franz, der die Liebe des Vaters sucht, sie aber nicht erhält, flüchtet sich in die Intrige, in das Gesetz, entscheidet sich gegen Karl, Symbol der Freiheit.
Während in der Zeit Schillers dieses Stück Furore machte, ist es eher zweifelhaft, wenn ein solches Stück plötzlich in der Gegenwart spielen soll.
Laberenz jedoch scheint selbst nicht genau zu wissen, wohin dieses Stück am besten angesiedelt sein sollte. Da haben wir zum einen die historisierende Kleidung der Protagonisten, dann aber modernes Waffenwerk und so manch modernen Dialog – aktuell eingebaut Sarrazins nadelgestreifter Faschismus-Ersatz.
Und bei aller guter Idee, die Laberenz gehabt zu haben scheint, wird das Stück doch mehr gerettet durch die exzellente Schauspielkunst der Akteure. An erster Stelle ist unbedingt Holger Stockhaus zu nennen, der nicht nur ein außerordentliches Talent für das Komische hat, sondern in sich die Zerrissenheit eines Menschen zeigt, wie er zerrissener nicht sein kann.
Welche Rolle aber die beiden Frauen spielen sollen, ist nicht ganz eindeutig, es sei denn als lüsterne Objekte der männlichen Begierde.
Und wenn Ideen ausgehen, ein Stück noch interessanter zu machen, greift man schon zu Ideen, die langsam aber sicher ihre Wirkung verlieren: nackte Brüste, nackte Ärsche, Schwänze. Dann zerschmettertes Mobiliar, zerschmettertes Obst, in Kette gerauchte Zigaretten.
Zurück bleibt viel zu tun für die Bühnenarbeiter.
Das Stück wird nach seinem Ende bejubelt. Aber es gab auch ZuschauerInnen, die dieser Ekstase nicht folgen wollten. Da es sich aber nicht mehr geziemt, innerhalb der Laberenz-Fan-Gemeinde zu pfeifen, bleibt nur das eine: nicht klatschen.
Vatermord: In diesem Stück rechnete Bronnen, der junge Bronnen, der noch-nicht-Nazi-Bronnen, mit seiner Elterngeneration ab, die verantwortlich war für den damals schrecklichsten Krieg, der vom Zaun gebrochen wurde. Und kein geringerer als Franz Werfel prägte damals den Satz: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig“.
Während Schillers „Räuber“ schwerer in die Gegenwart zu adaptieren sind, ist Bronnens Thema ein geschichtsunabhängiges Thema, das solange existiert, wie es Menschen gibt, da spielt es keine Rolle, ob Vater oder Mutter, die einander das Leben des jeweils anderen unerträglich machen, wo „die“ Jugend gezwungen wird, die nicht gelebten Wünsche der Eltern zu verwirklichen, z.B. einen Beruf zu ergreifen, den gern der Vater ergriffen hätte, wäre ihm die Möglichkeit gegeben worden. Und jetzt muß es – in diesem konkreten Falle – der Sohn sein, der gegen seine eigenen Interessen sich „verwirklichen“ soll.
Robert Borgmann ist es recht gut gelungen, dieses Thema in die Gegenwärtigkeit zu bringen, obwohl es kurios ist, warum er gerade diesen Konflikt in die DDR versetzt: der Sohn zeigt dem Vater sein Gelerntes, eher auswendig Gelerntes, nämlich die Abfolge der SED-Parteitage. Oder gibt es diesen von Bronnen aufgeworfenen Konflikte nicht mehr in der ach so-demokratischen Bundesrepublik? Vielleicht weil mehr und mehr die Väter von heute nicht mehr vergleichbar sind mit den Vätern von gestern und vorgestern und vorvorgestern?
Gerade die Idee, das Stück zuerst vom Rang aus zu sehen, erst später die ZuschauerInnen extrem nahe an das Geschehen zu bringen, dann die exzellente Idee der verspießerten Häuslichkeit (ein nahezu perfektes Bühnenbild) hätten gereicht, das Stück, diese Art der Inszenierung, als außerordentlich interessant zu empfinden.
Aber: auch Borgmann kann es nicht lassen, zu extremen Bildern zu greifen. Da werden die Füße des Sohnes zusammengenäht, da wird, bis in die dritte Zuschauerreihe hinein, Reste einer Suppe gespritzt (zum Ärger mancher, die dann Flecken auf ihren Sachen hatten). Auch Theaterblut – ebenfalls exzessiv bei der „Räuber-Inszenierung“ – darf nicht fehlen.
Die Fan-Gemeinde scheint unter sich zu sein, weswegen auch dieses Stück mit viel Applaus bedacht wird, mehr Applaus als beim „Räuber“-Stück.
Vielleicht erleben wir bald wieder Theaterstücke, wo auf so viel Unrat verzichtet werden kann, der nur den Bühnenarbeitern eine Menge Arbeit beschert. Es gab eine Zeit, da war es geradezu revolutionär, Nacktheit pur zu zeigen, ja sogar angedeuteten Geschlechtsverkehr. Aber mittlerweile ist diese Art „dramatischer“ Verstärkung dessen, was ausgedrückt werden soll, so ausgelutscht, daß man nicht mal mehr schockiert sein kann. Das ist wie die Brechtsche Verfremdung, nur umgekehrt: das einst Radikale ist jetzt normal geworden, ja, schon fast bieder. Da bleibt nur ein müdes Lächeln.
Wer beide Stücke sehen möchte, muß ein Höchstmaß an Konzentration mitbringen, um wenigstens eine gewisse Freude diesem Abend abgewinnen zu können.
In letzter Instanz sind es die Regisseure, die für ihre Inszenierung verantwortlich sind. Aber noch mehr sind es die SchauspielerInnen, die manch seltsam inszeniertes Stück vor der Blamage retten.
Allen SchauspielerInnen, wenn auch hier gewisse Unterschiede in der Qualität vorhanden waren, sei es gedankt, mehr noch dem Centraltheater gegönnt, solch ausgezeichnetes Potential im Haus zu haben.
Kurt W. Fleming
Leipzig, 19. September 2010
Die Räuber, 23.9., 19.30 Uhr
Vatermord, 26.9., 19.30 Uhr

