Von Bettina Kremberg

Heideggers Sprachdenken auf dem Prüfstand jüngster Forschungsergebnisse

Es ist kein Geheimnis, daß Martin Heideggers Sprachdenken eine Affinität zur Dichtung offenbart. „Dichten und Denken“, so schreibt er in seinem Buch Das Wesen der Sprache, hält nur eine „zarte, aber helle Differenz“ auseinander. In Was heißt Denken? behauptet er, daß das dichtend Gesagte und das denkend Gesagte niemals das Gleiche, zuweilen wohl aber das Selbe sind. Dichter und Denker, so schreibt er auch in Was ist Metaphysik? „wohnen nahe, auf getrenntesten Bergen“; das vereint und trennt sie zugleich, denn „die Dichter stiften Wahrheit“ und „nennen das Heilige“, die Denker aber ‚sagen das Sein’ und haben „die Sprache als das Haus des Seins“ zu „hüten“.

Der von David Espinet herausgegebene Band mit dem kryptischen Titel Schreiben Dichten Denken innerhalb der Reihe „Heideggerforum“ beschäftigt sich mit den Koordinaten der Sprache: Poesie und Prosa, Oralität und Literalität, Dichten und Denken, Sagen und Zeigen… Er geht auf ein internationales Kolloquium von Nachwuchsforschern zurück, das im Herbst 2009 am Deutschen Literaturarchiv Marbach im Rahmen der Tagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft stattgefunden hat. Die Beitragenden, die aus den USA, Italien, Frankreich, Österreich, Rußland, Polen und Deutschland kommen, stellen darin ihre jüngsten Forschungsergebnisse zu Heideggers Sprachdenken vor.

Das Buch ist in vier Hauptthemengebiete untergliedert: 1. Heideggers Begriff der Literatur und die Unterscheidung von Dichtung und anderen Formen des Literarischen; 2. Heideggers Fokus auf verschiedene Dichter, die Einfluß auf sein Denken ausgeübt haben; 3. der Relevanz von Heideggers Sprachdenken für literaturtheoretische Fragestellungen und 4. Heideggers Sprachdenken überhaupt. Die Beiträge sind vorwiegend auf Deutsch verfaßt, denen je englische Abstracts vorangeschickt sind. Die inhaltliche Rubrizierung, die zuweilen willkürlich wirkt, wird durch die thematische Aneinanderfolge der Beiträge jedoch wieder in eine fließende Einheitlichkeit zurückgebunden, so daß mit diesem Band tatsächlich eine dichte Versammlung wesentlicher Aspekte des Heideggerschen Sprachdenkens vorgelegt wurde.

Auffallend an dem Buch ist, daß sehr unterschiedlich mit der Thematik umgegangen wird. Sind einige Beiträge sehr eng an die Sprache Heideggers angelehnt (z.B. von Diana Aurenque), so wahren andere (z.B. der Beitrag von Christian Sommer) größere Distanz sowohl zum sprachlichen als auch zum inhaltlichen Duktus des Referenzautors. Einige Autoren versuchen, eine affirmative Vermittlerposition, z.B. zwischen Literarischem und Philosophischem herzustellen (z.B. Arkadiusz Żychliński), andere wiederum (z.B. Stefano Marino unter Einbeziehung von Theoremen Richard Rortys) heben die positiven und negativen Aspekte stärker hervor, um nicht vorschnell Differenzierungen zu verwischen und preiszugeben.

Daß Heidegger immer wieder auch anschlußfähig an eine postmoderne Tradition gemacht werden kann, zeigen zwei Beiträge, in denen Heidegger entweder in Bezug gesetzt wird zur strukturalistischen Position der Literaturtheorie eines Roland Barthes (Carolyn Culbertson) oder kritisch in Kontrast gebracht wird zum Derridaschen Dekonstruktivismus (Tobias Keiling). In die zeitlich entgegengesetzte Richtung zielen dagegen die Beiträge, die sich mit Heideggers Platonauslegung mit Fokus auf das Verhältnis von Wahrheit und Eros (Manuel Schölles) und mit Heideggers Aristotelesinterpretation im Rahmen einer eingehenden Untersuchung des Entsprechungsverhältnisses von „theoria“ und „Besinnung“ befassen (Megan Altman).

Einen wesentlichen Teil des Bandes nehmen diejenigen Beiträge ein, die sich speziell mit Heideggers Beschäftigung mit verschiedenen Dichtern auseinandersetzen. Ein Beitrag gibt einen (werk)biographischen Einblick in die Freundschaft zwischen Heidegger und René Char (Jean-Baptiste Dussert); andere versuchen, die thematischen Kernfragen herauszupräparieren, die Heidegger an den Dichtern interessiert haben könnten: Heimat, Entwurzelung und Verwüstung bei Peter Hebel (Sandro Gorgone), die Vernichtung des Menschen durch sich selber bei Ernst Jünger (Marcello Barison), die Paradoxie der Sinnverdunkelung durch Sprache bei Paul Celan (Adrián Navigante).

En passen wird dabei in einem weiteren Beitrag herausgestellt, daß die Rede vom „Haus des Seins“ in ihrer Motivik keineswegs eine Erfindung von Heidegger gewesen sei, sondern auf die antike Dichtung eines Pindar und Horaz zurückgeht (Patrick Baur). In einem weiteren Beitrag wird vorgeführt, wie der Schillersche Begriff des „ästhetischen Zustandes“ mit dem des „‚Gestimmtseins“ bei Heidegger zusammengedacht werden kann und dabei eine rezeptionsästhetische Perspektive eröffnet, die zwar in Heideggers Kunstphilosophie bereits angelegt ist, aber zugleich auch über diese hinausweist (Nikola Mirković). Demgegenüber wird versucht nachzuweisen, daß eine Verknüpfung von Hannah Arendts und Martin Heideggers Ansätzen im Bereich des Narrativen sich ein Begriff von Geschichte entwickeln läßt, der als ein schöpferisches, nämlich zugleich politisches und ästhetisches In-der-Welt-sein neu verstanden werden kann (Dario Cecchi).

Während die meisten Beiträge tatsächlich neue Sichtweisen auf Heidegger eröffnen – besonders ist dabei der Beitrag von Manuel Schölles über Wahrheit und Eros in Heideggers Ereignis-Denken hervorzuheben –, übt sich ein Beitrag zum Thema „Sein und Sage“ im Parlieren über Gemeinplätze zur sogenannten Kehre bei Heidegger (Sandy Bernert). Doch dieser kann als gute Zusammenfassung über dieses Thema gelten und insofern kann diese Ausnahme vernachlässigt werden.

Der Herausgeber, David Espinet, der zum Sammelband ein kurzes Vorwort beisteuert, trifft es wohl ganz gut, wenn er schreibt, daß Heideggers Nachvollzug seines Nachdenkens über Lesen und Schreiben, Reden und Schweigen gerade darauf aufmerksam macht, daß nicht nur die Lautlichkeit des flüchtigen Wortes, sondern auch der Schriftzug anders zu erfahren ist als lediglich im Sinne einer bloßen Materialisierung oder Fixierung des flüchtigen Wortes. Ob jedoch, wie Espinet weiter behauptet, die Dichtung einen grundsätzlichen Schriftcharakter besitzt und nicht verlieren darf, weil sie sonst selbst verschwindet, darüber darf und muß – mit oder ohne Heidegger – gestritten werden, denn dies ist alles andere als ein Faktum.

Günter Figal, Schreiben Dichten Denken. Zu Heideggers Sprachbegriff, Frankfurt am Main, Vittorio Klostermann, 2011, 270 Seiten, ISBN: 978-3-465-04106-1

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